SGE – Betis Sevilla

Ähnlich wie im Hinspiel entwickelte sich ein ziemlich dynamisches Spiel mit zwei Teams, die beide sehr offensiv denken. Trotzdem kam es nicht zu allzu vielen Torsituationen. Ein analytischer Blick auf die wichtigsten Szenen.

Die Aufstellung

Betis: Rui Silva – Miranda (46. Juanmi), Bartra, Pezzella, Sabaly – Canales (67. Carvalho), Rodriguez – Ruibal, Fekir (111. Sánchez), Joaquin (67. Lainez) – José (79. Iglesias)

Oben: Die Aufstellung mit Toren, Vorlagen und algorithmisch (aus statistischen Spieldaten) generierten Noten.

Die Realaufstellung der SGE, also die Orte, wo die jeweiligen Spieler sich im Durchschnitt aufgehalten haben.

Die Noten in Klammern oben sind Übersetzungen der Bewertungen der Seite sofascore.com. Sie werden automatisch generiert anhand der individuellen Spieldaten jedes einzelnen Spielers. Nur bei der Torwartposition muss die Note etwas angepasst werden, da die algorithmischen Bewertungen systematisch negativer ausfallen als die der Feldspieler. Auch die Informationen zur Realaufstellung sind Zitate nach sofascore.com.

Die Statistik

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die erste Halbzeit

Die Analyse konzentriert sich in diesem Spiel auf die Anfangsphase, die starke SGE-Phase gegen Ende der ersten Hälfte, die Phase vor dem Gegentor und die Tore und Großchancen.

Kurz zur Anfangsphase und den Spielanlagen.

Zunächst einmal reproduzierten beide Teams anlagenseitig das Spiel in Sevilla, die SGE setzte wie üblich auf ihr Pressing, wenn auch etwas tiefer und später angepresst wurde als sonst.

Hier gut zu sehen, der sehr breite Aufbau von Betis, beide Außenverteidiger stehen nicht hoch, sondern in direkter Flachpassnähe zu den Innenverteidigern – typisch für ein Team, das Positionsspiel versucht, also die Angriffe über eigenen Ballbesitz und Passstafetten und Flugbälle. Ebenfalls gut ersichtlich, dass die SGE hier noch nicht die Aufbauspieler der Spanier attackiert, was sie in vielen Spielen sonst macht.

Glasner und die Mannschaft haben ihr Pressingverhalten also durchaus etwas dem Spielstand und der Tatsache, dass ein Unentschieden gereicht hätte, angepasst.

Das Offensivspiel der Spanier geht dann zumeist über wenige Stationen Richtung offensive Außen, wo dann entweder direkt der Durchbruch (gewonnene 1 gg. 1 bzw. Flanken/ Hereingaben) gesucht wird, oder mit einem Seitenwechsel die Räume auf der anderen Seite bespielt werden. Das spielen sie praktisch wie im Schlaf, das ist sehr stark automatisiert und entspricht auch den personellen Stärken des Kaders. Mit diesem auf Breite ausgelegten Spiel haben Teams, die wie die SGE mit einer zentral orientierten 3-2-Verteidigung naturgemäß oft Probleme.

Die Entstehung der größten Chance des gesamten Spiels, nämlich des Lattentreffer von Knauff in der 14. Minute zeigt die weiteren wichtigen Charakteristika des Spiels.

Hier der dem SGE-Konter vorausgehende Aufbauversuch von Betis. Oben sieht man, dass die Spanier hier in der vorderen Linie extrem breit stehen, also hier schon auf den Seitenwechselanschluss spekulieren.

Durch das breite Stellen des Offensivspiels bleiben in der jeweiligen Aktion oft nur 2 bis 3 Spieler, um die Aktion durchzuführen. Hier:

Im abgedunkelten Bereich steht Sevilla 2 gg. 4, Sabaly kommt von hinten, aber selbst wenn er sich noch in den Angriff einschalten kann, steht die SGE immer noch in Überzahl.

Das ist die Idee der SGE gegen das breite Spiel der Gäste: Man versucht, auf den Seiten möglichst immer Überzahl zu haben und in diesen Überzahlräumen sehr früh und aggressiv zu attackieren. In dem Beispiel oben ist Hinteregger im Zweikampf gegen José sehr weit außen, um die Überzahl herstellen zu können und gewinnt den Zweikampf auch. Hier geht das SGE-Konzept auf, wichtig dabei ist aber auch das Einrücken von Knauff in die Kette auf der rechten Seite, da sonst die Betis-Spieler auf der anderen Seite zum Tor hin freistünden.

Nach dem Ballgewinn von Hinteregger greifen nun die SGE-Automatismen, die Mannschaft startet sofort einen Schnellangriff.

Hier die Kombination mit der die SGE den Angriff einleitet. Nach dem Ballgewinn von Hinteregger gehen, man sieht es hier, Sabaly, Fekir und Rodriguez sofort ins Gegenpressing, aber die Kombinationsstärke „aus engen Räumen“, wie es in der Fachsprache heißt, ist ein Schwerpunkt seit Glasners Antritt und funktioniert inzwischen in vielen Situationen sehr gut. Kostic und Kamada spielen hier auf engstem Raum einen Doppelpass und Kostic rennt dann einfach mit Ball am Fuß durch die beiden etwas schlecht gestaffelten Fekir und Rodriguez. Damit sind – inklusive der auf der anderen Seite auf den Seitenwechsel wartenden – sechs Betis-Spieler überspielt.

Dieses technisch saubere, schnelle Lösen aus engen Räumen ist, wie hier auch in anderen Spielen schon gezeigt, neben dem Pressing die stärkste Waffe der SGE. Hier einmal der gesamte Angriff in der Übersicht:

8 Pässe ohne Gegnerkontakt.

Das war nicht nur die größte Chance des Spiels, sondern auch der beste Angriff. Den ganzen Angriff kann man sich hier ab 20:04 noch einmal ansehen.

Damit ist Sow in der Situation diesen Uwe-Bein-Gedächtnispass auf Knauff spielen zu können. Sows Pass ist perfekt, Knauffs Laufweg ebenfalls, Betis-Torwart Rui Silva kommt Knauff entgegen, Knauffs Abschluss wird dann von Rui Silva noch an die Latte abgefälscht.

Hier also in einer Szene die wichtigsten taktischen Maßnahmen der SGE gegen Betis: Auf den immerzu angesteuerten offensiven Außenseiten Herstellung von Überzahl plus das übliche Mittelfeld- und Angriffspressing, schnelles Umschalten mit schnellen Passkombinationen und Tiefenpässen.

Das ist nicht der einzige dieser Angriffe in der ersten Halbzeit. Wie überhaupt die SGE das gefährlichere Team ist. 7:3 Schüsse und 3:0 Torschüsse legen das auch statistisch nahe. Ab der 20. Minute ist die Eintracht teilweise minutenlang in Ballbesitz und erarbeitet sich mehr Spielanteile als die Gäste.

Weitere Beispiel für schnelles Kombinationsspiel finden sich in der 19. Minute (Abschluss Sow, ab 25:26),

Betis wird exakt immer dann gefährlich, wenn das vorrückende SGE-Pressing überspielt werden kann, etwa in der 28. Minute (Abschluss Sow, hier ab 34:29) oder 39. Minute (Abschluss Knauff, hier ab 45:30).

Das war eine extrem starke erste Hälfte der SGE. Wenn man bedenkt, dass die Mannschaft in Sevilla einen Elfmeter verschossen hat und Knauff hier im Grunde einen weiteren hatte, war Betis nach drei Halbzeiten mit dem 1:2 Rückstand bestens bedient.

Neben den taktischen Analysen muss hier aber auch gesagt werden, dass gegen solche Gegner solche Mannschaftsleistungen nur möglich sind mit extremer Einzelspielerqualität, und über diese verfügt der aktuelle Eintracht-Kader. So war es in der ersten Halbzeit Knauff, mit dem Miranda, immerhin mit seinen 22 Jahren bereits einmaliger spanischer Nationalspieler, völlig überfordert war. Auf der anderen Seite sah es im Duell Kostic gegen Sabaly ähnlich aus, auch wenn Sabaly, oft unterstützt von Rodriguez, sich etwas besser schlug. Aber auch im Defensivverbund gewannen Sow und vor allem Hinteregger fast alle entscheidenden Duelle. Sow war in vielen Hinsichten deutlich stärker als beide Sechser der Spanier Canales (10 Länderspiele für Spanien) und Rodriguez (21 Länderspiele für Argentinien) – und das in allen dreien bis dahin gespielten Halbzeiten.

Die zweite Halbzeit

Die zweite Halbzeit ist sehr zerfahren, besonders bei der Eintracht erhöht sich deutlich die Fehlerquote. So sinkt die Passquote der SGE von 74% auf 67%, während die Passquote bei Betis von 80% auf 78% sinkt.

Trotzdem konnte die SGE fast über die gesamte Spielzeit die Spanier zumindest von ganz großen Abschlusschancen abhalten.

Ein Grund dafür war die enorme Zweikampfstärke der drei Verteidiger, ganz besonders Hinteregger, der Kettenfehler (oft eigene Stellungsfehler) mit starkem Zweikampfverhalten ausbügelte, ein gutes Beispiel ist die Situation in der 55. Minute – im Grunde eine der gefährlichsten Aktionen der Gäste im Spiel.

Hier gut zu sehen der Stellungsfehler von Hinteregger, der hier eigentlich genug Zeit hatte, den viel zu großen Abstand zu Ndicka zu verkleinern, zumal Knauff, Tuta und Lindström in der Zentrale 3 gg. 2 gegen die beiden Betis-Angreifer stehen. Canales und Joaquin erkennen die Lücke auch sofort, spielen den Ball hinein.

Allerdings ist die Zweikampfarbeit von Hinteregger gegen Joaquin dann überragend, sodass dieser nicht zum Abschluss kommen kann, Hinteregger kann den Abschluss von Joaquin blocken. (eintracht.tv ab 11:20).

Im weiteren Verlauf des Spiels wiederholen sich die beschriebenen Abläufe: Defensive Überzahl der SGE auf den Außen als wichtigstes Abwehrmittel nebst dem üblichen Pressing, Möglichkeiten für Betis bei zu großen Abständen in der letzten Reihe der SGE oder nach Pressingdurchbrüchen oder gelungenen Seitenwechseln, dazu Standards.

Obwohl die Eintracht kaum nachlässt und bei Kontern immer gefährlich bleibt, wird mit zunehmender Spieldauer die Feldüberlegenheit der Spanier und der Druck auf die SGE zusehends größer. Die größeren Chancen hat aber weiterhin zunächst die SGE, beispielsweise in der 62. Minute Kostic nach Kamada-Flanke von links und Torwartfehler (eintracht.tv ab 18:28), oder die Kostic-Freistoßflanke in der 63. Minute, die am Pfosten landet (eintracht.tv ab 19:31).

Den besten Abschluss haben die Spanier in der 65. Minute nach einem gelungenen Seitenwechsel (eines ihrer wichtigsten Angriffsmittel, wie oben herausgearbeitet) und einer starken Aktion von Joaquin gegen Kostic und Ndicka, die gegen den 40jährigen beide in ihren Zweikämpfen sehr schlecht aussehen – nachdem Joaquin frei flanken kann, muss Trapp den Kopfball von Juanmi mit seiner besten Parade des Spiels entschärfen.

In der 66. Minute bringt Glasner Hauge für Kamada, ein nachvollziehbarer Wechsel. Kamada hatte zwar einige gute Pässe und Aktionen, allerdings auch einige haarsträubende Fehlpässe in seinem Spiel, Hauge wirkte sehr engagiert und hat direkt einige Ballaktionen.

In der Schlussphase geben die Spanier ihren breiten Aufbau weitgehend auf, spielen jetzt oft nur noch mit einem Dreier-Aufbau und öfter mit langen Bällen, meist Richtung der offensiven Außen. Außerdem intensivieren sie das frühe Mittelfeldpressing/ Angriffspressing.

Hier gut zu sehen die Umstellung der Spanier: Aus dem breiten Viererkettenaufbau ist ein Dreier-Aufbau hinten geworden, statt den breiten Außen stehen diese jetzt hoch und den Bereich zwischen den Linien, also hinter den beiden Eintracht-6ern, besetzen sie hier mit gleich vier Spielern.

Aus dem breiten Aufbau ist also eine breite Spitze geworden und wie in dem Bild zu sehen, müssen Kostic und Knauff jetzt dauerhaft hinten die Außenbahnen schließen. Warum Glasner in dieser Phase nicht, wie in den vergangenen Spielen in ähnlichen Situationen, mit Lenz oder Touré eigene defensive Breite dagegensetzt, war schon sehr verwunderlich und im Grunde war es eine Frage der Zeit, bis das schiefgeht. Beide Außenbahnen waren gegen eine breite Spitze nun defensiv zu schwach besetzt, die Überzahl nicht mehr zuverlässig herzustellen. Dementsprechend bespielen die Spanier diese defensiven Außen der SGE jetzt praktisch mit jedem Ball und genau daraus resultiert dann auch das 0:1.

Hier die Situation, die den Angriff einleitet, es handelt sich um einen Doppelpass Ruibal-Fekir und hier im Bild ist gut zu sehen, dass Lindström nicht nur auf der Innenbahn ist, sondern auch ein bisschen Vorsprung gegen Ruibal hat, als beide den Sprint anziehen.

Den entscheidenden Fehler macht dann Lindström, der zwar den Ball zuerst erreicht, sich aber mit einem leichten Körpereinsatz von Ruibal einfach aus dem Zweikampf drücken lässt, das ist natürlich kein professionelles Zweikampfverhalten.

Hier die Situation nach dem verlorenen Zweikampf von Lindström. Tuta muss ganz auf die außen rücken, um den Gegner zu stellen und hinter ihm schließt niemand rechtzeitig die Lücke, Knauff verschläft seinen Einsatz hier völlig, lässt Fekir einfach laufen, aber auch Sow hat die Situation nicht rechtzeitig erkannt, sonst hätt er hinter Tuta einrücken müssen. Fekir erhält dann den Ball zurück und bringt die Flanke zum 0:1.

In dieser Situation lassen sich Knauff, Tuta und Lindström trotz 3 gg. 2 – Überzahl von Fekir und Ruibal ausspielen, die Kettenabsicherung hinter Tuta fällt einfach aus, das sind schlicht zu viele Fehler in einer Situation.

Die Verlängerung bringt dann nicht mehr allzu viel, zwei müde Mannschaften, die beide kaum mehr in der Lage sind, die gegnerische Defensive zu überspielen. Daher nur noch ein kurzer Blick auf zwei Situationen.

In der 109. Minute hat die SGE viel Glück, als Iglesias mit einem Kopfball an der Latte scheitert. Vorausgegangen war einer der typischen Seitenwechsel-Angriffe der Spanier mit Pass in den von Kostic mit Harakiri-Stellungsspiel freigelassenen LV-Raum hinter ihm und Flanke aus genau dieser Zone. Man muss es so hart sagen, wenn das Spiel da verloren geht, dann wäre das ziemlich auf das Konto des vollkommen untätigen Glasner gegangen, der hier sehenden Auges schlicht die notwendige Sicherung der von Kostic und Knauff nicht mehr zuverlässig zu sichernden Außen verpasste.

Das einzig halbwegs nachvollziehbare Kalkül ist, dass Glasner die eigene offensive Stärke nicht antasten wollte, was allerdings durchaus eine Art Russisches Roulette war, auch wenn es in diesem Fall letztlich gutging.

Kostic auf dem Platz zu lassen war jedenfalls richtig, er schlug nicht nur die Flanke, die dann in der 121. Minute ins Betis-Tor verlängert wurde, sondern holte mit einer Einzelaktion auch den Freistoß heraus. Das Tor ist somit analytisch wenig relevant, die SGE kann sich in dieser Situation in erster Linie bei Kostic bedanken und in zweiter bei Hinteregger, der die Situation im Sechzehner mit seinem Einsatz erzwingt.

Das Fazit

Die Eintracht ist verdient weitergekommen, hätte das Spiel nach drei Halbzeiten im Grunde für sich bereits entschieden haben müssen.

In der Schlussphase der zweiten Halbzeit des Rückspiels wurde der Druck zu groß, die von den Spaniern als solche offenbar ausgemachte Schwäche auf den defensiven Außen war zu groß, als dass man eine Mannschaft wie Betis da dauerhaft fernhalten konnte. Beim Gegentor passierten zu viele Fehler, in dieser Phase war auch das Nichtreagieren des SGE-Trainerteams mindestens fragwürdig.

Das setzte sich dann in der Verlängerung fort, trotzdem ist der Erfolg der SGE alles in allem durchaus verdient.

Die Entwicklung der Mannschaft ist gut zu sehen. Alle von Glasner eingeführte Elemente sind inzwischen recht gut verinnerlicht, die Fehlerquote in der hinteren Reihe konnte stark reduziert, die defensiven Abläufe besser automatisiert und geklärt werden. Die defensive Schwäche auf den Außen ist mit einer Schienenbesetzung Kostic, Knauff kein Geheimnis und wird in Kauf genommen zugunsten der daraus ja auch resultierenden extremen Offensivstärke.

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