SGE – TSG Hoffenheim 2:2 (1:1)

Das Unentschieden gegen die Hoffenheimer brachte wenig Neues, dennoch ein kurzer Blick auf das Spiel und seine Höhepunkte.

Die Aufstellung

TSG: Baumann – Posch, Vogt, Akpoguma (46. Nordtveit, 89. Adams) – Raum, Stiller, Samassekou (67. Rudy), Bebou – Bruun Larsen (67. Rutter), Kramaric – Dabbur (87. Skov) – Trainer: S. Hoeneß

Oben: Die Aufstellung mit Toren, Vorlagen (inkl. herausgeholte Elfmeter) und algorithmisch (aus statistischen Spieldaten) generierten Noten.

Die Realaufstellung der SGE, also die Orte, wo die jeweiligen Spieler sich im Durchschnitt aufgehalten haben.

Die Noten in Klammern oben sind Übersetzungen der Bewertungen der Seite sofascore.com. Sie werden automatisch generiert anhand der individuellen Spieldaten jedes einzelnen Spielers. Nur bei der Torwartposition muss die Note etwas angepasst werden, da die algorithmischen Bewertungen systematisch negativer ausfallen als die der Feldspieler. Auch die Informationen zur Realaufstellung sind Zitate nach sofascore.com.

Die Statistik

Die Highlights

gibt es vorerst hier.

Das Spiel

Das 0:1 in der 12. Minute durch ein Eigentor von Ndicka ist nichts als ein Geschenk, denn Ndicka geht ohne Not zum Ball:

Hier stimmt eigentlich alles, die Kette steht richtig, Kostic ist eingerückt, wäre weit vor Bebou am Ball gewesen, die Flanke von Kramaric war ohnehin zu ungenau, Dabbur hatte keine Chance, dranzukommen, Ndicka hätte den Ball einfach durchlassen können, dann wäre er in Trapps Armen gelandet. Stattdessen köpft er den Ball unhaltbar ins eigene Tor.

Was aber noch interessant ist an dem Tor: Die Flanke war Ergebnis guten Positionsspiels der Hoffenheimer, ein Element, das die Eintracht seit der Unentschiedenserie vom Saisonbeginn praktisch komplett abgeschaltet hat. Vielleicht eine Erklärung dafür, dass der qualitativ ähnlich besetzte Kader der Hoffenheimer bisher sechs Punkte mehr sammeln konnte als die SGE.

Hier der Aufbau der TSG. Raum überspielt mit seinem gezielten Tiefenball ins Mittelfeld auf Kramaric gleich 3 SGE-Spieler und damit das komplette SGE-Angriffspressing. Danach spielen Kramaric und Bruun Larsen mit einem Doppelpass im 2 gg. 1 Tuta aus, dann flankt Kramaric und Ndicka köpft ins eigene Tor.

Hier liegt zwar auch ein ziemlich eindeutiger Stellungsfehler von Rode vor, der sich mindestens entscheiden muss, auf wen er Zugriff haben will, Stiller oder Kramaric. Wenn er sich, wie hier, zwischen die beiden Passwege stellt, kann er naturgemäß beide nicht verhindern. Im Optimalfall deckt er den tiefen Passweg auf Kramaric ab. Alternativ könnte Knauff den Ballbesitzer Raum auf der Innenbahn anlaufen, dann könnte Rode Zugriff auf Stiller erlangen und das Pressing wäre geordnet. Stattdessen ermöglicht die SGE den Tiefenpass aus Kramaric, womit die TSG im Tempo ist und den Angriff in die torgefährliche Zone vortragen kann.

So sehr das auch ein Stellungsfehler seitens der SGE gewesen sein mag, so sehr ist hier und im ganzen Spiel zu sehen, dass die Hoffenheimer solche Situationen suchen, das Spiel in der letzten Reihe breit anlegen und mit ähnlichen Mustern versuchen, über Positionsspiel – also kontrolliert – Tiefe in das eigene Spiel zu bekommen. Ein Element, das man bei der SGE kaum noch sieht.

Was so schade wie unverständlich ist, denn dass die Mannschaft technisch in der Lage ist, das umzusetzen und wie wirksam ein starkes Positionsspiel sein kann, zeigte die Mannschaft selbst in der 39. Minute, als man mit 9 Pässen die größte Chance der ersten Halbzeit herausspielte:

Hier der letzte Pass von Kostic auf Lindström, der dann frei aus 10 Metern an Baumann scheitert.

Hier der komplette Angriffsvortrag:

Mit dem Hinteregger-Pass auf Kamada, der sofort gegen zwei Hoffenheimer ins Dribbling geht, ist Tempo im Spiel. Kamadas Pass auf Kostic (4) spielt dieser one touch weiter auf Rode, eine Weltklasseaktion von Kostic, sowohl hinsichtlich Entscheidung als auch Präzision. Aber auch die Verarbeitung von Rode ist dann stark, wie auch sein Pass in den Lauf von Kostic.

Es ist wirklich sehr erfreulich, solch großartige Fußballer wie Kostic, Rode und Kamada im Waldstadion fußballspielen zu sehen. Umso wichtiger wäre es, diese spielerisch-technische Klasse auch öfter über solche Positionsangriffe auszuspielen.

In der 32. Minute erzielt Ndicka das 1:1 nach einer Kostic-Ecke. Ndicka macht das stark, allerdings ist in dieser Szene auch die Hoffenheimer Boxbesetzung etwas wunderlich, was aber nicht unser Problem sein soll. Viel interessanter ist die Entstehung der Ecke, denn sie ist idealtypisch für das SGE-Spiel.

Dies ist eigentlich eine Kontersituation der Hoffenheimer, aber die SGE ist hier sehr stark in der Kontersicherung, gut besetzt und klar in Überzahl. Hier gewinnt Jakic den entscheidenden Zweikampf gegen Kramaric. Der Ball landet dann über Ndicka bei Kostic.

Kostic startet dann ein starkes Tempodribbling bis zum Sechzehnereck und schießt von dort aufs Tor – Baumann muss mit einer starken Parade halten. Die folgende Ecke köpft Ndicka dann ins Tor.

Dem 2:1 in der 66. Minute geht eine starke Zweikampfleistung von Jakic im Gegenpressing voraus, allerdings auch ein sehr umständlicher Umschaltversuch der Hoffenheimer. Das Tor ist analytisch kaum interessant, zeigt aber das ganze Jakic-Dilemma (sehr motivierter, einsatzfreudiger, auch zweikampfstarker Spieler mit (zu) großen Schwächen bei den Anschlussaktionen, Handlungsentscheidungen, Handlungsschnelligkeit):

Hier gewinnt Jakic den Ball gegen Bebou (und zwei weitere Gegner):

Hier (keine Sekunde später) ist er von der Anschlusssituation überfordert und verliert den Ball wieder (zu weit vorgelegt):

Dass der Ball von Posch dann bei Ndicka landet, ist etwas Glück. Der Anschluss von Ndicka und Kamada ist dann natürlich sehr stark gemacht.

Dem zweiten Gegentor in der 76. Minute ging ein erbärmliches Zweikampfverhalten von Knauff und Hauge voraus und wo ja demnächst das Saisonfazit ansteht, kann man schon jetzt sagen, dass der Hauptgrund dafür, dass die SGE mit diesem Kader wohl nur Tabellenachter oder -neunter werden wird, die Tatsache ist, dass sich die Mannschaft in praktisch jedem zweiten Spiel mit einem defensiven Anfängerfehler mindestens einen Gegentreffer einfängt. Diesmal also Knauff und Hauge:

Hier die Situation vor dem Tor. Knauff und Hauge haben ein gewissermaßen ideales 2 gg. 1 gegen Raum. Hauge hat Zugriff, Knauff hier noch einen sehr guten Abstand zum Doppeln. Doch statt diese defensive Standardsituation professionell zu lösen, rennt Hauge völlig unmotiviert von hinten seitlich in den Körperzweikampf und Knauff rennt – noch unmotivierter – blindlinks Richtung Ball.

Raum ist dann selbst überrascht, dass ihm der Ball vor den Füßen landet und die zwei Frankfurter sich aus dem Zweikampf einfach freiwillig verabschiedet haben. Die Gegner in der Bundesliga können ihr Glück regelmäßig kaum fassen. Solche Szenen sind in der Bundesliga und im Profibereich – außerhalb von Eintracht Frankfurt – wirklich nicht oft zu beobachten:

Hier das Ergebnis: Die beiden Spieler, die eben noch eine gute Überzahlsituation hatten, sind völlig düpiert, Meter weit abgehängt von Raum. Dessen Flanke köpft Rutter dann in der Mitte ohne Probleme ins Tor.

Man möge sich das bitte einmal anschauen bei eintracht.tv ab 33:30

Solche Flanken sind dann oft schwer zu verteidigen, hier ist es ein verlorenes 1 gg. 1 von Ndicka gegen Rutter, also noch am ehesten von Ndicka zu verteidigen, wenn er früher einen Schritt zum Gegner gemacht hätte.

Um es noch einmal klar zu sagen: Fehler können passieren, das passiert auch in Profimannschaften, aber es kommt schon auf die Qualität der Fehler an. Solche krassen Abstimmungsfehler wie hier, sind einfach nicht Profilevel und defensive Abstimmung ist und bleibt Trainerarbeit.

Fazit

Mit dem Einsatz der eingespielten Offensivreihe Kostic-Kamada-Borré-Lindström-Knauff war die Eintracht – anders als noch gegen Union Berlin – wieder konkurrenzfähig. Die Eintracht war, wie in der Mehrzahl der Spiele und trotz der etwas ausgereifteren Spielanlage der Hoffenheimer, die bessere Mannschaft, konnte aber mit der Feldüberlegenheit (ziemlich deutliche 32% zu 22%) erneut nichts Entscheidendes anfangen.

Nach dem geschenkten 0:1 kämpfte sich Ndicka sehr konsequent ins Spiel zurück, holte sich in der 23. Minute bereits eine Lindström-Ecke und köpfte sie nur knapp übers Tor, kurz drauf macht er dann das 1:1 nach einer Kostic-Ecke. Das dokumentiert auch den Fortschritt, den Ndicka in dieser Saison gemacht hat.

Im übrigen ist die Entwicklung des Teams etwas zum Stillstand gekommen. Der im übrigen dumme neoliberale Spruch, wonach Stillstand Rückschritt bedeute, muss im Fußball, dessen Wesen die Teamkonkurrenz ist, zutreffen, denn wo es im Mannschaftssport keine Weiterentwicklung gibt, stellt sich oft Regression ein, was man dann manifest im Zurückfallen von Spielern, Mannschaftsteilen und ganzen Mannschaften in alte, falsche bzw. überwundene, also eigentlich weiterentwickelte, Verhaltensmuster beobachten kann. Das wurde hier anhand des Union-Spiels schon ausführlich an dem regressiven Zweikampfverhalten des Spielers Tuta dokumentiert, gegen Hoffenheim zeigten sich nun tendenziell mannschaftliche Regressionen, namentlich das Spiel über Kostic als Dauereinbahnstraße. Das sind nur Tendenzen, aber doch durchaus sichtbar.

Besonders krass und mittlerweile wirklich punktemäßig teuer sind die regelmäßigen krassen defensiven Fehler. Weder individual- noch gruppentaktisch ist Glasner mit den Spielern in der nun fast abgeschlossenen Saison entscheidend weitergekommen. Das ist bedenklich, zumal es sich um Fehlverhalten handelt, das so total falsch ist, dass man es eigentlich recht gut und schnell mit didaktischen Reihen bearbeiten und verbessern kann. Diese Arbeit ist ausgeblieben, wohl der Hauptgrund dafür, dass dieser starke SGE-Kader nur einen Mittelfeldplatz in der Bundesliga belegen wird.

Es steht zu befürchten, dass auch in den anstehenden Halbfinals gegen West Ham United diese extreme Schwäche nicht ohne Konsequenzen bleiben wird. Es ist kaum zu erwarten, dass noch einmal ein Gegner wie der FC Barcelona in vollendeter Arroganz auf eine Gegneranalyse einfach verzichtet und der Eintracht fröhlich in alle Fallen läuft und genauso spielt, wie es der SGE am liebsten ist.

Immerhin hat Glasner die dauernden Kettenfehler, das oft totale Kettenchaos, das er von Hütter geerbt hat, einigermaßen in den Griff bekommen können, das allein aber genügt nicht, um in der Tabelle mit den vor allem defensiv deutlich koordinierter agierenden Konkurrenten wie Köln, Freiburg oder Union Berlin mithalten zu können. Dafür müssen auch alle anderen defensiven Abläufe gut funktionieren und unforced errors gegen Null tendieren und das ist bei der Eintracht derzeit einfach nicht der Fall.

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