FSV Mainz 05 – SGE 1:1 (1:0)

Das Unentschieden der SGE war taktisch durchaus interessant, denn Mainz gelang es, die richtigen Pässe zu attackieren bzw. die Passwege zu schließen. Im Detail hier in der letzten Analyse des Jahres.

Die Aufstellung

M05: Zentner – Widmer (67. da Costa), Bell, Hack, Fernandes, Martin (72. Caci) – Barreiro, Kohr – Burkardt (73. Barkok), Stach (84. Lee) – Onisiwo (84. Ingvartsen)

SGE: Trapp – Ebimbe, Tuta, Jakic (46. Smolcic), Ndicka, Knauff (59. Pellegrini) – Sow, Kamada – Lindström (59. Rode, 90. Alario), Kolo Muani, Götze — Trainer: Glasner

Die Statistik

gibt es hier, hier und hier

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die Spielanalyse

Bo Svensson ist ein engagierter Trainer, aber dass er praktisch 90 Minuten lang seine Mannschaft vom Spielfeldrand lautstark coacht, ist ein Hinweis darauf, dass das Defensivkonzept der Mainzer viel Korrektur und Support von Außen brauchte, da es auf Genauigkeit ankam.

Überhaupt war das Spiel der Mainzer darauf angelegt, die Schnellkombinationen der SGE zu verunmöglichen, da diese offenbar als die größte Gefahr erkannt wurden. Das dürfte auch den vergangenen Gegnern klar gewesen sein, häufig wurde die SGE intensiv angepresst, das Aufbauspiel aus der letzten Reihe attackiert, oder durch schnelles nach hinten Rücken der eigenen letzten/vorletzten Reihe der SGE die tiefen Anspiele in die Spitze erschwert. Svenssons Ansatz zielte hingegen stark darauf, die spielmachenden Passgeber anzugreifen und deren Initialpässe zu verhindern.

Das eigene Offensivspiel sollte hingegen gezielt die Fehleranfälligkeit der letzten Reihe der SGE nutzen, die Mainzer spielten sehr schnell in die Spitze.

Dabei war auch ein Matchplan zu erkennen: In der Anfangsphase spielten die Mainzer mit großem Lauf- und Personalaufwand ein frühes Angriffspressing, offenbar sollte besonders in dieser Anfangsphase die SGE daran gehindert werden, ins Spiel zu kommen. Hier eine Situation aus der 13. Minute:

Gleich 6 Mainzer beim SGE-Aufbau an dem Pressingmanöver beteiligt: Tuta wird vorne sehr aggressiv angelaufen. Er sucht den Innenbahnpass, aber die Mainzer stellen zu dritt Innenbahn-, Longline- und Diagonalpassspur zu. (das Bild ist unscharf wegen des Kameraschwenks)

Der Ball landet in den Füßen von Kohr. Wo das Pressing der Hoffenheimer noch viel zu luftig war, also genau dieses dreispurige Zustellen der zweiten Reihe nicht zuverlässig gelang, sind die Mainzer total aufmerksam und schafften es so, die SGE in der Anfangsphase nicht ins Kombinationsspiel kommen zu lassen.

Wenn das frühe Anlaufen vorne nicht möglich war, zogen sich die Mainzer ins Mittelfeldpressing zurück und konzentrierten sich auf die Verhinderung des Anschlusses. Das geht nur, indem die ganze Mannschaft weit auf beide Seiten verschiebt.

Die Anschlüsse aus dem Aufbau versucht die SGE häufig durch enges Überladen der Außen- bzw. offensiven Halbpositionen durchzuführen, um dann in den engen Räumen den (direkt) tiefen Ausgang daraus vorzubereiten. Svensson hatte sich das offenbar sehr genau angesehen, denn für den Gegner ist es, um das verteidigen zu können, unerlässlich, die Überladungen in diesen Zonen nicht zuzulassen, also selbst mit einer ganzen Kompanie dort hinein zu rücken und möglichst schon das erste Anspiel dort hinein zu unterbinden oder später sofort alle SGE-Offensiven aggressiv 1 gg. 1 zu stellen. Das haben die Mainzer sehr konsequent durchgeführt, sodass es mehrmals nachgerade zu Spieler-Vollversammlungen in den Kombinationsräumen der SGE kam. Hier zum Beispiel in der 15. Minute:

Oben im abgedunkelten Bereich: Das Überladen der Seite der SGE mit vier Spielern auf engem Raum und das extreme quantitative Einschieben der Mainzer, die diesen Kombinationsraum mit insgesamt fünf Spieler verteidigen, plus 2, die den Initialpassgeber anlaufen, um Passwege zuzulaufen. Hier in dem engen Raum bewegen sich insgsamt 9 (!) Spieler beider Teams.

Die SGE-Aufbauspieler brachen die Initialversuche daher immer wieder ab, versuchten es auf der anderen Seite, doch die Mainzer schoben meist alles sehr schnell wieder zu. In der Sequenz, aus der auch das Standbild stammt, ist das sehr gut zu sehen: eintracht.tv 18:16 bis 19:33. Irgendwann verliert Knauff die Geduld, versucht trotz der Mainzer Überzahl eine Kombination einzuleiten, bei der Götze dann den Ball im Zweikampf verliert.

Obwohl die Mainzer sehr konzentriert versuchen, alle relevanten Passwege zuzustellen, gelingt es den SGE-Aufbaupassgebern gelegentlich mit überragenden Pässen oder Dribblings trotzdem die Mittelfeldpressinglinie der Gastgeber zu überspielen, etwa in der 10. Minute (Dribbling Ebimbe, Abschlusschance Kolo Muani, eintracht.tv ab 14:04) oder in der 17. Minute (Passspiel Kamada-Götze, eintracht.tv ab 20:42). Und in beiden Szenen sieht man, warum die Mainzer gut beraten waren, diese Initialpässe hinter die Mittelfeldreihe unbedingt verhindern zu wollen. In beiden Situationen wird es gefährlich und die SGE kommt zu Abschlüssen.

Im eigenen Aufbauspiel, sofern so etwas stattfand, wollten die Mainzer die SGE vor allem nicht ins Pressing kommen lassen und bliesen die Bälle zur Not sehr früh nach vorne. Das mag nicht die große Fußballkunst sein, aber es ist gegen die SGE durchaus effektiv. So konnten die Mainzer die beiden großen Offensivstärken, das Schnellkombinationsspiel nach Pressingballgewinnen oder Initialpässen aus dem Aufbau in sehr viele Situationen verhindern.

Auch blieben die Mainzer dabei, situativ in ihr sehr aggressives, gut abgesichertes Angriffspressing zu schalten. Insbesondere in der Schlussphase der ersten Halbzeit nutzten die Mainzer dieses Element wieder häufiger und kamen darüber auch wieder zu einer Druckphase. In dieser Druckphase erzielen sie dann auch die Führung. Das Tor fällt nach einer Ecke, aber interessant ist, wie die Mainzer diesen Standard provozierten. Der Eckball entsteht nämlich nach einem Angriff der Mainzer aus der eigenen letzten Reihe:

Bell bekommt von Zentner den Ball und spielt ihn ohne große Vorbereitung in die Spitze auf Burkardt, wo dieser den Angriff dann fortsetzt.

So einfach das aussieht, beruht dieser Plan der Mainzer natürlich ebenfalls auf Spielanalyse, denn Burkardt steht ja keineswegs alleine vorne, die Mainzer sind mit 3 Stürmern besetzt, könnten also sofort die letzte Reihe der SGE zum Arbeiten zwingen, das ist gezielt gestellt. Auch dass die Abwehrreihe der SGE oftmals solch große Abstände zur Pressingabteilung zulässt, wie hier, ist bekannt und genau das wollten die Mainzer nutzen. Womit ein weiteres Element ihres Spiels gezeigt wäre, man kann das im Spiel mehrfach zeigen. Diesen Angriff können sie allerdings nicht direkt anschließen, weil Ebimbe und Kamada sofort gegenpressen, aber über Kohr bringen sie sofort wieder Tempo ins Spiel und provozieren dann über den links aufgerückten Martin letztlich die Ecke, die zum 1:0 führt.

Beim Pass von Kohr hat Ebimbe seine Position komplett verlassen und ist auf die Sechser-Position gerückt. Damit steht Martin völlig frei und wird von Kohr linksaußen angespielt.

Das ist, man sieht es im Bewegtbild, ein Stellungsfehler von Ebimbe, der nach der Aktion gegen Burkardt eigentlich genug Zeit hat, wieder auf seine Position zurückzukehren. Sow ist zwar etwas weit weg und Kamada ausgespielt, trotzdem sieht die Besetzung in der Zentrale noch recht gut aus (3 gg. 2 zum Tor und Sow kann mit einem Tempolauf auch auf Kohr zugreifen), sodass Ebimbe auf seine Position hätte zurückkehren können. Stattdessen steht er hier im Halbraum, kann weder den Kohr-Pass verhindern, noch Martin außen bekämpfen.

In der zweiten Halbzeit konzentrierte sich Mainz deutlich mehr aufs Spiel- und Toreverhindern und presste nur noch selten ganz vorne an, die SGE übernahm zunehmend das Spiel, aus 57 Prozent Ballbesitz in der ersten Halbzeit wurden nun 65 Prozent, an den Abläufen ändert sich aber wenig: Die Mainzer haben nach einem Kettenfehler Ndicka (zu frühes Herauslaufen, 52. Minute, eintracht.tv ab 7:48) und einem langen Flugball von Torwart Zentner und einem schwachen Zweikampf, ebenfalls von Ndicka (gegen Onisiwo) in der 56. Minute (eintracht.tv ab 12:00) zwei große Chancen zum 2:0, hier die SGE im Glück, den zweiten hält Trapp stark.

In der 59. Minute wechselt Glasner zwei Tiefenspieler (Lindström, Knauff) aus und bringt mit Rode und Pellegrini etwas ballsichere Passspieler und stellt mit Kamada einen pass- und ballsichereren und dribbelstarken Spieler auf die dritte Offensivposition. Diesen Move haben wir schon öfter gesehen, Ziel ist es, gegen einen defensiv starken Gegner den Druck über eigenen Ballbesitz, 1 gg. 1 – Stärke auch auf engem Raum und hohe Passquote so stark zu erhöhen, dass das eigene Kombinationsspiel, wenn es denn einmal gelingt, näher ans Gegnertor gebracht werden kann.

Der erste interessante Abschluss der SGE in der zweiten Halbzeit entsteht dann aus einem Fehler des Mainzers Widmer, der den Ball rechts im eigenen Aufbau ziemlich freiwillig bei den anpressenden Kolo Muani und Götze abliefert. Entscheidend ist dann aber das Dribbling von Kamada linksaußen, mit dem er zwei Mainzer verlädt, ehe Ebimbe in der Zentrale frei neben das Tor schießt. (eintracht.tv ab 20:32) Hier ist also die Dribbelstärke von Kamada direkt wirksam geworden.

Inzwischen verteidigen die Mainzer fast nur noch tief und in einer 4-4-2 oder sogar 4-5-1-Formation. Nicht sehr überraschend, mit zunehmender Spieldauer konnte das weite Schieben auf die Seiten und das situative, sehr anspruchsvolle Angriffspressing nicht durchgehalten werden.

Das Tor der SGE ist dann wieder ein sehr schönes, gezieltes Manöver von Rode, Sow und Götze. Zunächst startet Rode auf der halbrechten Spur einen Tempolauf aus der letzten Reihe ins Mittelfeld, wird hier von den Mainzern nicht mehr angepresst. Damit zieht er den kompletten Mainzer 4er-Mittelfeldblock herüber auf die linke Abwehrseite:

Rode mit dem Antritt und dem Pass auf Kamada. Rode läuft dann weiter und bleibt auf der offensiven Halbposition. Damit zieht er hier die drei Mainzer Mittelfeldspieler auf die Seite, bringt sie ins Laufen. Stach ist hier noch dabei, die Mittelfeld-Kette in der Breite zu ergänzen, schätzt die Gefahr, die von Götze, der hier schon auf die gegenläufige Spielfortsetzung lauert, falsch ein und braucht viel zu lange, die Breite der Kette wieder herzustellen.

Der Ball landet dann über Kamada und Ebimbe bei Sow:

Mit dem Tempolauf und Aufrücken von Rode müssen die Mainzer Defensiven Barreiro und Kohr zunächst nach links einrücken und dann auch den Passweg Richtung Rode einigermaßen eng halten. Dadurch und weil Stach die Situation verschläft (bzw. evtl. auch den äußeren Passweg auf den ebenfalls aufgerückten Pellegrini (nicht im Bild) mitschließen will), entsteht aber ein breiter Passweg Richtung Götze, den Sow sofort nutzt.

Was Götze danach mit diesem Zuspiel macht, ist natürlich Weltklasse und auch Kolo Muani macht das Tor sehr stark. Die Idee zu dem Manöver und das starke Initial geht hier aber von Rode aus. Solche Quarterback-Ideen haben wir von Rode in dieser Saison bereits öfter gesehen und hier dokumentiert. Er erkennt, dass mit Passspiel diese Situation nicht zu lösen ist und durch ein Andribbeln provoziert man oft ein viel stärkeres und schnelleres Laufverschieben des Gegners als durch Passspiel. Das nutzt er hier und Kamada und Ebimbe bringen den Ball dann schnell genug wieder in die Zentrale zu Sow, wo dann beide offensiven Halbpositionen (Götze und Rode) optional angeschlossen werden können. Ein sehr starker Move von allen beteiligten Spielern. Sofern das so beabsichtigt war, ist das schon die ganz große Manöver-Kunst.

In der Schlussphase konzentrieren sich die Mainzer dann darauf, den Punkt miitzunehmen, indem sie die Räume, vor allem in der Zentrale extrem verengen, die Kettenabstände extrem kurz halten. Hier eine Szene aus der 88. Minute:

5-4-1-Verteidigung der Mainzer mit extrem engen Kettenabständen zwischen Abwehr- und Mittelfeldreihe.

Die SGE versuchte das dann im Handball-Style noch auszuspielen, das gelang aber nicht mehr. Erst in der 90. Minute kommt Alario, dieser Wechsel wäre vielleicht auch schon etwas früher, spätestens nachdem mit Pellegrini ein Flankengeber eingewechselt worden war, sinnvoll gewesen.

Fazit

Die Mainzer schafften es mit enormem Aufwand (Laufleistung 115 Kilometer vs. 113 SGE), die Offensive der SGE weitgehend in Schach zu halten.

Dennoch ist das Spiel entwicklungsseitig kein Rückschritt. Im Gegenteil: Die SGE blieb trotz des Rückstands, der enormen Zweikampfintensität (60% : 40% pro Mainz) der Mainzer und den vielen zugestellten Anschlüssen ruhig, vertraute der eigenen Kombinationsstärke und bemühte sich um Spielkontrolle. Das zahlte sich letztlich aus, denn in dem Spiel gegen Bochum, das ähnlich verlief, oder auch dem Champions League-Hinspiel gegen Lissabon und mit vielen Abstrichen weil anderen Vorzeichen auch das Bayern-Spiel, verlor die Mannschaft noch den Kopf, verließ den eigenen Matchplan und ließ sich abschießen. Zwar hatte man gegen Mainz in einigen wenigen Situationen auch etwas Glück (xGoals 2,27 : 1,7 pro Mainz, allerdings ist hier der Gap der verschiedenen Statistikanbieter groß; das 2,27 : 1,7 berechnet bundesliga.com (aws), die Seite fbref errechnet dagegen ein xGoals-Verhältnis von 1,5 : 1,8 pro SGE, siehe Statistik-Links oben), aber dass die Mannschaft inzwischen so viel Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten hat, dass auch sehr unangenehme Spielsituationen kontrolliert bearbeitet werden, ist eher ein Fort- als ein Rückschritt. Und dass mit Rode, Sow, Götze, Kolo Muani und anderen Spieler in der Mannschaft stehen, die auch komplizierte Manöver stellen und ausspielen können, ist ja nichts Neues, nur bringt das nichts, wenn es schon 0:2 oder 0:3 steht.

Eine Mannschaft, die nachhaltig um die europäischen Plätze mitspielen will, wird auch in der Lage sein müssen, aus so einem Spiel gegen einen kampf- und laufstarken Gegner und bei der eigenen extremen Belastung der letzten Wochen einmal einen Punkt mitzunehmen.

Insofern ist das Ergebnis so furchtbar enttäuschend eigentlich nicht.

P.S. In der langen Winterpause wird es hier wie angekündigt ein Pressing-Spezial geben, in dem wir uns das gefürchtete Glasner-Pressing, seine Abläufe und die Einbindung der eigenen letzten Reihe dabei etwas genauer ansehen. Ansonsten wünscht sge fussballanalyse allen Leser*innen frohe Festtage, einen guten Rutsch und viel Spaß mit Netflix, einem guten Buch oder ähnlichem in der fußballfreien Zeit. 😉

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