RB Leipzig – SGE 0:0

Mit dem Punkt in Leipzig kann die Eintracht sehr zufrieden sein. Das Spiel blieb torlos, trotzdem ein kurzer analytischer Blick auf die wichtigsten Momente.

(Hinweis: Das Wappen der Leipziger wird hier nicht gezeigt, da die Seite werbefrei ist und bleiben soll. Das gilt umso mehr für ein Unternehmen, das von einem Rechtspopulisten geführt wird)

Die Aufstellung

Leipzig: Gulacsi – Simakan, Orban, Guardiol – Henrichs, Laimer (84. Haidara), Kampl (60. Forsberg), Angelino – Olmo (84. Szoboszlai) – Nkunku, Silva (72. Poulsen)

Oben: Die Aufstellung mit Toren, Vorlagen und algorithmisch (aus statistischen Spieldaten) generierten Noten.

Die Realaufstellung der SGE, also die Orte, wo die jeweiligen Spieler sich im Durchschnitt aufgehalten haben.

Die Noten in Klammern oben sind Übersetzungen der Bewertungen der Seite sofascore.com. Sie werden automatisch generiert anhand der individuellen Spieldaten jedes einzelnen Spielers. Nur bei der Torwartposition muss die Note etwas angepasst werden, da die algorithmischen Bewertungen systematisch negativer ausfallen als die der Feldspieler. Auch die Informationen zur Realaufstellung sind Zitate nach sofascore.com.

Die Statistik

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die erste Halbzeit

Auffällig: Die SGE setzte das Pressing – wie schon gegen Betis – etwas tiefer an als gegen technisch schwächere Gegner. Ähnlich die Leipziger. Da beide Teams große Stärken im Bereich Schnellkombinationen (aus engen Räumen) haben, ist es wenig verwunderlich, dass auch die Leipziger oft aus einer etwas tieferen Kompaktheit attackierten.

Hier gut zu sehen das Leipziger defensive 5-2-3-Konstrukt, mit dem sie die SGE bei deren Aufbau empfing. Gut zu sehen, dass die Leipziger das gelegentlich ziemlich tief stellen, hier (eine Szene aus der 15. Minute) komplett in der eigenen Hälfte. Es wird dann meist der Aufbauweg (erster Ball) der SGE abgewartet und dann dieser erste Ball attackiert.

Das Pressing der SGE hingegen wie üblich früh und extrem ballorientiert:

Hier gut zu sehen, dass auf SGE-Seite sechs Spieler an dem routinemäßigen Angriffspressing beteiligt sind, hier kurz nachdem der Ball Gvardiols Fuß verlassen hat.

Diese wie viele andere Situationen kann die SGE dann entschärfen, auch die technisch sehr starken Leipziger tun sich mit dem enormen Handlungsdruck schwer, der schon im Aufbau und im hinteren Mittelfeldbereich durch das frühe SGE-Pressing entsteht.

Aber auch die Leipziger haben spontanes Pressing an die hintere SGE-Reihe durchaus im Repertoire, was in der 20. Minute zu einer der besten Chancen der Leipziger in der ersten Halbzeit führt.

Gut zu sehen, dass Ndicka hier nach einem Rückpass von Lindström sofort attackiert wird, zwei Leipziger stellen die zentralen Anspielpunkte zu, Ndicka kann nur noch zu Trapp zurückpassen.

Auch Trapp wird dann sofort attackiert und kann sich nur noch mit einem unkontrollierten Befreiungsschlag helfen, der dann wieder bei den Leipzigern landet und von Kampl und Angelino sofort per Doppelpass scharf gemacht wird, die Hereingabe von Kampl köpft Silva dann zwar stark Richtung langes Eck, aber Hinteregger kann kurz vor der Linie klären. (eintracht.tv ab 25:57).

Die Eintracht bekämpfte die Tiefenpassversuche der Leipziger mit meist guter Staffelung hinten, die Dreierverteidigung hat sich wirklich stark konsolidiert und eingespielt. Die großen Chancen der Leipziger entstanden fast immer nach kleineren technischen Stockfehlern – wie von Hinteregger in der 26. Minute (eintracht.tv ab 30:41), der dann letztlich zu dem Scheibenschießen auf Trapp und dem Zweite-Reihe-Schuss von Nkunku führte, den Trapp dann mit einer starken Reaktion gerade noch so an den Pfosten lenkt – und teils krassen Fehlpässen, der schlimmste von Rode in der 46. Minute (eintracht.tv ab 51:08), der zu dem später wegen Abseits zurückgepfiffenen Tor von Nkunku führt (hier viel Glück für die SGE, dass Nkunku den Ball nicht für den einschussbereiten Henrichs durchließ, der stand nämlich nicht im Abseits und das Tor hätte gezählt.)

Die größte SGE Chance entsteht nach einer der üblichen Schnellkombinationen nach einem schwachen Tempodribbling von Simakan direkt in die aufgestellte SGE-Abwehrformation:

Hier der Moment, in dem Ndicka in dem Zweikampf mit Simakan, der sich den Ball zu weit vorlegt, den Ball gewinnt. Gut hier zu sehen die starke Staffelung der SGE: Alle Flachpass-Optionen sind eng gedeckt, und in der Spielzone außen hat die SGE 4-3-Überzahl – kein Durchkommen für die Leipziger.

So sah das häufig aus, allerdings waren die Leipziger gewarnt, dass genau so etwas – aufgerückte Verteidiger und Ballverlust – gegen die SGE mit ihren extrem schnellen Offensiven keine gute Idee ist. Und so:

Vier Pässe one-touch (mit dem ersten Zuspiel auf Borré) und ein Antritt von Lindström und Leipzig war ausgespielt, Lindström läuft auf Leipzig-Keeper Gulasci zu.

Lindström entscheidet sich dann aber fälschlicherweise für ein praktisch unmögliches Abspiel auf Borré, statt den Ball in die von Gulasci im Grunde nicht mehr abzudeckende lange Torecke zu legen. Diese zu häufigen Fehlentscheidungen von Lindström in den Abschluss- bzw. Letzter-Pass-Entscheidungen bleiben ein Problem und sollten mit dem Spieler schleunigst trainingsseitig bearbeitet werden. (Die ganze Szene hier ab 40:49).

Die Leipziger boten nicht nur in der ersten Halbzeit durchaus einige solcher Möglichkeiten an, die Situation oben ist aber eine der ganz wenigen, in denen die SGE den Angriff technisch sauber und konzentriert genug ausführte.

Mit zunehmender Spieldauer erhöhen die Leipziger den Anteil der Angriffspressingsituationen deutlich, der Druck auf die SGE wächst. Der zweite Lattentreffer der Leipziger durch Laimer (41. Minute) ist kein Kettenfehler und auch kein sonstwie systematischer Fehler, also analytisch nicht so interessant, eher ein Abstimmungsproblem der drei hier defensiv agierenden Mittelfeldspieler Rode, Jakic und Kamada, die sich zu sehr auf den linken Halbraum konzentrieren und Laimer in dem anderen freistehen lassen (eintracht.tv ab 45:39).

Die zweite Halbzeit

Glasner bringt in der Pause Hrustic für Rode, aus welchem Grund auch immer. Das Problem der zu hohen Fehlerquote im Passspiel wird durch diese Hereinnahme noch erhöht statt gesenkt: Während Rode immerhin eine Passquote von 75% aufwies, schaffte Hrustic gerade einmal 61% Passquote – viel zu wenig für einen Mittelfeldspieler, alle Kollegen auf den Positionen, also Jakic (76%) und Kamada (91%) waren deutlich besser. 61% Passquote ist für einen 6er/ 8er im Grunde Kategorie Fehlpassfestival.

Durch den Wechsel wird das SGE-Spiel also noch anfälliger, auch defensiv ist Hrustic schwächer als Rode, die Statistiker von kicker.de zählten bei Hrustic null gewonnene Zweikämpfe.

Es entwickelt sich in der zweiten Hälfte insgesamt ein Spiel, in dem die hintere Reihe der SGE häufig gefordert ist, die Situationen aber entweder mit Einzelskills (Beispiel Trapp mit Unterstützung von Tuta in der 52. Minute gegen Nkunku) oder gutem Kettenverhalten bereinigen kann.

Insgesamt ist insbesondere in der 2. Hälfte das Pressing der SGE aber deutlich weniger intensiv als sonst üblich. Hier dürfte der ersten Pressing-Reihe mit Lindström, Borré und Kamada das Spiel vom Donnerstag schlicht zu sehr in den Knochen gesteckt haben.

Umso wichtiger, dass die tiefe Kettenverteidigung in der letzten Reihe und die Einzelaktionen der Defensivreihe auf hohem Niveau funktionierten.

Die wirklich großen Leipziger Torchancen resultieren folgerichtig aus den relativ selten ermöglichten Kontern. Selten möglich waren die vor allem, weil die Eintracht-Defensive nicht sehr oft sehr weit aufrückte, das Risiko also deutlich niedriger ansetzte als sonst. Die wohl größte Chance der Leipziger entstand aus einem Konter nach Ballverlust Jakic im Mittelfeld in der 62. Minute.

Das ist wirklich ein Ballverlust aus der Hölle, die komplette SGE aufgerückt, gegen drei spielstarke und zwei schnelle Leipziger (Nkunku und Laimer). Von Laimer landet der Ball bei Silva, der mit zwei Kontakten Nkunku in den Lauf passt. Hier auch gut zu sehen: Ndicka hat in dem Moment, in dem Laimer hier seinen Sprint ansetzt, noch rund 10 Meter Vorsprung auf Laimer.

Mit Ballgewinn zieht Laimer den Sprint an und Ndicka hat trotz Vorsprung in diesem Sprintduell nicht den Hauch einer Chance. Das ist wirklich krass und hier (ab 17:51) gut zu sehen.

Hier das Ende vom Lied: Der Extremsprinter Laimer hat die gesamte SGE abgehängt und steht völlig blank 11 Meter vor Trapp.

Trapp hält den dann mit seinem starken Stellungsspiel und einer Weltklasseparade. Trapp ist im Grunde seit Saisonbeginn und weit darüber hinaus die Lebensversicherung der SGE. Kaum ein Team könnte sich in der Bundesliga regelmäßig derartige defensive Fehlleistungen erlauben wie die Eintracht, die mit diesem Torwart hinter sich fast in jedem Spiel einen mehr gut hat als jeder Gegner. Mit ungefähr jedem anderen Bundesligatorwart im Tor gewinnt Leipzig dieses Spiel 2:0.

Der Clickbait-Journalismus, der Trapp in der frühen Saisonphase eine Krise andichten wollte, weil er einmal eine Ecke verhindern wollte, was dann fast schief gegangen wäre, ist inzwischen restlos blamiert, bleibt aber natürlich wider jeder Expertise bei seinem lächerlichen Narrativ. Tatsache ist, dass Trapp vom ersten Spieltag an – ähnlich wie in den vergangenen Spielzeiten – die SGE in praktisch jedem Spiel in der Partie hält, wie hier auch regelmäßig dokumentiert.

Neben den individuellen Stärken, über die der Kader verfügt, hat die SGE aber auch einen Trainer, der es endlich geschafft hat, das Chaos in der letzten Reihe etwas zu lichten.

Hier eine Szene aus der 71. Minute. Die Kette funktioniert leidlich, Knauff ist etwas zu weit außen, Hinteregger und Tuta mit etwas zu geringem Abstand, aber grundsätzlich steht die Kette gut. Sie hat hinter dem im richtigen Raum etwas herausgeschobenen Hinteregger eine Höhe, die Abstände sind ok, Jakic als Sechser attackiert Nkunku aus dem Mittelfeldbereich. Auch das ist exakt richtig koordiniert.

Das ist nur eine von vielen Szenen, in denen die hintere Reihe der SGE (fast) fehlerfrei arbeitet, ein Phänomen, das man in der vergangenen Saison und auch lange in dieser nur selten im Eintracht-Spiel beobachten konnte. Das ist offenbar trainingsseitig massiv bearbeitet worden, und so etwas bringt natürlich sofort Punkte. Zum Beispiel einen wichtigen gegen hoch dotierte Leipziger, gegen die die SGE plötzlich – trotz zweier englischer Wochen in den Knochen, die der Gegner nicht hatte und die der Eintracht sichtlich zusetzten – zu null spielen kann – wer hätte das gedacht?

Dennoch: Die Leipziger werden in der Schlussphase immer stärker und gefährlicher, Nkunku und Poulsen haben weitere gute Abschlussmöglichkeiten, die von der SGE teilweise durchaus auch mit etwas Glück vereitelt oder schlicht vergeben werden.

Das Fazit

Der Kader der Leipziger wird auf transfermarkt.de auf 454 Millionen Euro Marktwert taxiert, der der SGE auf knapp 200 Millionen – und das, obwohl der SGE-Kader sogar sechs Spieler mehr aufweist als der der Leipziger.

Dazu fehlte auf Seiten der SGE mit Sow der neben Kostic und Trapp in den letzten Wochen alles überragende Akteur. Hinzu kam, dass die SGE zwei englische Wochen hinter sich hat, während Leipzig im Grunde zwei Wochen regenerieren konnte. Auch die Tatsache, dass mit den anstehenden Duellen gegen den FC Barcelona für viele auch routiniertere Eintracht-Profis die Spiele ihres Lebens anstehen, was auch schon erfahrenere Teams als die Eintracht vom Bundesliga-Alltag abgelenkt hat, darf nicht ganz vergessen werden.

Dafür also, dass die SGE mit einigem Gepäck in das Spiel gegangen ist, ist das Ergebnis ein sehr gutes. Der Punkt war glücklich, die SGE hatte im Grunde in keiner Spielphase nachhaltige Dominanz, aber ziemlich wertvoll, insbesondere da zwei Konkurrenten um die europäischen Plätze, Hoffenheim und Freiburg, überraschend 2 (Freiburg gegen Fürth) bzw. sogar 3 Punkte (Hoffenheim gegen Hertha) liegen gelassen haben.

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