SGE – FC Barcelona 1:1 (0:0)

Das „Jahrhundertspiel“ Teil 1 in der Analyse.

Die Aufstellung

FC Barcelona: ter Stegen – Jordi Alba, Garcia, Piqué (23. Lenglet), Araújo – Gavi (de Jong), Busquets, Pedri – Ferran Torres, Aubameyang, Traoré (62. Dembélé)

Oben: Die Aufstellung mit Toren, Vorlagen und algorithmisch (aus statistischen Spieldaten) generierten Noten.

Die Realaufstellung der SGE, also die Orte, wo die jeweiligen Spieler sich im Durchschnitt aufgehalten haben.

Die Noten in Klammern oben sind Übersetzungen der Bewertungen der Seite sofascore.com. Sie werden automatisch generiert anhand der individuellen Spieldaten jedes einzelnen Spielers. Nur bei der Torwartposition muss die Note etwas angepasst werden, da die algorithmischen Bewertungen systematisch negativer ausfallen als die der Feldspieler. Auch die Informationen zur Realaufstellung sind Zitate nach sofascore.com.

Die Statistik

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die Analyse

Für das gute Spiel und Ergebnis der Eintracht gab es mehrere ausschlaggebende Gründe:

  1. Barca-Rotation

Barcelona-Trainer Xavi rotierte zwei seiner zentralen und wichtigsten Spieler aus der Mannschaft, sowohl Mittelfeldspieler Frenkie de Jong als auch Spielmacher-Rechtsaußen Dembélé blieben draußen. Insbesondere das Fehlen von Dembélé machte sich stark bemerkbar und veränderte auch die Statik des Barca-Spiels. Dembélé-Ersatz Traoré ist zwar auch ein starker, antrittsstarker Rechtsaußen mit Stärken im 1 gg. 1, er ist aber eben kein Ideengeber und da Barca sonst von den Impulsen Dembélés stark abhängig ist, sah das Spiel der Gäste bis zur Dembélé – Einwechslung entsprechend aus und war von der SGE meist recht gut zu verteidigen.

Dass Xavi diese Wechsel vornahm und sie später korrigieren musste, um nicht als Verlierer vom Platz zu gehen, ist ein Indiz dafür, dass Xavi trotz anderslautender Beteuerungen die SGE ziemlich unterschätzt hatte.

2. Herausragende Einzelleistung von Hinteregger

Da die 5er-Kette bzw. die hintere Reihe insgesamt vergleichsweise breit stehen musste, um die beiden Außenstürmer mit Ballannahme bekämpfen zu können, kam viel darauf an, wie Hinteregger in der Zentrale die Situationen gegen Aubameyang & Co würde lösen können. Daher stand Hinteregger sehr oft im Fokus und Aubameyang kam fast über das gesamte Spiel nur dann zu Abschlüssen, wenn Hinteregger mal ein Fehler unterlief, wie in der 17. Minute (eintracht.tv ab 20:41), was aber selten vorkam. (Beim Gegentor steht er allerdings einen halben Meter zu tief, kann daher den ersten Steckpass von Ferran nicht verhindern.)

Stattdessen war Hinteregger in fast allen Situation extrem antizipations- und zweikampfstark, hier eine Szene aus der 28. Minute:

Das ist natürlich eine Großchance, starker Steckpass von Jordi Alba auf Gavi, aber Hinteregger ist hier schon auf dem Weg in den Zweikampf.
Selbst im Standbild ist das lehrbuchhafte Zweikampfverhalten von Hinteregger zu erkennen: Seitliches Anlaufen des Gegners, Körperkontakt mit der Körperseite, möglichst den eigenen Körper zwischen Gegner und Ball drücken, erst Arbeit mit dem Oberkörper, dann mit den Beinen, alles perfekt hier, in der bewegten Zeitlupe bei eintracht.tv ab 31:34 natürlich noch besser zu sehen.

Übrigens spielte Hinteregger auch einige sehr starke Aufbaupässe, meist flache Halbdistanzbälle, aber auch einige diagonale Flugbälle, war sehr passsicher.

3. Starke Breitenverteidigung der SGE

Die Eintracht-Kette war von Glasner sehr gut auf das extrem breite Barca- „Spiel in der Spitze“ vorbereitet worden und bearbeitete die Versuche, über die sehr weit außen postierten Außenstürmer zu spielen, durch breites und sehr schnelles, konsequentes Anlaufen. Hier eine Szene aus der Anfangsphase:

Die 5er-Kette der SGE steht breit, Knauff läuft den langen diagonalen Ball sehr weit nach außen und auf Ballgewinn an, hat Zugriff auf Ferran. So konnte die SGE das wichtigste offensive Element von Barca in dieser Szene und in vielen anderen blockieren.

Dazu mussten beide Schienenspieler Kostic und Knauff allerdings sehr diszipliniert nach hinten arbeiten, was sie in dieser und vielen anderen Szenen taten. Erst mit der Einwechslung von Dembélé bekommt Kostic links Probleme.

4. Starke Gegenpressing-Überwindungsstrategie der Eintracht

Wie in dem hier veröffentlichten Barca-Check bereits angenommen, passte die größte Eintracht-Stärke, die Spieleröffnung aus engen Räumen durch Schnellkombinationen, gewissermaßen perfekt auf das größte Einfallstor für Gegenangriffe bei Barcelona. Das zeigte sich bereits in der 6. Minute eindrucksvoll bei der Mega-Chance von Sow. Ausgangspunkt war ein von Barca abgefangener SGE-Angriff.

Hier der Moment des Ballgewinnes durch Sow nach einem Fehlpass von Jordi Alba in der eigenen Hälfte. Vor allem der LV von Barcelona, Jordi Alba, ist hier extrem weit aufgerückt, hinten bleibt nur noch eine Dreier-Absicherung gegen – man sieht es hier schon – 5 Spieler der SGE, die in den Angriff einbezogen werden können.

Sow leitet den Schnellangriff dann stark ein, überwindet zunächst 15 Meter per Tempodribbling, um den ersten Defensiven von Barca zu binden:

Hier der kurze Tiefenpass von Sow auf Borré. Sow zwingt damit Pedri einen langen Sprint nach links zu machen, so kann Pedri nicht die defensive Zentrale verstärken. Der Rest des Angriffs ist dann perfekt ausgespielt, Borré schließt mit einem weiteren Tempodribbling an, Lindström übersprintet Garcia (der Tempovorteil von Lindström hier ist krass) und bekommt den Ball von Borré perfekt in den Lauf gespielt.

Den Lindström-Rückpass auf Sow setzt dieser dann völlig freistehend neben das Tor, aber diese Situation zeigt, wie sehr die SGE-Stärke bei den Schnellkombinationen zum Tor das Barca-Gegenpressing überspielen kann (eintracht.tv ab 9:52).

5. Überzahl im Mittelfeld

Um möglichst viele Bälle schon zu blocken bzw. zu gewinnen, bevor sie bei den schnellen, 1 gg. 1 – starken Ferran und Traoré, später Dembélé landen konnten, setzte die SGE auf dauerhafte Überzahl im Mittelfeld und verzichtete dafür auch meist auf das sonst praktizierte Angriffspressing.

Hier eine Szene aus der 26. Minute, in der man sieht, dass die SGE sich auf das Mittelfeldpressing konzentriert, enger steht als sonst und somit auch das Risiko etwas minimiert, ausgespielt zu werden. Hier in der dunklen Zone 5-4-Überzahl in der Breite, 4-3-Überzahl in der Zentrale.

6. Eigenes SGE-Aufbauspiel hauptsächlich über Flugbälle auf die Außen

Die Eintracht probierte es aber durchaus auch über eigene Aufbausituationen und das gar nicht so unerfolgreich. Meist wurde ein 2- bis 3- Stationenaufbau versucht, fast immer mit Flugbällen aus dem defensiven Mittelfeldbereich Richtung offensive Außen, also wahlweise Kostic, Borré, Lindström oder Knauff. Ein sehr schönes Beispiel dafür findet sich in der 28. Minute mit dem Angriffsablauf Tuta-Sow-Knauff-Borré (eintracht.tv ab 31:46).

Auch der Ecke in der 47. Minute, aus der dann das 1:0 entstand, ging ein solches Aufbauspiel voraus:

Hier der lange Aufbaupass auf Außen Lindström. Lindström geht dann gegen Jordi Alba und Busquets direkt und mit vollem Risiko ins Tempodribbling, kann die beiden alten Herren abschütteln, in den 16er dribbeln und fällt dort.

Das gibt zwar zu Recht keinen Elfmeter, aber der Nachschuss von Jakic wird zur Ecke abgefälscht und diese abgewehrte Ecke schießt Knauff dann zum 1:0 für die SGE ins Tor.

Das Fazit

Wer die Entwicklung der SGE in dieser Saison aus der Nähe verfolgt hat, dürfte kaum überrascht gewesen sein davon, dass die Stärken der Eintracht perfekt auf die Schwächen von Barca passen, dass sie mit ihren extrem starken Schnellkombinationen auch ein Barca-Gegenpressing überwinden kann und dass die Eintracht mit Lindström, Knauff und Kostic drei Spieler mit Tempovorteilen hat, die von Barca in direkten Duellen kaum zu halten sind. Eine Szene, in der das sehr deutlich wird, ist die Riesenchance von Lindström in der 49. Minute (eintracht.tv ab 3:41), bei der Barca weder ein Gegenpressing gelingt, noch die Mannschaft von Xavi irgendeine Chance gegen das Tempospiel von Kostic, Borré und Lindström hat.

Auch das inzwischen perfekt automatisierte Pressing ist für jeden Gegner unangenehm und kann von der Mannschaft auch in verschiedene Spielfeldzonen verlagert werden.

Erstaunlich hingegen, dass die 3er-5er-Kette auch gegen Barca inzwischen fast fehlerfrei arbeiten kann und dass Spieler wie Borré, Kamada, Knauff, Lindström und Sow auch auf dem ganz hohen Niveau das hohe Tempo mitgehen können, ohne größere technische Probleme zu bekommen. Nur bei Tuta und Jakic war häufiger zu sehen, dass sie auf diesem Niveau noch an Grenzen kommen.

Insbesondere in der Situation, in der Tuta die Rote Karte erhält, wird das deutlich:

Der Rückpass von Kamada ist natürlich schwach, aber trotzdem muss Tuta da einfach wegbleiben, denn Pedri kann den Ball gar nicht kontrollieren und auf seinem Weg nach außen ist Knauff noch als Absicherung da. Überhaupt ist das eine Szene am gegnerischen Strafraum, wo man sich sicher keine Rote Karte abholen muss.

Erst mit der Einwechslung von Dembélé und de Jong änderte sich das Spiel und erst danach war Barcelona das bessere Team. Wie wichtig Dembélé für Barca ist, wurde beim 1:1-Ausgleich sichtbar, denn die Idee zu dem Spielzug und die Ermöglichung geht auf seine Kappe.

Hier zu sehen, wie die beiden Spieler die Situation gezielt stellen. Als Dembélé sein Tempodribbling nach innen startet, bewegt sich de Jong von der Innen- auf die Außenbahn. Dieser gegenläufige Lauf-Passweg ist einstudiert. Verhindert werden kann das nur von Kostic im Zweikampf mit Dembélé oder von Ndicka, wenn er körperlich eng an de Jong steht. Auch Hinteregger hätte mit dem Tiefenpass von Dembélé sofort press an Ferran rücken müssen, verpasst das aber.

Im Grunde ist das ein Standardspielzug, in dieser Präzision, wie hier von Barcelona gespielt, aber nur sehr schwer zu verteidigen.

Insgesamt war die Eintracht sehr präzise auf den Gegner vorbereitet, besonders die größte Stärke der Spanier, das Spiel über ihre Außenstürmer, aber auch die Diagonalanspiele in die Spitze konnten gut verteidigt werden, wenn auch nur mit extremem körperlichen und Laufaufwand.

Selbst nach der roten Karte gegen Tuta blieb die Eintracht sehr mutig, offensiv und aufmerksam. Insgesamt war die Eintracht über die komplette Spielzeit die gefährlichere Mannschaft, 16:7 Torschüsse und 1,77 : 1,29 XGoals sprechen auch statistisch eine deutliche Sprache.

Xavi dürfte im Rückspiel von Anfang seine beste Elf aufstellen.

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