SGE – FC Bayern München 1:6 (0:5)

Die Eintracht startet mit einem Desaster in die Bundesliga. Ein analytischer Blick auf die Gründe.

Die Aufstellung

SGE: Trapp – Ndicka, Tuta (81. Hasebe), Touré – Kostic (74. Alidou), Sow Rode (46. Jakic), Knauff – Götze, Lindström (46. Lenz) – Borré (46. Kolo Muani)

FCB: Neuer – Davies, Hernandez (82. de Ligt), Upamecano, Pavard (82. Mazraoui) – Sabitzer (57. Grevenberch), Kimmich, Musiala, Müller (65. Sané) – Mané, Gnabry (65. Tel)

Die Statistik

gibt es hier und hier

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die Spielanalyse

Im Grunde mit der ersten gezielten Aktion des Spiels verrieten die Bayern, wie sie die seit Jahren immer gleichen Probleme der SGE-Defensive auszunutzen gedachten, bereits mit dem ersten Angriff spielten sie aus ihrem Viereraufbau einen Diagonalpass von Hernandez auf den aufgerückten Pavard rechts, brachten die wie immer mit zu großen Abständen agierende SGE-Kette ins Laufen und die Eintracht musste den ersten Eckball produzieren, da war noch keine Minute gespielt (eintracht.tv ab 16:56).

Bereits in der 4. Minute war es dann soweit, die Bayern erhielten den Freistoß, den Kimmich zum 1:0 verwertete. Die Freistoß-Situation war dann tatsächlich etwas unglücklich, weil Kimmich einen Stellungsfehler von Trapp ausnutzte, das Tor wäre also gut zu verhindern gewesen, allerdings entsprang der Freistoß einem Abwehr-Chaos der SGE.

Ausgangssituation war eine der von den Bayern immer wieder gesuchten Situationen, in denen die Dreierkette der Eintracht alleine hinten verteidigt und daher keine ausreichende Breite hat. Hier:

Das ist die Situation beim Pass auf Müller. Die SGE hat keine Breite in der Kette, gerät daher mit diesem sehr einfachen Aufbaupass bereits stark ins Laufen, Ndicka muss sich nach außen Richtung Müller orientieren, ist aber wie man sieht, viel zu weit weg, um Müller mit Ballannahme hinreichend attackieren zu können, inzwischen steht auch Gnabry frei, auch Musiala ist vollkommen ungedeckt, weil die Abstände der beiden Eintracht-Ketten hier im zentralen Bereich sagenhafte 13 Meter betragen.

Und obwohl die Bayern diese Situation für ihre Verhältnisse schwach ausspielen (Sow kommt zwischenzeitlich nach einem schwachen Prallpass von Gnabry an den Ball), ist die SGE-Organisation hier bereits so im Chaos versunken, dass die Bayern den verlorenen Ball sofort zurückerobern können und Ndicka beim Steilpass von Musiala auf den schnellen Gnabry diesen schon festhalten muss, damit er nicht mit Mané 2 gg. 1 aufs Frankfurter Tor zuläuft:

Ndicka ist in einer Seitwärtsbewegung, kann das Sprintduell mit Gnabry beim Musiala-Pass nicht aufnehmen, muss den Gegner also festhalten.

Ein klares taktisches Notfoul und Ndicka hat hier viel Glück, dass der sehr großzügige Aytekin ihm nicht Gelb zeigt, den fälligen Freistoß verwandelt Kimmich dann gegen Trapp zum 0:1. Der war dann ein Kunstschuss, jeder weiß, dass Kimmich solche Sachen kann und Trapp wurde da schlicht ausgeguckt. Kimmich berichtete nach dem Spiel, dass ihm von Co-Trainer Toppmöller mitgeteilt worden war, dass Trapp in Erwartung von Freistoßflanken sehr hoch steht.

Danach fand die SGE zunächst kein offensives Mittel gegen das Dauerpressing der Bayern, die jeden Ball sofort gewannen, der SGE keinerlei Räume ließen und einen Torabschluss nach dem anderen produzierten. Die Eintracht konnte sich nur mit der Dauerproduktion von Freistößen und Eckbällen irgendwie wehren – auch das ist gegen die Bayern kein guter Plan. Und auch die Ecke, die zum 2:0 führte, entstand wieder aus der üblichen fehlenden Breite und dem völlig verschnarchten und im Grunde verweigerten Defensivverhalten von Kostic.

Kostic ist selbst beim Freistoß noch zu weit aufgerückt, obwohl Kimmich erstmal am Boden lag und das Spiel unterbrochen war. Kostic weigert sich schlicht, seine defensive Aufgabe zu erfüllen und lässt Pavard völlig frei stehen.

Aus dieser Situation entsteht dann die Ecke, die zum 0:2 führt.

Mit dem Gegenzug und nach einem guten Angriff über Kostic und Sow erzielt die SGE dann die erste eigene Ecke, die Tuta an die Latte köpft.

Das war aber ein Strohfeuer, die Bayern bleiben überlegen, spielen einen Angriff nach dem anderen, fast immer nach dem gleichen Strickmuster, also mit Pässen auf die Außenstürmerpositionen in den Rücken der dauerhaft viel zu weit aufgerückten Knauff und Kostic. Man könnte das hier endlos dokumentieren, aber das würde den Rahmen sprengen. Wer sich das nochmal genau anschauen will, dem sei als Beispiel noch die 15. Minute empfohlen (eintracht.tv ab 30:40), hier spielt Müller den Pass auf den völlig freien Mané außen, der dann gegen Touré ins 1 gg. 1 gehen kann, Musiala mit dem Abschluss dann ans Außennetz.

Zwischen der 15. und 25. Minute gelingt es der SGE, eine eigene Druckphase aufzubauen und das sieht mit Ausnahme des Konters, den Müller an den Pfosten abschließt, schon erstaunlich gut aus. Und es springt nach einer Einzelleistung von Lindström auch ein starker Abschluss heraus, der eigentlich das 1:2 hätte sein müssen (eintracht.tv ab 42:20).

In der 29. Minute jedoch entscheiden die Bayern das Spiel, nach einem Pass in den Rücken des rechten „Schienenspielers“ Knauff, der erneut viel zu weit aufgerückt ist und damit den Raum für Mané öffnet. Hier:

Der Moment des Kimmich-Passes. Weder die Dreierkette hat eine gemeinsame Höhe, Touré ist hier zwei Meter zu weit herausgerückt, noch ist Knauff hier in Zugriffsdistanz zur Kette. Ergebnis: Gleich zwei technisch extrem starke und schnelle Bayern-Spielen stehen völlig blank im Rücken von Touré und Knauff.

Das spielen die Bayern dann ohne große Probleme zum Tor aus, der Ball landet bei Musiala, dessen Zuspiel köpft Mané ins Tor.

Ehrlicherweise muss dazugesagt werden, dass dem Kimmich-Pass eine unübersichtliche Situation im zentralen Mittelfeldbereich vorausgeht und Knauff hier auf Ballgewinn spekuliert, aber das bleibt eben ein krasser Stellungs- und Antizipationsfehler. Darauf zu spekulieren, dass enge Situationen schon irgendwie gewonnen werden, kann man vielleicht noch gegen Magdeburg versuchen, in der Bundesliga und insbesondere gegen Bayern geht so etwas mit Ansage schief und damit war das Spiel entschieden.

Trotzdem noch ein Blick auf die weiteren Treffer. Tor Nummer 4, same procedure:

Obwohl Tuta schon gefährlich weit aus der Kette herausrückt und die Abstände zu Ndicka und Touré dadurch sehr groß werden, besteht kein Zugriff auf Mané, weil der Abstand zur Mittelfeldkette viel zu groß ist. Kimmich spielt den Ball in Seelenruhe auf Mané, der dann mit Müller und Musiala den Angriff ohne große Problem über die von Kostic vollkommen verwaiste linke SGE-Seite zum Tor ausspielen.

Wieder die gleichen Probleme hier: Viel zu große Kettenabstände, nicht existentes defensives Schienenspiel von Kostic.

Tor Nr. 5:

Rode nach einem vollkommen unmotivierten Foulversuch komplett aus dem Spiel, Ndicka viel zu weit eingerückt (das hat er schon gegen Magdeburg in einer ähnlichen Situation genauso falsch gemacht, hier wieder null Fehlerkorrektur seit dem letzten Spiel), Tuta sinnlos aus der Kette gerückt (Götze ist bereits in dem Zweikampf, in den Tuta hier rennt), Kostic wieder mit defensiver Arbeitsverweigerung, so spielt Müller Gnabry frei, der gegen Trapp nicht viel Mühe hat, den Ball ins Tor zu spitzeln.

Das ist natürlich defensiver Super-GAU und wie schon in der vergangenen Saison hier immer und immer wieder dokumentiert, hat das Chaos Methode und das ist und bleibt Trainerarbeit, dazu mehr im Fazit.

Noch ein Blick in die zweite Halbzeit.

Natürlich ist auch Glasner nicht entgangen, dass die Bayern seine beiden Schienenspieler, (die keine sind), ununterbrochen im Rücken anspielen und dadurch im Fünfminutentakt zu Großchancen kommen. Daher stellt er um.

In der zweiten Halbzeit spielt die SGE weitgehend eine Art 5-4-1, Knauff spielt jetzt viel disziplinierter, Lenz dichtet die zuvor völlig verwaiste linke Defensivseite ab und sorgt dafür, dass Kostic mit seiner defensiven Arbeitsverweigerung keine weiteren Gegentreffer verursachen kann.

Mit den Maßnahmen von Glasner, insbesondere der hergestellten Breite in der hinteren Reihe und der Verdichtung der Zentrale, sowie dem deutlich zurückhaltenderen Spiel der Bayern schafft die SGE es nun, ihr Tor deutlich besser zu verteidigen.

Über den schnellen und sehr dribbelstarken Kolo Muani gelingen dann auch noch einige Konter und in der 64. Minute nach einem krassen Fehler von Neuer und einer starken Einzelleistung von Kolo Muani sogar ein Tor.

Fazit

Obwohl das Ergebnis in der ersten Halbzeit sehr deutlich ausfiel, war zu erkennen, dass die SGE spielerisch so viel schlechter als die Bayern nicht ist. In der ersten Halbzeit gelangen mit dem Lattentreffer von Tuta und dem Abschluss von Lindström zwei Großchancen, die gut zu zwei Toren hätten führen können, sowie eine starke Druckphase zwischen der 15. und 25. Minute. Besonders in der zweiten Hälfte, mit geordneter Defensive und Breite in der hinteren Reihe entwickelte sich ein weitgehend ausgeglichenes Spiel mit einigen SGE-Kontern. Erst mit der Einwechslung von Hasebe tritt dann wieder das übliche Hasebe-Chaos zu Tage und Stellungsfehler von Hasebe und eine darauf folgende Notaktion von Ndicka bzw. einen Abstimmungsfehler der beiden nutzen die Bayern dann auch direkt wieder zum 6:1 (eintracht.tv ab 39:02).

Die Offensivstärke, das bleibt unübersehbar, hilft nichts, wenn die Defensive weiterhin nicht in der Lage ist, nachhaltig sauber zu arbeiten. Die Probleme bleiben die gleichen wie in der vergangenen Saison: Kostic und Knauff sind von der Anlage her keine Schienenspieler. Das hat in der Europa League funktioniert, weil beide Spieler in den K.O.-Spielen überaus diszipliniert ihre defensiven Aufgaben wahrgenommen haben, aber schon in den Bundesligaspielen der vergangenen Saison war Kostic zu oft nicht bereit, diese defensiven Aufgaben dauerhaft zu erfüllen. Knauff nimmt sich inzwischen ein Beispiel daran und kümmert sich ebenfalls nicht um korrektes Kettenergänzen hinten. Es ist absolut absehbar, dass das wie in der letzten Saison jeder Bundesligagegner auszunutzen versuchen wird, und immer mehr gute Offensivspieler einzukaufen bringt da wenig, denn die Offensive war auch schon vergangene Saison nicht das Problem.

Auch die defensiven Einkäufe Onguéné und Smolcic machen für ein Dreierkettensystem wenig Sinn, beide Spieler sind von den Anlagen her eher Innenverteidiger in einer Viererkette. So hat die SGE nach wie vor weder echte Schienenspieler, noch einen echten Zentralverteidiger einer Dreierkette. Warum trotzdem dauerhaft mit Dreierkette und Schienenaußen gespielt werden soll, bleibt etwas rätselhaft, zumal in der vergangenen Saison mit einem Kader, der zu den Top-5 der Liga gehörte gerade einmal Platz 11 heraussprang, was fast ausschließlich der krassen Defensivschwäche geschuldet war.

Insbesondere da man mit dem chronisch unterschätzten Lenz einen echten Linksverteidiger im Kader hat, der, wie man gegen die Bayern sehen konnte, auch auf sehr hohem Niveau Kostic oder einen anderen Offensiven stark absichern kann, sollte ein System mit fester breiter Kette hinten zumindest eine Option sein. Da nun offenbar tatsächlich ein Verkauf von Kostic ansteht, umso mehr. Ein solcher Verkauf würde zumindest teilweise die wohl schlechteste Leistung von Kostic im Eintracht-Trikot erklären, denn wenn man bereits mit dem Kopf in der italienischen Liga ist, fällt der unangenehme Weg in die Abwehrkette vermutlich besonders schwer.

Nun ist Trainer Glasner bereits seit einem Jahr im Amt, hat auch in den Interviews nach dem Spiel und mit seinen Wechseln klargemacht, dass er das Problem durchaus erkannt hat, dennoch läuft er immer wieder in die selbe Falle und lässt zu viele Spieler auf Positionen spielen, die zu weit weg sind von ihren eigentlichen Spielanlagen. Hier bleibt in der defensiven Organisation, in den Abständen zwischen den Abwehrspielern, den Stellungsentscheidungen (insbesondere Ndicka und Hasebe, aber auch Tuta reproduzieren immer wieder die gleichen Stellungsfehler, wie schon gegen Magdeburg und letzte Saison dutzendfach hier dokumentiert) und viel zu oft auch bei den Abständen zwischen Abwehr- und Mittelfeldkette eine sichtbare und nachhaltige Weiterentwicklung der Einzelspieler und der Abstimmung der Mannschaftsteile aus und das ist und bleibt Trainerarbeit.

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3 Kommentare

  1. Besonders grotesk wirkt angesichts des planlosen Herauslaufens Hasebes vor dem 1:6 die Forderung der FR, man hätte doch von Anfang an auf den „Altmeister“ statt auf Tuta setzen sollen. Man befindet sich mittlerweile dort in einem publizistischen Paralleluniversum, das sich durchaus mit dem der „Bild“ vergleichen lässt, in dem der Schlagerfuzzi und Menschenschinder Bohlen als „Pop-Titan“ hofiert wird.

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    1. Du hast so recht, das glaubst du gar nicht. ❤️

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