FC Barcelona – SGE 2:3 (0:2)

Wie es die SGE geschafft hat, den großen Gegner zu schlagen – in der Analyse.

Die Aufstellung

FC Barcelona: ter Stegen – Mingueza (61. Dest), Araujo, Garcia (70. L. de Jong), Jordi Alba – Pedri (46. F. de Jong), Busquets, Gavi – Dembélé, Aubameyang (61. Traoré), Ferran (80. Depay) – Trainer: Xavier Hernandez i Creus

Oben: Die Aufstellung mit Toren, Vorlagen (inkl. herausgeholte Elfmeter) und algorithmisch (aus statistischen Spieldaten) generierten Noten.

Die Realaufstellung der SGE, also die Orte, wo die jeweiligen Spieler sich im Durchschnitt aufgehalten haben.

Die Noten in Klammern oben sind Übersetzungen der Bewertungen der Seite sofascore.com. Sie werden automatisch generiert anhand der individuellen Spieldaten jedes einzelnen Spielers. Nur bei der Torwartposition muss die Note etwas angepasst werden, da die algorithmischen Bewertungen systematisch negativer ausfallen als die der Feldspieler. Auch die Informationen zur Realaufstellung sind Zitate nach sofascore.com.

Die Statistik

Das Spiel

Analytisch sind zur Erklärung des guten Ergebnisses für die SGE mehrere Faktoren entscheidend: Zum einen das frühe Führungstor, auf das Barca keine Antwort fand, zum zweiten das „den Gegner nicht ins Spiel kommen lassen“ der SGE. Doch wie funktionierte das genau? Drittens die Tatsache, dass Dembélé gut verteidigt werden konnte und viertens, dass das Schnellkombinationsspiel der SGE für Barca nur schwer zu verteidigen war und insbesondere Lindström und Kostic (mit ihrer Schnelligkeit) für Barca nicht zu halten waren. Im Detail:

  • das frühe Gegentor

Das 0:1 fällt aus einer längeren eigenen Ballpassage der SGE. Wie fast im gesamten Spiel bringt die SGE (durch Hinteregger) den ersten Aufbauball direkt lang in die Spitze auf den ansprintenden Lindström.

Hier die Angriffseinleitung durch Hinteregger. Lindstöm spielt mit dem diagonalen Weg in die Spitze seinen Schnelligkeitsvorteil aus, wodurch der „einfache“ lange Ball möglich wird. Hintereggers Pass ist gut, aber nicht optimal, sodass Lindström den nicht in vollem Lauf mitnehmen kann.

Dadurch kommt Barca wieder ins Spiel, kann sich defensiv wieder stellen. Die Eintracht spielt dann von links über Kamada und Rode einen Seitenwechsel. Der Ball landet bei Borré.

Gut zu sehen, dass die SGE mit sehr starker Boxbesetzung (Spieler gut gestaffelt) bei diesem Angriff Lindströms Gegenspieler Garcia stark unter Druck setzt. Garcia muss einerseits Lindström am Abschluss hindern und gleichzeitig eine Ablage auf den völlig freien Kamada oder Kostic verhindern, da der junge Pedri die Situation völlig verschlafen hat und die frische Abendluft in Camp Nou deckt statt Kamada. Garcia weiß sich dann nur zu helfen, indem er Lindström hält und zu Boden reißt – ein klarer Elfmeter.

So sehr die Situation auch von der SGE erzwungen gewesen ist, Garcias Zweikampfverhalten gegen Lindström hier ist natürlich katastrophal. Garcia hat mit seinen 21 Jahren bereits 15 Länderspiele für Spanien bestritten, hier kann er Lindström nicht adäquat bearbeiten. In den Bewegtbildern (eintracht.tv ab 7:40) ist gut zu sehen, dass Lindström vor dem Foul mit einem kurzen Sprint Garcia überläuft, was letztlich das Halten nach sich zieht.

  • das Verhindern des Barca-Spiels

Das Spiel der Spanier ist sehr auf die eigene breite Spitze ausgerichtet und zielt im Aufbau stark auf die beiden Außenstürmer, die wie immer sehr breit standen, also oft beide nahe der Außenlinie. Die Eintracht bekämpfte das wie im Hinspiel mit einer sehr disziplinierten (vor allem Kostic und Knauff) 5er-Kette. Immer wieder ergab sich das Bild wie hier in der 13. Minute:

Hier das sich immer wiederholende Bild: Die SGE hinten mit einer 5er Kette gegen die breite Spitze der Spanier, davor eine Viererreihe, die sehr ball- und Ballbesitzer-orientiert verschieben.

Entscheidend sind hier die Kettenabstände zwischen 5er- und 4er-Mittelfeldkette. Diese hält die SGE entgegen dem üblichen Spiel mit Angriffspressing sehr eng und tief. Hier im Bild sind die sehr knappen Abstände gut zu sehen, auch wie tief die SGE steht. Das Angriffspressingelement, das die SGE sonst standardmäßig spielt, hat Glasner in diesem Spiel weitgehend bzw. komplett abgeschaltet.

So hat die 5-4-Defensive der SGE immer und überall Zugriff und verwickelt die Spanier mit jedem Versuch, offensiv zu werden, ab dem Mittelfeld in gedoppelte Zweikämpfe. Aus diesen Ballgewinnen startet die SGE dann regelmäßig Konter.

Barca fällt gegen dieses 5-4-Mittelfeld Pressing über die gesamte Spielzeit kein geeignetes Gegenmittel ein. Ein wichtiger Schlüssel zum SGE-Erfolg.

  • Verteidigen von Dembélé

Mit Dembélé stand der im Barca-Spiel dominante Offensivspieler diesmal von Anfang an auf dem Platz und musste dementsprechend von der SGE bearbeitet werden. Das Problem bei Dembélé ist, dass er in praktisch allen technischen Disziplinen so stark ist, dass man ihn weder flanken, noch Sechzehnerpässe spielen, noch dribbeln, und schon gar nicht schießen lassen darf. Dembélé wurde daher von der SGE, wann immer möglich, sehr aggressiv gedoppelt, Kamada schob meist als dritte Absicherung zusätzlich in die Manöver gegen Dembélé.

Hier eine Situation, in der es sehr gut funktioniert. Ein typisches Barca-Manöver, Pedri startet nach außen, um einen Gegner etwas nach außen zu ziehen und innen den torgefährlichen Raum für Dembélé zu öffen. Der startet auch sofort das Tempodribbling, das aber von Kostic seitlich mitaufgenommen wird, Ndicka doppelt, Kamada gewinnt den Ball dann „aus dem Mittelfeld“: Die Arbeit der drei hier ist reif für einen Lehrfilm. (eintracht.tv ab 37:40)

Dieses Bearbeiten des Barca-Spielmachers war sicher ein sehr wichtiger Schlüssel zum Erfolg. Auch das 0:2 durch Borré entstand aus einem Ballgewinn gegen Dembélé, allerdings im Mittelfeld, wo Jakic und Rode die Arbeit übernehmen, Borré „von vorne“ unterstützt. (eintracht.tv ab 41:19)

Hier die Situation direkt vor dem Tor. Rode und Jakic doppeln Dembélé, der spielt aus der Bedrängung einen schwachen Rückpass Richtung Busquets, den sich Jakic mit einem langen Bein holt und der dann von Kostic auf Borré durchgesteckt wird.

Borré nimmt den Ball mit und schießt ihn aus der zweiten Reihe ins Tor.

Die einzige ernstzunehmende Chance aus dem Spiel der Spanier in der ersten Halbzeit entstand aus einer Szene, in der Ndicka allein ins 1 gg. 1 gegen Dembélé musste:

Hier die Situation aus der 9. Minute: (eintracht.tv ab 14:10): Ndicka hat im 1 gg. 1 am Flügel gegen Dembélé keine Chance, Dembélé mit seinem typischen Move links am Verteidiger vorbei, die Flanke landet bei Aubameyang, der aus kurzer Distanz frei vor Trapp den Ball nicht richtig drücken kann.

Viel Glück für die SGE in dieser Szene, allerdings war das eine der ganz wenigen Situationen, in denen Kostic und Kamada/Rode nicht rechtzeitig die Überzahl gegen Dembélé herstellen konnten. Die Situation war aus einem Konter von Barcelona entstanden nach einem der wenigen Ballverluste der SGE im vorderen Drittel.

Mit zunehmender Spieldauer wirkte Dembélé von der SGE-Behandlung genervt, produzierte Konzentrationsfehler und war dann in der zweiten Halbzeit auch im 1 gg. 1 von Hinteregger, Rode und anderen in verschiedenen Situationen gut zu verteidigen, wenn er einmal etwas mehr Platz hatte. Ferran auf der anderen Seite war mit dem dauernden gedoppelt und gesichert werden im Grunde von Beginn an überfordert und kam kaum ins Spiel.

Mitte der zweiten Halbzeit schob Xavi Dembélé nach links, wohl in der Hoffnung, dass er sich dort besser würde durchsetzen können, allerdings ohne Erfolg – nun bearbeiteten eben Knauff und Touré den Barca-Star mit dem gleichen Ergebnis.

Für Dembélé spielte dann Traoré rechts und er brachte die linke Seite der SGE eher in Verlegenheit, zumindest erkannte er, dass er sich gegen die ballorientierten 3er-Blöcke nicht in direkte Dribblings ohne Tempo wagen sollte und stattdessen etwas früher auf Flanken setzen musste.

Hier die Situation direkt vor dem 1:3 für Barca in der 91. Minute: Die SGE stellt wie immer die 3er-Formation gegen die Flügelspieler, doch Traoré flankt aus der Situation. Hinteregger kann dann zwar den Abschluss von Luuk de Jong blocken, der Nachschuss von Busquets geht dann aber ins Tor.

Früheres Flanken wäre sicher eine Möglichkeit für Barca gewesen, dem Dauerdruck auf die Außenspieler zu entgehen, denn der große personelle Aufwand der SGE gegen Dembélé, Ferran und später Traoré ging, wie hier, u.a. auf Kosten der Rückraumbesetzung im zentralen Bereich.

  • eigene Schnellkombinationen und Flugbälle hinter die Barca-Kette

Die Situation vor der ersten Barca-Großchance oben (Dembélé-Aubameyang) ist interessant, da sie ex negativo einen wichtigen Teil des Glasner-Matchplans gegen Barca zeigte. Es wurde im eigenen Aufbau praktisch ausschließlich versucht, mit langen Flugbällen hinter die Barca-Kette die schnellen Stürmer zu schicken bzw. die hohen Bälle über die Kette zu verlängern und dann mit vielen Spielern nachzurücken, siehe oben. Was dagegen unbedingt vermieden werden sollte, waren Bälle, die vor der Kette herunterkamen und dann von Barca als zweite Bälle attackiert werden konnten, genau das passiert aber hier:

Hier der verunglückte Aufbaupass von Hinteregger. Der Ball landet in der „Sechser-Zone“, wo Barca mit extrem spielstarken Fußballern besetzt ist, die sehr schnell den Weg auf die Außenstürmer suchen. Hier auch zu sehen, dass die SGE mit 5 Spielern nachrückt, also sehr weit aufgerückt ist. So entsteht der Konter, der dann bei Aubameyang landet.

Neben diesem fast immer gleichen Aufbaumuster versuchte es die SGE mit den üblichen Schnellkombinationen, also einer eingespielten Stärke.

  • Lindström und Kostic

Lindström holte den frühen Elfmeter heraus, weil sein kurzer Antritt von Garcia nicht adäquat bearbeitet werden konnte. Er hatte einen derartigen Antritts- und Endgeschwindigkeitsvorteil gegenüber Jordi Alba, dass einem der 33jährige 82fache Kapitän der spanischen Nationalmannschaft leid tun musste, er wurde mal um mal von Lindström überlaufen. Wer sich das einmal ansehen will (es ist wirklich krass), dem sei die Riesenchance von Lindström zum 0:3 in der 58. Minute empfohlen (eintracht.tv ab 14:04):

Hier die Situation kurz nach dem Ballgewinn von Kostic links, Kostic hier in Ballbesitz. Unten hat Jordi Alba noch knapp 2 Meter Vorsprung auf Lindström.

Die SGE spielt dann eine Schnellkombination über Borré und Kamada mit Seitenwechsel:

Lindström hat Jordi Alba hier auf dem Sprintweg knapp 4 Meter abgenommen und kann allein Richtung ter Stegen laufen.

Dass Xavi auf die Sprintstärke von Lindström, die schon im Hinspiel ein Faktor war, weder personell noch taktisch reagierte und der Eintracht dieses Einfallstor einfach wieder anbot, ist eine ziemliche Fehlleistung des Barca-Trainers.

Kostic spielte im Dauerduell gegen Dembélé ebenso eine wichtige Rolle wie als Doppeltorschütze und Vorlagengeber. Das Tor zum 0:3 erzielt er inzwischen im Schlaf und selbstredend darf man Kostic nicht im Strafraum derartig frei zum Abschluss kommen lassen. (eintracht.tv ab 23:30). Aber auch in seinem defensiven Spiel- und Zweikampfverhalten hat der Spieler in dieser Saison noch einmal einen Entwicklungsschritt gemacht und so war auch eine solche Leistung gegen Barcelona als echter Schienenspieler möglich.

Die beiden Spieler sind auch auf europäischem Top-Niveau in der Lage, Spiele entscheiden zu können, wie kaum zu übersehen war.

Fazit

Es gelang der Eintracht über 90 Minuten, gnadenlos ihr Spiel durchzusetzen und es Barcelona aufzudrücken: Im Aufbau ausschließlich lange Bälle und dann Attackieren der zweiten Bälle oder Nachrücken, wenn Lindström, Borré oder Kostic in den Lauf angespielt werden konnten. Dadurch hatte Barca praktisch null Ballgewinne im Mittelfeld und konnte daher praktisch nie schnell nach vorne spielen. Dazu eine extreme Raumverengung in der Zentrale. Blieb für Barca nur noch das Spiel über die Außenstürmer, die (vor allem Dembélé) super-aggressiv und mit viel Laufaufwand gedoppelt und gedreifacht wurden (siehe oben im Detail). Wohingegen die SGE selbst viele Kontermöglichkeiten hatte und im vorderen Drittel nach den langen Bällen häufig torgefährlich werden konnte.

Das ist eine extreme taktische Leistung gewesen, die viel Geduld und Bereitschaft der Spieler voraussetzt. Es war ein brillanter Plan, der auf die eigenen Stärken und die Schwächen des Gegners perfekt abgestimmt war und von den eingesetzten Spielern mit enormem Aufwand und Einsatz umgesetzt wurde.

Im Grunde war das 0:2 zur Halbzeit und das 0:3 nach 90 Minuten für Barcelona noch schmeichelhaft, mindestens Knauff hätte kurz vor Abpfiff der ersten Halbzeit nach Weltklasseseitenwechselflugpass von Rode und tollem Dribbling noch auf 3:0 erhöhen können (eintracht.tv 49:14), ebenso Lindström in der oben gezeigten Szene aus der zweiten Halbzeit. Es gab weitere gute Einschussmöglichkeiten für die SGE.

Neben den oben dargestellten Schlüsseln spielte ein weiterer Faktor eine wichtige Rolle: Die hier immer wieder benannte technische Stärke der SGE. Die Mannschaft war ball- und passsicher genug, um sich aus dem Gegenpressing der Katalanen zu befreien, auch eigene längere Ballsequenzen zu bekommen und Konter und Schnellangriffe nachhaltig auf den Platz zu bekommen. Das dürfte für Außenstehende, die sich nicht seit Saisonbeginn ausgiebig analytisch mit der Mannschaft beschäftigt haben, vielleicht die größte Überraschung gewesen sein: Die Tatsache, dass die Eintracht-Elf (Startaufstellungswert laut transfermarkt.de 134 Mio. €) mit dem Starsensemble aus Barcelona (363 €) auch technisch mithalten konnte.

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2 Kommentare

  1. Bernd sagt:

    Ich hoffe der Marktwert von Barca ist nicht auf 363€ gesunken durch das Spiel und du hast nur die „mio“ vergessen. Ansonsten würde ich gerne den ein oder anderen Spieler abwerben. Sonst aber wie gewohnt eine starke Analyse.

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  2. Anonymous sagt:

    Bin auf diesen Blog aufmerksam geworden, nachdem ich die Freude hatte, in Camp Nou sein zu können, und würde mich nun auch freuen, über neue analytische Beiträge in diesem Blog per E-Mail informiert zu werden. Grüße/Gude

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