1. FC Magdeburg – SGE 0:4 (0:2)

In der ersten Runde schlägt die SGE den Zweitligisten verdient. Doch war das Ergebnis so souverän und traumhaft herausgespielt, wie in den meisten Medien rezipiert?

Ein Blick auf die wichtigsten Szenen des Spiels.

Die Statistik

Aufstellung

Trapp – Ndicka, Tuta (67. Hasebe), Touré – Kostic, Sow, Kamada, Knauff (67. Chandler) – Götze (79. Jakic), Lindström (67. Kolo Muani) – Borré (74. Alario)

Tore (Vorlagen):

0:1 Kamada (4. Kostic), 0:2 Lindström (32. Knauff), 0:3 Kamada (59. Borré), 0:4 Alario (90. Kolo Muani)

Weitere Statistiken

hier

Die Highlights

Quelle: Youtube

Das Spiel in der Analyse

Bei Betrachtung der analytischen Daten überrascht vor allem der Magdeburger Vorteil im Bereich Ballbesitz, die Gastgeber gewannen in dieser Hinsicht mit 55:45 Prozent und dieses statistische Ergebnis ist stark kontraintuitiv, denn der Eindruck beim spontanen Beobachten des Spielgeschehens war ein anderer: Man hatte den Eindruck einer SGE, die das Spiel weitgehend kontrollierte und den Gegner im Griff hatte. Der Ballbesitzvorteil erklärt sich indes durch das frühe Führungstor der SGE, das die Gastgeber zwang, sehr initiativ zu spielen. Das kam der SGE sehr entgegen.

Betrachtet man die entscheidenden Spielmomente, wird schnell deutlich, dass die Eintracht das Spiel so überaus souverän nicht gestaltet hat, stattdessen auch durchaus das Spielglück mehrmals auf ihrer Seite hatte, bzw. eben die Magdeburger in mehreren Situationen technisch zu schwach waren, um die Angebote und Fehler der SGE anzunehmen und auszunutzen.

Im Detail:

Das ist die ursächliche Situation vor dem 0:1 für die SGE. Das ist ein Positionsangriff aus der letzten Linie. Ndicka spielt den ersten Pass zu Kostic, der auf den sehr weit außen postierten Götze. Mit dem Abspiel startet Kostic in einen langen Sprint, vorbei an Elfadli, Götze und den Götze anlaufenden Lawrence. Götze steckt den Ball Kostic dann in den Lauf durch.

Das ist sicher gut und schnell gespielt von Kostic und Götze, ein solches Anlaufpressingverhalten wie hier von Lawrence und Elfadli wird die SGE in der Bundesliga aber kaum vorfinden. Götze steht zwischen den beiden Magdeburgern völlig frei und mit dem Pass auf Götze verlässt sich Elfadli auf seinen Kollegen Lawrence, zieht das Laufduell gegen Kostic nicht an und hat somit keine Chance, dessen Flügelaktion, die dann zum Kamada-Tor führt, zu verhindern. Das Tor ist toll herausgespielt, aber hier haben die beiden Starspieler der SGE auch sehr viel Raum, das ist von Magdeburg sehr gastfreundlich angeboten worden.

Was sich in dieser Situation aber sehr schön zeigt, ist, dass die Gastgeber aus der zweiten Liga keineswegs tief standen oder der SGE das Spiel überlassen wollten, sondern eher den Schlagabtausch suchten, auch mit hohem Risiko vorne anzupressen versuchten – eine Spielweise, die dem schnellen, technisch starken Kombinationsspiel der SGE entgegen kommt.

Nur wenige Minuten später, in der 5. Minute verursacht Tuta einen Elfmeter gegen den Magdeburger Scienza. Vorausgegangen war ein Ballverlust von Borré im Mittelfeld, den Müller sofort zum Tempodribbling Richtung SGE-Abwehr nutzt.

Hier die Situation vor dem Strafstoß. Die Dreierkette der SGE ist vollzählig, Kostic zumindest körperlich anwesend und in der Nähe. Auch die Höhen und Abstände sind im grünen Bereich. Nur Kostic ist ca 1,5 Meter zu weit vorne und etwas zu weit außen, weshalb er nicht in die folgende Situation eingreifen kann. Das kann bei einem solchen Tempogegenstoß aber passieren.

Es liegt also kein großer Kettenfehler vor, Müller muss den Ball auch leicht nach außen spielen, der Zweikampf ist von Tuta noch zu erreichen und er kommt auch in den Zweikampf, ist dann aber einen Schritt zu langsam um Scienza abdrängen zu können und setzt dann zur Grätsche an, um den Schussweg von Scienza zuzumachen. Hier:

Tuta setzt zur Grätsche gegen Scienza an, trifft diesen leicht und Scienza nimmt das Geschenk auch gerne an. Den Elfer kann man aber geben.

Das Problem in dieser Situation ist also kein Kettenfehler, sondern eine schwache Aktion von Tuta, der hier nicht grätschen muss und darf, da Scienza hier schon keinen optimalen Abschlusswinkel hatte und Tuta den Schussweg gemeinsam mit Trapp auch verengen kann, wenn er auf den Beinen bleibt.

Dass Tuta weder im Antritt noch in Sachen Endgeschwindikeit der allerschnellste ist, wird in solchen Situationen zum Problem. Ein etwas schnellerer Spieler hätte Scienza ohne große Schwierigkeiten hier ablaufen können.

Dass Trapp den Elfmeter hält, ist zwar ebenfalls Mannschaftsqualität, der war aber auch sehr schwach geschossen und diese Situation sicher mit spielentscheidend. Denn wenn die Magdeburger hier den Ausgleich machen, entsteht wahrscheinlich ein anderes Spiel.

In der ersten Halbzeit noch ein Blick auf das spielentscheidende 0:2, denn hier zeigt sich die neue Qualität, die mit Mario Götze ins Eintracht-Spiel kommt. Götze ist ein echter Spielmacher und kann mit seinen antizipatorischen, technischen Fähigkeiten und seinem Blick für Räume und Passmöglichkeiten in vielen Situationen den Unterschied machen. So auch hier.

Hier stark vereinfacht die Kombination vor dem entscheidenden Tiefenpass von Götze auf Knauff, der dann von Lindström vollendet wird. Hier nur eine ganz grobe Skizze des Ablaufs, viel besser ist die Szene in den Bewegtbildern (eintracht.tv ab 38:04) zu sehen. Götze fordert den Ball auf der Halbposition von Kamada. Er bewegt sich zu diesem Zeitpunkt im Rücken von drei Magdeburgern, die ihn nicht sehen können und diesen strategischen Vorteil nutzt Götze dann mit der hier angedeuteten Kombination mit Lindström, um dann einen extrem präzisen tiefen Flugball zu spielen. Die gesamte Initiative hier geht von Götze aus, der gesamt Angriff ist im Grunde seine „Idee“. Natürlich müssen die Mitspieler hier ebenfalls ihre Aufgaben technisch sauber erfüllen, aber dies ist ein schönes Beispiel für echtes Spielmacherspiel: Erkennen einer Spielmöglichkeit, Ergreifen der Initiative und technisch perfekte Ausführung.

Noch ein Blick auf das Spiel der Dreierkette. Dieses war nämlich, wie schon beim Elfmeter, durchaus nicht immer sattelfest und das sehr offensive Spiel mit sehr vielen offensiven Spielern führt zu einer hohen Konteranfälligkeit und dann muss in der Absicherung gut und richtig gearbeitet werden. Das gelingt der SGE-Abwehr nach wie vor zu selten.

Hier eine Szene aus der 50. Minute. Vorausgegangen war ein Ballverlust von Götze nach Missverständnis mit Sow. Die Magdeburger Kontern schnell und gezielt und sind mit zwei schnellen tiefen Pässen in der vorderen Reihe bei Atik. Da sich in den Angriff zuvor auch Touré eingeschaltet hatte, ergibt sich in der Restverteidgung dieses Bild:

Tuta muss Atik eng stellen, Ndicka kommt ebenfalls nach rechts zum Sichern, Kamada macht während der ganzen Aktionen keine Anstalten, irgendeinen freien Raum zuzulaufen, so steht Kwarteng vollkommen frei im Sechzehner vor Trapp, verbaselt den Abschluss nach dem Atik-Pass aber total.

Viel Glück für die SGE in dieser Situation und viele Fehler im Bild. Ndicka darf hier nicht einrücken, sondern muss auf den Pass auf Kwarteng spekulieren oder den Passweg zustellen, zumal Knauff Tuta auch noch hätte unterstützen können. Kamada muss als Sechser ebenfalls versuchen, zumindest den Passweg auf Kwarteng zu verengen, trabt aber in der ganzen Aktion nur zurück. Solche Fehler und verschlafene Aufgaben werden gegen ungefähr jeden Gegner in der Bundesliga zu Gegentoren führen, das ist sehr absehbar.

Das Fazit

So souverän wie es wirkte, war das Spiel der SGE nicht, sowohl die Ballbesitzstatistik, als auch die nach wie vor großen Abstimmungsschwierigkeiten in der hinteren Reihe machen durchaus Sorgen.

Die spielerische Stärke der SGE hat hingegen – zumindest in diesem ersten Pflichtspiel – mit Götze und der Weiterentwicklung durch Glasner ein sehr deutliches weiteres Element hinzugewonnen, nämlich ein sehr hochwertiges Positionsspiel, dem die beiden ersten Treffer entsprangen, also das Spiel entschieden. Allerdings machten es die Magdeburger der SGE mit teilweise sehr wildem Anlaufen, großen Abständen und sorglosem Zweikampfverhalten auch sehr leicht, insbesondere beim 0:1.

Das 3:0 entsprang dann einem Gegenpressing der SGE nach Ballverlust in der vorderen Reihe und einem krassen Passfehler des Magdeburgers Ito.

Hier der Ballverlust durch Ito. Gut zu sehen, dass der Passweg zu Bell Bell im Moment des Passes eigentlich frei ist, die SGE das Gegenpressing nicht gut gestellt hat, Kamada hat keinen Zugriff auf Bell Bell. Ito spielt dann aber einen Katastrophenpass in die Füße von Lindström.

Lindström macht das dann stark, setzt den Angriff extrem schnell und sauber über Borré fort, dessen Rücklage Kamada stark verwandelt. Auch dieses Tor war charakteristisch für das Spiel: Die SGE ist mit ihren technisch-spielerisch extrem starken Akteuren in der Lage, sehr schnell und auf engem Raum durch Schnellkombinationen jeden kleinen Raum zu nutzen, um gefährliche Situationen hervorzurufen. Allerdings machten es die Magdeburger auch hier der Eintracht nicht besonders schwer.

Auch das 4:0 war in dieser Hinsicht ähnlich. Ein von der SGE nicht sauber gespieltes Positions-Aufbauspiel landet bei dem Magdeburger Bell Bell.

Chandler geht direkt ins Gegenpressing und aus dem Zweikampf bringt er den Ball Richtung Alario.

Alario, Kolo Muani und Jakic starten sofort den Angriff Richtung Magdeburger Tor und Alario und Kolo Muani haben dann wenig Probleme, das technisch sauber auszuspielen.

Auch hier wieder: Die extreme spielerische Stärke der SGE, allerdings auch ein freundlich behilflicher Gegner, Bell Bell hätte den Ball ohne große Probleme zumindest Richtung eigenen Torwart sichern können.

Die Eintracht war dem Gegner spielerisch so stark überlegen, dass die Magdeburger letztlich keine Chance hatten. Während sich bei den Gastgebern fast in jede Offensivaktion technische Unzulänglichkeiten einschlichen, darf der SGE in der derzeitigen Besetzung kein Raum gelassen werden, da Fußballer wie Lindström, Alario, Borré, Kamada, Kostic, Knauff und Götze, der mit seinem sehr initiativen und raumantizipatorischen Spiel ein Spielmacher-Element ins SGE-Spiel bringt, das in der vergangenen Saison gefehlt hat, solche Situationen fast immer gefährlich machen können.

Sorgen muss nach wie vor die Fehleranfälligkeit in der letzten Reihe machen, insbesondere die fehlende Breite der Dreierkette in Kontersituationen. Ndicka in der oben beschriebenen Szene und Tuta beim Elfmeter zeigten sich zu fehleranfällig. Das sollte bereits gegen die Bayern nicht aufgeführt werden, da es sonst garantiert zu Gegentoren führen wird.

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