Gegner-Check: Glasgow Rangers

Im Finale der Europa League trifft die SGE auf die Schotten aus Glasgow. Eine Gegneranalyse anhand des Halbfinal-Rückspiels der Rangers gegen Leipzig.

Besonderer Augenmerk soll hier auf die Bereiche Aufbauspiel, Pressing, Offensivspiel, Defensive gelegt werden.

Aufbauspiel

Mit langen Ballstafetten und vorbereitenden Kombinationen oder Seitenwechseln halten sich die Rangers nur selten auf. Aus einem 3er-Standardaufbau versuchen sie, sehr schnell Bälle in die Tiefe zu finden – ein entscheidendes Moment ihres Spiels. Hier eine Szene aus 7. Minute:

Lundstram spielt hier einen Aufbauball von sehr weit außen auf den eigentlichen Rechtsaußen der Rangers, den extrem schnellen Wright. Gut zu sehen, dass Leipzig keinen Zugriff auf Wright hat, sodass dieser sich schnell aufdrehen kann. Wright startet mit der Ballannahme sofort den tiefen Angriff via Tempodribbling.

Die vordere Angriffspressingreihe der Leipziger hat keinen Kontakt zur zweiten Mittelfeldreihe und man ist schlecht beraten, den Schotten solche Möglichkeiten zu schnellen Tiefenangriffen zu bieten, denn darauf lauern sie fortwährend.

Nach dem Temopdribbling spielt Wright einen Doppelpass mit Tavernier, der Pass kommt gut in den Lauf des sofort ansprintenden Wright, der die Leipziger mit seiner Antrittsstärke komplett überläuft.

Hier gut zu sehen, dass die Leipziger eigentlich mit Überzahl und geordnet stehen, der extrem schnellen Angriffsausführung von Wright und Tavernier sind sie dennoch nicht gewachsen. Wie funktioniert das? Entscheidend ist das Tempo und die schnelle, präzise Ausführung des Doppelpasses. Wenn es Wright gelingt, mit Tavernier so schnell Doppelpass zu spielen, dass kein Leipziger Mitspieler Angelino doppeln kann, wird aus der Leipziger Überzahl eine 2 gg. 1 – Überzahl für Glasgow am Flügel. Und genau das ist das Kalkül solcher extrem schnell gespielten Angriffe: Die mannschaftstaktische defensive Ordnung des Gegners in gruppentaktische Kleinsituationen auflösen, in denen man dann kurz Überzahlsituationen erlangen und diese ausspielen kann.

Das ist ein zentraler Aspekt der Spielanlage der Rangers und der Grund, warum ihre Angriffe häufig „überfallartig“ wirken.

Um diese Stärke auszuschalten, muss der Gegner vor allem zwischen den Linien eng stehen, das eigene Pressing mit kurzen Abständen organisieren und möglichst schnell doppeln.

Das Aufbauspiel der Rangers aus der letzten Reihe ist eher überschaubar. Sie spekulieren entweder auf solche Abstandsfehler des Gegners wie gezeigt, oder auf lange Bälle auf ihre schnellen Außenstürmer. Früher oder später fliegen die Bälle doch sehr oft lang. Das ist zwar nicht sonderlich originell, aber überaus effektiv, denn die Außen Tavernier, Smith und Kent sind gute, schnelle Fußballer, die die Dreierkette der SGE ziemlich weit auseinanderziehen dürften, bzw. Kostic und Knauff oft defensiv binden werden.

Flache Aufbauaktionen aus dem 3er-Aufbau hingegen gehen oft schief, vor allem Goldson ist als Aufbaupassgeber nicht wirklich sicher und produzierte auch gegen Leipzig einige Fehlpässe. Ein echtes Positionsspiel über die Reihen ist von den Rangers aber ohnehin kaum zu erwarten.

Offensivspiel über die Außen(stürmer)

Die Niederländische Schule von Rangers-Coach van Bronckhorst schlägt sich hauptsächlich in dem extremen Spiel über die Außen und vor allem die Außenstürmer nieder. Das 1:0 der Schotten gegen Regionalbahn fiel dann auch nach einem typischen Rangers-Angriff.

Hier der typische, nunja, Rangers-Aufbau: Barisic spielt den Ball hoch und weit longline Richtung Linksaußenposition und wünscht Glück.

Im Bild gleich sieht man aber, dass das durchaus nicht nur Glück ist, denn zum Zeitpunkt des Abspiels haben die Rangers vorne längst wieder ihre 2 gg. 1 – Überzahl am Flügel gestellt, indem Mittelfeldspieler Kamara auf Linksaußen gelaufen ist und den Ball in Empfang nimmt.

Hier gut zu sehen, dass Kamara und nicht Kent der Zielspieler des langen Aufbauballes ist. Dadurch haben die Schotten am Flügel direkt zwei Spieler in der Aktion, Kent kann von hinten in die Aktion eingreifen, entweder versuchen, sich den Ball aus dem Zweikampf Kamara-Kampl selbst zu angeln oder auf einen gewonnen Zweikampf von Kamara spekulieren und den Ball in den Lauf fordern.

Letzteres passiert dann, Kamara setzt sich gegen Kampl und Klostermann durch, steckt durch auf Kent, der dann mit einem Tempodribbling und Querpass das 1:0 durch Tavernier ermöglicht.

Beide Außen, Kent und Wright, sind extrem schnell, sowohl im Antritt als auch in der Endgeschwindigkeit, zudem kombinationsstark in überschaubaren gruppentaktischen Spielsituationen. Vor allem Kent wird viel gesucht, geht immer wieder in Dribblings. Dieses Suchen von 1 gg. 1 – Situationen durch Kent ist ein zentraler Punkt der Spielanlage der Glasgower.

Zwei weitere Aspekte des Rangers-Offensivspiels finden sich in dieser Szene aus der 29. Minute:

An dem Angriff nehmen, noch in der vordersten Reihe, sechs Spieler teil. Dadurch haben die Rangers in der unmittelbaren Torzone eine 3 gg. 3 – Gleichzahl. Das ist dann bei der Flanke sehr schwer zu verteidigen.

Auch das ist ein Muster, das sehr oft zu beobachten ist: Beide Außenspieler, gegen Leipzig Tavernier und Barisic, schalten sich in die Angriffe ein, ebenso Kamara, sodass die Rangers oft mit einer 6er-Offensive gleichzeitig bis in die vordere Reihe, bis in den Sechzehner angreifen.

Die Leipziger waren mit diesem extrem schnell in die Tiefe zielenden, mit viel Personal durchgeführten Angriffsspiel der Schotten in der ersten Halbzeit total überfordert.

Pressing

Das Pressing der Rangers ist extrem gefährlich und auf aggressive Ballgewinne schon in der vorderen Reihe ausgelegt. Dem 2:0 gegen Leipzig ging genau eine solche Pressing-Situation voraus.

Die entscheidende Szene vor dem 2:0: Wright verwickelt Gvardiol in einen Zweikampf im Grunde fast an der Eckfahne. Kamara, Kent, Aribo, Tavernier haben alle Zugriff auf jede erdenklich Anspielstation von Gvardiol. Gvardiol kommt dann zwar zunächst an Wright vorbei, zögert dann aber, da er keine „elegante“, also flache Aufbaustation findet und verliert dann den Ball gegen den nachsetzenden Wright.

Der Ball landet dann sehr schnell rechtsaußen bei Aribo.

Und das spielen die Rangers dann extrem schnell und stark. Aribo, Wrigth und Kamara spielen ein klassisches Angriffsdreieck und der Schuss von Kamara ist unhaltbar für Gulasci.

Diese Schnellkombinationen im vorderen Drittel sind die stärkste Waffe der Schotten und kaum zu verteidigen, entscheiden ist hier aber das sehr gut abgestimmte, gut verzögerte und im richtigen Moment zuschlagende Pressing.

Defensive

Defensiv spielen die Rangers mannorientierter als die meisten Bundesligisten, laufen auch im hinteren Bereich Zweikämpfe sehr aggressiv an, gehen früh auf den Ball. Viele Zweikämpfe werden daher von ihnen mit hohem Risiko geführt, oft auf Abfangen der Pässe und wenn das nicht gelingt, sofort sehr körperlich, auch mit dem Risiko vieler Foulspiele.

Hier eine Situation aus der 49. Minute, in der man einige typische Elemente des Rangers-Spiels gut sehen kann:

Zunächst stehen sie hier in der letzten Reihe zu dritt, allerdings ergänzt der defensive Mittelfeldspieler Jack hier die Dreierkette, während das eigentliche linke Kettenglied Bassey im Mittelfeld Laimer attackiert. Auch den Pass Richtung Olmo attackiert der eingerückte Tavernier sofort aggressiv und mit hohem Zweikampfrisiko. Man sieht hier auch, dass zwei Offensive (Kent und Tavernier) in der defensiven Aktion sehr präsent sind, ebenso wie Kamara.

Hier also gleich mehrere Besonderheiten des Defensivspiels der Rangers, das man auch gegen die SGE beobachten dürfte:

  • Das Verteidigen aus der Dreierkette

Vor allem Bassey verteidigt sehr häufig aggressiv sehr weit ins Mittelfeld und wird dann meist von Jack nach hinten gesichert.

  • schnelles Ergänzen der Kette aus dem Mittelfeld

Die letzte Reihe wird dann spontan ergänzt. Dieses Rein-raus ist ziemlich variabel und dieses Nach-vorne-Verteidigen trägt stark zur Aggressivität der Rangers bei.

  • Überzahl hinten

So sehr die Rangers nach vorne auf personelle Überzahl setzen, so sehr machen sie das auch im Rückwärtsgang. Hier im Bild gut zu sehen, dass sie hier mit sieben Spielern in der defensiven Aktion präsent sind, weil die offensiven Kent, Tavernier und Kamara sich voll für die Defensivarbeit verantwortlich fühlen.

Weiter erwähnenswert ist, dass die Ballorientiertheit der Rangers dazu führt, dass sie kaum auf Abseits spielen, sondern die Abseitslinie ziemlich konsequent nach hinten verschieben, teilweise bis an den eigenen Fünfer. Die Mannschaft ist in der letzten Reihe körperlich sehr stark und verlässt sich auf die Zweikampfstärke hinten lieber als auf Kettenspiel mit Abseitslinie. Das ist recht gut organisiert, aber naturgemäß auch anfällig und geht nicht immer gut. So auch beim Tor für Leipzig:

Die Leipziger spielen hier einen Seitenwechsel über Kampl auf Angelino, dessen Flanke Nkunku dann vor Goldson erreicht und ins Tor schießt. Gut zu sehen: Durch das relativ tiefe Stehen bleibt die Vorbereitungslinie Kampl-Angelino ziemlich frei und die Rangers kommen ins Laufen, bekommen keinen Zugriff, auch weil Arfield hier gegen Angelino noch keinen Zugriff hat. In der letzten Reihe läuft dann die ganze Kette mit Nkunku in die Tiefe und verlässt sich auf die Kopfball- und Zweikampfstärke von Balogun und Goldson in der Mitte. Die Flanke ist aber zu präzise, Nkunku einen Schritt vor Goldson und so können die Rangers diese Situation nicht mehr verteidigen.

Fazit

Die SGE wird, ähnlich wie die Leipziger, dem Gegner technisch, im Aufbau- und Positionsspiel deutlich überlegen sein, die Rangers bemühen diese Elemente kaum.

Die Chance der SGE liegt zum einen darin, diese Stärken auszuspielen und gleichzeitig darin, die Stärken der Glasgower gewissermaßen mitzugehen. Wo das sehr stark auf eigenen Ballbesitz und Positionsspiel ausgelegte Spiel der Leipziger für die Rangers gut zu attackieren war, ist das Spiel der SGE variabler, dem Spiel der Rangers in vielen Punkten ähnlicher als das der Leipziger. Die Eintracht spielt den Ball zur Not eben auch lang.

Außerdem ist das intensive Spiel der Rangers kaum über 90 Minuten durchzuhalten, was auch gegen Leipzig gut sichtbar war, auch das dürfte im Matchplan von Glasner eine Rolle spielen.

Die größten Stärken der Schotten sind ihr extremes Angriffspressing, ihre gute defensive Organisation mit variablem Verschieben auch zwischen den Reihen, insbesondere mit dem sehr aggressiven Bassey und ihr extrem auf Tiefe und offensive 1 gg. 1 – Situationen ausgerichtetes Angriffsspiel über die Außen, besonders über den Superstar der Rangers, Ryan Kent, links.

Kent bereitete dann auch das für die Rangers entscheidende Tor mit einem seiner Dribblings vor. Ob die SGE gegen die Rangers bestehen kann, wird entscheidend davon abhängen, ob die rechte SGE-Seite, vermutlich mit Touré und Knauff Kent insoweit bespielen kann, dass er nicht frei zum Flanken oder sonstigen Vorlagengeben kommt. Die beiden Eintracht-Spieler dürften mit ihrer Schnelligkeit und ihrem etwas tieferen Körperschwerpunkt besser zu Kent passen als die Leipziger Klostermann, Henrichs und Orban.

Im Aufbau spielen die Rangers so gut wie immer lange Bälle, um dann im vorderen Drittel auf Ballgewinne bei zweiten Bällen zu gehen. Gelingt das, geht es schnell in die Überzahlsituationen an den Flügeln.

Das Spiel der Rangers enthält taktisch nicht sehr viele Elemente, es ist von der Anlage her relativ ausrechenbar, allerdings spielen sie in ihrer „einfachen“ Spielanlage extrem schnell und aggressiv und vor allem nach Ballgewinnen auch sehr starke Flügelschnellkombinationen. Und auch das ist nicht zu unterschätzen: Kent, Kamara, Wright, Aribo und Tavernier sind sehr gute Fußballer, die diese Highspeed-Kombinationen auch technisch sauber durchführen können.

Es wird für die SGE viel darauf ankommen, diese Situationen schon im Ansatz zu verhindern, indem den Schotten die Angriffsflächen im vorderen Drittel nicht geliefert werden. Das ist aber sehr schwierig und hat die Leipziger vor unlösbare Probleme gestellt.

Insgesamt sollte die SGE mit dem Gegner etwas besser zurecht kommen, die jeweiligen SGE-Spieler „passen“ defensiv etwas besser zu den Glasgow-Stärken und auch insgesamt ähnelt das Spiel der SGE dem der Rangers viel mehr als das der Leipziger, was den Schotten vermutlich nicht behagen wird.

Auch die ebenfalls sehr schnelle und technisch starke Offensive der SGE sollte die eher körperlich starke letzte Reihe der Schotten fordern können.

Glasgow Rangers ist trotzdem, gerade weil sie sich auf wenige Stärken konzentrieren, diese aber mit maximaler Power und Konzentration immer wieder auszuspielen versuchen, ein extrem schwierig zu bespielender Gegner.

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