Betis Sevilla – SGE 1:2 (1:2)

Beim aktuellen Tabellenfünften von LaLiga gewann die Eintracht verdient. Wie kam der Sieg zustande? Ein analytischer Blick auf das Spiel.

Die Aufstellung

Betis: Bravo – Sabaly, Pezzela, Gonzalez, Ruibal (77. Tello) – Rodriguez, Carvalho (61. Miranda) – Canales, Fekir, Juanmi (61. Joaquin) – José (77. Iglesias)

Oben: Die Aufstellung mit Toren, Vorlagen und algorithmisch generierten Noten.

Die Realaufstellung der SGE, also die Orte, wo die jeweiligen Spieler sich im Durchschnitt aufgehalten haben.

Die Noten in Klammern oben sind Übersetzungen der Bewertungen der Seite sofascore.com. Sie werden automatisch generiert anhand der individuellen Spieldaten jedes einzelnen Spielers. Nur bei der Torwartposition muss die Note etwas angepasst werden, da die algorithmischen Bewertungen systematisch negativer ausfallen als die der Feldspieler. Auch die Informationen zur Realaufstellung sind Zitate nach sofascore.com.

Die Statistik

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die erste Halbzeit

Im Interview nach dem Spiel verwies Trainer Glasner darauf, dass Betis die SGE in der Anfangsphase damit etwas überrascht habe, dass sie es häufig mit langen Bällen versuchten, was die Mannschaft normalerweise selten mache. Stimmt:

Hier eine Szene aus der 2. Minute. Diesem Abschluss von Canales geht ein langer Flugball von Torwart Bravo voraus, den Canales hier direkt abnimmt, nachdem der Ball einmal aufgesprungen war. Trapp hält.

Betis bleibt bei diesem Stilmittel auch im weiteren Verlauf des Spiels und setzt es gelegentlich ein.

Sehr auffällig war in der Anfangsphase, dass Glasner nicht nur aufstellungsseitig, sondern auch von der Ausrichtung her bei dem sehr offensiven Pressing blieb. Auch sonst schaltete die Eintracht nicht, wie noch gegen die Bayern, auf eine dauerhafte 5er-Kette um, sondern blieb bei dem sehr hohen, frühen Pressing mit vielen Spielern, auch in der vordersten Reihe, also gegen die Aufbauspieler der Spanier.

Hier ein sehr schönes, typisches Beispiel. Die SGE organisiert das Pressing in zwei Zonen, lässt dazwischen den zentralen Spieler frei stehen, allerdings mit Zugriff der 6er (hier Sow). Kommt der Pass in die Zentrale, wird der Gegner sofort attackiert. Hier auch gut zu sehen, wie weit beide Sechser nachrücken. Kostic und Knauff stehen beide deutlich tiefer als Sow und Jakic. Das ist auch richtig so. Auf diese Weise haben beide Schienenspieler Zugriff nach vorne, können aber, wenn nötig auch relativ schnell die Dreierkette hinten ergänzen. Ganz vorne attackiert Borré den Ballbesitzer.

Dieses sehr effektive Pressing der SGE schmeckte den Spaniern überhaupt nicht und war wohl der wichtigste Schlüssel zum Erfolg. Die SGE gewinnt dabei immer wieder die Bälle und spielt dann schnell zum Abschluss. So etwa in der 5. Minute (eintracht.tv ab 9:50). Hier Ballgewinn Sow/ Kostic – Flugball auf Lindström, Abschluss.

In der ersten Viertelstunde werden große Unterschiede in der Spielanlage der beiden Teams deutlich. Das auf klar vorbereitete Aktionen ausgelegte Spiel der Spanier kommt der SGE entgegen. Die größte defensive Schwachstelle der Eintracht, die offensiv besetzten Schienen, die beim Angriffspressing hoch und spekulativ stehen, konnten so fast nie überspielt werden und schafften es fast immer, rechtzeitig die 3er-Kette zu einer 5er-Kette zu ergänzen. Wohlgemerkt: fast.

In der 14. Minute erzielt Kostic das 0:1 für die SGE. Ausgangspunkt für das Tor ist ein gewonnener Zweikampf von Borré tief in der eigenen Hälfte.

Hier die entscheidende Szene. Borré doppelt Jakic, gewinnt den Zweikampf und Sow kann sich den freien Ball abholen.

Sow leitet mit einem Tempodribbling sofort den Angriff ein, über Borré und Lindström landet er dann rechts bei Knauff. Knauff leitet dann mit einem Pass auf Sow den Seitenwechsel ein.

Gut zu sehen: Betis ist noch nicht sortiert, obwohl eigentlich genug Zeit war. Die Viererkette der Spanier ist noch nicht hergestellt, Sabaly steht zu weit innen, Gonzalez hinten zu tief gegen Borré. Insgesamt, man sieht es hier, ist der Betis-Defensivblock komplett in die linke Spielfeldhälfte gerückt. Dennoch hätte Sow hier auch noch Lindström ganz rechts, Kamada zentral oder Knauff nach hinten anspielen können, entscheidet sich dann aber richtig für den völlig freien Kostic.

Der hebt den Ball dann über Betis-TW Bravo ins Tor. Ein Kunstschuss sicher, aber mit so etwas muss man bei Kostic immer rechnen und auch eine Flanke hätte in dieser Situation leicht sehr gefährlich werden können für Betis.

Insgesamt zeigt der Angriff mehrere typische Elemente des Eintracht-Spiels unter Glasner: Große mannschaftstaktische Geschlossenheit (Stürmer Borré gewinnt den Zweikampf tief in der eigenen Hälfte), schnelle Angriffseinleitung (über Sow), schnelle Herstellung von Überzahl-Situationen auf den Seiten, variables Spiel in der vorderen Reihe (viele Anschlussmöglichkeiten für Sow). Dazu kommt die technisch-spielerische Stärke der Einzelspieler, hier das gute Erkennen von Knauff/Sow, dass der Seitenwechsel die beste Option in der Szene ist.

Gefährlich wird es für die SGE fast immer, wenn sich Betis durch das (Gegen-)Pressing spielen kann, während die SGE-Außen offensiv stehen.

Das war schon in einigen Situationen zuvor sichtbar und exakt aus so einer Situation entsteht dann das 1:1 in der 30. Minute.

Ausgangspunkt ist ein langer Ball von Trapp Richtung Borré, den Betis abwehren kann. Eigentlich funktioniert die Zweite-Ball-Attacke der SGE, doch Knauff gerät bei der Ballannahme im Mittelfeld etwas ins Straucheln und gibt den Ball daher ab. Und so:

Hier gut zu sehen: Knauff und Kostic sind weit aufgerückt, können die Kette nicht mehr ergänzen, die SGE steht in der hinteren Reihe 3 gg. 4. Betis muss das schnell ausspielen und das machen sie sehr stark. Der Ball geht sofort auf Fekir.

Fekir geht dann ins 1 gg 1 gegen Ndicka, zieht mit einer schnellen Bewegung und seinem starkem Antritt auf die Innenbahn, bekommt so seinen starken linken Fuß freigelaufen und muss gegen Trapp nur noch einschießen. Ndicka hätte hier klarer die Innenbahn schließen müssen, indem er einen Schritte weiter vorne steht.

Bei dieser Notaktion unterläuft Hinteregger dann noch ein Stellungsfehler (eintracht.tv ab 34:49), weil er Ndicka nicht nach innen sichert, sondern sich Richtung eines einlaufenden Gegners orientiert, aber das kann in solchen unübersichtlichen Situationen immer passieren.

Überhaupt ist das eine etwas unglückliche Situation. Mit der sehr offensiven, aggressiven Herangehensweise nimmt Glasner das Risiko solcher Situationen natürlich in Kauf. Das ist eine bewusste Entscheidung und angesichts der Offensivstärke des Kaders auch aus analytischer Sicht im Grunde vollkommen richtig.

Auch in diesem Spiel wieder sehr auffällig: Die SGE ist auch diesem Gegner technisch keineswegs unterlegen, was durchaus bemerkenswert ist, da Betis eine der stärksten Teams in der spanischen Liga ist. Der einzige Spieler auf SGE-Seite, der in der ersten Halbzeit eine (zu) hohe Fehlerquote bei eigenem Ballbesitz hat und (zu) viele Situationen nicht richtig löst (meist überhastet), ist, wie schon in den Spielen zuvor, Jakic.

Hier ein Beispiel aus der aus der 29. Minute. Nach einem Seitenwechsel spielt Kostic den Ball auf die Halbposition auf Jakic und man sieht hier, dass das eine Drucksituation ist, Kostic und Jakic müssen 2 gg. 2 spielen. Jakic hat drei Optionen: Doppelpass mit Kostic, Rückpass auf Sow, Aufdrehen und Spielfortsetzung über Kamada.

Stattdessen hält er den Ball, wartet zu lange (bis Kostic von Sabaly zugelaufen ist) und versucht dann (etwas unmotiviert) den Ball zu Kostic zu bringen. Rodriguez geht dazwischen und blockt den Pass. Das gibt dann Einwurf für Frankfurt, aber es ist eine von vielen kleinen Situationen, in denen Jakic falsche Anschluss-Entscheidungen trifft. Kollege Sow ist da viel stärker und sicherer. Bei Jakic wird es darauf ankommen, dass er sich in diesen Situationen (hoher Gegnerdruck, wenig Entscheidungszeit) entwickelt und eine höherere Quote richtiger Entscheidungen erreicht, wenn er den nächsten Entwicklungsschritt gehen will.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Jakic hat durchaus kein schlechtes Spiel gemacht, viele Bälle gewonnen, sehr fleißig und konzentriert verschoben, hatte auch einige sehr gute Anschlussaktionen. Wie gesagt, allein die Positivquote in den ganz engen Situationen ist im Vergleich zu den Mitspielern zu niedrig.

Noch ein kurzer Blick auf das 1:2 der SGE in der 32. Minute. In den Highlights (oben) kann man gut sehen, dass dem Tor ein krasser Fehlpass von Gonzalez auf Sow vorausgeht, es folgt eine überragende Einzelleistung von Lindström und ein Abstaubertor von Kamada. Das Tor ist analytisch nicht sehr relevant, auf die großen Qualitäten von Lindström wurde hier schon hingewiesen als andere ihn noch für nicht bundesligatauglich hielten. Inzwischen und insbesondere bei solchen Aktionen auf der internationalen Bühne dürfte sich inzwischen eher die Frage stellen, wie lange die SGE den Spieler halten kann. So kann´s gehen – aber die betreffenden Kollegen sind vermutlich momentan auch sowieso noch damit beschäftigt, zu verstehen, wie die Mannschaft so gut spielen kann, ganz ohne ihren Lieblingsspieler Hasebe, ohne den doch die Mannschaft angeblich nur die Hälfte wert ist.

Die zweite Halbzeit

In der 51. Minute gibt es Elfmeter für die SGE und die Situation, die dazu führt, ist interessant, da sie die wichtigsten Elemente des Spiels repräsentiert: SGE-Schwachstelle „überspieltes Pressing“, etwas unsauber gespielte Betis-Angriffe, starke SGE-Konter (nicht zu haltender Lindström). Vorausgegangen ist nämlich ein Angriff der Spanier, bei dem sie einmal das SGE-Pressing überspielen konnten – mit den oben genannten Folgen:

Hier wieder gut zu sehen: Weil Kostic und Knauff und hier zusätzlich noch Tuta zum Pressing aufgerückt sind, das Pressing aber überspielt wird, steht die SGE jetzt 2 gg. 3 – Unterzahl in der letzten Reihe. Der Pass von Fekir ist dann auch gut.

Trapp muss weit aus dem Tor laufen und den Ball außerhalb des 16ers nach vorne klären. Dieser Trapp-Pass landet dann bei Lindström, aus dessen Zweikampf mit Ruibal, bei dem diesem der Ball an den Arm springt, entspringt dann der Elfmeter. Den Borré bekanntlich ziemlich schwach verschießt.

Das alles zeigt sich auch in der zweiten Halbzeit, die SGE braucht in einigen Szenen etwas Glück und zum Teil überragende Notaktionen wie das extrem gut getimte Tackling von Ndicka in der 54. Minute, mit dem er den Ball vor dem einschussbereiten Canales zur Ecke lenkt. (eintracht.tv ab 11:24).

Die SGE produziert allerdings – meist über Konter – eine Reihe guter bis sehr guter Abschlussmöglichkeiten. Einige Beispiele:

  • 55. Minute: Konter über Lindström und Kamada – Abschluss Kostic von links (eintracht.tv ab 12:12)
  • 64. Minute: Borré-Abschluss nach Tuta-Ballgewinn in der gegnerischen Hälfte im Gegenpressing
  • 67. Minute: Borré-Abschluss nach durch SGE-Pressing erzwungenem Rück-Fehlpass von Gonzalez (der mit dem von der SGE erzeugten hohen Dauer-Pressingdruck oft überfordert war) und Hackenablage Kamada

In dieser Phase von der 50. bis zur 70. Minute hätte die SGE das Duell schon vor dem Rückspiel gut und gerne für sich entscheiden können. Aber auch danach blieb die Eintracht immer gefährlich.

Auffällig auch: Die Kettenfehlerproblematik scheint inzwischen wirklich bearbeitet worden zu sein. Wenn die Kette hinten ergänzt wird, funktioniert sie meist. Auch hier zeigt sich inzwischen eine gewisser Variabilität, sogar Kamada fand sich in der Kette wieder:

Hier eine Szene aus der 76. Minute: Die Kette wird hinten von Kamada zur Viererkette ergänzt, Jakic und Hauge organisieren sofort den Gegnerdruck, auch die Abstände der Mannschaftsteile ist perfekt.

Kurz darauf wechselt Glasner Kamada allerdings aus und bringt mit Lenz einen defensiv stärkeren Außenverteidiger.

In der Schlussphase konzentrierte sich die SGE dann auf die defensive Absicherung, spielte etwas konsequenter 4er- bzw. 5er – Kette in der letzten Reihe.

Hier die Organisation der letzten Reihe in der Schlussphase. Der herausgerückte Ndicka (dessen Deckungsschatten den Halbraum schließt), wird von einer Viererkette gesichert, Kostic organisiert den Gegnerdruck, kein Durchkommen für Betis.

Auch in der Nachspielzeit hat die SGE nach Kontern und Abschlüssen von Lammers und Kostic die besseren Abschlüsse.

Fazit

Auch Betis war nie in der Lage, die SGE-Offensive mit Kostic, Lindström, Kamada, Borré und Knauff wirksam in den Griff zu bekommen. Wie hier schon in den letzten Wochen gezeigt ist diese Offensivabteilung auch auf sehr hohem Niveau kaum zu halten. Dazu kommt das immer besser eingespielte Pressing, das unter Glasner inzwischen deutlich intensiver, aggressiver und besser abgestimmt durchgeführt wird als noch unter Hütter. Diese Spielanlage schlug sich auch in der Statistik nieder: Trotz 65% Ballbesitz pro Betis spielte sich 30% des Spiels im Defensivdrittel von Sevilla ab, nur 26% in dem hinteren Eintracht-Drittel. Zudem macht die Mannschaft langsam aber sicher auch Fortschritte in der letzten Reihe.

Letzteres sind ziemlich sicher hauptsächlich trainingsseitige Verbesserung, aber auch die Tatsache, dass Glasner zuletzt auf echte Innenverteidiger gesetzt hat und nicht mehr mit Hasebe einen Mittelfeldspieler in der hinteren Reihe aufbietet, der immer ein Sicherheitsrisiko war, (warum wurde hier in den vorangegangenen Analysen episch dargestellt), sowie die Tatsache, dass die drei hinten sich in den letzten Wochen etwas einspielen konnten, trägt sichtlich dazu bei, dass die Mannschaft in der letzten Reihe Sicherheit gewonnen hat.

In der Offensive haperte es ohnehin zumeist nur an Kleinigkeiten in der Abstimmung, mit Knauff wurde der spielerisch-technische rechts-links-Gap geschlossen, das nun noch höhere Pressing birgt zwar auch noch größere Risiken, durch die bessere Abstimmung hinten werden diese aber gleichzeitig auch etwas reduziert und sowohl Hertha als auch Betis fanden selten ein Mittel dagegen.

Es gibt aus analytischer Sicht nach wie vor Hoffnung, dass sich die SGE rechtzeitig vor dem Saisonfinale soweit gefunden und das vom Trainer geforderte Spiel so verinnerlicht hat, dass sie aus eigener Kraft die wichtigen anstehenden Spiele so erfolgreich bestreiten kann, wie es der qualitativ hochwertige Kader eigentlich nahelegt.

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1 Kommentar

  1. Bohai sagt:

    Danke für die Analyse! Macht das zuschauen für mich interessanter.

    Ich frag mich ja, ob Borre beim Elfer den Torwart in die andere Ecke locken wollte. Sein Standbein zeigte beim Schuß nach rechts (?), dies in der Kombination mit dem langsamen Anlauf. Machen das Profis so? Könnte auch einfach schlechte Schußtechnik sein.

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