FSV Mainz 05 – SGE 1:1 (1:0)

Das Unentschieden der SGE war taktisch durchaus interessant, denn Mainz gelang es, die richtigen Pässe zu attackieren bzw. die Passwege zu schließen. Im Detail hier in der letzten Analyse des Jahres.

Die Aufstellung

M05: Zentner – Widmer (67. da Costa), Bell, Hack, Fernandes, Martin (72. Caci) – Barreiro, Kohr – Burkardt (73. Barkok), Stach (84. Lee) – Onisiwo (84. Ingvartsen)

SGE: Trapp – Ebimbe, Tuta, Jakic (46. Smolcic), Ndicka, Knauff (59. Pellegrini) – Sow, Kamada – Lindström (59. Rode, 90. Alario), Kolo Muani, Götze — Trainer: Glasner

Die Statistik

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Die Highlights

Quelle: Youtube

Die Spielanalyse

Bo Svensson ist ein engagierter Trainer, aber dass er praktisch 90 Minuten lang seine Mannschaft vom Spielfeldrand lautstark coacht, ist ein Hinweis darauf, dass das Defensivkonzept der Mainzer viel Korrektur und Support von Außen brauchte, da es auf Genauigkeit ankam.

Überhaupt war das Spiel der Mainzer darauf angelegt, die Schnellkombinationen der SGE zu verunmöglichen, da diese offenbar als die größte Gefahr erkannt wurden. Das dürfte auch den vergangenen Gegnern klar gewesen sein, häufig wurde die SGE intensiv angepresst, das Aufbauspiel aus der letzten Reihe attackiert, oder durch schnelles nach hinten Rücken der eigenen letzten/vorletzten Reihe der SGE die tiefen Anspiele in die Spitze erschwert. Svenssons Ansatz zielte hingegen stark darauf, die spielmachenden Passgeber anzugreifen und deren Initialpässe zu verhindern.

Das eigene Offensivspiel sollte hingegen gezielt die Fehleranfälligkeit der letzten Reihe der SGE nutzen, die Mainzer spielten sehr schnell in die Spitze.

Dabei war auch ein Matchplan zu erkennen: In der Anfangsphase spielten die Mainzer mit großem Lauf- und Personalaufwand ein frühes Angriffspressing, offenbar sollte besonders in dieser Anfangsphase die SGE daran gehindert werden, ins Spiel zu kommen. Hier eine Situation aus der 13. Minute:

Gleich 6 Mainzer beim SGE-Aufbau an dem Pressingmanöver beteiligt: Tuta wird vorne sehr aggressiv angelaufen. Er sucht den Innenbahnpass, aber die Mainzer stellen zu dritt Innenbahn-, Longline- und Diagonalpassspur zu. (das Bild ist unscharf wegen des Kameraschwenks)

Der Ball landet in den Füßen von Kohr. Wo das Pressing der Hoffenheimer noch viel zu luftig war, also genau dieses dreispurige Zustellen der zweiten Reihe nicht zuverlässig gelang, sind die Mainzer total aufmerksam und schafften es so, die SGE in der Anfangsphase nicht ins Kombinationsspiel kommen zu lassen.

Wenn das frühe Anlaufen vorne nicht möglich war, zogen sich die Mainzer ins Mittelfeldpressing zurück und konzentrierten sich auf die Verhinderung des Anschlusses. Das geht nur, indem die ganze Mannschaft weit auf beide Seiten verschiebt.

Die Anschlüsse aus dem Aufbau versucht die SGE häufig durch enges Überladen der Außen- bzw. offensiven Halbpositionen durchzuführen, um dann in den engen Räumen den (direkt) tiefen Ausgang daraus vorzubereiten. Svensson hatte sich das offenbar sehr genau angesehen, denn für den Gegner ist es, um das verteidigen zu können, unerlässlich, die Überladungen in diesen Zonen nicht zuzulassen, also selbst mit einer ganzen Kompanie dort hinein zu rücken und möglichst schon das erste Anspiel dort hinein zu unterbinden oder später sofort alle SGE-Offensiven aggressiv 1 gg. 1 zu stellen. Das haben die Mainzer sehr konsequent durchgeführt, sodass es mehrmals nachgerade zu Spieler-Vollversammlungen in den Kombinationsräumen der SGE kam. Hier zum Beispiel in der 15. Minute:

Oben im abgedunkelten Bereich: Das Überladen der Seite der SGE mit vier Spielern auf engem Raum und das extreme quantitative Einschieben der Mainzer, die diesen Kombinationsraum mit insgesamt fünf Spieler verteidigen, plus 2, die den Initialpassgeber anlaufen, um Passwege zuzulaufen. Hier in dem engen Raum bewegen sich insgsamt 9 (!) Spieler beider Teams.

Die SGE-Aufbauspieler brachen die Initialversuche daher immer wieder ab, versuchten es auf der anderen Seite, doch die Mainzer schoben meist alles sehr schnell wieder zu. In der Sequenz, aus der auch das Standbild stammt, ist das sehr gut zu sehen: eintracht.tv 18:16 bis 19:33. Irgendwann verliert Knauff die Geduld, versucht trotz der Mainzer Überzahl eine Kombination einzuleiten, bei der Götze dann den Ball im Zweikampf verliert.

Obwohl die Mainzer sehr konzentriert versuchen, alle relevanten Passwege zuzustellen, gelingt es den SGE-Aufbaupassgebern gelegentlich mit überragenden Pässen oder Dribblings trotzdem die Mittelfeldpressinglinie der Gastgeber zu überspielen, etwa in der 10. Minute (Dribbling Ebimbe, Abschlusschance Kolo Muani, eintracht.tv ab 14:04) oder in der 17. Minute (Passspiel Kamada-Götze, eintracht.tv ab 20:42). Und in beiden Szenen sieht man, warum die Mainzer gut beraten waren, diese Initialpässe hinter die Mittelfeldreihe unbedingt verhindern zu wollen. In beiden Situationen wird es gefährlich und die SGE kommt zu Abschlüssen.

Im eigenen Aufbauspiel, sofern so etwas stattfand, wollten die Mainzer die SGE vor allem nicht ins Pressing kommen lassen und bliesen die Bälle zur Not sehr früh nach vorne. Das mag nicht die große Fußballkunst sein, aber es ist gegen die SGE durchaus effektiv. So konnten die Mainzer die beiden großen Offensivstärken, das Schnellkombinationsspiel nach Pressingballgewinnen oder Initialpässen aus dem Aufbau in sehr viele Situationen verhindern.

Auch blieben die Mainzer dabei, situativ in ihr sehr aggressives, gut abgesichertes Angriffspressing zu schalten. Insbesondere in der Schlussphase der ersten Halbzeit nutzten die Mainzer dieses Element wieder häufiger und kamen darüber auch wieder zu einer Druckphase. In dieser Druckphase erzielen sie dann auch die Führung. Das Tor fällt nach einer Ecke, aber interessant ist, wie die Mainzer diesen Standard provozierten. Der Eckball entsteht nämlich nach einem Angriff der Mainzer aus der eigenen letzten Reihe:

Bell bekommt von Zentner den Ball und spielt ihn ohne große Vorbereitung in die Spitze auf Burkardt, wo dieser den Angriff dann fortsetzt.

So einfach das aussieht, beruht dieser Plan der Mainzer natürlich ebenfalls auf Spielanalyse, denn Burkardt steht ja keineswegs alleine vorne, die Mainzer sind mit 3 Stürmern besetzt, könnten also sofort die letzte Reihe der SGE zum Arbeiten zwingen, das ist gezielt gestellt. Auch dass die Abwehrreihe der SGE oftmals solch große Abstände zur Pressingabteilung zulässt, wie hier, ist bekannt und genau das wollten die Mainzer nutzen. Womit ein weiteres Element ihres Spiels gezeigt wäre, man kann das im Spiel mehrfach zeigen. Diesen Angriff können sie allerdings nicht direkt anschließen, weil Ebimbe und Kamada sofort gegenpressen, aber über Kohr bringen sie sofort wieder Tempo ins Spiel und provozieren dann über den links aufgerückten Martin letztlich die Ecke, die zum 1:0 führt.

Beim Pass von Kohr hat Ebimbe seine Position komplett verlassen und ist auf die Sechser-Position gerückt. Damit steht Martin völlig frei und wird von Kohr linksaußen angespielt.

Das ist, man sieht es im Bewegtbild, ein Stellungsfehler von Ebimbe, der nach der Aktion gegen Burkardt eigentlich genug Zeit hat, wieder auf seine Position zurückzukehren. Sow ist zwar etwas weit weg und Kamada ausgespielt, trotzdem sieht die Besetzung in der Zentrale noch recht gut aus (3 gg. 2 zum Tor und Sow kann mit einem Tempolauf auch auf Kohr zugreifen), sodass Ebimbe auf seine Position hätte zurückkehren können. Stattdessen steht er hier im Halbraum, kann weder den Kohr-Pass verhindern, noch Martin außen bekämpfen.

In der zweiten Halbzeit konzentrierte sich Mainz deutlich mehr aufs Spiel- und Toreverhindern und presste nur noch selten ganz vorne an, die SGE übernahm zunehmend das Spiel, aus 57 Prozent Ballbesitz in der ersten Halbzeit wurden nun 65 Prozent, an den Abläufen ändert sich aber wenig: Die Mainzer haben nach einem Kettenfehler Ndicka (zu frühes Herauslaufen, 52. Minute, eintracht.tv ab 7:48) und einem langen Flugball von Torwart Zentner und einem schwachen Zweikampf, ebenfalls von Ndicka (gegen Onisiwo) in der 56. Minute (eintracht.tv ab 12:00) zwei große Chancen zum 2:0, hier die SGE im Glück, den zweiten hält Trapp stark.

In der 59. Minute wechselt Glasner zwei Tiefenspieler (Lindström, Knauff) aus und bringt mit Rode und Pellegrini etwas ballsichere Passspieler und stellt mit Kamada einen pass- und ballsichereren und dribbelstarken Spieler auf die dritte Offensivposition. Diesen Move haben wir schon öfter gesehen, Ziel ist es, gegen einen defensiv starken Gegner den Druck über eigenen Ballbesitz, 1 gg. 1 – Stärke auch auf engem Raum und hohe Passquote so stark zu erhöhen, dass das eigene Kombinationsspiel, wenn es denn einmal gelingt, näher ans Gegnertor gebracht werden kann.

Der erste interessante Abschluss der SGE in der zweiten Halbzeit entsteht dann aus einem Fehler des Mainzers Widmer, der den Ball rechts im eigenen Aufbau ziemlich freiwillig bei den anpressenden Kolo Muani und Götze abliefert. Entscheidend ist dann aber das Dribbling von Kamada linksaußen, mit dem er zwei Mainzer verlädt, ehe Ebimbe in der Zentrale frei neben das Tor schießt. (eintracht.tv ab 20:32) Hier ist also die Dribbelstärke von Kamada direkt wirksam geworden.

Inzwischen verteidigen die Mainzer fast nur noch tief und in einer 4-4-2 oder sogar 4-5-1-Formation. Nicht sehr überraschend, mit zunehmender Spieldauer konnte das weite Schieben auf die Seiten und das situative, sehr anspruchsvolle Angriffspressing nicht durchgehalten werden.

Das Tor der SGE ist dann wieder ein sehr schönes, gezieltes Manöver von Rode, Sow und Götze. Zunächst startet Rode auf der halbrechten Spur einen Tempolauf aus der letzten Reihe ins Mittelfeld, wird hier von den Mainzern nicht mehr angepresst. Damit zieht er den kompletten Mainzer 4er-Mittelfeldblock herüber auf die linke Abwehrseite:

Rode mit dem Antritt und dem Pass auf Kamada. Rode läuft dann weiter und bleibt auf der offensiven Halbposition. Damit zieht er hier die drei Mainzer Mittelfeldspieler auf die Seite, bringt sie ins Laufen. Stach ist hier noch dabei, die Mittelfeld-Kette in der Breite zu ergänzen, schätzt die Gefahr, die von Götze, der hier schon auf die gegenläufige Spielfortsetzung lauert, falsch ein und braucht viel zu lange, die Breite der Kette wieder herzustellen.

Der Ball landet dann über Kamada und Ebimbe bei Sow:

Mit dem Tempolauf und Aufrücken von Rode müssen die Mainzer Defensiven Barreiro und Kohr zunächst nach links einrücken und dann auch den Passweg Richtung Rode einigermaßen eng halten. Dadurch und weil Stach die Situation verschläft (bzw. evtl. auch den äußeren Passweg auf den ebenfalls aufgerückten Pellegrini (nicht im Bild) mitschließen will), entsteht aber ein breiter Passweg Richtung Götze, den Sow sofort nutzt.

Was Götze danach mit diesem Zuspiel macht, ist natürlich Weltklasse und auch Kolo Muani macht das Tor sehr stark. Die Idee zu dem Manöver und das starke Initial geht hier aber von Rode aus. Solche Quarterback-Ideen haben wir von Rode in dieser Saison bereits öfter gesehen und hier dokumentiert. Er erkennt, dass mit Passspiel diese Situation nicht zu lösen ist und durch ein Andribbeln provoziert man oft ein viel stärkeres und schnelleres Laufverschieben des Gegners als durch Passspiel. Das nutzt er hier und Kamada und Ebimbe bringen den Ball dann schnell genug wieder in die Zentrale zu Sow, wo dann beide offensiven Halbpositionen (Götze und Rode) optional angeschlossen werden können. Ein sehr starker Move von allen beteiligten Spielern. Sofern das so beabsichtigt war, ist das schon die ganz große Manöver-Kunst.

In der Schlussphase konzentrieren sich die Mainzer dann darauf, den Punkt miitzunehmen, indem sie die Räume, vor allem in der Zentrale extrem verengen, die Kettenabstände extrem kurz halten. Hier eine Szene aus der 88. Minute:

5-4-1-Verteidigung der Mainzer mit extrem engen Kettenabständen zwischen Abwehr- und Mittelfeldreihe.

Die SGE versuchte das dann im Handball-Style noch auszuspielen, das gelang aber nicht mehr. Erst in der 90. Minute kommt Alario, dieser Wechsel wäre vielleicht auch schon etwas früher, spätestens nachdem mit Pellegrini ein Flankengeber eingewechselt worden war, sinnvoll gewesen.

Fazit

Die Mainzer schafften es mit enormem Aufwand (Laufleistung 115 Kilometer vs. 113 SGE), die Offensive der SGE weitgehend in Schach zu halten.

Dennoch ist das Spiel entwicklungsseitig kein Rückschritt. Im Gegenteil: Die SGE blieb trotz des Rückstands, der enormen Zweikampfintensität (60% : 40% pro Mainz) der Mainzer und den vielen zugestellten Anschlüssen ruhig, vertraute der eigenen Kombinationsstärke und bemühte sich um Spielkontrolle. Das zahlte sich letztlich aus, denn in dem Spiel gegen Bochum, das ähnlich verlief, oder auch dem Champions League-Hinspiel gegen Lissabon und mit vielen Abstrichen weil anderen Vorzeichen auch das Bayern-Spiel, verlor die Mannschaft noch den Kopf, verließ den eigenen Matchplan und ließ sich abschießen. Zwar hatte man gegen Mainz in einigen wenigen Situationen auch etwas Glück (xGoals 2,27 : 1,7 pro Mainz, allerdings ist hier der Gap der verschiedenen Statistikanbieter groß; das 2,27 : 1,7 berechnet bundesliga.com (aws), die Seite fbref errechnet dagegen ein xGoals-Verhältnis von 1,5 : 1,8 pro SGE, siehe Statistik-Links oben), aber dass die Mannschaft inzwischen so viel Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten hat, dass auch sehr unangenehme Spielsituationen kontrolliert bearbeitet werden, ist eher ein Fort- als ein Rückschritt. Und dass mit Rode, Sow, Götze, Kolo Muani und anderen Spieler in der Mannschaft stehen, die auch komplizierte Manöver stellen und ausspielen können, ist ja nichts Neues, nur bringt das nichts, wenn es schon 0:2 oder 0:3 steht.

Eine Mannschaft, die nachhaltig um die europäischen Plätze mitspielen will, wird auch in der Lage sein müssen, aus so einem Spiel gegen einen kampf- und laufstarken Gegner und bei der eigenen extremen Belastung der letzten Wochen einmal einen Punkt mitzunehmen.

Insofern ist das Ergebnis so furchtbar enttäuschend eigentlich nicht.

P.S. In der langen Winterpause wird es hier wie angekündigt ein Pressing-Spezial geben, in dem wir uns das gefürchtete Glasner-Pressing, seine Abläufe und die Einbindung der eigenen letzten Reihe dabei etwas genauer ansehen. Ansonsten wünscht sge fussballanalyse allen Leser*innen frohe Festtage, einen guten Rutsch und viel Spaß mit Netflix, einem guten Buch oder ähnlichem in der fußballfreien Zeit. 😉

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SGE – TSG Hoffenheim 4:2 (3:1)

Überall war von einer Gala-Vorstellung der SGE die Rede, hier wieder der etwas genauere Blick aufs Spiel.

Die Aufstellung

SGE: Trapp – Ebimbe (90. Touré), Tuta, Jakic (64. Smolcic), Ndicka, Knauff (81. Pellegrini) – Sow, Kamada – Lindström (81. Borré), Kolo Muani (90. Alario), Götze — Trainer: Glasner

TSG: Baumann – Kaderabek (46. Skov), Quaresma (46. Akpoguma), Vogt, Kabak, Angelino – Damar (46. Stiller), Geiger, Kramaric – Baumgartner, Rutter (77. Asllani) — Trainer: Breitenreiter

Die Statistik

gibt es hier, hier und hier

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die Spielanalyse

Das Spiel lebte sehr stark von der offensiven Ausrichtung beider Teams, den Großchancen und Toren, diesmal daher hier vor allem ein Schwerpunkt auf diesen Highlights.

Nach dem Spiel beschwerten sich mehrere Hoffenheimer über den extrem rutschigen Rasen im Waldstadion, Baumgartner meinte gar, das seien Bedingungen, die einem Bundesligaspiel nicht würdig seien und man muss beim Betrachten des Re-Live zumindest dahingehend zustimmen, dass tatsächlich (wieder einmal) sehr viel gerutscht wurde und das auch tatsächlich nicht ganz unerheblich das Spiel beeinflusste.

So auch vor dem ersten Tor, als Quaresma zum Pressing-Opfer der SGE wird, auch, weil er überhaupt keinen Stand hat.

Zunächst spielt Baumann den Ball, den er von Quaresma erhalten hatte, zu diesem zurück, direkt in die Pressingfalle der SGE. Lindström läuft Quaresma dann an, Kolo Muani und Kamada mit Zugriff gegen die nächsten Hoffenheimer Aufbauspieler.

Hier also Angriffspressing der SGE, Lindström attackiert Quaresma dann sofort aggressiv, also auf Ballgewinn und im Bewegtbild sieht man, dass der Hoffenheimer dabei auch entscheidend ausrutscht (eintracht.tv ab 9:50). Auch Kamada, bei dem der Ball dann landet, rutscht aus und kann den Angriff nicht kontrolliert fortsetzen. Dadurch landet der Ball zwischen Vogt und Sow:

Vogt geht vorwärts und sehr optimistisch zum Ball ohne nach hinten abgesichert zu sein. Sow ist zuerst am Ball und kann daher dann in den Raum hinter Vogt völlig ohne Zugriff durch einen Hoffenheimer spazieren und muss nur noch Baumann überwinden.

Den ersten Ball auf Quaresma darf Baumann natürlich nie spielen, direkt in die SGE-Pressingfalle. Danach macht Vogt einen zu frühen Schritt Richtung Ball und Sow nutzt die Chance. Gut gemacht hier von der Pressingabteilung der Eintracht, aber das Tor ist auch etwas begünstigt durch das Ausrutschen von Quaresma, denn Harakiri-Aufbaupass von Baumann und den Fehler von Vogt.

Das zweite Tor, direkt mit der nächsten Angriffsaktion der SGE, fällt nach einem Einwurf, den die Hoffenheimer ziemlich verschlafen, einem extrem starken zweite Reihe-Abschluss von Lindström und dem Nachsetzen von Kolo Muani, der den Ball dann einnetzt. Interessant ist aber, wie es zu dem Einwurf kam, der Angriff entsprang nämlich einem Aufbau-Angriff aus der letzten Reihe und wir haben hier schon gelegentlich gezeigt, dass der breite Dreieraufbau der Eintracht den Vorteil bringt, dass durch das breite Stehen der Aufbauspieler die inneren Passwege aufgehen, was starke Flachpassspieler wie Tuta und Ndicka dann nutzen können, um mit einem gezielten Flachpass die komplette Pressingabteilung des Gegners auszuspielen. Genau so hier:

Gut zu sehen, dass mit diesem Pass aus der letzten Reihe Kolo Muani und Lindström direkt auf die Innenverteidigung der TSG laufen können, ebenso dass dieser extreme Tiefenpass allein hier im Bildausschnitt gleich sechs Hoffenheimer überspielt.

Solche Innenbahn-Flachpässe können nur verteidigt werden, wenn die Pressingabteilung darauf achtet und diese Bälle antizipiert, damit waren die Hoffenheimer überfordert. Sie pressten hier mit 4 Spielern mit Geiger als Absicherung und obwohl weder Angelino, noch Kramaric, noch Geiger hier direkte Gegner zustellen müssen, sichert keiner den Innenbahn-Passweg. So etwas lässt sich Tuta natürlich nicht entgehen. Der Angriff kann dann von Quaresma gerade so vor Kolo Muani zum Einwurf geklärt werden, woraus dann das 2:0 fällt. Die ganze Aktion inklusive dem großartigen Tuta-Pass bei eintracht.tv ab 11:40.

Bei der Kombination Kolo Muani-Lindström nach dem Einwurf schläft die Hoffenheimer Defensive dann komplett, das ist aber hier weniger unser Problem. Die Kombination der SGE sah ziemlich einstudiert aus und war von den beiden Eintracht-Stürmern perfekt ausgeführt. Solche Einwurf-Kombinationen können als Standardsituationen ohnehin gut trainiert werden.

Auch beim dritten Tor wird das Angriffspressing der Hoffenheimer von der SGE ziemlich einfach überspielt. Auch hier kommt der erste Pass von Tuta:

Hier der Angriffsvortrag aus der letzten Reihe. Der Pass von Tuta Richtung Lindström, dessen Weiterleitung Richtung Götze, der hier dann den Ball auf Kamada weiterleitet.

Das ist natürlich extrem stark gespielt, vor allem von Lindström aber ganz besonders von Götze, der hier gegen den jungen Damar, der zuvor viel zu spät den Zugriff auf Götze gesucht hat, den unangenehm springenden Ball wirklich perfekt Kamada in den Lauf spielt, womit die SGE voll im Tempo ist und den Angriff dann ausspielen kann. Bei den Entstehungen beider Treffer übrigens gut ersichtlich das Hauptproblem der Hoffenheimer: Sie gingen mit ihrem viel zu oft sehr luftigen Angriffspressing gegen one-touch-starke Spieler wie Lindström und Götze und einen starken Passgeber wie Tuta ein enormes Risiko ein. Wenn man gegen die SGE ins Angriffspressing gehen will, dann muss man hinter der ersten Linie sehr engen Körperzugriff haben und die innere Passbahn sichern, denn das sind die von der SGE immer anvisierten Ausgänge aus solchen Pressingversuchen der Gegner. Das Angriffspressing der Hoffenheimer ließ in vielen Situationen zu viele Ausgänge offen und das nutzen Spieler wie Götze und Lindström dann eben aus.

Der Angriff wurde dann von Kamada, Kolo Muani und Ebimbe auch sehr stark zuende gespielt. Auch dabei gab es erstaunlich wenig Gegenwehr der Hoffenheimer, beim letzten Pass von Muani haben sie überhaupt keine Breite mehr in der letzten Reihe, sodass Ebimbe völlig frei einschießen kann. Wie gesagt sind die TSG-Probleme hier nicht relevant, aber so kann man gegen die SGE derzeit natürlich nicht antreten. Und dass die SGE mit beiden Außenverteidigern sehr stark auf solche Einschaltmomente lauert und mit Ebimbe und Knauff wo immer möglich Angriffsbreite aus der tiefen Position herzustellen versucht, dürfte nun wirklich kein Geheimnis mehr sein. (Der ganze Angriffsvortrag bei eintracht.tv ab 32:58).

Das Gegentor zum 3:1 dürfte Glasner ärgern, denn es war leicht zu vermeiden. Das Tor entspringt einer abgewehrten Ecke, bei der die SGE viel zu lange braucht, um wieder in die Ordnung zu kommen:

Hier gut zu sehen: Tuta, Jakic und Ndicka sind schon wieder in der Ordnung, haben sogar vage eine Abseitslinie gestellt, die Kabak auch tatsächlich ins Abseits gestellt hätte. Ebimbe hat das Ordnung Wiederherstellen allerdings komplett verschlafen, weswegen er das Abseits aufhebt, keinen Gegner deckt und nun Kamada als rechter Verteidiger 1 gg. 2 steht, sich hier aber falsch nach außen bewegt (natürlich muss er den tornahen Stürmer decken).

Hätte Ebimbe schnell genug den Weg auf seine Kettenposition gemacht, wäre das Tor nie gefallen. Kabak wäre vermutlich im Abseits gewesen und außerdem von Ebimbe oder Kamada gedeckt. Im Bewegtbild ab eintracht.tv 41:13 mal darauf achten: Tuta riecht den Braten früh, sieht die drohende Unterzahl auf der RV-Position und schickt Ebimbe auf die Seite (das kann man gut beobachten). Doch der bewegt sich viel zu langsam und ist immer noch auf dem Weg, als der lange Ball von Angelino schon unterwegs ist.

Kurz nach der Halbzeit wird es dann tatsächlich nochmal eng, denn Hoffenheim verkürzt auf 3:2. Wie kam es dazu?

Das Tor fällt nach einer etwas längeren Ballphase der Hoffenheimer. Die SGE hatte zwar zwischenzeitlich zweimal Ballkontakt, konnte den Ballbesitz aber jeweils nicht sichern. Die Bälle sprangen jeweils wieder zum Gegner. Die Situation zum Tor selbst war aber kein krasser Kettenfehler, auch wenn die Kette nicht ganz richtig arbeitet. Stattdessen macht hier Sow den entscheidenden Fehler, der zu schnell in den Zweikampf mit Kabak rennt und sich dann leicht verladen lässt:

Die Kette ist komplett anwesend, stellt hinten eine Vierer-IV. Sow rennt aber viel zu schnell in den Zweikampf mit Kabak, der sich eigentlich mehr quer als vertikal zum Feld bewegt und macht damit den inneren Laufweg frei, man kann das hier im Standbild ganz gut sehen.

Kabak schießt dann aus der Distanz unhaltbar für Trapp den Ball ins Tor. Ndicka, der (man sieht es auf dem Standbild), keinen Gegenspieler zum Sichern hat, hätte hier einige Meter aus der Kette rücken können, wohl eher müssen, um Sow in dem Zweikampf zu sichern, dann hätte Kaderabek keinen so großen Freiraum vorgefunden. Fehler von Sow und Ndicka hier, aber auch stark und mit etwas Glück gemacht von Kabak. (eintracht.tv ab 52:15).

Beim vierten und entscheidenden Tor ist der Analyst froh, dass er nicht die Hoffenheimer Zweikampfkünste gegen Kolo Muani analysieren muss. Stattdessen ein kurzer Blick auf die Angriffseinleitung. Dieser Treffer war ein klassischer Konter. Ndicka gewinnt hinten recht leicht den Ball gegen Rutter, spielt zu Sow, der dann über Götze den Ball in die vordere Reihe auf Kolo Muani spielt.

Hier die Situation nach dem Götze-Pass auf Kolo Muani. Die Hoffenheimer stehen eigentlich gut in der Konterabsicherung und mit 4 gg. 3 – Überzahl im relevanten Bereich. Daraus ein Tor zu machen, ist eigentlich nur möglich, wenn Kolo Muani im 1 gg. 1 sich durchsetzen kann.

Genau das gelingt ihm auch, genau genommen spaziert er dann in die TSG-Box ohne frühzeitig ernsthaft attackiert zu werden, zieht so gleich drei Hoffenheimer auf sich und kann dann quer legen auf Lindström. Auch in dieser Szene profitiert Lindström davon, dass Akpoguma im entscheidenden Moment ausrutscht und kann völlig frei einschießen.

Hier zeigt sich erneut das neue Element, das Kolo Muani ins Eintracht-Spiel einbringt: Seine extreme 1 gg. 1 – Stärke, die es ermöglicht, dass die SGE auch Unterzahlsituationen auflösen kann.

Fazit

Die SGE gewinnt das Spiel hochverdient. Nach dem 4:2 haben Kamada und Ebimbe weitere Großchancen (letztere siehe unten), Hoffenheim durfte letztlich froh sein, dass das Spiel in der zweiten Halbzeit nicht noch höher ausgegangen ist.

Erneut zeigte sich, dass ein aggressives Angriffspressing und Nachschieben der letzten Reihe des Gegners der SGE inzwischen eher liegt, und dass sie über sehr gute spielerische und auch individuelle Skills verfügt, um solche Pressingzonen, die nicht optimal gestellt sind, überspielen zu können.

Die zu beobachtenden Elemente sind nicht neu: Innenbahnpässe, Schnellkombinationen, oft vorbereitet über die Zentralen Götze, Sow und Kamada, ständiges Nachrücken auf beiden Außen und Spiel in die Spitze über Antritte und Tiefenpässe, sowie die inzwischen gut eingespielten Kolo Muani und Lindström.

Die Gegner sind in den letzten Spielen und auch diesmal mit der Defensivarbeit derart gefordert, dass sie selbst kaum eigene Druckphasen entwickeln können. Insgesamt waren die Gäste defensiv, in der Pressingorganisation und auch im gruppentaktischen Verhalten in der letzten Reihe nicht stark genug, um die SGE-Offensive wirksam zu verteidigen, insbesondere eine Zweikampfquote von 46 Prozent ist zu schwach, um die SGE vom Kombinieren irgendwie abhalten zu können.

Auch die drei Wechsel in der Halbzeit, bei denen Breitenreiter seine rechte Seite neu besetzt, bringen wenig.

Der beste Angriff der SGE wurde in der 67. Minute allerdings nicht mit einerm Tor belohnt, weil Ebimbe aus sieben Metern völlig frei neben das Tor schoss. Die Situation zeigte aber einen großen Teil der Offensivstärke der Eintracht. Mit mehreren Spitzen-Anspielen, und einem Seitenwechsel sucht die Mannschaft in sehr hohem Tempo zuvor immer wieder den Tiefenpass (die ganze Sequenz ab eintracht.tv 21:55), letztlich funktioniert es so:

Lindström bietet Götze den Tiefenlauf an, der ihn per Uwe-Bein-Gedächtnispass zwischen Akpoguma und Vogt durchsteckt. Kabak steht etwas zu weit weg und kommt daher gegen Lindström dann zu spät, der per Absatzkick auf Ebimbe zurücklegt.

Ebimbe muss nur noch einschieben, schießt aber daneben.

Solche Moves sind kaum noch zu verteidigen. Klar ist der Kettenabstand Vogt-Kabak einen Meter zu groß, aber so etwas kann immer passieren. Dass die SGE solche kleineren Fehler aber derart konsequent und technisch sauber ausnutzen kann, dürfte sie auch weiterhin zu einer Spitzenmannschaft in der Bundesliga machen.

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FC Augsburg – SGE 1:2 (1:1)

Das Spiel gegen den vermeintlichen Angstgegner bestimmte die SGE über weite Strecken. Alles zur Analyse hier.

Die Aufstellung

FCA: Gikiewicz – Jensen (86. Oxford), Bauer, Gouweleeuw, Iago (86. Udokhai), Pedersen – Maier (60. Gumny), Baumgartlinger – Demirovic, Berisha, Niederlechner (60. Vargas)

SGE: Trapp – Ebimbe (84. Alidou) , Tuta, Jakic, Ndicka, Pellegrini (46. Knauff) – Sow, Rode (64. Smolcic) – Götze, Kolo Muani (88. Alario), Lindström (64. Borré)

Die Statistik

gibt es hier, hier und hier

Die Highlights

Die Spielanalyse

Mit dem sehr frühen Tor begann das Spiel für die Augsburger nach Wunsch. Das Tor kann aber nur fallen, weil die SGE einen klaren Kettenfehler begeht.

Zunächst handelt es sich in der Entstehung um einen springenden Ball, also eine noch unkontrollierte Situation.

Hier zunächst die Kerze von Müller Richtung Niederlechner und hier im Bild schon zu sehen, in den Bewegtbildern noch besser, dass Jakic hier das Kopfballspiel verweigert. Obwohl Niederlechner etwas aus dem Gleichgewicht gerät, geht Jakic überhaupt nicht mit dem Kopf zum Ball, was leicht möglich gewesen wäre. Hinter ihm stehen Tuta/Ndicka gegen Berisha/Demirovic 2 gg. 2 und zwar ohne direkten Zugriff der SGE-Verteidiger auf die FCA-Stürmer.

Dieses unentschlossene Verhalten bei solchen klaren Kopfballsituationen haben wir bereits öfter bei Jakic gesehen, bspw. im Spiel gegen Gladbach. Auch dass Tuta und Ndicka so viel tiefer stehen als der herausgerückte Jakic, ist natürlich falsch. Wenn die beiden hier einfach an die beiden Gegenspieler nachrücken und den Raum zu Jakic schließen, kann das Tor nicht fallen. Warum die beiden SGE-Verteidiger hier beide ihre Gegenspieler frei stehen lassen, ist kaum zu erklären.

Der Ball landet bei Demirovic und nun stürzt Ndicka auf Demirovic zu, gibt damit das 2 gg. 1 hinten auf und steht nun mit Tuta auf einer vertikalen Höhe, bzw, die beiden kreuzen ihre Räume – eine Situation, die immer vermieden werden sollte, weil dabei während des Raumtausches natürlich der Gegenspieler relativ lange freisteht. Exakt das passiert hier. Berisha steht auf der Ndicka-Position nun völlig frei und 1 gg. 1 gegen Tuta.

Tuta versucht dann, dieses falsche Verhalten haben wir in den letzten Spielen ausreichend gezeigt, wieder mit einem langen Bein auf den Gegner zuzugehen und damit den Ball zu gewinnen, was in solchen Situationen nie funktionieren kann und so muss sich Berisha nicht sehr anstrengen, sondern kann einfach an Tuta vorbeilaufen. Sein Schuss ist dann stark und unhaltbar. Das Tor war eines der etwas seltener gewordenen, aber immer noch zu oft verteilten Geschenke der SGE-Abwehr und was Jakic, Ndicka und Tuta da vorführen, ist wirklich individual- und gruppentaktisches Zentralabwehrverhalten from hell in fast jeder Hinsicht. Dass diese recht einfachen Kettenfehler nach wie vor eine Rolle spielen, haben wir hier immer wieder thematisiert und dass das, solange es nicht hinreichend bearbeitet wird, immer wieder zu Gegentoren führen wird, war nicht schwer zu prophezeien. Zur Einordnung: Natürlich können Gegentore fallen und ein etwas falscher Abstand unterläuft der besten Kette, aber eine solche Abfolge von völlig falschem Verhalten ist nichts anderes als eine Einladung zum Toreschießen, die Augsburger hatten diese Situation ja überhaupt nicht herausgespielt und standen auch bei der Aufbau-Kerze von Müller gar nicht in Überzahl. Nach dem Ball auf Demirovic hätte Ndicka nur wegbleiben müssen und die SGE hätte sogar Überzahl in der Zentrale gehabt. Die Augsburger kommen zu dieser frühen Führung also wie die Jungfrau zum Kind und nehmen das Geschenk dankend an.

Das Tor ist durchaus ein Wirkungstreffer, die Eintracht ist in der Anfangsphase vergleichsweise unruhig und nervös. Der Grad der Unruhe und Unsicherheit im SGE-Spiel ist fast immer gut an der Menge langer Trapp-Schläge abzulesen, Trapp reagiert in seinem Spiel von hinten häufig empfindlich auf Spielrückschläge und will dann offenbar das Risiko im Aufbauspiel senken oder das Spiel beruhigen, bewirkt mit den langen Bällen aber meist das exakte Gegenteil. So lassen sich bspw. in der 2. und 3. Minute (eintracht.tv ab 5:47) solche langen Schläge beobachten, die selbstredend bei den Augsburgern bzw. im Seitenaus landen, das sind aber nicht die letzten derartigen Versuche, die SGE hat in der Anfangsphase große Probleme, ins Spiel zu kommen. Erst mit dem Abschluss von Lindström in der 9. Minute (eintracht.tv ab 12:30) beginnt sich das zu ändern.

Übrigens hat auch Augsburg-Coach Maaßen seine Mannschaft gegen die Eintracht meist in einem für die Augsburger ungewohnten 5-2-3 defensiv arbeiten lassen, dieses „Spiegeln“ der SGE-Aufstellung haben wir bereits in den letzten Spielen, bspw. von Sporting gesehen.

Allerdings überraschten die Augsburger die Eintracht zusätzlich mit der Bereitschaft, den Ballbesitz, den die SGE im Aufbau häufig abgab (auch durch die langen, unruhigen Schläge, möglicherweise aber auch durchaus gezielt), zu nutzen und mit vielen Spielern im vorderen Drittel ihre Chance auf das 2:0 zu suchen. Meist ging es mit Flugbällen Richtung vorderes Drittel, wo die Augsburger dann sowohl die SGE-Innenverteidigung attackierten, was mit den starken Stürmern Demirovic, Berisha und Niederlechner auch oft gelang, und aggressiv zweite Bälle angriffen. Eine Sequenz, in der wir alle diese Elemente sehen, nachzusehen bei eintracht.tv von 13:17 bis 13:45 (Aufbauspiel eigener Ballbesitz Gikiewicz-Bauer – Initialpass Longline-Flugball Richtung Spitze – Gegenpressing – schnelles Ausspielen mit Schnellkombination rechts). Dabei springt eine der weiteren interessanten Szenen der Augsburger in dieser Phase heraus, die die SGE dann in der Zentralen aber verteidigen kann. In der Entstehung sieht man aber, dass wieder das Duell Tuta-Demirovic an den Augsburger ging.

Anders dagegen beim Ausgleich der SGE: Der entscheidende Ballgewinn ist nämlich ein starker, aufmerksam gewonnener Zweikampf von Tuta. Hier:

Den Maier-Pass auf Berisha kann Tuta abfangen. Hier macht er alles richtig, attackiert den nicht perfekt gespielten Ball gegen den Gegner mit Rücken zum Tor und spielt ihn zu Ebimbe. Auch gut zu sehen, dass die letzte Reihe hier voll im Pressing eingebunden ist, von hinten 1 gg. 1 gegen die drei Augsburger steht.

Hier wurde mehrfach das Zweikampfverhalten von Tuta und anderer SGE-Verteidiger kritisiert, insbesondere in solchen Situationen das zu frühe auf den Ball Stürzen, warum also ist das hier jetzt richtig? Entscheidend ist die Bewegung des Stürmers und dessen Positionierung. Steht er in Tornähe und kann den Ball mit dem Körper bei leichter Rückwärtsbewegung abdecken, muss der Verteidiger eine halbe bis eine Armlänge Abstand halten und auf den Aufdrehmoment des Stürmers warten, in dem der Ball kurz frei und attackierbar ist bzw. der eigene Körper in den Gegner und damit zwischen Ball und Gegner gebracht werden kann. Ist der Stürmer jedoch ohne direkten Abschluss-Anschluss und relativ weit vom Tor entfernt und vor allem: Muss er dem Ball (mit Tempo) entgegengehen, kann der Verteidiger diese Bewegung mitmachen und, sofern es einen freien Ball-Zugriffsmoment gibt, diesen attackieren. Das funktioniert dann auch ohne Grätsche oder langes Bein (es ist eher ein Ablaufen) und das macht Tuta hier perfekt und leitet damit den SGE-Angriff zum Tor ein. (eintracht.tv ab 16:40)

Aus diesem Ballgewinn spielt die SGE via Pass-Dreiecks- bzw. Vierecksbildung (wurde hier schon mehrfach gezeigt) dann die Schnellkombination aus. Über Rode landet der Ball bei Götze, der den Ball so lange hält, bis alle Mitspieler in Position gelaufen sind, um den Angriff multioptional fortsetzen zu können (ganze Szene ab eintracht.tv 16:41, unbedingt auf die Zweikampfführung von Tuta achten und auf das clevere Verzögern von Götze bis alle in Position sind – das ist schon sehr stark gemacht von Götze, diese Ruhe muss man erstmal haben). Und so:

Nun kann Götze entweder über den völlig freien Rode in der Zentrale fortsetzen oder via Tiefenpass auf Ebimbe. Er entscheidet sich für die Ebimbe-Fortsetzung und spielt einen perfekt getimten Tiefenpass.

Die Vollendung vorne ist dann stark gespielt von Ebimbe und Rode, die Augsburger sind aber auch nicht sehr gut organisiert, können trotz Überzahl den Passweg auf den nachrückenden Rode nicht schließen. Gute Boxbesetzung der SGE, vor allem von Rode hier.

Ein toller Angriffsvortrag von Rode, Ebimbe und Götze, diese Schnellkombination sah mal wieder sehr einstudiert aus, solche Spielzüge lassen sich im Training gut üben, aber das dann im Spiel so umzusetzen ist bekanntlich immer etwas schwieriger. Ein relativ großer Anteil des Tores geht auf Götze, der die Situation mit viel Ruhe und Übersicht (und kurzer Verzögerung) entscheidend einleitet.

Mit dem Tor kam etwas Ruhe ins SGE-Spiel, nun gelang es besser, die Pressing-Reihen der Augsburger zu überspielen. Maaßen ließ seine Mannschaft defensiv in einem variablen 5-3-2 bzw. 5-2-3 anlaufen, Niederlechner bzw. die Außenverteidiger ergänzten situativ die Angriffs- bzw. Mittelfeldpressingreihe. Dadurch schafften die Augsburger gelegentlich (vor allem in der Anfangsphase) aggressive Überzahlsituationen, dieses Reihen-Wechselspiel brachte der SGE aber auch freie Passwege und beim 1:1 war es auch Niederlechner gewesen, der Rode hatte laufen lassen. Hier einmal ein Beispiel, wie sich durch das Wechselspiel Passwege öffnen:

Hier das 5-3-2 bei fortgeschrittenen SGE-Angriffen über außen (Ballführer Ebimbe). Niederlechner sichert im Mittelfeld Götze.

Doch Ebimbe bricht den Angriff über rechts ab und spielt zurück auf Jakic. Damit ändert sich die Standard-Spielsituation und Augsburg schaltet auf 5-2-3-Pressing, weshalb Niederlechner Richtung zentrale Spitze joggt:

Niederlechner joggt in die Spitze zwischen Berisha und Demirovic, öffnet damit den Passweg auf den nun völlig freien Götze, die drei Mittelfeldspieler Sow, Rode und Götze haben hinter der ersten Pressinglinie Überzahl.

Damit musste der Passweg aufgehen, ohne dass Maier hier irgendwie schnell genug Zugriff auf Götze bekommen konnte. Gegen ein Dreier-Mittelfeld wie das der SGE (Sow-Rode-Götze) kann man entweder mit 2 Sechsern agieren, die zwischen den 3 gegnerischen Mittelfeldspielern stehen und man so den Zugriff jeweils erlaufen kann:

Die beiden Sechser stehen zwischen den drei offensiven Mittelfeldspieler und können mit relativ kurzen Wegen so Zugriff auf alle drei behalten.

Die zweite Möglichkeit ist natürlich eine 3-3-Deckung also mit eigenen drei Sechsern/Achtern. Dann müssen die aber auch in der Nähe der Gegenspieler bleiben, da sonst die Zugriffswege kurzzeitig zu lang werden. Klar kann man, wie es die Augsburger hier versuchen, auch zwischen den beiden Varianten umschalten, aber dann muss das sehr gut koordiniert sein und das ist es hier nicht. Niederlechner läuft einfach von seinem Gegenspieler weg ohne dass Maier rechtzeitig den Zugriff übernehmen könnte.

Jakic spielt zu Götze, der direkt in die Spitze zu Lindström. Augsburgs letzte Reihe kann das dann klären, letztlich springt nur ein Distanzabschluss von Sow heraus, aber hier sieht man gut, dass das Wechselspiel von Niederlechner erst den Raum für den Jakic-Götze-Pass öffnet. (Ganze Sequenz: eintracht.tv ab 20:10)

Nach ca. 20 Minuten hatte die SGE das Spiel dann besser im Griff, es gelangen mehr eigene Ballphasen und auch an die Zweikampfhärte der Augsburger hatten sich die SGE-Spieler nun gewöhnt und fanden langsam aber sicher Strategien, diese zu umgehen oder sich darin zu behaupten, es gelangen einige Angriffe aus eigenem Aufbau und Positionsspiel, etwa in der 32. Minute (eintracht.tv ab 35:47, Angriffsvortrag Ndicka-Götze-Ndicka-Sow-Kolo Muani-Pellegrini, der den Ball dann aber nicht mehr quergelegt bekam. Schwache Hereingabe).

Der einzige gute Positionsangriff der Augsburger der ersten Halbzeit (und genau genommen des gesamten Spiels) wurde direkt auch die beste selbst herausgespielte Chance der Gastgeber, Trapp muss mit seiner stärksten Parade des Spiels gegen Demirovic retten (42. Minute). In der Szene ist Pellegrini zu weit aus der Kette gerückt, ebenfalls ein Fehler, der der SGE hinten immer noch zu oft passiert. (eintracht. tv ab 45:53)

In der Halbzeitpause wechselt Glasner Knauff für Pellegrini ein und die Anfangsphase der zweiten Halbzeit der SGE ist viel stärker als die der ersten Halbzeit. Die SGE hat nun einige Abschlüsse in kurzer Zeit. Ein Blick darauf:

47. Minute: Abschluss Knauff nach Einzelaktion (Vorausgegangen war eine kurze Ballphase der SGE, der Pass nach außen kam von Rode, eintracht.tv ab 2:20). Im Anschluss an die folgende Ecke kommt es zu einem Fallrückzieher von Ndicka, der den Schiedsrichter veranlasst, die Szene per VAR zu klären. Zurecht aber kein Elfmeter hier.

50. Minute: Riesenchance Ebimbe am langen Pfosten, nachdem Kolo Muani sich links durchgesetzt hatte. Die Szene war etwas abseitsverdächtig und entstand nach einer unkontrollierten Situation im Mittelfeld mit mehreren Ballbesitzwechseln. Der Pass von Kolo Muani kam von Knauff.

Nun flogen von Seiten der Augsburger die Bälle fast nur noch weit nach vorne, sie landeten fast alle bei der SGE. Im eigenen Defensivbereich standen die Gastgeber tiefer, das Mittelfeldpressing wurde noch öfter von den Stürmern unterstützt, aber die Augsburger kamen mit dem Verteidigen kaum mehr nach.

Die Augsburger blieben aber bei ihrer 5-2-3-Grundordnung, in der zweiten Hälfte war auch in eigenen Pressingphasen das Vervollständigen der Mittelfeld 2er-Kette zu einer Dreierkette zu beobachten, also zu einem 4-3-3-Pressing. (Beispiel eintracht.tv ab 13:45).

Die etwas längere Drucksequenz der SGE vor dem 2:1 ist überaus interessant, weil man darin sieht, wie die Eintracht diese Druckphase durch individuelle Stärke, Dribblings, gewonnenes offensives 1 gg. 1 am Laufen hält. Eintracht.tv ab 17:03, hier besonders zu beachten die vielen Offensivzweikämpfe, Ebimbe gg. Pedersen, Kolo Muani gg. Jensen, Knauff gg. Bauer, Rode gg. Demirovic, alles gewonnene Zweikämpfe, der letzte endet dann mit Foul Demirovic an Rode, Freistoß SGE. Den Lindström-Freistoß kann Gikiewicz zur Ecke lenken.

Die von Götze eigentlich schwach hereingebrachte Ecke können die Augsburger am kurzen Pfosten nicht entscheidend klären und Knauff schießt den dann Richtung langer Pfosten ins Tor. Schwache Rückraumsicherung der Augsburger bei dieser Ecke, etwas Glück bei Knauffs Abschluss, aber zu diesem Zeitpunkt war das 2:1 schon ein verdientes Ergebnis.

In der übrigen Spielzeit zeigte sich deutlich der Qualitätsunterschied der beiden Teams. Natürlich bemühten sich die Augsburger darum, noch den Ausgleich zu erzielen und vor allem nach Gegenpressingsituationen gab es auch die ein oder andere interessante Situation, aber die Mannschaft war in zwei entscheidenden Kategorien schlicht schwächer als die SGE. Einerseits war sie kaum in der Lage, über gezieltes Positionsspiel Chancen herauszuarbeiten, zum anderen fehlten in der vorderen Linie die starken 1 gg. 1 – Spieler. Während auf Seiten der SGE vor allem Kolo Muani und Knauff jederzeit auch durch Einzelaktionen, Tempodribblings u.ä. Gegenspieler aus dem Spiel zu nehmen und so Räume und gefährliche Abschlüsse zu kreieren in der Lage waren, gelang das den Augsburgern kaum. Eine der herausragenden Szenen etwa von Kolo Muani ist in der 76. Minute zu beobachten, in der er nach langem Tuta-Pass und Weiterleitung von Borré sich gegen drei Augsburger durchsetzt und auch an Gikiewicz vorbeikommt, dann aber frei vor dem leeren Tor daneben schießt. (eintracht.tv ab 31:25). Viel Glück für Augsburg, da wäre eigentlich das 3:1 fällig gewesen.

So blieben den Augsburgern vor allem Standards, die auch tatsächlich teilweise gefährlich wurden, aber u.a. von Trapp letztlich entschärft werden konnten.

Die SGE konnte trotz Führung teils sehr lange eigene Ballgewinn-Sequenzen generieren, beschäftigte die Augsburger damit minutenlang in der eigenen Hälfte und konnte so immer wieder Druck aufbauen, womit den Augsburgern viel Wind aus den Segeln genommen und Zeit von der Uhr genommen wurde. Ein Beispiel ist die Sequenz ab der 78. Minute (eintracht.tv 33:40 bis 35:11), in der die SGE immer in Ballbesitz bleibt, aber dabei auch mehrfach Angriffsversuche startet, immer den Weg in die Tiefe und die Spitze sucht. Auch das ist ein wichtiges, in dieser Saison weiterentwickeltes Element im Eintracht-Spiel: Das stark verbesserte Positionsspiel, auf das sich die Mannschaft im Grunde in allen Spiellagen verlassen und zurückziehen kann.

Mit der Einwechslung des kopfballstarken und sehr umsichtigen Smolcic wurde es darüber hinaus für die Augsburger noch schwerer, mit langen Bällen in die Spitze irgendetwas zu erreichen.

Fazit

Die Eintracht gewinnt das Spiel gegen einen Gegner, der in praktisch allen Bereichen limitierter war als die SGE. Trotz des frühen Rückstandes konnten die Augsburger mit ihren oft durchschaubaren Mitteln die SGE nicht oder nur selten auskontern. Hier ist ein deutlicher Entwicklungsschritt zu sehen, der sich schon in den vergangenen Spielen abzeichnete: Das deutlich verbesserte und zunehmend in den Fokus rückende Positionsspiel gibt dem Eintracht-Spiel eine neue Qualität. Die inzwischen technisch-spielerisch hohe Qualität der gesamten Mannschaft erlaubt es, auch gegen sehr aggressive, zweikampfstarke Gegner wie Augsburg dauerhaft Druckphasen aufzubauen. So hatte die SGE in der zweiten Halbzeit trotz Führung 64 Prozent (!) Ballbesitz – das wäre bis vor kurzem kaum denkbar gewesen.

Etwas problematisch bleibt weiterhin das Alleineverteidigen der letzten Reihe. In der Winterpause hier dann ein Pressing-Spezial, in dem wir einmal einen Blick darauf werfen, was Glasner damit meint, dass die ganze Mannschaft gemeinsam verteidigt, wie die letzte Reihe in die Pressingmanöver eingebunden ist und wie dieses Eingebundensein auch zu einigen Kettenfehlern ganz hinten führt. Wie oben im Text angedeutet, ist z. B. das oft hanebüchene 1 gg. 1 – Verhalten von Tuta auf Differenzierungsprobleme zurückzuführen (wann gehe ich wie in den Zweikampf?), die auch mit den Aufgaben der letzten Reihe beim Pressing zusammenhängen (können).

Insgesamt war die SGE das klar bessere Team, konnte ihre Stärken auf den Platz bringen, obwohl Augsburg alles daran setzte, das zu verhindern und hatte auch erneut das nötige Spielglück, als Knauffs Abschluss nach der schlecht abgewehrten Ecke der SGE durch einen Wald von Gegnerbeinen hinten ins Tor fiel. Dieses kleine Spielglück braucht die Mannschaft derzeit noch gegen Gegner wie Augsburg, aber die SGE war letztlich in praktisch allen Belangen überlegen (wie auch oben in der Statistik nachzulesen ist) und gewann das Spiel völlig verdient.

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Sporting Lissabon – SGE 1:2 (1:0)

Mit dem Sieg gegen Sporting erreicht die SGE das Champions-League-Achtelfinale. Ein Blick auf die entscheidenden Szenen, das Glasner-Coaching und die Spieler, die entscheidende Beiträge zum Erfolg leisteten.

Die Aufstellung

SPO: Adan – Santos (32. Reis), Inacio, Coates, St. Juste (78. Cabral), Porro – Goncalves, Ugarte (63. Essugo) – Gomes, Paulinho, Edwards (63. Trincao) — Trainer: Amorim

SGE: Trapp – Pellegrini, Ndicka, Jakic (81. Smolcic), Tuta, Ebimbe (69. Knauff) – Sow, Kamada – Götze (90. Alidou), Kolo Muani (80. Borré), Lindström (46. Rode) — Trainer: Glasner

Die Statistik

gibt es hier, hier und hier

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die Spielanalyse

Die entscheidende Szene des Spiels war diesmal eine, die für die SGE überaus glücklich war, denn das Tor, das die Eintracht wieder ins Spiel brachte, war in gewisser Hinsicht ein ziemliches Geschenk.

Bis zu dem Elfmeter, der aus einer Situation in der 59. Minute entsprang, hatte Sporting die SGE-Offensive gut im Griff. Auch in der allgemein als stärker wahrgenommenen zweiten Halbzeit hatte die SGE bis zum Elfmeter keinen einzigen wirklich interessanten Abschluss, das Spiel hatte sich im Grunde so fortgesetzt wie es in der ersten Halbzeit war: Die SGE fand kaum ein Mittel gegen die extrem stark organisierte Defensive der Portugiesen, dazu später mehr.

Der Angriff, der zum Elfmeter führte, war auch eher ein Verzweiflungs-Chip-Pass von Götze Richtung Kolo Muani, leicht diagonal von der Halbposition. Kolo Muani kann mit dem Ball auch im Grunde nichts anfangen, köpft eine Kerze vage Richtung Kamada, doch der Ball ist für Kamada vollkommen unbrauchbar. Kamada springt ohne große Chance Richtung Ball und gegen Sebastian Coates, weshalb dieser aus dem Gleichgewicht gerät.

Hier die Szene. Kamada springt mit dem Rücken zum Ball gegen Coates, dessen beide Arme dann nach oben gehen, weil er von hinten leicht von Kamada gestoßen wird. Der Ball landet dann bei Ebimbe, der ihn die Wolken zimmert.

Die Situation hätte man genauso gut gegen die SGE bzw. Kamada pfeifen können, in jedem Fall war das absolut keine Torchance und sicher kein absichtliches Handspiel. Man kann den Elfmeter pfeifen, aber das war insbesondere anhand des Spielverlaufes bis dahin schon großes Spielglück, was ja auch Glasner nach dem Spiel andeutete.

Damit änderte sich natürlich die Situation in der Gruppe, für die SGE war nun der Achtelfinaleinzug nur noch ein Tor entfernt und Sporting wurde etwas unruhig, auch in der bis dahin starken Defensive.

Bis zum Ausgleich hatte Sporting die SGE in einem 5-2-3 gestellt und angepresst, bis zur Führung situativ mit Angriffspressing meist aber im Mittelfeldpressing (womit sie das Eintracht-Spiel etwas spiegelten) und auch sehr oft so tief, dass der Raum hinter der Kette kaum angepeilt werden konnte seitens der SGE.

Mit dem 1:1-Ausgleich wechselt Sporting-Trainer Amurim den 17jährigen Essugo auf die zweite Sechs für Ugarte und Trincao für Edwards, das änderte aber an der Statik des Sporting-Spiels zunächst wenig, es blieb beim 5-2-3-Kontersystem mit Schwerpunkt Mittelfeldpressing, aber der sehr junge Essugo spielte beim zweiten SGE-Treffer eine Rolle. Dazu später mehr.

Es gelang der SGE nun, druckvoller zu spielen und über die Außenpositionen auch gelegentlich zumindest freie Flankenbälle in die Zentrale zu spielen. Vor allem mit der Einwechslung des ballsicheren Rode gelang es auch häufiger, die vordere Pressinglinie der Gastgeber zu überspielen, eine längere Sequenz, in der wir das alles sehen können, bei eintracht.tv ab 24:35 bis 27:00 mit einem guten Aufbauspiel, einem Flachpassspielversuch über Pellegrini und zwei Flanken von links von Kolo Muani, der in der Szene auf die Außenbahn ausgewichen ist. Diese längere Sequenz zeigt, dass es die SGE schaffte, den Druck etwas zu erhöhen.

Was sich hier schon andeutet, nämlich dass die SGE es zunehmend mit breitem Angriffsaufbau und Flanken von vergleichsweise weit außen versuchte, wurde danach immer klarer zur (notwendigen) Marschroute und mit Knauff wechselte Glasner in der 69. Minute auch dementsprechend ein (zu den Einwechslungen von Knauff und Rode weiter unten mehr). Das führt dazu, dass Sporting immer mehr Szenen in der eigenen Innenverteidigung nur noch unsauber klären kann, was der SGE hingegen Zugriffsmöglichkeiten auf zweite Bälle ermöglichte. Das dürfte auch der Plan gewesen sein.

Das entscheidende Tor fällt auch in direktem Anschluss an so eine Szene.

Rode überlädt mit Götze und Pellegrini die linke Offensivseite, zieht damit Essugo sehr weit nach außen, wodurch sich der Passweg Richtung Kamada kurz öffnet und für Kamada ein zumindest kleiner Freiraum entsteht.

St. Juste kann Kamada sofort attackieren, aber daraus entsteht eben eine solche Situation, aus der sich Sporting nicht durch einen kontrollierten Konter befreien kann.

Stattdessen rennt Essugo mit vollem Tempo in drei Frankfurter und liefert den Ball letztlich strauchelnd bei Ndicka ab, der ihn sofort Richtung Knauff spielt und man sieht hier schon, dass Knauff und Molo Muani jeweils 1 gg. 1 stehen und beide etwas Platz haben.

Entscheidend sind diese beiden Duelle: Reis gg. Knauff und Inacio gegen Kolo Muani.

Hier sieht man, dass Inacio eigentlich noch rechtzeitig in den Zweikampf kommt und auch auf der Innenbahn ist, aber das ist doch genau eine solche Situation, die Sporting das übrige Spiel über zu verhindern versuchte: Pässe in den Lauf in eine direkte 1 gg. 1 – Situation zum Tor.

Kolo Muani ist dann zu stark für Inacio, der in dem Zweikampf aber auch sehr schlecht aussieht, zweimal zu früh auf Zugriff geht und so ziemlich leicht von Kolo Muani abgeschüttelt werden kann, aber das war auch von Kolo Muani überragend gemacht.

Aber dieser Spielverlauf ist überaus ärgerlich für die ansonsten sehr aufmerksamen Portugiesen: Einmal zu früh zu weit herausgerückt, eine übermotivierte Kontereinleitung des 17jährigen Essugo, ein Ndicka-Pass mit vollem Risiko in die Doppel- 1 gg. 1 Situation Knauf/Reis und Kolo Muani/Inacio, und diese eine Situation nutzt die SGE direkt zum Führungs- und später Siegtreffer.

Auch danach blieb das Spiel recht höhepunktarm, daher hier noch ein Blick auf das Gegentor, die Glasner-Maßnahmen und die besonderen Leistungen von Rode, Pellegrini und Ndicka.

Zunächst einmal zum Gegentor aus der 39. Minute.

Ursächlich für das 1:0 ist dieses gut gestellte Angriffspressing der Portugiesen. Paulinho ist vorne im direkten Duell gegen Ndicka, der keinen freien Aufbaupass mehr spielen kann. Sein Pass wird von Paulinho abgefälscht, sodass der Ball exakt in die Pressingfalle von Sporting fällt, Goncalves und Ugarte gewinnen den Ball und setzen ihn sofort nach vorne um.

Im weiteren Verlauf der Szene wechselt noch einmal der Ballbesitz, aber Tuta kommt nicht kontrolliert an den Ball. Letztlich kann Ugarte flanken, Sow verlängert die eigentlich schwache Flanke unglücklich Richtung langem Pfosten, wo Ebimbe Gomes allerdings auch komplett aus den Augen verloren hat.

Hier bei der Kopfballverlängerung von Sow steht Ebimbe 1 gg. 2 gegen Gomes und Reis, genaugenommen stehen die beiden Sporting-Angreifer 2 gg. 0, denn Ebimbe ist viel zu weit von Gomes weg um irgendwie Zugriff auf ihn zu haben. Klarer Stellungsfehler von Ebimbe, der hier ohne Schulterblick zu weit vom Gegenspieler entfernt ist. Überhaupt ist die Box-Organisation der SGE hier schlecht. Auch Lindström hätte Goncalves begleiten müssen.

Da ist die SGE nicht gut gestaffelt, aber die Situation ist auch eine Kontersituation aus dem Angriffspressing der Portugiesen und da ist die hintere Reihe oft unsortiert, das ist ja auch das Kalkül solcher Angriffspressing-Manöver. Also kein gravierender Kettenfehler hier.

Neben diesen spielentscheidenden Szenen gab es weitere analytisch relevante Punkte. Neben dem diesmal sehr gelungenen Coaching durch Glasner musste ein besonderer Fokus auf der linken Defensivseite der SGE liegen, dann das Offensivspiel der Portugiesen ist üblicherweise sehr rechtslastig. Die drei Spieler, die über rechts kommen, Porro (3 Vorlagen), Edwards (3 Tore, 3 Vorlagen) und Trincao (2 Tore, 1 Vorlage) waren in der Portugiesischen Liga bisher an 12 Toren beteiligt, bei Sofascore kann auch gut nachverfolgt werden, dass auch in der Champions League in allen Spielen das Spiel von Sporting rechtslastig war. Umso wichtiger war, dass die SGE mit Pellegrini und Ndicka die linke Defensivseite der SGE fast immer gut verteidigen konnte.

Noch ein Wort zum Coaching. Glasner ist dafür bekannt, gerade in engen Spielen lange mit Wechseln oder gar Umstellungen zu warten, nicht so diesmal. In der Halbzeit änderte er die Statik des Spiels mit der Hereinnahme von Rode und der Versetzung von Kamada auf die offensive Halbposition entscheidend. Besonders durch das tiefe Stehen der Sporting-Kette und dem sehr aufmerksamen schnellen zurückweichen der Innenverteidigung brachten die Portugiesen Lindström um seine Stärken. Außerdem wurde Lindström oft sehr früh und aggressiv angelaufen oder doppelt gedeckt.

Hier eine Szene aus der 20. Minute. Mit Santos und und dem weit nach links gerückten Innenverteidiger Inacio wird Lindström bei diesem Tempoangriff gleich von 2 Gegnern mit Zugriff zugestellt. Sporting riskiert damit sogar einen freien Raum auf der Halbposition, Goncalves gewinnt den Ball dann aber gegen Ebimbe.

Mit Rode gewann die SGE deutlich an Ballsicherheit und Spielkontrolle. Auch die Daten hier sind beeindruckend: Während Lindström in der ersten Hälfte gerade einmal auf 18 Ballkontakte kam, erreichte Rode in seiner Spielzeit 49 Ballaktionen. Dass mit Rode einer der wichtigsten defensiven Arbeiter und gleichzeitig offensiven Ideengeber eingewechselt wurde, war wenig überraschend, bereits im gesamten bisherigen Saisonverlauf wurde die überragende Form und die wichtige Rolle des SGE-Kapitäns im Mannschaftsgefüge hier regelmäßig dokumentiert.

Neben dem Halbzeitwechsel war auch die Hereinnahme von Knauff für Ebimbe sehr nachvollziehbar. Da es zunehmend über außen ging und dort häufig 1 gg. 1 – Situationen entstehen, überhaupt Sporting die SGE mit tiefer Kette und starker 1 gg. 1 – Orientierung im Mittelfeldpressing empfing, war abzusehen, dass solche offensiven Duelle der einzige Weg zu Torchancen war. Ebimbe ist im 1 gg. 1 aber deutlich limitierter als Knauff und auch dieser Wechsel war dann ja auch sehr wirksam und führte zum 1:2. Auch Smolcic kam rechtzeitig für den rotgefährdeten Jakic, dieser Wechsel wäre aufgrund Smolcics Defensivstärke auch schon früher sinnvoll gewesen.

Fazit

Entscheidend für den Erfolg waren in erster Linie ein großes Stück Spielglück („geschenkter“ Elfmeter), das starke Coaching von Glasner, die starke Leistung von Rode, der linken Abwehrseite und zwei gewonnene Duelle von Knauff und Kolo Muani, die zum Tor führten.

Trotz aller Freude über das Weiterkommen muss aus analytischer Sicht festgestellt werden, dass sich die SGE erneut in einem Spiel gegen einen Gegner, der versuchte, die Schwächen der Eintracht in den Mittelpunkt der Spielführung zu stellen, sehr schwer tat. Mit dem tiefen Stehen, dem gut organisierten situativen Angriffspressing (bis zur Führung), dem danach ebenfalls gut organisierten, mannorientierten Mittelfeldpressing und sehr aggressivem Zweikampfverhalten (relevante 58 % Zweikampfquote pro Sporting über das gesamte Spiel) stellten die Portugiesen die SGE vor kaum lösbare Probleme. Besonders die Zentrale, aus der üblicherweise viele SGE-Angriffe eingeleitet werden, wurde mit dem 2-3er-Pressingblock sehr konsequent zugestellt und attackiert.

Glasner coachte das dann gut aus, stellte mit Sow, Rode, Götze und Kamada seine vier spiel- und passstärksten Spieler in die Zentrale, womit er zunächst einmal den Spieldruck insgesamt deutlich erhöhen konnte. Das führte zwar kaum zu zwingenden Abschlüssen, aber allein das nun häufigere Anspielen der Spitze erhöhte die Wahrscheinlichkeit, interessante Torsituationen zu erhalten. Und genau so kam es. Ein vage in die Spitze gechippter Ball von Götze führte zum Elfmeter.

Auch die zweite notwendige Entscheidung, nämlich die Außenbahnen mit 1 gg. 1 – stärkeren Spielern zu besetzen, zumindest rechts mit Knauff, führte schnell zum Erfolg.

Insgesamt war der Erfolg der SGE etwas glücklich, aber letztlich nicht unverdient, da sie mindestens bis zur Führung das etwas aktivere Team war und Sporting so viel aufwenden musste, um die SGE-Offensive in Schach zu halten, dass sie selbst kaum mehr als einige Konter zustande brachten. Das legen auch die Daten nahe: Sowohl hinsichtlich Ballbesitz (54%), als auch bei den xGoals (1,2 : 0,5 pro SGE), als auch bei den zurückgelegten Kilometern (117:112 pro SGE) lagen die Frankfurter vorne.

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SGE – Borussia Dortmund 1:2 (1:1)

Neben dem wild diskutierten nicht gegebenen Elfmeter gab es in dem Spiel noch einige andere Knackpunkte. Die Analyse.

Die Aufstellung

SGE: Trapp – Ebimba, Tuta, Jakic, Ndicka, Pellegrini – Rode (72. Sow), Kamada – Lindström (77. Alario), Kolo Muani, Götze

BVB: Kobel – Hazard, Schlotterbeck, Hummels, Süle – Özcan, Bellingham – Malen (61. Reyna), Brandt (61. Can), Adeyemi (79. Wolf) – Moukoko (61. Modeste)

Die Statistik

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Die Highlights

Quelle: Youtube

Die Spielanalyse

Natürlich stand das Spiel stark im Schatten der Ereignisse in der 42. Minute, als beim Stand von 1:1 Schiedsrichter Stegemann der SGE einen Strafstoß verweigerte, daher zunächst einmal zu dieser Szene, die Situation ist abseits aller Aufregung recht charakteristisch für das Spielgeschehen insgesamt, sie folgt nämlich einem Positionsspiel-Aufbauspiel der SGE aus der eigenen hinteren Reihe.

Eine Standardvariante des Aufbauspiels: Tuta-Pass nach ganz außen auf die Mittelfeld-Außenposition Ebimbe. Linksverteidiger Hazard läuft weit aus der Kette, hinter ihm öffnet sich der Raum. Den läuft Götze an, bekommt den Ball von Ebimbe one touch weitergespielt und geht sofort gegen den weit nach außen gerückten Schlotterbeck ins Tempo – 1 gg. 1.

Götze kommt zwar nicht endgültig an Schlotterbeck vorbei, dieser gewinnt den Zweikampf aber auch nicht sauber, so dass der nachsetzende Götze den Ball schließlich Richtung Kolo Muani bringen kann.

Hier ist der Ball noch auf dem Weg zu Kolo Muani und man sieht, dass die Box-Verteilung so sehr günstig nicht ist für die SGE, Kolo Muani kann das eigentlich nur alleine im 1gg. 1 lösen.

Kolo Muani legt sich dann den Ball vorbei an Hummels und schlenzt ihn über Kobel an den langen Pfosten, von wo er Lindström drei Meter vor der Torlinie vor die Füße fällt, weshalb er von Adeyemi nur noch durch Umrempeln am Einschießen gehindert werden kann (eintracht.tv ab 47:18). Das ist ein glasklarer Elfmeter und Notbremse, also Rote Karte, warum das Schiedsrichterteam das nicht pfeift, ist unerklärlich. Dadurch entgeht der SGE nicht nur ein Treffer und die Führung, sondern auch eine Überzahl in der zweiten Halbzeit.

Damit ist die Szene naturgemäß relevant für den weiteren Spielverlauf, allerdings ist sie nicht der einzige Knackpunkt des Spiels. Vielmehr traten bei den beiden Gegentoren teilweise bekannte SGE-Fehler auf, bei denen es inzwischen wirklich bedenklich ist, dass sie nach wie vor nicht hinreichend bearbeitet worden sind.

Insbesondere Tuta gerät dabei wieder in den Fokus. So sehr der Spieler im Spielaufbau stark ist und auch viele defensive Situationen adäquat lösen kann, so sehr ist sein regelmäßig falsches Anlaufen von Gegenspielern Quelle von Gegnerchancen und -toren und man muss sagen, dass dieses Fehlverhalten (wir werfen gleich einen Blick darauf), nicht nur zum wiederholten Mal die SGE Punkte kostet, sondern im Grunde ein derartiger, sich wiederholender Anfängerfehler ist, dass der Spieler auf die Dauer Probleme bekommen dürfte, auf Profiniveau zu spielen, wenn diese Fehler nicht abgestellt und bearbeitet werden. Diesmal war es so deutlich, dass sogar sky-Co-Kommentator Lothar Matthäus der Fehler nicht entging.

Ausgangspunkt des BVB-Angriffs war in dieser Sequenz ein abgefangener Angriff der SGE über links, an dem sich auch Ebimbe mit Aufrücken beteiligte. BVB-Mittelfeldspieler Özcan spielt daher einen langen Diagonalpass auf Malen linksaußen. Dieser startet sofort ins Tempodribbling Richtung Tuta.

Hier gut zu sehen, dass die Dortmunder mit dem langen Özcan-Pass ganz vorne zu einem 3 gg. 3 kommen, allerdings könnte Rode hinten eine Überzahl herstellen und Ebimbe könnte per Sprint versuchen, Tuta nach hinten zu doppeln. In jedem Fall muss Tuta hier zurückweichen, den Gegner auf der Außenbahn halten und selber unbedingt im Spiel bleiben.

Es darf wirklich alles passieren, nur Tuta darf sich nicht einfach aus der Szene verabschieden. In den Bewegtbildern sieht man, dass er ohne jede Chance auf einen Ballgewinn sich vor Malen hinlegt. (eintracht.tv ab 25:44)

Damit bekommen die Dortmunder eine Überzahlsituation geschenkt, die Malen und Brandt natürlich gemütlich zum Tor zu Ende spielen können.

Da Tuta sich selbst aus dem Spiel genommen hat, muss Jakic gegen Malen herausrücken und gut zu sehen hier, dass Ndicka nun 1 gg. 2 in der Zentrale steht, keine Chance mehr, das zu verteidigen. Brandt steht dann am langen Pfosten komplett frei und schießt ein.

Das zweite Tor der Dortmunder ist gut herausgespielt und nutzt einen systematischen Freiraum im SGE-Spiel.

Hier gut zu sehen, dass die Pressing-Abteilung der SGE auf den halblinken Innenverteidiger Schlotterbeck ausgerichtet ist und auf der anderen Seite hinter Götze ein relativ großer Freiraum entsteht, der nun per Diagonalpass Schlotterbeck und dem sehr breit stehenden Außenverteidiger Süle attackiert werden kann.

Solche Angriffe sind in die Pressing-Ablaufpläne eingepreist, hier muss nun die hintere Reihe zusammen mit den Sechsern arbeiten, aber das ist erstens nach wie vor der große Unsicherheitsfaktor im SGE-Spiel, also die Arbeit in der hinteren Reihe und zweitens sind solche Angriffe nach breitem Aufbau (also Seitenwechsel/ Diagonalaufbau über Flugbälle) der Gegner hier zuletzt häufig beobachtet worden.

Auch dieses fehlerhafte Verhalten in der Kette, das meist von den eingebauten Mittelfeldspielern ausgeht, wie hier von Jakic, wird inzwischen von jedem Gegner bewusst angesteuert, so auch von Dortmund: Zu weites aus der Kette Rücken, optimistisches Attackieren von Bällen, die nicht erreichbar sind, dadurch geht das Scheunentor hinter Jakic auf, Ndicka und Tuta stehen viel zu weit auseinander um ein Sicherungsdreieck bilden zu können.

Nächster Kettenfehler also, hier einer, den uns Ralf Peter im Kettenspezial gezeigt hat und der eine der Hauptfehlerquellen beim Kettenspiel ist. Jakic muss, wenn er so weit aus der Kette auf den Ball stürzt, diesen auch erreichen, sonst ist er aus dem Spiel und Bellingham kann hinter ihm im Grunde 1 gg. 0 aufs Tor laufen. Überhaupt darf ein Kettenmitglied nur dann so weit und aggressiv aus der Kette agieren, wenn er hinter sich mit engen Abständen gesichert ist, das ist hier ja aber auch nicht der Fall, weder Ndicka noch Tuta haben irgendeinen Zugriff auf Bellingham.

Tuta kann im weiteren Verlauf noch den direkten Einschussweg zustellen, aber Bellingham nutzt dann eben den zweiten freien Schussweg zum Tor.

Noch ein Blick auf das SGE-Tor und die Drangphase der Eintracht in der zweiten Halbzeit.

Das Tor entsprang einem Aufbauspiel der SGE und einem lang gespielten Ball von Tuta Richtung Götze, der von Hummels abgewehrt wurde, aber wieder bei der SGE landete.

Mit der Balleroberung geht Kolo Muani sofort ins Dribbling gegen Bellingham, kommt an ihm vorbei und legt den Ball rechts herüber auf den mitgelaufenen Kamada.

Daraus ergibt sich diese Situation:

Die BVB-Kette steht eigentlich gut, die einzige Option hier für Kamada ist ein sehr präziser Abschluss, was er dann auch perfekt umsetzt.

Aus SGE-Sicht eine starke Einzelleistung von Kolo Muani und Kamada, für die BVB-Kette ist das kaum zu verteidigen, wenn, dann hätte man besser auf Kolo Muani zugreifen müssen, allerdings ist der Ball, man sieht es in den Bewegtbildern auch ziemlich gut, haltbar, Kobel lässt den ins Tor gehen ohne zum Ball zu gehen. (eintracht.tv ab 31:50)

Die Eintracht produzierte im übrigen Spiel regelmäßig gute Abschlüsse, war den Dortmundern offensiv überlegen, vor allem Lindström und Kolo Muani waren in den 1 gg. 1 – Szenen kaum zu halten. Insbesondere in der Phase nach der 1:2-Führung drängte die Eintracht auf den Ausgleich und hatte viele Chancen. Hier zeigte sich auch die Variabilität der SGE-Offensive:

54. Minute

Lindström-Direktabnahme nach Pellegrini-Flanke von links nach Einwurf. (eintracht.tv ab 11:00)

57. Minute

Freier Kolo Muani – Abschluss nach Angriffspressing-Ballgewinn von Götze gegen den abkippenden Sechser Özcan (eintracht.tv ab 13:43), Kobel hält stark. Der Ball landet wieder bei Götze, der nach Doppelpass mit Lindström aus 7 Metern frei abschließen kann, aber Schlotterbeck blockt auf der Torlinie. Viel Glück für Dortmund.

62. Minute

Der beste SGE-Angriff (schnelles Positionsspiel) des Spiels führt zu einem weiteren freien Abschluss, diesmal von Kolo Muani fast vom Elfmeterpunkt, doch Kolo Muani trifft Kobels Bein (eine Parade ist das eigentlich nicht, Kobel wird angeschossen, kann gar nicht reagieren).

Hier der komplette Angriffsvortrag. Ein aus dem Positionsspiel heraus gespielter, tiefer Angriffsvortrag über die Halbbahn. Das ist mal wieder reif fürs Lehrbuch.

Zuvor wurde der komplette BVB-Defensivblock mit zwei Pässen nach rechts gelockt, damit dann die Halbbahn kurz offen ist und attackiert werden konnte. Ein sehr gut geplantes und durchgeführtes Manöver.

Um derart Tempo in die vordere Reihe zu bekommen, brauchen die meisten Bundesligisten Tempogegenstöße, die SGE spielt so etwas inzwischen zumindest gelegentlich aus dem eigenen Aufbau. Das ganze Manöver, auch das überragende anschließende Dribbling von Kolo Muani samt freiem Abschluss vom Elfmeterpunkt zum Genießen ab eintracht.tv 18:54.

Spätestens mit der Einwechslung von Wolf schaltet der BVB auf ein defensives 4-3-3, später sogar ein 4-4-2 (Reyna ergänzte die 3er-Kette nun häufig defensiv), situativ auch auf 5-3-2 bzw. 5-4-1 (Wolf ergänzte die BVB-Kette situativ zu einer Fünferkette) und konzentriert sich fortan aufs Verteidigen.

Hier eine Szene aus der 85. Minute. Gut zu sehen, das hier gestellte 4-4-2 mit dem aus der Kette startenden Hazard und dem Einschieben des gesamten BVB-Defensivblocks.

Gegen diesen massiven defensiven Block fiel es der SGE zunehmen schwer, weitere Abschlüsse zu erzielen, die Nachspielzeit wurde dann auch eher durch Scharmützel und Rudelbildungen vergeigt.

Fazit

Unser besonderes Interesse hier ist die Entwicklung des Teams und die Maßnahmen der Gegner gegen das SGE-Spiel.

Hinsichtlich der Entwicklung der Mannschaft ist festzustellen, dass es wenig Neues zu vermelden gibt: Pressing und Schnellkombinationsspiel bleiben auf höchstem Niveau, im Bereich Tempowechsel aus Positionsspiel bringt Glasner die Mannschaft zusehends auf ein ähnlich hohes Niveau.

Schwachpunkt bleibt das Verteidigen in der letzten Reihe. Sobald die hintere Reihe alleine arbeiten muss, wird es nach wie vor problematisch. Bei beiden Gegentoren nehmen sich Eintracht-Verteidiger mehr oder minder selbst aus dem Spiel und schenken den Dortmundern so Überzahlsituationen.

Auffällig ist, dass die regelmäßigen Fehlerquellen der SGE (Mittelfeldspieler in der IV-Zentrale, bestimmte 1 gg. 1 – Situationen von Tuta) zunehmend bewusst von den Gegnern attackiert werden, was aber auch nicht sehr überraschend ist und nur bekämpft werden kann, indem die Fehlerquote reduziert wird.

Dennoch war die SGE eine gute Stunde lang in vielen Belangen die bessere Mannschaft, danach ging etwas die Luft aus gegen einen Gegner, der sich im Mittelfeldpressing bzw. im eigenen Drittel verbarrikadierte. Dass die SGE gegen Dortmund aber überhaupt die bessere Mannschaft war, ist schon etwas überraschend und zeigt, auf welchem Niveau das Team inzwischen in vielen Belangen einzuordnen ist.

Die Aufregung um den nicht gegebenen Elfmeter und die ebenfalls ausgebliebene Rote Karte ist daher durchaus berechtigt. Mit Führung im Rücken und einem Mann mehr auf dem Platz wäre es für die Dortmunder praktisch unmöglich geworden, die Konterstärke der SGE bei eigenem Angriffszwang zu verteidigen.

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SGE – Olympique Marseille 2:1 (2:1)

Das vorletzte Gruppenspiel der Champions League war ein sehr intensives zweier starker Mannschaften – das die SGE gewann. Ein analytischer Blick auf die wichtigsten Momente.

Die Aufstellung

SGE: Trapp – Ebimbe (79. Alidou), Jakic, Smolcic, Ndicka, Lenz (45. Pellgrini) – Kamada, Sow – Lindström (69. Rode), Kolo Muani (79. Borré), Götze — Trainer: Glasner

OM: Lopez – Gigot (60. Kolasinac), Balerdi, Mbemba – Tavares, Veretout, Rongier, Clauss (86. Suarez) – Harit, Sanchez, Guendouzi (60. Ünder) — Trainer: Tudor

Die Statistik

gibt es hier, hier und hier

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die Spielanalyse

In dem Spiel gab es insgesamt zunächst drei einschneidende Situationen, nämlich die drei Tore, daher zuerst ein Blick auf deren Entstehung.

Das 1:0 entspringt einer eigenen Ballkontrolle der SGE, also Positionsspiel.

Der erste Ball, gewissermaßen die erste „Idee“ kommt in dieser Situation von Jakic, der einen sehr starken, langen Flugball auf Lenz auf der anderen Seite spielt, damit die komplette Pressingabteilung der Franzosen ins Laufen bringt. Wenn jetzt Lenz einen schnellen Anschluss findet, ist die rechte Defensivseite der Marseiller offen und die Defensive insgesamt noch in Bewegung: Eine gute Voraussetzung für einen schnellen Angriffsvortrag.

Nach dem Pass von Jakic auf Lenz wird es interessant. Zunächst spielt Lenz zurück zu Ndicka und geht ganz nach außen an die Auslinie, um zusätzlichen Platz zu schaffen und Ndicka die Initiative für ein 2 gg. 1 zu ermöglichen. Und so kommt die SGE in eine der Situationen, in der sie eine Schnellkombination spielen kann, zunächst über ein Kleingruppenmanöver (2 gg. 1 + 1 Ndicka/ Lenz gg. Clauss + Harit)

Durch die Seitenverlagerung ist hier keine Absicherung der Franzosen im Halb/Außenraum hinter Clauss. Da muss der Ball rein und Ndicka und Lenz machen das sehr schnell und gezielt. Ndicka läuft zunächst mit Ball Richtung Lenz, passt ihn dann aus kurzer Distanz und Lenz spielt ihn perfekt getimt dem ansprintenden Ndicka wieder in den Lauf. Harit und Clauss orientieren sich beide Richtung Lenz und können so leicht ausgespielt werden.

Das ist ein gezieltes Manöver. Indem Ndicka nah an Lenz herandribbelt, zieht er Harit mit in den engen Raum. Damit sind beide OM-Verteidiger mit einem Sprint von Ndicka aus dem Spiel zu nehmen. Solche Spielzüge können gut trainiert werden. Es kommt natürlich nun alles auf den Lenz-Pass an und dieser kommt außen perfekt, so ist Ndicka dann linksaußen durch.

Ähnliches gilt dann für den extrem starken Pass von Ndicka in die Zentrale. Der Angriff wird hier gezielt gegen die Laufrichtung des gegnerischen Defensivblocks fortgesetzt. Auch das ist kein Zufall, sondern ziemlich sicher mit den Spielern trainiert.

Der ganze OM-Defensivblock ist auf dem Weg nach hinten/links, Kolo Muani ist frei, OM wartet auf das Zuspiel zu Kolo Muani, um dort zugreifen zu können. Ndicka erkennt, dass der Ball hier gegen die Laufrichtung des Gegners gespielt werden kann, weil ein großer Quer-Passweg offen ist und es mit Lindström sogar einen freien Zielspieler gibt. Lindström läuft das auch sofort an.

Mit diesem Pass muss nun der gesamte Defensivblock der Franzosen die Richtung wechseln, wodurch für Lindström und Kamada in der Zentrale der Raum aufgeht. Alles entscheidend ist allerdings, dass Lindström Gigot von dem Ndicka-Pass fernhält. Das kann er nur durch seine Lauffinte. Er tut so, also ob er den Ball an- und mitnehmen will, womit er Gigot auf sich zieht. Damit ist der Passweg auf Kamada frei, Lindström lässt durch und Kamada läuft frei aufs OM-Tor zu und vollendet dann auch stark.

Dieser Angriff ist für einen Gegner kaum zu verteidigen und Offensivspiel auf sehr hohemNiveau.

Wo wir gerade dabei sind, direkt ein Blick auf das zweite Tor der SGE in der 27. Minute.

Dieser Spielzug folgt einem Ballverlust der Gäste, ist aber kein klassischer, straight gespielter Konter, da Lindström den gewonnen Ball nicht direkt mit Tempo ausspielen kann:

Zunächst ist das ziemlich gut gespielt von OM. Rongier spielt den Aufbaupass auf Guendouzi, womit die Pressinglinie der SGE überspielt ist. Allerdings ist der riskante Rongier-Pass nicht optimal, halbhoch gespielt, so dass Guendouzi etwas zu viel Zeit für die Ballverarbeitung braucht und daher sofort von Götze und Sow wieder unter Druck gesetzt werden kann. Sein Pass auf Alexis, der Richtung Spitze gestartet war, landet dann in dessen Rücken und letztlich direkt bei Jakic. Der spielt den gewonnen Ball direkt weiter zu Lindström.

Das ist aber kein Pass in den Lauf, dennoch versucht Lindström sofort, ins Tempodribbling zu kommen, steht dann aber rechtsaußen 1 gg. 3 und bricht daher diese erste Idee ab.

Entscheidend in dieser Situation ist, wieder Tempo ins Spiel zu bekommen und das geht nur mit einem Tiefenpass. Hier sieht man, dass zwei OM-Verteidiger nebeneinander, also nicht versetzt Lindström angreifen. So haben sie keine Chance, dessen Pass auf Götze (zwischen den beiden durch) zu verhindern.

Das ist natürlich ein krasser Stellungsfehler der beiden Verteidiger, niemals darf man nebeneinander in so einen frontalen Zweikampf laufen, aber dass Götze und Lindström das sofort erkennen und dann technisch perfekt ausnutzen, ist toll gemacht. Bei der Spielfortsetzung haben Götze/Kolo Muani dann etwas Glück, weil der Götze-Pass in die Spitze auf Kolo Muani zunächst bei einem Gegner landet, aber Kolo Muani holt sich den direkt wieder zurück. Der folgende Doppelpass in der Box der Franzosen ist dann zwar spontan und improvisiert, aber auch hier ist das Spielverhalten von Götze natürlich überragend und in solchen Situationen sieht man, warum er jahrelang zu den stärksten deutschen Fußballern überhaupt gezählt wurde. Kolo Muani und Götze spielen das so schnell und geschickt aus, dass auch diese Schnellkombination nicht zu verteidigen ist. (siehe Highlights)

Das Gegentor fällt nach einer längeren Ballbesitzsequenz der Franzosen, bei dem das Eintracht-Pressing mit einem Seitenwechsel über die defensive Mittelfeld-Position Vertout überspielt wird, das war eine Strategie, die häufiger versucht wurde, insbesondere mit anschließendem Tiefenpass. Der Angriff hier startet tatsächlich ganz auf der linken Offensivseite der Franzosen, an der Außenlinie. Das ist auch notwendig, wenn das Manöver funktionieren, soll, denn man muss die tief stehende Vierer-Anlauflinie der SGE komplett auf eine Seite ziehen, wenn auf der anderen Seite der tiefe Passweg aufgehen soll. Nuno Tavares spielt den Ball also von ganz linksaußen auf die Halbposition Veretout.

Durch den Tiefenpass Rongier-Mbemba öffnen sich für OM zwei Optionen zur Angriffsfortsetzung. Zunächst stehen Mbemba/Clauss 2 gg. 1 gegen Lenz, hier könnten sie es außen weiterspielen, Clauss macht auch den direkten Weg auf die Außenbahn. Am oberen Bildrand sieht man aber auch, dass die SGE hier keine gute Zuordnung hat. Ebimbe steht ganz oben 1 gg. 2, während Kamada und Jakic beide Harit sichern. Guendouzi erkennt die Lücke hinter Jakic, die sich auch deshalb öffnet, weil Jakic einen Meter zu hoch steht und keinen Schulterblick macht.

Mbemba entscheidet sich dann für die lange Halbfeldflanke Richtung Guendouzi und die kommt auch exakt an, Guendouzi vollendet volley mit guter Technik. Das war stark gespielt. Lenz hat links praktisch keine Chance, die Flanke zu verhindern und dass kann dann nur noch in der Box geregelt werden, aber Kamada sieht nicht, dass hinter ihm Ebimbe 1 gg. 2 steht, sonst hätte er hier hinten in die Kette gemusst und Ebimbe verpasst es, rechtzeitig Guendouzi zu folgen, Jakic steht etwas zu hoch und kann so auch die Flanke nicht rückwärts verteidigen.

Das ist gut gestellt und gespielt von Marseille, man sieht aber in der Szene auch, welchen großen personellen Aufwand sie betreiben mussten, um gegen die 5-2-3-Defensive der SGE Überzahlsituationen herstellen zu können. OM steht hier mit 5 Spielern in der Spitze und der Rechtsverteidiger Mbemba (der auch sonst ein starkes Spiel machte) muss bis rechtsaußen mitgehen und die Flanke schlagen, damit das funktionieren kann. Entscheidend war, dass OM hier mit einem Seitenwechsel die rechte Halb-Bahn tiefenfähig anspielen kann – ein gutes Manöver.

So viel zu den drei Torsituationen. Die SGE fing sich in der 30. Minute einen Konter ein, den OM sehr stark ausspielte und den Smolcic dann mit einer starken Grätsche entschärft. Das war ein stark gespielter Konter der Franzosen, für die SGE kaum zu verteidigen, dementsprechend hier nicht allzu relevant.

Interessanter ist ein Blick in die zweite Halbzeit, als die SGE bis zur 70. Minute fast ausschließlich mit Verteidigen beschäftigt war und kaum noch zu eigenen Ballsequenzen kam. Warum?

Zunächst einmal: In den ersten Minuten der 2. Halbzeit war die SGE noch gut im Spiel, hatte über Ebimbe (eintracht.tv ab 4:40) und Götze (eintracht.tv ab 5:10) interessante Szenen, die aber nicht zum Abschluss gebracht werden konnten.

Mehrere Gründe sind für die folgende lange Druckphase der Franzosen auszumachen:

Erstens: Marseille erhöhte, kein Wunder, Spieltempo und offensives Risiko bis zum Maximum. Viele Bälle wurden schnell und direkt, oft einfach lang in die Spitze gespielt.

Zweitens: OM legte das Aufbauspiel noch breiter an und spielte schnelle Risikopässe in den Raum hinter der SGE-Pressingabteilung. Ein Beispiel:

Breiter Aufbau über Mbemba, Risikopass auf Guendouzi zwischen Kette und Pressingabteilung, direkt weitergeleitet Richtung Clauss, aber Pellegrini passt auf und kann den Ball abfangen.

Diese eigenen Ballpassagen spielte OM oft sehr ballsicher, kontrolliert und mit viel Laufaufwand, sodass auch das Mittelfeldpressing der SGE kaum noch Zugriffe fand.

Drittens: OM schaltete auf Angriffspressing.

Alexis läuft Smolcic in der eigenen Box an, zwingt ihn zu einem unkontrollierten Pass in die Pressingfalle hinter ihm.

Die Pressingfallen der Franzosen sind aber oft nicht sonderlich gut organisiert, so auch hier. Zwar wird mit 6 Spielern gepresst, zwei ballnahe SGE-Spieler (Götze und Ndicka) sind aber weder zugestellt noch mit direktem Zweikampfzugriff. Der Ball landet dann mit etwas Glück auch bei Götze und schließlich bei Pellegrini, der sogar einen Konter einleiten kann.

Dennoch setzt der erhöhte Druck der SGE zunehmend zu, sie wird minutenlang in die eigene Hälfte gepresst. Die SGE reagierte oft mit Befreiungsschlägen, auch Trapp schlug nun Bälle wieder weit, und Tempoläufen (Lindström/Kolo Muani), die aber fast immer abgefangen werden konnten.

Und immer wieder wurde seitens Marseille die Halb-Bahn hinter der Pressinglinie der SGE gesucht.

Hier (55. Minute) schaltet OM mit abkippendem Sechser Veretout auf 4er-Aufbau, während Rongier auf die offensive Halb-Bahn läuft und den Pass zwischen den weit aufgerückten Sow und Götze fordert und auch erhält.

Das aggressive nach vorne Verteidigen der SGE-Sechser bei nicht press nachrückender Fünferkette hatten sich die Franzosen also als Einfallstor ausgekuckt und das ist natürlich eine gute Idee, denn es ist ein hier ebenfalls häufig gezeigter Schwachpunkt des SGE-Defensivkonzepts.

Die SGE konnte in dieser Phase aber in der letzten Reihe fast alles verteidigen und hatte mit Trapp in mehreren Szenen auch einen sehr starken Torwart, der sehr konzentriert einige Szenen entschärfen konnte.

in dieser Phase spielte es eine wichtige Rolle, dass die SGE viele 1 gg. 1 – Duelle gewann und sich zu jedem Zeitpunkt in diesen Duellen behaupten konnte, insbesondere Smolcic spielte hier eine wichtige Rolle, der die zentralen Passversuche in oder vor die Kette mit teils sehr starkem Zweikampfverhalten entschärfte und Kopfbälle zuverlässig gewann. Das ist hinsichtlich des 1 gg. 1 – Verhaltens schon ein großer Unterschied zu den sonst dort agierenden gelernten Mittelfeldspielern Jakic oder Hasebe. Smolcic blieb in diesen Szenen praktisch fehlerlos, womit eine der Hauptfehlerquellen des SGE-Kettenspiels – im Grunde seit dem Hütter-Antritt – trockengelegt war. Vielleicht ein Schlüssel zum Erfolg.

Mit dem Lindström-Rode-Wechsel, der sehr nachvollziehbar war, beruhigte sich das Ballbesitz-Spiel der SGE. Statt dem Risikospieler Lindström (Passquote 56%), der zuvor fast jede seiner Szenen mit Tempodribbling nach vorne zu lösen versucht hatte, kam mit Rode (Passquote 95%) ein ganz anderes Element ins Spiel: Ballsicherheit und -kontrolle. Dazu kam, dass das enorm hohe Spieltempo der Franzosen nicht durchzuhalten war, ihre Aktionen unsauberer und hektischer wurden.

Mit Götze, Rode, Kamada, Sow und später auch Borré gelang es der SGE nun, wieder längere Ballsequenzen und ganze -phasen zu generieren, sodass der Druck der Franzosen langsam nachließ und dann die OM-Angriffe auch besser zu verteidigen waren.

Wie wichtig die Präsenz von Rode war, zum Nachschauen eine Szene aus der 76. Minute, in der er direkt hintereinander zwei heikle Szenen mit Ballbehauptung und Rückpass in den eigenen Aufbau löst und damit das Spiel beruhigt, hier: eintracht.tv ab 32:50. Rode bemühte sich auch, das ist im Re-Live in mehreren Szenen zu zeigen, die Anspielstationen zwischen Kette und Mittelfeld zuzustellen, bzw. zu laufen. Mehrmals sieht man, wie er per Schulterblick diese Räume scannt und sich zu den Gegenspielern bewegt, die diese Räume anlaufen. Wer das mal beobachten will, dem sei z.B. die 79. Minute empfohlen (eintracht.tv ab 36:14), hier Rode mehrmals mit Schulterblick, um sich einen Überblich zu verschaffen, was hinter ihm los ist und Anlaufen des freien Gegners. Direkt danach in der gleichen Sequenz übrigens eine der starken Zweikampfbewegungen von Smolcic.

Fazit

Entscheidend für den Erfolg waren, wie gezeigt, das überragende Schnellkombinationsspiel der SGE, das mit den individuell starken Offensivspielern auch von OM nicht zu verteidigen war.

In der Druckphase der Franzosen nahm die SGE die Verteidigungsphase an, ohne nervös zu werden oder Fehler zu produzieren. Entscheidend dafür war unter anderem, dass die IV-Zentrale mit Smolcic, also mit einem echten Innenverteidiger besetzt war, aber auch Ndicka war sehr stark, überhaupt arbeitete die Kette insgesamt gut, alle 5 Kettenspieler waren zweikampfstark. Das ist vielleicht die beste Defensivleistung einer Eintracht-Kette seit langem gewesen.

Ein Gamechanger war die Einwechslung von Rode, womit Glasner nun seine fünf ballsichersten Spieler in der Zentrale aufgeboten hatte, zudem gelang es Rode, gemeinsam mit Sow die Halbbahnen und die Räume zwischen den Ketten viel besser zu schließen, auch die Kette hielt jetzt engere Abstände. Auch Götze trug mit klar reduziertem Risiko in seinen Aktionen zur Spielberuhigung bei, sodass die SGE das Spiel ab der 70. Minute wieder ausgeglichen gestalten konnte und mit zunehmender Spieldauer sogar wieder die gefährlicheren Abschlüsse hatte, etwa von Borré in der 88. Minute (eintracht.tv ab 44:39).

Es gäbe noch manches zu sagen zu diesem sehr intensiven Spiel, insbesondere zu dem verbesserten Kettenspiel, aber auch zu einigen Details im Spiel von Marseille, aber das würde hier den Rahmen sprengen.

Stattdessen bleibt festzuhalten, dass die SGE zuletzt in vielen Bereichen unübersehbar einen Schritt nach vorne gemacht hat. Sowohl im Kettenspiel, das offenbar nochmals bearbeitet wurde, aber auch von der Besetzung mit Smolcic profitierte, als auch im Schnellkombinationsspiel, das zwar ohnehin seit Glasners Übernahme in rasantem Tempo zu einem der besten der Bundesliga wurde und mit zunehmender Eingespieltheit (vor allem Götze/Kolo Muani/ Lindström) zuletzt von keinem Gegner mehr über längere Phasen verteidigt werden konnte.

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Borussia Mönchengladbach – SGE 1:3 (0:3)

Zum dritten Mal in dieser Saison, nach den Spielen gegen Leipzig und Leverkusen konnte die SGE nicht nur ihr offensives Potenzial voll ausspielen, diesmal wirkte es auch ziemlich souverän. Ein analytischer Blick auf das Spiel.

Die Aufstellung

SGE: Trapp – Lenz, Ndicka, Jakic, Tuta, Ebimbe – Sow, Kamada (53. Rode) – Götze, Kolo Muani (83. Borré), Lindström (83. Alidou) — Trainer: Glasner

BMG: Sippel – Bensebaini, Elvedi, Friedrich, Scally (90. Herrmann) – Weigl, Koné (70. Netz) – Stindl (70. N´Goumou), Kramer, Plea – Thuram — Trainer: Farke

Die Statistik

gibt es hier und hier.

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die Spielanalyse

Hier der Aufbau der Gladbacher, also eigener Ballbesitz (direkt nach dem Anstoß): Bei eigenem Ballbesitz stehen beide Außenverteidiger sehr hoch, es ergibt sich also grob ein 2-4-4. Auf Seiten der SGE sieht man auch schon die defensive Grundformation, die bis zum Kamada-Rode-Wechsel meist sehr deutlich dieses 5-2-3-Muster zeigte. Danach interpretierte Rode seine Rolle etwas aggressiver als Kamada.

Das erste Tor der SGE zeigt schon viel Charakteristisches zum Gesamtspiel. Zunächst sehen wir einen Ballgewinn nach korrektem Kettenspiel hinten:

Insgesamt 6 Gladbacher sind bei breiter Aufstellung an diesem Angriff beteiligt, beide offensiven Außenbahnen sind ganz außen besetzt. Stindl sucht den Pass durch die Kettenverbindung Ndicka-Lenz, aber dieser Passweg ist, man sieht es hier, von Ndicka längst geschlossen, den Ball darf Stindl niemals spielen. Ndicka hier auch mit sehr gutem Stellungsspiel, auch Jakic dahinter mit gutem Abstand und guter Höhe.

Dieser Ballgewinn von Ndicka landet direkt bei Kolo Muani, der dann den entscheidenden Zweikampf gewinnt. Hier:

Weigl versucht mit langem Bein und press gegen Kolo Muani den Zweikampf zu gewinnen, mit der Folge, dass Kolo Muani sich sehr einfach nach rechts aufdrehen kann und Weigl so einfach abschüttelt.

Dazu gleich noch mal mehr. Aber die Szene hatte noch einen weiteren sehr interessanten Aspekt. Wir sehen hier nämlich danach gut geschultes und richtiges Gruppenverteidigen der Gladbacher. Friedrich und Elvedi suchen nach dem Zweikampfgewinn von Kolo Muani, woraus sich zunächst eine 2 gg. 2-Situation (Kolo Muani/Lindström gg. Elvedi/Friedrich) ergibt, sofort den Absetz-Weg nach hinten. Sie laufen also Richtung eigenes Tor und Elvedi bewegt sich nicht nur nach hinten, sondern sogar kontraintuitiv Richtung Lindström, macht also den Weg in der Zentrale (vermeintlich) auf – das ist vollkommen richtig (denn Friedrich schließt auch die Zentrale sofort wieder), also starkes individualtaktisches Verhalten, denn nur so bleiben die Gladbacher Verteidiger im 2 gg. 2 und schaffen es sogar, Koné zweimal wieder zurück in die Situation zu bringen. Dass sich Lindström am Ende trotzdem durchsetzen kann, ist einmal der überragenden Dribblingentscheidung von Lindström zu verdanken, der erkennt, dass der innere Weg kurz aufgegangen ist, und zum Zweiten auch dem Missgeschick der Gladbacher, bei denen Koné mit seinem Tackling seinen eigenen Mitspieler Elvedi umsenst, statt den Ball zu treffen. Dass die Gladbacher Innenverteidigung hier also weitgehend sauber und richtig arbeitet, verdeutlicht zusätzlich, wie stark Kolo Muani und Lindström das Manöver offensiv ausführen. Auch das ist ein bisschen charakteristisch für die beiden Teams und vor allem den aktuellen Entwicklungsstand der SGE: Offensiv ist die Mannschaft inzwischen in der Lage, auch schwierigere Aufgaben gegen Gegner mit guter defensiver Schulung und Abstimmung zu überwinden. Das ist auch eine andere Situation als gegen Leverkusen, wo ja einfach der Raum hinter der Leverkusener Kette attackiert wurde (allerdings gibt es keine 2 Minuten später, in der 8. Minute, eine Szene, in der den Gladbacher exakt der Leverkusen-Fehler, nämlich viel zu hohes Stehen unterläuft und Kolo Muani allein auf Sippel zuläuft, dann aber neben das Tor schießt). Hier, in dieser Situation vor dem 0:1 muss die 2 + 1 -Sicherung der Gladbacher zu zweit ausgespielt werden. Ein schwieriges, starkes Manöver, in dem auch Kolo Muani noch eine wichtige Rolle spielt, der mit seinem diagonalen Weg in die Spitze Friedrich dazu zwingt, im Rücken seines Abwehrpartners Elvedi den inneren Weg für Lindström zu öffnen. Das ist wirklich eine sehr schöne Szene, weil eine eigentlich gut arbeitende 2 + 1 – Deckung von einer offensiv ebenfalls sehr gut und richtig und geschult arbeitenden Zweier-Offensive bearbeitet wird – diese Szene ist wirklich von beiden Seiten gutes gruppentaktisches Verhalten. Auch der Angriff der Gladbacher zuvor war recht gut gestellt, die ganze Szene ist sehenswert (einsehbar oben in den Highlights oder bei eintracht.tv ab 8:42).

Die vielleicht größte Chance des Spiels der Gladbacher hat Thuram in der 9. Minute. Es ist ein ziemlich krasser Fehler von Jakic, der eben kein Innenverteidiger ist und daher zu solchen Fehlern neigt. Kurz, weil sehr eindeutig:

Der Ball auf Thuram ist ein weiter Schlag fast von der Grundlinie der Gladbacher und hier ist gut zu sehen, dass die Absicherung der SGE hier 2 gg. 1 gegen Thuram steht, allerdings schlecht organisiert. Tuta hat den Ball vollkommen falsch eingeschätzt, das sollte ein IV deutlich besser können. Jakic steht als „Zweiter“ zwar gut und richtig, geht aber nicht zu dem Kopfball. Thuram kommt an den Ball.

Jakic versucht dann, Thuram mit einer hanebüchenen Attacke mit einem langen Bein anzugreifen und ist damit aus dem Spiel, Thuram läuft allein auf Trapp zu, der mit einem starken 1 gg. 1 und einer Fußabwehr das Tor verhindert. (eintracht.tv ab 12:21).

Bei diesem Zweikampf hier muss Jakic entweder den hohen Ball per Kopf attackieren oder im Lauf 1 gg. 1 danach seinen ausreichenden Vorsprung vor Thuram einsetzen und den Zweikampf verzögern bzw. gewinnen. Das ist für einen Innenverteidiger eigentlich eine Pflichtübung.

Gladbach-Trainer Farke und auch die Sky-Journalisten sowie teilweise Lothar Matthäus und auch die interviewten Gladbacher argumentierten nach dem Spiel, die Gladbacher seien in der ersten Halbzeit ebenbürtig gewesen, hätten ebenfalls ihre großen Torchancen gehabt und sie nur nicht genutzt. Als Belege für diese These wurde der Thuram-Abschluss und ein weiterer freier Abschluss von Stindl in der 21. Minute angeführt. (eintracht.tv ab 24:25).

Wo der Thuram-Abschluss ein reines Geschenk von Tuta/Jakic war, war der zweite Abschluss ein Geschenk von Ebimbe, der einen ungenauen Lenz-Querpass kurz vor der Auslinie rechts stoppt und dann außerhalb des Feldes auf dem nassen Kunstrasen ausrutscht. Plea schnappt sich diesen Ball und leitet gegen die ungeordnete SGE-Abwehr den Angriff ein. Lenz macht dann hinten einen weiteren Stellungsfehler, indem er seine Kettenposition links verlässt und damit Stindl den Freiraum hinter Ndicka öffnet. Das ist ein ziemlich krasser Stellungsfehler von Lenz, der hier den Überblick verliert. Dennoch war die Entstehung kein organisiertes Pressing oder sonstwie ein erarbeiteter Ball. Wenn Ebimbe den einfach ins Aus gehen lässt und Jakic vorher den langen Schlag Richtung Thuram wegköpft, haben die Gladbacher bis zur 22. Minute keinen einzigen irgendwie relevanten Abschluss, während die SGE mit dem Kolo Muani-Abschluss längst 2:0 hätte führen können.

Auch in den folgenden Minuten bleibt die Eintracht gefährlich, spielt zwei weitere hochgefährliche Konter, die jeweils zu Ecken führen, von denen dann die zweite auch zum 2:0 verwandelt wird.

Der erste Konter wurde stark von Götze eingeleitet, der zweite folgte auf ein kurzes Positionsspiel und einen starken Initialpass von Tuta:

Hier der Pass von Tuta auf Kolo Muani. Elvedi rückt weit aus der Kette heraus, hinter ihm öffnet sich das Scheunentor. Er muss diesen Zweikampf gewinnen oder zumindest darin bleiben, wenn er so weit herausrückt, aber er ist bei Ballannahme Kolo Muani immer noch in der Vorwärtsbewegung und so kann sich Kolo Muani ohne Problme nach rechts aufdrehen und sofort den Sprint anziehen.

Das ist ein klassischer Kettenfehler der Gladbacher, wie wir ihn im Kettenspezial gesehen haben: Elvedi läuft zu weit aus der Kette und hier auch noch mit zu hohem Tempo und Spieler wir Kolo Muani lassen sich von so etwas nicht zweimal einladen. Wenn Elvedi hier direkt in den Zweikampf geht, muss er im Spiel bleiben. Wenn er Kolo Muani sich aufdrehen lässt, wie er es ja macht, wäre er besser dran, wenn er einfach in der Kette geblieben wäre. Wieder arbeitet die Restverteidigung der Gladbacher danach allerdings recht gut nach hinten, aber Götze ist mitgelaufen und stellt ein 3:2 her. (Ganze Sequenz ab eintracht.tv 30:55).

Die folgende Lenz-Ecke (starke Flanke) verwandelt Ebimbe per Kopf zum 2:0. Das ist analytisch nicht sehr relevant und der Ball landete wirklich exakt so auf Ebimbes Kopf, dass er von dort praktisch nur noch ins Tor prallen konnte und Ebimbe keine überragende Kopfballtechnik brauchte (auch Glasner ließ später durchklingen, dass das Kopfballspiel nicht Ebimbes größte Stärke ist). Erwähnenswert aber die Sprungkraft von Ebimbe in dieser Szene (eintracht.tv ab 32:30). Das Ergebnis nach knapp 30 Minuten entsprach der Gefährlichkeit der Angriffe der beiden Teams ziemlich exakt.

Vorteile hatten die Gladbacher hingegen im Positionsspiel, das in vielen Fällen gut gestellt war, mit vielen Spielern Anschlussmöglichkeiten bot und auch manchmal gut ausgespielt wurde, z.B. bei einem starken, flachen Halbdiagonalpass von Scally auf Stindl (eintracht.tv ab 39:20), den Stindl auch auf Thuram weiterleitet, doch dessen Abschluss wird dann von Tuta geblockt. Das Farke-Spiel ist durchaus ambitioniert, scheiterte oft an Passungenauigkeiten. In Bestbesetzung ist Gladbach sicher deutlich gefährlicher als ohne wichtige Spieler wie Neuhaus oder Hofmann. Dennoch: Trotz der üblichen Suche hier produzierte die SGE-Kette kaum Kettenfehler und die Pressing-Abteilung hielt die Passgeber des Gegners dauernd unter Zeitdruck: Die erste Halbzeit war auch defensiv von der SGE stark und konzentriert geführt.

So ambitioniert das Aufbau- Positionsspiel der Gladbacher ist, so riskant/konteranfällig ist es auch und ob ein solch anspruchsvolles Aufbauspiel aus der letzten Reihe bei der derzeitigen Besetzung der Borussia gegen die SGE derzeit ein empfehlenswertes Konzept darstellt, war von vornherein überaus fraglich.

45. Minute:

Hier der für Jakic sehr einfach zu attackierende Pass von Weigl Richtung Plea, der dem Ball nicht entgegengeht. Jakic spielt ihn zu Sow, Sow weiter zu Götze. Im abgedunkelten Bereich zu sehen, dass hier 5 Gladbacher an dem Angriff beteiligt sind und mit diesem Fehlpass alle aus dem Spiel. Unten, außerhalb des Bildausschnitts ist auch noch Scally fast bis in die Spitze nachgerückt.

Damit sind sechs Gladbacher mit dem Pass von Sow auf Götze aus dem Spiel. Wenn man in einem solchen breiten Aufbau mit derart weit aufgerückten Außenverteidigern spielt, müssen Pässe in die Zentrale sitzen, sonst geht natürlich der Raum hinter der breit stehenden Offensive komplett auf. So auch hier:

Götze spielt den Pass schnell und präzise auf den bereits ansprintenden Kolo Muani. Entscheidend: Wo Friedrich beim ersten Gegentor, das ja einer ähnlichen Situation folgte, noch richtigerweise sofort die Absetzbewegung nach hinten machte, bleibt er hier stehen.

Dadurch stehen diesmal Kolo Muani und Lindström 2 gg. 1 gegen Elvedi und können das gemütlich ausspielen, statt wie beim ersten Tor, als Lindström in ein ziemlich gewagtes Dribbling gezwungen wurde. Auch wenn Elvedi das dann gegen Kolo Muani noch gut verzögert und auch Friedrich zurücksprintet: Solche Möglichkeiten lassen sich Spieler wie Kolo Muani und Lindström nicht (mehr) nehmen. Auch dieser Konter war sehr schnell und mit starkem Timing von Jakic/Sow, aber vor allem Götze-Kolo Muani-Linström gespielt. (eintracht.tv ab 48:14).

In der zweiten Halbzeit änderte sich am Gesamtbild wenig, das Dauerpressing der SGE zwang die Gladbacher weiter dazu, alle Aktionen in sehr hohem Tempo zu spielen, insbesondere die Einwechslung von Rode (für Kamada) erhöhte diesen Druck noch, da Rode Mittelfeldballbesitz aggressiver und früher anläuft als Kamada. Nur ein Beispiel aus der 55. Minute:

Hier gut zu sehen die 5-2-3-Pressingorganisation der SGE (Ebimbe nicht im Bild). Die drei Stürmer pressen vorne den 2er-Aufbau an, Sow sichert den ballnahen Aufbauspieler, Rode sichert die Zentrale. Der Pass von Friedrich ist stark, aber Rode ist in Schlagdistanz, presst gegen Kramer und gewinnt den Ball, bevor Kramer den Tiefenpass Richtung Scally spielen kann (der allerdings von Lenz auch gut auf der Innenbahn gesichert wird).

Diese Szene führt nach dem Rode-Ballgewinn dann über Kolo Muani zum nächsten gefährlichen Konter der SGE, hier spielt Kolo Muani das 2 gg. 1 aber nicht mit Lindström aus, sondern versucht es alleine, verliert den Ball dann aber gegen Elvedi, der diesen Zweikampf erneut stark führt.

Insgesamt ist die zweite Halbzeit von der SGE weitgehend souverän geführt. Das bedeutet in erster Linie: Das nun etwas zurückgezogene Mittelfeldpressing bremst die Gladbacher Versuche, durch vertikales Passspiel von hinten über kurze Mittelfeldstation ins Tempo in die Spitze zu kommen, fast immer aus. Die Gladbacher sind damit fast immer auf Einzelaktionen im vorderen Drittel nach Anspielen in den Fuß angewiesen, die aber von den SGE-Kettenverteidigern gut bearbeitet werden, hier hat übrigens auch Jakic einige gute Zweikampfmomente, etwa in der 58. Minute gegen Plea (eintracht.tv ab 14:09). Es ließen sich einige weitere ähnlicher Situationen zeigen.

Das Pressing der Gladbacher brachte die SGE hingegen fast nie in Bedrängnis, zu ballsicher sind fast alle, auch die defensiven SGE-Akteure, und so blieben auch in der zweiten Halbzeit die nun seltener werdenden Angriffe der Eintracht latent gefährlicher als die der Gladbacher, das muss nun nicht im Detail gezeigt und aufgeführt werden, das war auch im Livespiel für jeden gut zu sehen.

Die einzige Ausnahme war das Tor der Gladbacher.

Thuram und Plea stellen die Passwege nach links und rechts zu. Auf dem linken Passweg läuft Thuram Jakic an, Plea antizipiert den Pass auf Rode und ersprintet ihn.

Das ist ein ziemlich klarer technischer Fehler von Jakic, der den Ball als harten Druckpass spielen muss. Sein Zuspiel ist aber zu schwach, sodass Plea es erlaufen kann. Den gewonnen Ball steckt er sofort auf Thuram durch, der dann gegen Trapp vollendet.

Fazit

In der ersten Halbzeit war die SGE den Gladbachern klar überlegen. Die schnelle, extrem spielstarke Offensive produzierte gegen die fast immer auf Ballbesitz und Aufbau aus der letzten Reihe setzenden Borussen regelmäßig gute Umschaltangriffe. Ein Zweikampffehler von Weigl gegen Kolo Muani ermöglichte das 2 gg. 2 + 1 (Kolo Muani/Lindström gg. Elvedi/Friedrich + Koné), das die beiden Eintracht-Stürmer sehr stark ausspielen – hier, bei diesem vielleicht entscheidenden Moment des Spiels zeigte sich die ganze individuelle und gruppentaktische Klasse der Offensivabteilung der SGE.

Das 2:0 fällt nach einer ähnlichen Situation und diesmal einem Kettenfehler der Gladbacher (Elvedi), der dann zu der Ecke führt, die Ebimbe einköpft. Damit ist das Spiel im Grunde entschieden.

Nach dem Anschlusstreffer der Gladbacher folgt noch einmal eine kurze Phase, in der das Spiel hätte kippen können, in der die SGE etwas unklarer in den eigenen Abläufen wurde, ohne Not wieder das Angriffspressing aktivierte, bzw. unsicher war, wie auf den Spielstandswechsel zu reagieren ist. Man kam dann aber sehr schnell wieder in die Abläufe ohne dass die Gladbacher von der kurzen Unsicherheit der SGE irgendwie hätte profitieren können. Auch dieses schnelle wieder in die gewohnten Abläufe Finden ist ein Schritt nach vorne, auch wenn das beim Stand von 3:1 natürlich nicht so sehr schwierig ist. Es wird interessant sein zu sehen, wie das Team reagiert, wenn es in einem Spiel mal wieder echte Rückschläge gibt.

So blieb es beim verdienten 3:1 bis zum Schluss und es kann resümiert werden, dass die hier seit vielen Monaten detailliert nachgezeichnete Entwicklung der Mannschaft langsam aber recht stetig fortgesetzt wird. (Und das übrigens selbstverständlich ganz unabhängig von einem einzelnen Spieler, soviel noch zu der Chimäre, ein einziger Spieler, noch dazu einer, der positionsfremd in der letzten Reihe eingesetzt wird, könne allein durch seine Anwesenheit alle anderen Spieler besser machen.) Glasner und das Team haben sowohl in der hinteren Reihe, bei der Organisation der Höhe in der letzten Reihe, und insbesondere hinsichtlich der Schließung der Lücken hinter der Pressingsabteilung weitere Fortschritte gemacht (Genaueres dazu noch in einem Pressing-Spezial in der WInterpause). Auch das 1 gg. 1 – Verhalten von Tuta wurde offenbar bearbeitet, zuletzt sah man einige mit deutlich besserer Distanz und besserem Timing geführte frontale und seitliche Zweikämpfe von Tuta. Das würde hier etwas den Rahmen sprengen, aber es gab einige Szenen, wo man das sehen konnte und wenn es sich als nachhaltig erweist, wird das hier auch demnächst mal gezeigt.

Ein strukturelles Problem bleibt die Idee, unbedingt einen Mittelfeldspieler zwischen den beiden Innenverteidigern aufzubieten, das ist und bleibt eine dauernde Fehlerquelle, so auch in diesem Spiel, in dem die beiden großen Chancen (Thuram in der ersten Halbzeit und Thuram mit dem Tor in der zweiten) nach krassen Fehlern von dieser Position gefallen sind.

Die Fünferkette hat gewisse Vorteile, vor allem in der Verteidigung der Breite, und durchaus bei der Unterstützung der Pressinglinie von hinten. Glasner äußerte kürzlich, gerade dieses mutige Herausrücken zum Durchdecken schätze er an den hinten postierten Mittelfeldspielern. Diese Szenen sind aber eher selten, können auch in anderen Konstellationen gut hergestellt oder einem echten IV beigebracht werden, ohne dass man in der hinteren Reihe einen dauernden Fehlerproduzenten installiert. Dieses Problem bestand bei der Besetzung mit Hasebe und es besteht nun mit Jakic und es wird absehbar früher oder später, genau wie in der vergangenen Saison zu Punktverlusten führen. In der EL-„Rückrunde“ wurde das dann schließlich mit dem echten IV Hinteregger gelöst.

Ansonsten jedoch ist die Mannschaft sowohl in der Defensivorganisation (Mittelfeld- und Angriffspressing, in vielen Situationen inzwischen auch das Kettenspiel in der letzten Reihe), als auch im Umschaltspiel und bei Schnellkombinationen, sowie beim Spiel in die Tiefe hinter eine Kette auf einem Organisations-Niveau, das man bei der Eintracht so praktisch noch nie gesehen hat und das ist bei aller hier immer belegt vorgetragenen Kritik ganz unzweifelhaft zu einem großen Teil das Verdienst des Trainerteams.

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Kickers Stuttgart – SGE 0:2 (0:2)

Ein Blick auf das Spiel und seine taktischen Eigenheiten.

Die Aufstellung

SGE: Trapp – Tuta, Jakic, Smolcic – Ebimbe (61. Alidou), Rode (79. Kamada), Sow, Lenz (79. Pellegrini) – Götze (90. Wenig), Borré – Kolo Muani (61. Alario)

STG: Castellucci – Polauke (68. Moos), Zagaria, Kolbe, Kammerbauer – Blank, Campagna (69. Berisha), Kiefer (82. Obernosterer) – Dicklhuber, Braig (82. Maier), Riehle (78. Eroglu)

Die Statistik

gibt es hier und hier

Die Highlights

Die Spielanalyse

Der Kickers-Trainer Mustafa Ünal hatte sich auf die Stärken der SGE eingestellt und offenbar auch gesehen, wie man die Schwächen der Mannschaft in den Mittelpunkt des Spieles rückt, jedenfalls waren die Kickers von Anfang an bemüht, die SGE nicht ins Umschalt- oder Pressingspiel kommen zu lassen. So begannen die Gastgeber mit einem, nunja, breiten 2er-Aufbau, der eigentlich kein Aufbau war, denn die beiden „Aufbauspieler“ und Torwart Castellucci bliesen im Grunde jeden Aufbauball nach vorne, sodass es für die SGE kaum Zugriffsmöglichkeiten im Pressing gab. Das war auch eine gute Idee, denn dass die Kickers-Verteidiger besser nicht in das Angriffspressing der SGE geraten sollten, konnte man in der 25. Minute begutachten, als die SGE es zum ersten Mal schaffte, eine längere Kickers-Aufbaupassage vorne zu pressen, was damit endete, dass Borré Kolbe den Ball abnahm und im 1 gg. 1 gegen Torwart Castellucci nur den Pfosten traf. (eintracht.tv ab 30:18)

Auch bei Ballbesitz Eintracht ließ sich Ünal vom Bochum-Spiel inspirieren, ließ seine Spieler sehr mannorientiert, situativ kompakt (mit zunehmender Spieldauer häufiger kompakt), oder „überall auf dem Feld“ die Gegenspieler anlaufen – die Kickers hatten ihre taktischen Hausaufgaben gemacht, machten der SGE das Leben schwer und es entstand eines dieser Spiele mit nur wenigen kontrollierten und kontrollierbaren Passaktionen, vielen Luftkämpfen und springenden Bällen, das den SGE-Stärken eher zuwiderläuft. Auch das starke vorbereitende Passspiel der Eintracht wussten die Kickers oft durch Herstellen von Überzahl zunichte zu machen. Hier ein Beispiel aus der 76. Minute:

Hier eines der üblichen, von der SGE gestellten Passvierecke mit zwei Ausgängen, einmal Richtung Spitze Borré, einmal Richtung Rode. Der erste Ball kommt von Sow auf Alario, der etwas entgegenkam, daher in der Bewegung ist und daher mit Ballannahme sofort seitlich attackiert werden kann, was Kickers-Innenverteidiger Zagaria auch gut und mit dem richtigen Timing macht und auch alle one-touch-Passwege sind entweder zugestellt oder mit Zweikampf-Zugriff der Kickers. Die Kickers können diesen Angriff abwehren.

Wie schon gegen Union Berlin half auch diesmal etwas das Spielglück nach, denn glücklicherweise erzielte die Eintracht bereits in der 11. Minute das 1:0 nach einer eher untypischen Aktion, nämlich einem diagonalen Seitenwechsel nach Einwurf. Allerdings halfen auch die Stuttgarter etwas mit. Der Wechsel von Götze nach links landete nämlich bei dem Stuttgarter Kolbe:

Im Standbild ist gut zu sehen, dass die Viererkette der Stuttgarter hier gesprengt ist, der Linksverteidiger Kammerbauer steht vor der Kette, weil er zuvor den langen Einwurf von Lenz gegen Borré verteidigt hat und daher vollkommen aus der Kette geraten ist. Der Seitenwechsel von Götze landet dann bei Kolbe, der ihn unsauber zu Rode klärt (nicht im Bild) und hier sieht man schon, dass durch das Nach-links-rücken von Kolbe Zagaria 1 gg. 2 gegen Borré und Kolo Muani steht. Polauke müsste sehr schnell auf die zweite Innenverteidigerposition sprinten, um das zu einem 2 gg. 2 zu machen, das schafft er nicht mehr.

Rode erkennt die Überzahl vorne sofort und spielt den Ball one touch auf Muani, wodurch das 2 gg. 1 wirksam wird und das spielen Borré und Muani dann mit einem Doppelpass zum Tor aus.

Abgedunkelt die vorangegangenen Zuspiele von Rode und Kolo Muani und hier der Moment des letzten Passes von Borré auf Kolo Muani, der dann frei vor dem Tor steht und nur noch einschießen muss. Hier klar zu sehen, dass diese Situation dem 2 gg.1 in der Zentrale geschuldet ist, die durch das Herausrücken von Kammerbauer und dem daher notwendigen Einrücken von Kolbe entstanden ist.

Hier ist also einmal kurz Chaos in der Kette der Stuttgarter (niemals darf der linke Außenverteidiger in der Zentrale vor der Abwehr einen Einwurf-Zweikampf bestreiten) und die SGE nutzt das mit Rode, der die Situation erkennt und den Ball direkt dorthinein bringt und dann Kolo Muani und Borré, die das technisch stark zu Ende spielen, eiskalt.

Die Stuttgarter gehen bis zum Ende des Spiels nicht entscheidend von ihrer taktischen Linie ab, bekämpfen die SGE also früh und überall auf dem Platz, allerdings geht das – bei einem Klassenunterschied von 4 Ligen auch nicht sehr überraschend – nicht immer gut, in einigen Situationen sind die Bundesligaprofis dann doch zu schnell und technisch stark, vor allem mit Seitenwechseln kommt die SGE gut aus den Pressingzonen der Stuttgarter. Das war schon beim 1:0 der Fall, hier noch mit etwas Hilfe des Gegners und auch die Ecke, die dann zum 2:0 führt, entsteht aus einem solchen Befreiungsseitenwechsel:

Hier gewissermaßen der Ursprung des zweiten Tores: Nach einem Einwurf von Ebimbe leitet Borré den Ball per Kopf auf Sow weiter, der one touch weiter nach links auf Lenz. Man sieht hier auch, dass die Stuttgarter im ballnahen Bereich pressen und 3 gg. 3 stehen, man sieht aber auch, dass Lenz sich hier von seinem Gegenspieler Dicklhuber rückwärts verabschiedet hat. Noch viel besser sieht man das im Bewegtbild, Lenz kann es zuerst gar nicht glauben, dass Dicklhuber ihn sich wegschleichen lässt und Sow spielt ihm den Ball dann auch direkt zu. (eintracht.tv ab 21:47)

Lenz geht direkt ins Tempodribbling, schüttelt Dicklhuber damit ein zweites Mal ab, spielt vorne auch Polauke noch Richtung Grundlinie aus und seine Hereingabe muss dann Kickers-Schlussmann Castellucci zur Ecke lenken. Die folgende Götze-Ecke (warum spielt der die eigentlich nicht immer, sie kommen sehr präzise und haben nun schon zum zweiten Mal zum Tor geführt) köpft Smolcic am langen Pfosten ein. Smolcic macht das stark, aber die Zurodnung der Kickers war in dieser Situation auch unzureichend, Smolcic kann den völlig frei einköpfen.

Nach dem 2:0 ändern die Kickers etwas ihr Aufbauspiel, die SGE verzichtet jetzt auch öfter auf das Pressing vorne und so erlangen die Stuttgarter mehr eigene Ballpassagen, mit ihrem Aufbauspiel sind sie aber selten erfolgreich und bieten eher der SGE einige Umschaltaktionen.

Bei eigenem Ballbesitz zog sich die Eintracht fortan teilweise mit längeren Pass-Passagen hinter die Pressinglinie der Stuttgarter zurück, spielte also im Dreieraufbau hinten mit Tuta, Jakic, Smolcic sich die Bälle hin- und her. Aus gutem Grund: Die Kickers attackierten nach wie vor jeden ersten Initialpass und jeden weiteren auch. So ergaben sich durchaus Ballgewinne, die der Oberligist aber praktisch nie nach vorne gefährlich machen konnte.

Insbesondere die Zentrale stellten die Kickers gut zu, weshalb die SGE häufiger über Ebimbe und Lenz ganz außen spielen musste. Man sah, dass das nicht die größte Stärke der Mannschaft ist und die erste wirklich große Chance entstand daraus nach der Einwechslung von Alidou, der in der 76. Minute einmal ein 1 gg. 1 – Dribbling außen gewann und so das Spiel gefährlich machte. (eintracht.tv ab 34:50) Die Hereingabe verpasste dann Rode kurz vor dem Tor, aber das war die beste Chance der SGE in der zweiten Halbzeit.

In der zweiten Halbzeit änderte sich das Bild insgesamt indes nicht wesentlich, die Kickers blieben sehr aggressiv und suchten nun häufig das Duell Riehle gg. Tuta, denn der jungen Kickers-Stürmer war in diesem Duell oft gleichwertig und konnte sich durchsetzen. Allerdings nie entscheidend.

Noch ein kurzer Blick auf das tiefe Stehen der Kickers gegen die SGE. Während am vergangenen Samstag die Leverkusener mit ihrer letzten Reihe sehr hoch standen und so der SGE ermöglichten, gleichsam nach Belieben die großen Räume hinter der Leverkusener Abwehrkette zu attackieren, standen die Stuttgarter sehr konsequent und aufmerksam tief:

Hier bei dem Mittelfeldpass von Tuta steht die Kickers-Kette fast am eigenen Sechzehner, damit sind die Passwege für Sprints plus Tiefenpass fast unmöglich. Und trotzdem haben sie vorne Druck auf Tuta, man sieht, dass er immer noch angelaufen wird und Passdruck hat, wenn auch hier in der 72. Minute den Kickers langsam etwas die Luft ausging.

Fazit

Auch die Stuttgarter schafften es, der SGE durch eine starke defensive Organisation, Zweikampfstärke und gelegentlich auch -härte oft den Wind aus den Segeln zu nehmen. Weder ließen sie es zu, dass die SGE mit ihrer Sprintstärke die Räume hinter der letzten Reihe angreifen konnte, Schnellkombinationen durch die Mitte wurden durch Verengung der Zentrale, tiefes Stehen und den Versuch, schnell Überzahl/Gleichzahl an den Passdrei- bzw. Vierecken herzustellen, erschwert.

Das alles machten sie ziemlich gut, die Mannschaft war defensiv deutlich besser organisiert und auf die SGE eingestellt als Leverkusen am vergangenen Wochenende.

So entschied letztlich die technische bzw. individuelle Klasse der SGE das Spiel, denn auch die Eintracht war defensiv gut organisiert, bot wenig an, nur das Duell Tuta-Riehle war ein regelmäßiges, kleines Einfallstor für die Kickers, zu wenig, um Gefahr auszustrahlen. Der zweite Innenverteidiger Smolcic hingegen war sehr zweikampfstark und nach den Daten von sofascore auch der insgesamt am besten bewertete Spieler der SGE.

So genügten der SGE zwei Fehler der Kickers in der Anfangsphase, erst ein Kettenfehler (von denen sie im Spiel nicht viele produzierten), den Rode mit seinem Pass auf Kolo Muani/Borré ausnutzte und die beiden dann zum Tor ausspielten und eine Unaufmerksamkeit von Kickers-Kapitän Dicklhuber, der Lenz in seinem Rücken sich davonstehlen ließ, sowie schlechte Zuordnung/Luftzweikampfverhalten gegen Smolcic bei der daraus resultierenden Ecke.

In dem Spiel schien durchaus durch, wie die die Eintracht wirksam zu bearbeiten ist und dass viele der Probleme, die sie gegen Bochum und Wolfsburg hatte, weiterbestehen.

Trotzdem war das Spiel sehr einseitig, die SGE 90 Minuten klar überlegen und nach dem 2:0 war die Partie im Grunde entschieden, die SGE danach mit ihrer technischen Stärke durchgängig in der Lage, den Gegner auf Distanz zu halten: Die Eintracht hatte in der 2. Halbzeit trotz Führung 67% Ballbesitz. So gewinnt sie vollkommen verdient gegen die Stuttgarter, die defensiv zwar taktisch gut organisiert, aber in der Offensive fast in allen Situationen überfordert waren.

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SGE – Bayer Leverkusen 5:1 (1:0)

Nach dem Leipzig-Spiel schaffte es die Eintracht zum zweiten Mal in dieser Saison, ihr offensives Potenzial voll auszuspielen. Erneut gegen einen Gegner, der selbst hohe Ansprüche an sein Offensivspiel hat. Wie konnte das gelingen?

Die Aufstellung

SGE: Trapp – Ebimbe (77. Alidou), Tuta, Jakic, Ndicka, Lenz – Lindström (77. Borré), Kamada (87. Wenig), Sow (77. Rode), Götze – Kolo Muani (80. Alario) — Trainer: Glasner

B04: Hradecky – Frimpong, Tapsoba, Tah, Hincapie, Bakker (80. Sinkgraven) – Andrich, Aranaguiz (46. Demirbay) – Paulinho (46. Amiri), Diaby (73. Koussounou) – Schick (80. Hlozek)

Die Statistik

gibt es hier, hier und hier

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die Spielanalyse

Die SGE ging wieder mit einem 3er-Aufbau ins Spiel, Jakic startete als zentraler Innenverteidiger, defensiv ergab sich somit erneut die bekannte 5er-Kette.

Leverkusen spielte zunächst aus einem zurückhaltenden 4er-Aufbau, also mit zurückgezogenen Außenverteidigern, die nicht sehr weit aufrückten und stattdessen in den Aufbau einbezogen wurden. Flacher, breiter Aufbau also. Das ist deswegen interessant, da dieser breite Aufbau viele Zugriffspunkte für das Eintracht-Pressing liefert und zwar sowohl in der hinteren Aufbaureihe, als auch bei den tiefen Anspielmöglichkeiten.

Hier, ein Aufbauspiel der Leverkusener aus der 12. Minute mit dem breiten Aufbau:

Hier gut zu sehen der breite Aufbau mit beiden zurückgezogenen Außen. Aus diesem breiten Aufbau suchten die Leverkusener dann Anspielmöglichkeiten. Die Pressingabteilung der SGE (hell), man sieht es hier, stellt aber beide Sechser eng und verkürzt mit jedem Querpass hinten die Distanz der vorderen Reihe zum Ballbesitzer, erzeugt so schleichend steigenden Druck und attackiert schließlich einen Pass nach außen, sodass die Leverkusener zu einem unkontrollierten Pass gezwungen werden oder gleich der Ball in dem Manöver erobert wird.

Wer sich für die Funktionsweise und den Ablauf dieses Anlauf-Pressings interessiert, dem sei diese Szene, in der die SGE das in Reinform praktiziert, empfohlen: eintracht.tv ab 18:52. Die Sequenz endet übrigens mit Einwurf für die SGE.

Das entscheidende taktische Moment des Spiels war aber die taktische Unfähigkeit der Leverkusener, das schnelle Spiel in die Tiefe der SGE zu verhindern. Entscheidend war dabei oft das weit aufgerückte und nicht schnell genug sich nach hinten absetzende Kettenspiel der Werkself. Hier eine Szene aus der 8. Minute, in der man zwei der wichtigsten taktischen Merkmale des Spiels sehr schön sieht und zeigen kann, nämlich zum einen das Ausspielen der SGE von einstudierten Spielzügen, dem Anlaufen der tiefen Räume hinter der Kette der Leverkusener und deren zu hohes, zu langsam und zu spätes Antizipieren und Zurückweichen:

Eine typische Eintracht-Kombination: Zunächst wird ein Passdreieck gestellt, hier mit Sow, Götze und Kamada. Aufgabe ist: Aranguiz überspielen ohne dass Götze ihn im 1 gg. 1 ausspielen muss (weil das schwierig ist und Tempo aus dem Angriff nimmt, selbst wenn es gelingen sollte. Stattdessen wird die Passkombination über Sow und Kamada gespielt. Das geht sehr schnell und präzise.

Und siehe da:

Aranguiz ist komplett ausgespielt, der Ball wieder bei Götze, Kolo Muani startet in den Raum hinter Tah, bekommt den Ball von Götze in den Lauf, läuft allein auf Hradecky zu, wartet mit dem Abschluss etwas zu lange, so dass Hradecky und Hincapie mit langem Bein zur Ecke verteidigen können. Hier aber auch zu sehen, dass Tapsobar sehr weit aus der Kette gerückt ist, die Kette der Leverkusener hier immer noch keine Absetzbewegung nach hinten macht, obwohl sie sehr hoch steht. Das ist für einen schnellen Stürmer wie Kolo Muani und einen sehr guten Passgeber wie Götze natürlich auch ein gefundenes Fressen.

Entscheidend für die erfolgreiche Durchführung des Manövers waren also erstens das einstudierte Verhalten im Mittelfeldbereich (Passdreieck stellen, Gegner ausspielen) und der Tiefenanschluss (Tiefe im richtigen Moment anlaufen, präziser Tiefenpass plus Abschluss) und zweitens die taktischen Fehler der Leverkusener in dieser Situation. Dass die SGE solche Situationen inzwischen anhand der offenbar einstudierten Passfolgen (diese Dreieckbildung ließe sich vielmalig zeigen) und dem ebenfalls aufeinander abgestimmten Verhalten der Passgeber (Mittelfeld, hier Götze) und Passnehmer (Stürmer, hier Kolo Muani) regelmäßig und ohne größere Fehler lösen kann, die von Glasner also vermittelten Angriffsstrategien umsetzen kann, ist Zeichen sehr guter und intensiver Trainer- und Trainingsarbeit. In der Regelmäßigkeit und fast schon Routine, mit der die SGE diese Situationen ausspielt, sieht man, wie hier schon mehrfach erklärt nur bei wenigen Spitzenteams in der Bundesliga und wie Glasner das mit den Spielern in der doch recht kurzen Zeit (mit Götze und Kolo Muani sind ja hier zwei Neuzugänge involviert) eingeschliffen hat, ist bemerkenswert.

Und auch der Elfmeter, der dann zum 1:0 führte, enstand im Grunde aus exakt dem gleichen Spielzug in die Spitze, nur mit Lindström statt Kolo Muani als Empfänger. Götze, Kolo Muani und Kamada spielen Sow frei, der dann den Tiefenpass spielen kann:

Linndström wieder mit dem diagonalen Sprint hinter die wieder sehr hoch stehenden Tah und Hincapie. Sow spielt den Pass als Flugball in den Lauf von Lindström. Die Leverkusener übergeben hinten, was sie recht gut und schnell machen, sodass Lindström schließlich einen Zweikampf außen offensiv gegen Tapsoba führen muss.

Lindström geht sofort mit Tempo in dieses 1 gg. 1, kommt an Tapsoba mit einer gut ausgeführten, schnellen Finte vorbei, Tapsoba foult ihn dann mit einem Sliding Tackling, den fälligen Elfmeter verwandelt im zweiten Anlauf Kamada zum 1:0.

Mit dem pressingsaffinen breiten Leverkusener Aufbau, dem Anlaufpressing, dem SGE-Kombinationsspiel und der zu hoch und zu spät sich nach hinten absetzenden Innenverteidigung der Gäste haben wir im Grunde die wichtigsten Takes des Spiels im Kasten.

Unter diesen taktischen Voraussetzungen, das wurde schon in der Anfangsphase, in der die Leverkusener bei den SGE-Abschlüssen von Götze und Lindström schon etwas Glück hatten, klar, würde es für die Gäste sehr schwierig werden, einen Punkt aus Frankfurt mitzunehmen, aber zwei mal Kolo Muani nach einer längeren Positionsspielphase und Schnellkombination und Tiefenspiel der Eintracht (28. Minute, eintracht.tv ab 34:34) und noch einmal nach Pressingsballgewinn und Zuspiel Sow in der 41. Minute vergab zunächst die besten Abschlüsse.

Gefährlich wurden die Leverkusener in der ersten Halbzeit zweimal, einmal nachdem sich Frimpong gegen Ndicka und Lenz außen durchsetzen kann. Hier:

Frimpong erkennt, dass das 2 gg. 1 zugunsten der SGE in Wahrheit keines ist, weil Lenz auf der falschen Seite doppelt. Auch dass Ndicka zu früh in den Zweikampf rennt, nutzt Frimpong mit einer kleinen Finte aus, geht Richtung Grundlinie und passt zurück auf Diaby, dessen Abschluss von Sow zur Ecke geklärt wird.

Wir finden also auch in einem solch eindeutigen Spiel wieder die bekannten Fehler. Kleiner Extraservice: Wie das mit dem Verteidigen, Doppeln, Verzögern, im richtigen Moment mit dem Körper in den Zweikampf gehen usw. richtig funktioniert, konnte man im Topspiel der Premier League zwischen Liverpool und Manchester City aufseiten von Liverpool beobachten. Klopps Spieler machen das teilweise so präzise, das man ein Lehrbuch danach schreiben könnte. Aber auch auf Seiten der SGE finden sich durchaus Szenen, in denen solches gemeinsames Doppeln gut funktioniert hat, das soll keineswegs unterschlagen werden, etwa in der in der 38. Minute, wo Tuta und Jakic einen solchen Doppelzweikampf gegen Paulinho sehr gut und erfolgreich führen: eintracht.tv ab 45:16.

Anders hingegen Lenz in der 56. Minute, in der er im 1 gg. 1 außen Frimpong falsch und zu schnell anläuft (das ist wirklich völlig indiskutabel, so in einen stehenden face-to-face-Zweikampf außen zu rennen) und damit den Freistoß verursacht, der zum zwischenzeitlichen 1:1 führt. Besonders diese 1:1 – Situationen außen sind ein großer Schwachpunkt im Defensivkonzept der SGE und das war auch im Leverkusen-Spiel zu sehen. Bei der Ausführung des Freistoßes steht die SGE-Kette 20 m vom Tor entfernt, das ist bei einem seitlichen Freistoß ein sehr großer Torabstand und eher nicht ratsam. Auch seltsam: dem Torschützen Hincapie war offenbar von Anfang an kein Gegenspieler zugeordnet, jedenfalls steht keiner bei ihm. Bei der SGE hat indes Tuta keinen Gegenspieler, steht aber viel zu lang um den Richtung kurzer Pfosten sprintenden Hincapie verteidigen zu können. Man kann das hier wirklich in jeden Text zu jedem Spiel schreiben: Dieses taktische und organisatorische Chaos in bestimmten Zweikampf- und Kettensituationen sowie bei Standards und das sorglose Produzieren von Stanards in Tornähe hat in dieser Saison bereits einige Punkte gekostet, und wird es weiterhin tun, wenn sie nicht nachhaltig angegangen werden.

Nicht aber in diesem Spiel, denn nur 2 Minuten später, in der 58., erzielte Kolo Muani die erneute Führung, die aber zu großen Teil auf das Konto von Christopher Lenz geht, der nicht nur die Kostic fast in den Schatten stellende Präzisionsflanke spielt, die Kolo Muani dann nur noch einköpfen muss, sondern die ganze Situationen mit einem harten, aber nicht abgepfiffenen Zweikampf gegen Tapsoba ermöglicht:

Hier der entscheidende Zweikampf vor dem 2:1: Lenz spitzelt von hinten ansprintend, mit einem langen Bein / Tackling Tapsoba den Ball vom Fuß. Der landet dann bei Kamada.

Im Nachgang nach dem Tottenham-Spiel kam die Frage auf, ob die Grätsche von Ndicka gegen Richarlison im Tottenham-Spiel nicht doch richtig war bzw. ob Grätschen grundsätzlich falsch sind. Hier die Antwort: Keineswegs. In Situationen, in denen es nicht darauf ankommt, selbst den Ball zu gewinnen oder einen Angriff des Gegners wirksam zum Stoppen zu bringen, sind Grätschen/Sliding Tacklings oft ein adäquates Mittel. Hier ein perfektes Beispiel: Egal wohin Lenz den Ball, spitzelt, er wird ziemlich sicher bei Sow oder Kamada landen und hier ist ein solches Einsteigen natürlich eine gute Wahl. Wie die Situation weitergeht, kann man oben in den Highlights oder bei eintracht.tv ab 12:58 begutachten. Der Ball landet kurz drauf wieder bei Lenz, dessen starke Flanke dann Kolo Muani am langen Pfosten gegen Hincapie einköpfen kann. Eine Standard-Spielsituation, gut einstudiert, technisch von Lenz extrem stark gemacht.

Ab dem Führungstor wirken die Leverkusener stark angeschlagen, jedenfalls folgt eine Phase, in der die SGE im Angriffs- bzw. Mittelfeldpressing viele Bälle gewinnt und dann sehr schnell die zu hoch stehende letzte Reihe der Leverkusener mit den schnellen Offensiven und Steilpässen in die Spitze überspielt. Wir müssen hier nicht alle diese Szenen zeigen, es ist fast immer der gleiche/ähnliche Ablauf und man konnte es auch im Live-Spiel schon gut sehen, etwa in der 60. Minute nach einem Ballgewinn von Kolo Muani, der direkt Lindström steil schickt (Ball knapp neben des Tor gelegt, eintracht.tv ab 15:18).

Das Tor zum entscheidende 3:1 ist nur eine Frage der Zeit und fällt schließlich in der 65. Minute. Vorangegangen ist ein Aufbauversuch der Leverkusener, die es jetzt mit längeren, direkten Bällen in die Spitze versuchen, nachdem sie 60 Minuten mit dem Flachpass-Aufbauspiel zu oft im SGE-Mittelfeld- bzw. Angriffspressing gescheitert sind. Doch die Bälle sind unbrauchbar. Die Sequenz zum Tor eröffnet ein solche Spitzenpass von Andrich Richtung Schick in die Spitze, aber Ndicka mit langem Bein (gefährlich, aber hier insoweit erfolgreich, dass der Ball zu Tuta fliegt):

Tuta köpft den Ball der von Ndicka kommt, hart und weit Richtung Zweikampf Hincapie-Lindström, Lindström startet sofort, um den Ball zu attackieren. Hincapie ist dann zwar zuerst am Ball, ist aber mit dem Pressingdruck von Lindström überfordert und köpft Lindström den Ball in den Lauf.

Andrich macht dann einen krassen Anlauffehler gegen Lindström, verschätzt sich in dem Zweikampfversuch völlig und so kann Lindström allein auf Hradecky zulaufen und den Ball ins Tor lupfen. Toll gemacht von Lindström, technisch stark, die Situation ist aber gar nicht so sehr typisch für das Spiel, da sie nicht selbst herausgespielt war, sondern von den Fehlern von Hinacapie und Andrich entscheidend profitierte.

Damit ist das Spiel entschieden, daher nur noch ein kurzer Blick auf die beiden weiteren Tore.

Der Elfmeter für die SGE und die gelb-rote Karte gegen Hincapie resultieren wieder aus dem taktischen Dauerfehler der Leverkusener: Zu hohes Stehen gegen die schnellen SGE-Spitzen.

Die Situation entspringt wieder einem Angriffsversuch der Gäste, diesmal Andrich-Pass auf Frimpong:

Hier Frimpong im Ballbesitz, Ndicka schon im Anmarsch, er stößt ihn dann ganz leicht aber der Schiedsrichter pfeift den Kontakt nicht und so verliert Frimpong den Ball Richtung Götze, der auf Kamada spielt. Und gut zu sehen, dass Kolo Muani hier sehr weit hinten steht, für die Leverkusener Viererkette also Zeit genug gewesen wäre, sich nach hinten abzusetzen. Das verschlafen sie aber (obwohl sie nach dem Spielverlauf hätten gewarnt sein müssen und so kann Kamada dem ansprintenden Kolo Muani dan Ball gegen Hincapie in den Lauf legen. Wir sehen hier im hell eingefärbten Bereich auch, dass die SGE im relevanten Spielgebiet 10:6 – Überzahl hat und alle Anschlüsse für Frimpong zustellt. Den Ball da reinzuspielen ist auch keine sehr gute Idee.

Das Sprintduell gewinnt Kolo Muani und Hincapie bleibt nichts übrig als mit einem Sliding Tackling den freien Abschluss von Kolo Muani zu verhindern. Die Grätsche ist natürlich eine Notaktion, aber recht gut getimet und erst in den Fernsehbildern ist zu sehen, dass er Kolo Muani trifft und nicht den Ball.

Dafür gibt es dann Elfmeter, den Kamada vollstreckt und Hincapie erhält die zweite Gelbe Karte.

Die ganze Situation ist ein klassischer Konter, eine der Stärken der SGE, die mit technisch-spielerisch extrem starken Spielern wie Kamada und Götze und Sprintern wie Kolo Muani und Lindström solche Situationen natürlich gut ausspielen können.

Wie gesagt können nicht alle Szenen des Spiels hier ausführlich gezeigt werden, aber eine Szene sei noch empfohlen, weil das wirklich sehr schön ist und zeigt, wie spielerisch stark und voller Selbstvertrauen die Mannschaft ist. Unbedingt auch nochmal im Bewegtbild anschauen: eintracht.tv ab 30:27 76. Minute. Ein Angriff ist rechtsaußen eigentlich totgespielt, Lindström steht 1 gg. 1 gegen Bakker. Hier:

Hier gibt es nicht mehr viel zu holen, eine stehende Situation. Lindström könnte ins 1 gg. 1 gegen Bakker gehen, aber das ist nicht sehr aussichtsreich, weil bis zur Grundlinie nur wenig Platz ist und Andrich dabei ist, die Innenbahn zuzulaufen. Lindström kann den Angriff nur abbrechen und die Mannschaft über einen Seitenwechsel einen neuen Angriff einleiten.

Oder… Lindström verschafft sich Raum indem er ein paar Schritte nach hinten geht und:

Lindström läuft mit Ball rund 5 Meter zurück, verschafft sich damit den nötigen Raum zum hineinsprinten, legt zurück auf den nachgerückten Tuta, der ihm im Doppelpass den Ball auch perfekt getimt in den Lauf legt. Amiri und Bakker, die eben noch 2 gg. 1 gegen Lindström standen, sind düpiert. Die Hereingabe von Lindström bringt Kolo Muani dann mit der Hacke aufs Tor und Hradecky muss mit seiner wohl besten Parade des Spiels den Ball halten.

Solche gezielten Moves, die zwar durchaus trainierbar, aber in einem Spiel nur schwer zu stellen sind, sieht man, besonders in dieser präzisen (Pass-Lauftiming) regelmäßig nur bei absoluten Top-Teams.

Der Spielzug zum 5:1 war aus Postionsspiel gespielt und mindestens genauso spektakulär, aber da gab es vonseiten Leverkusens auch keine große Gegenwehr mehr und es wirkte eher wie eine Trainingsform mit teilaktiven Gegenspielern. Trotzdem noch ein kurzer Blick auf die Kombination, empfehlenswert ist allerdings mehr das Bewegtbild ab eintracht.tv 40:29, weil man da viel besser sehen kann, wie sie die Leverkusener Hintermannschaft mit dem ersten Spitzenpass von Rode auf Borré ins Laufen bringen, um ihn dann gegen die Laufrichtung der Leverkusener fortzusetzen:

Der Pass auf Borré, der die Leverkusener sich nach links hat orientieren lässt, wird sofort auf Rode zurückgespielt, der auf die andere Halbposition, auf Götze spielt, Borré und Alario starten im richtigen Moment in die Spitze, Leverkusen ist komplett ausgespielt. Allerdings hat die Kette der Gäste sich hier auch weitgehend aufgelöst und es klafft ein riesiges Loch, durch das Götze den Ball spielt. So einen gigantischen offenen Passweg in die Spitze wird Götze so schnell nicht noch einmal antreffen.

Fazit

Das Spiel brachte nicht sehr viele neue Erkenntnisse, aber eine starke Bestätigung dessen, was hier seit langer Zeit dokumentiert wird: Die SGE ist spielerisch und hinsichtlich Tempo in die Spitze eine der stärksten Mannschaften der Bundesliga und auf einem Niveau, an das vor wenigen Jahren nicht zu denken war. Auch das Positionsspiel wird erkennbar zu einer Stärke. Die Mannschaft ist aktuell noch mit sehr mannorientiertem Pressing, das das Spiel sehr aggressiv und mit großem Härterisiko in dauernde Zweikämpfe zerlegt (wie Bochum) oder durch sehr konsequentes Spielverweigern und auf Konter spielen (wie Wolfsburg) oder durch Mannschaften, die technisch-spielerisch gleichstark oder noch stärker sind und die die zu häufigen Zweikampf- und Kettenfehler hinten bewusst bespielen können (wie Tottenham) zu schlagen. Das sind aber taktisch bzw. technisch jeweils ziemlich schwierige Aufgaben (Tottenham hat mit einem Kaderwert, der ungefähr doppelt so hoch ist wie der der SGE in 180 Minuten ein 3:2 erspielt und hatte Glück, dass die Eintracht nicht in Unterzahl noch den Ausgleich erzielt) und Glasner hat ja schon angekündigt, dass er aus dem Wolfsburg- und Bochum-Spiel lernen will, um künftig den Gegnern da nicht mehr so einfach in die Falle zu gehen. Wenn das gelingt, dürfte es schwer werden, die SGE zu schlagen.

Eine Mannschaft wie Leverkusen, die mit breitem, eher langsamem Spielaufbau, viel eigenem Ballbesitz spielt und in der Zentrale der SGE einigen Platz lässt, dürfte indes derzeit ungefähr die Lieblingskonstellation für die Eintracht sein. Dazu kamen das viel zu hohe Stehen und zu späte zurückweichen der Leverkusener Innenverteidiger bei den tiefen Pässen der SGE.

Solche Angebote nutzt die Eintracht inzwischen fast schon routiniert.

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Tottenham Hotspur – SGE 3:2 (3:1)

Wie in der Analyse des Hinspiels bereits herausgestellt, wäre es auch im Rückspiel darauf angekommen, Kane und Son in den Griff zu bekommen, was erneut nicht gelang. Diesmal schossen die beiden nicht einfach daneben.

Die Aufstellung

SGE: Trapp – Jakic, Tuta, Hasebe (69. Ebimbe), Ndicka, Lenz (70. Lenz) – Rode (69. Smolcic), Sow – Kamada (78. Götze), Kolo Muani (Borré), Lindström — Trainer: Glasner

TOT: Lloris – Romero, Dier (78. Sanchez), Lenglet – Emerson, Bentancur (67. Bissouma), Höjbjerg (86. Bryan), Sessegnon – Richarlison (67. Skipp), Kane, Son (86. Moura) — Trainer: Conte

Die Statistik

gibt es hier, hier und hier

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die Spielanalyse

Am Ende der Hinspiel-Analyse gegen Tottenham in Frankfurt hieß es hier als Fazit: „Im Rückspiel wird die SGE sich steigern müssen, vor allem den an wirklich praktisch jeder offensiven Aktion der Spurs entscheidend beteiligten Kane viel besser bearbeiten müssen. Das kann nur mit sinnvollerem Zweikampfverhalten funktionieren und mit schnellerem „Doppeln nach hinten“ durch die Sechser. Nochmal werden die Spurs-Offensiven der SGE kaum den Gefallen tun, alle freien Abschlüsse freiwillig neben das Tor zu ballern oder sämtliche Hereingaben schlecht zu timen.

Nun war das zwar keine große Analysekunst, aber genau so ist es eingetreten. Bereits im Hinspiel war zu sehen, dass Hasebe-Kane im Grunde ein „Missmatch“ ist, wie es nun im Rahmen des Rückspiels zumindest von einem einzigen Sportjournalisten dann doch einmal bemerkt wurde, nämlich von DAZN-Kommentator Uli Hebel während seiner Kommentierung des Spiels. (Übrigens nachdem Hasebe als Konterabsicherung gegen den bereits in hohem Tempo dribbelnden Kane versucht hatte, auf der Außenbahn in ein direktes Sprintduell mit ihm zu kommen, statt ihn auf der Innenbahn mit Abstand zu verzögern – da war es dann auch wirklich nicht mehr zu übersehen, eintracht.tv ab 43:10)

Ebenso war klar, dass Kane ohnehin nicht von einem einzigen Spieler allein bearbeitet werden kann, sondern dass gegen die sehr starke, gut eingespielte Offensive der Spurs nur ein gutes, sehr konzentriert ausgeführtes Defensivkonzept in der letzten Reihe die Chance bietet, freie Abschlüsse zu verhindern.

Nun aber zum Spiel im Einzelnen. Zunächst einmal änderte sich von der taktischen Ausrichtung im Vergleich zum Hinspiel wenig. Die Engländer spielten wie üblich vor allem aus eigenem Ballbesitz und Positionsspiel, suchten mit ihrem sicheren Passspiel schnell ihre Spitzen, um dann in der Spitze zügig zum Abschluss zu kommen, die SGE lauerte oft auf Pressingsituationen und Konter. Allerdings konnte man gerade in der Anfangsphase und nach dem Rückstand auch sehen, dass die Engländer mehrfach situativ ins Angriffspressing gingen, teilweise den ersten Aufbauball schon angriffen, jedoch konnte sich die SGE aus diesen Pressing-Situationen oft besser lösen als die Engländer ihrerseits aus dem der SGE und das ist durchaus bemerkenswert.

3. Minute:

Hier ein sehr früher Pressing-Ballgewinn: Jakic und Lindström attackieren Sessegnon, der Richtung Mitspieler dribbelnd von Rode gut attackiert werden kann. Rode gewinnt den Ball.

Die Spielfortsetzung über Kolo Muani, Lindström und Kamada wird gefährlich und die erste Torchance der SGE im Spiel. Etwas Glück hier für die Spurs, dass die Lindström-Flanke auf Kamada nicht perfekt gespielt ist, aufspringt, sonst hätte Kamada frei vor Lloris einschießen oder -köpfen können.

In der 12. Minute verliert Hasebe Kane erstmals aus den Augen, fabriziert den ersten Kettenfehler und es entsteht die erste gute Chance für Tottenham:

Beim Pass von Romero hebt Hasebe hinten das Abseits auf, steht einen guten Meter hinter seinen beiden Kettenkollegen und öffnet damit den Raum für Kane. Beim Abspiel versucht er dann auf Abseits zu spielen, macht einen Schritt raus und verliert Kane damit endgültig aus den Augen.

Das ist natürlich schwaches Abwehrverhalten. Entweder spielt Hasebe auf Abseits oder nicht, sich umzuentscheiden, nachdem der Ball gespielt ist, führt naturgemäß dazu, dass Kane rechtsaußen den Ball erhält und in die Mitte passen kann, Tuta muss in der Zentrale mit einem langen Bein vor dem einschussbereiten Son retten. (eintracht.tv ab 21:21).

Kurz darauf, in der 14. Minute erzielt die SGE das 1:0 nach starkem Pressing von Lindström gegen Dier. Wir müssen hier nicht näher darauf eingehen, da das Angriffspressing der SGE hier mehrfach gezeigt wurde. Insbesondere Lindström ist ein überragender Pressingspieler, der auch auf höchstem Niveau solche Situationen erkennen und perfekt lösen kann. Auch der Anschluss über Rode und Kamada war stark. (eintracht.tv ab 23:44)

Spielentscheidend waren letztlich auch die folgenden Minuten.

Der Pressing-Block der SGE bleibt auch weiterhin sehr aufmerksam, setzt die Engländer vorne weiter mit aggressivem Zweikampfverhalten fest, obwohl die Spurs via Passhärte und Erhöhung der Sprintfrequenz in freie Räume versuchen, das Tempo zu erhöhen. Auch die letzte SGE-Reihe bleibt zunächst aufmerksam und kann alle ungenaueren Zuspiele in die Spitze ablaufen, etwa Hasebe in der 18. Minute gegen Kane (eintracht.tv ab 28:19).

In der wohl wichtigsten Sequenz des Spiels passieren dann aber in der hinteren Reihe gleich drei Ketten- bzw. Stellungsfehler. Das sind keine krassen Fehler, wie wir sie in der vergangenen Saison noch hier häufig gezeigt haben, aber es sind doch klare Fehler im Ablauf, die ein starker Gegner nutzen kann. Und: sie sind strukturell, also Fehler, die man regelmäßig in der SGE-Kette sieht.

In der Zentrale versucht Hasebe hier gegen Kane wieder nach vorne zu verteidigen, obwohl das, wie man im Hinspiel gesehen hat, keine gute Idee ist und wie wir im Kettenspezial zeigen konnten, auch nicht der weitgehend vertretenen Lehrmeinung entspricht. Kane wartet natürlich auf solche Anlauffehler und nutzt sie sofort aus. Auch hier. Er dreht sich dann von Hasebe völlig unbehelligt Richtung Tor auf, damit ist die Situation geöffnet. Hier aber auch zu sehen, dass Jakic zu weit auf der Außenbahn steht und daher keine Chance hat, Son zu bedrängen und Tuta keine Schlagdistanz zu Hasebe hat, damit der Passweg zwischen Tuta und Jakic in der Kette aufgeht, eine Alarmstufe-Rot-Situation. Noch ein Wort zu dem Pass von Emerson auf Kane: Dass Tottenham solche Innenbahn-Flachpässe auf Kane sucht, ist nun wirklich bekannt. Sow ist hier weit davon entfernt diesen Passweg zu schließen. Auch das wäre ein Zugriffspunkt auf diesen Angriff gewesen.

Mit präzisem Kettenspiel, richtigem, abwartendem Anlaufen mit korrekter Distanz von Kane hätte das Tor verhindert werden können. Besonders erstaunlich ist, dass das viel zu enge Zweikampfspiel von Hasebe gegen Kane bereits im Hinspiel mehrmals in beinahe identischen Situationen schon zu guten Chancen der Engländer geführt hatte, daran aber weder von Spieler- noch Trainerseite offenbar irgendetwas geändert wurde. Das rächt sich hier:

Bei dem Pass von Kane ist Hasebe komplett aus dem Spiel, Kane spielt den Ball ohne jeden Gegnerdruck. Tuta spekuliert etwas zu weit nach innen, das ist ein kleinerer Stellungsfehler, es ist aber wirklich sehr schwierig, diesen Ball noch abzufangen. Jakic war von vornherein viel zu spät, hatte nie Kontakt zur Kette und kann hier Son nicht mehr einholen.

Auf Twitter wurde von dem User Sascha ziemlich kundig auch das darauffolgende Torwartspiel von Trapp gegen Son kritisiert. Tenor ist, dass Trapp in dem 1 gg. 1 eventuell zu schnell und zu früh herausläuft. Trapp läuft zwar wirklich sehr schnell und weit heraus, das Hauptargument, er könne mit Verzögern in dieser Situation eventuell die hinterherlaufenden Mitspieler noch einmal ins Spiel bringen, ist bei einem Klassespieler wie Son und den Abständen hier aber unwahrscheinlich. Trotzdem enthält die Analyse durchaus bedenkenswerte Aspekte, ein abschließendes Urteil ist hier aber wirklich sehr schwierig. Dennoch sind diese Anmerkungen empfehlenswert:

In der Phase nach dem 1:1 geht die bis dahin gute Organisation der SGE etwas verloren und in der 25. Minute holt Kane dann den Elfmeter heraus. Die Spielregie zeigte statt der Entstehung des Tores lieber Zeitlupen des ersten Tores, daher könne wir es hier auch nicht ganz nachzeichnen.

Daher nur ein kurzer Blick auf die konkrete Entstehung des Elfmeters:

Die SGE steht eigentlich 4 gg. 2 gegen Kane und Sessegnon in der ursprünglichen Situation. Tuta muss hier nur Distanz halten, dann ist Sow im Zweikampf und kann Kane von der Seite attackieren. Eine eigentlich sehr gute Situation für die Verteidiger. Doch Tuta geht nach vorne auf Kane zu, der sein Glück kaum fassen kann: Tuta rennt praktisch freiwillig aus dem Spiel und so läuft Kane allein Richtung Tor.

Auch Jakics Zweikampfverhalten danach ist vollkommen falsch:

Jakic hätte die Außenbahn halten müssen, um Sessegnon zu decken oder den Laufweg von Kane seitlich mitaufnehmen. Niemals darf er hier gegen die Laufrichtung von Kane in den Zweikampf laufen, weil Hasebe als Absicherung ja noch da ist und sich so etwas kein Stürmer entgehen lässt. Exakt dafür hat man auch den zentralen IV, um solche Fehler, wie den von Tuta hier ausbügeln zu können.

So schaffen es Tuta und Jakic, aus einem 4 gg. 2 ein 1 gg. 1 zu machen (Kane gg. Hasebe), das immer noch von Hasebe gut hätte geführt werden können, aber Jakic rennt Kane dann in die Parade und der lässt sich das nicht zweimal sagen und holt den Elfmeter heraus.

In den Minuten danach konzentriert sich die SGE auf die eigenen Stärken, vor allem das Pressing, und es gelingt in der 31. Minute sogar nochmal ein technisch sauber herausgespielter Angriff über Sow und Jakic. Jakic spielt einen tollen Tiefenpass auf Lindström, der aus spitzem Winkel Lloris zu einer Parade zwingt. Lindström bekommen die Spurs nie in den Griff, auch hier überwindet er mit einem diagonalen Tiefenlauf seinen Gegenspieler Dier. (eintracht.tv ab 59:21)

Der Grund dafür, dass das Team eben nicht auseinanderfällt, obwohl in den Minuten nach dem 1:1 die Verunsicherung durchaus groß war, was sich auf die Präzision einiger Pässe und das Risiko im Aufbauspiel (Trapp fing bspw. wieder an, lange, hohe Bälle nach vorne zu blasen) auswirkte, sind es diese enorme Passstärke, hier von Sow und Jakic, und die Laufwege und die Geschwindigkeit von Lindström, die eine Mannschaft auch in schlechten Phasen immer wieder ins Spiel bringen können (eintracht.tv ab 41:24). Und so bleibt die SGE auch im Spiel, in der Phase ab der 20. Minute hat sie 63% Ballbesitz und lässt sich dabei auch durchaus nicht entscheidend auskontern. Auch das dritte Gegentor fällt aus einer Situation, in der die Kette plus Sechser komplett war. Auch diesem Tor geht ein individueller Zweikampffehler voraus. Vermutlich dürfte der Zweikampf von Ndicka gegen Richarlison von der Statistik sogar als „gewonnen“ geführt werden, im Standbild und noch mehr in den Bewegtbildern sieht man jedoch, dass dieser „gewonnene“ Zweikampf die Niederlage einleitet. Hier:

Auf diesen Pass von Höjbjerg darf Ndicka natürlich niemals mit einer Grätsche gehen. So „gewinnt“ er zwar für die Statistik den Zweikampf, verliert ihn aber in Wahrheit, weil der Ball völlig unkontrolliert wieder bei Höjbjerg landet und Ndicka wie ein Maikäfer auf dem Boden liegt, weshalb Höjbjerg dann seelenruhig an ihm vorbeidribbeln und auf Son flanken kann, der dann zum 3:1 einschießt.

Hier:

Höjbjerg kann frei von der Grundlinie auf den völlig freien Son flanken, Ndicka ist komplett aus dem Spiel. Der einzige SGE-Spieler, der hier einen Gegenspieler deckt, ist Jakic, der Sessegnon aus dem Spiel nimmt. Hasebe hat sich von Kane verabschiedet und Tuta schaut in der gesamten Sequenz nur Richtung Ball, statt sich mit Schulterblick einen Überblick zu verschaffen, wo der freie Gegenspieler im Rücken steht.

Wenn der Gegenspieler außen durchbricht, muss die Innenverteidigung innen sofort auf Manndeckung umschalten. Das ist ein schwieriges Notmanöver, das auch bei gut eingespielten Ketten noch manchmal schiefgeht, aber Tuta und Hasebe machen beide in der gesamten Sequenz keinen Schulterblick, verlieren damit beide ihre Gegenspieler aus den Augen und so steht Son dann völlig frei und schießt den Ball volley ins Tor. Auch Rode macht hier keine sehr gute Figur, hätte als Sechser ebenfalls Son übernehmen können, schaut aber auch nur zum Ball. Auch ob Lenz hier beim ersten Pass Richtung Richarlison bis weit ins Mittelfeld herausrücken muss, ist durchaus diskutabel, aber offenbar soll das so sein, um Mittelfeld-Pressingdruck auszuüben, was ja auch manchmal funktioniert. In solchen tiefen Situationen wir hier, wäre ein klassisches (bzw. richtiges) Verhalten des Außenverteidigers mit korrekten Abständen und Kontakt zu den Kettenmitspielern vielleicht doch die bessere Entscheidung. (Beim ersten Tor von Son auf der anderen Seite das gleiche Problem)

Solche Situationen – keine falschen Grätschen, Schulterblick, schnelle Zuordnung bei Durchbruch außen, Kontaktabstände zum Kettenmitspieler halten – haben nichts mit Talent zu tun und sind auch was die Trainingslehre angeht kein Hexenwerk. Das kann im Grunde jeder lernen, auch gut im Erwachsenenalter noch, aber das kann nur in vielen Wiederholungen im Training einstudiert und -geschliffen werden.

In diesen Situationen waren die Hotspur-Stars auch durchaus nicht unglaublich stark, sondern Hasebe beim ersten Tor, Tuta beim zweiten und Ndicka beim dritten, gehen im Grunde jeweils freiwillig aus dem Weg und öffnen den Engländern die Tempowege bzw. den Weg zum Tor.

Bis zum Halbzeitpfiff hatten die Engländer dann noch zwei Kontersituationen mit Abschluss Son, den Trapp mit dem Fuß hält und einen zweiten, den Hasebe zur Ecke klären kann.

Noch zu den Highlights der zweiten Halbzeit.

Erste Gelbe Karte Tuta

In der vergangenen Saison wurde mehrfach hier gezeigt, dass Tuta in seitlichen Zweikämpfen selten eine gute Distanz findet, oft ohne gutes Timing agiert und statt mit korrekter Distanz zurückzuweichen einfach stehenbleibt und somit leicht auszuspielen ist bzw. häufig Freistöße produziert. Das ist für einen Innenverteidiger auf Profiniveau vollkommen inakzeptabel und muss mit dem Spieler bearbeitet werden. Nun hatten sich die Fehler in dieser Saison etwas gelegt, spätestens das Tottenham-Spiel lässt aber Zweifel daran aufkommen, dass dieses Fehlverhalten mit dem Spieler wirklich nachhaltig korrigiert worden ist. Denn bereits der Elfmeter entstand aus einem ähnlichen Zweikampfverhalten und hier holt sich Tuta mit exakt diesem Fehler die erste Gelbe Karte ab. (eintracht.tv ab 12:24).

Die zweite Gelbe gegen Tuta ist hingegen ärgerlich, denn in diesem Zweikampf macht Tuta eigentlich alles richtig, hält bei dem langen Ball von Kane auf Son einen guten Abstand, wartet mit Attackieren bis der Ball frei ist und gewinnt ihn daher auch – nur verliert er den eigentlich schon gewonnen Ball wieder, weil Son auch stark gegenpresst. Dann muss er ihn festhalten, da Son sonst allein Richtung Tor gelaufen wäre. Diese Situation war kein krasser Fehler von Tuta, sondern tatsächlich stark gemacht von Son.

Tuta hätte nach der ersten Gelben Karte direkt ausgewechselt werden müssen, denn dass er in der zweiten Hälfte, in der die SGE absehbar in einige Konter laufen würde, in genau solche Situationen kommen würde, war sehr absehbar. Tuta war nach der Gelben Karte ein klassischer Wechselkandidat und hier muss ein Coach eigentlich schnell reagieren, eben bevor es die Rote Karte gibt.

Die Eintracht bleibt trotzdem im Spiel, besonders nach den eigenen Wechseln kann die SGE das Tempo und den Druck noch einmal erhöhen, trotz Unterzahl. Insbesondere die individuelle Stärke von Alidou, Ebimbe und vor allem Lindström sorgen noch einige Male für echte Gefahr. Lindström hat in der 74. Minute noch einen sehr guten Abschluss, den Lloris mit guter Parade halten muss. (eintracht.tv ab 30:08) (Auch Tottenham produziert teilweise krasse Zweikampffehler, besonders in dieser Phase).

Nach einem technischen Fehler von Emerson gewinnt in der 86. Minute Alidou im Angriffspressing den Ball:

Bei 1:3 Rückstand und in Unterzahl in der 86. Minute ein sehr stark organisiertes Angriffspressing der SGE: Alle Anspielpunkte gedeckt, Emerson in der Pressingfalle, legt sich den Ball zu weit vor, Alidou holt ihn sich sofort ab.

Der Ball landet dann bei Borré, der direkt abschließt, Lloris zu einer Parade zwingt und so die Ecke herausholt, die Alidou nach Götze-Flanke dann zum 2:3 einköpft.

Der Elfmeter, den Kane dann in den Himmel jagt, ist analytisch nicht sehr relevant. Jakic kickt den Ball mit der Hacke zum Gegner, der dann gegen Smolcic clever den Elfmeter herausholt. Ein krasser individueller Aussetzer von Jakic. Smolcic sieht da auch nicht sehr gut aus, kann aber in dem Zweikampf kaum etwas Sinnvolles machen, außer den Gegner im Sechzehner aufs Tor schießen zu lassen oder ihn irgendwie mit Foul aufzuhalten.

Fazit

Den ersten Einschätzungen der SGE-Verantwortlichen nach dem Spiel, wonach die SGE das Spiel verloren hat, weil sie unterlegen, überfordert gewesen sei und die Spurs ihre individuelle Klasse ausgespielt hätten, ist so pauschal nicht zuzustimmen. Bei den Gegentoren war herausragende individuelle Klasse nicht unbedingt nötig, alle drei SGE-Innenverteidiger nahmen sich bei einem der Tore schlicht selbst aus dem Spiel, mit etwas besserem individualtaktischem Verhalten wären mindestens der erste Elfmeter und das dritte Gegentor gut zu verhindern gewesen.

Wie im Hinspiel kamen die Engländer mit dem wirklich stark organisierten Pressing der SGE nicht gut zurecht, es entstanden zwei Treffer in direkter Folge solcher Pressing-Ballgewinne.

Auch war die SGE dem Gegner technisch weder sichtbar noch analytisch nachweisbar, noch in den relevanten Statistiken besonders unterlegen, im Gegenteil konnte sich die Mannschaft mit ihrer technisch-spielerischen Stärke in jeder Spielphase wieder ins Spiel bringen.

So bleibt es dabei, dass die Entwicklung des Teams auf hohem Niveau gerade etwas ins Stocken gerät: Das Pressing, Gegenpressing, Schnellkombinationen bleiben auf einem Niveau, das auch europäisch jeden Gegner in Verlegenheit bringt. Spieler wie Trapp, Sow, Götze, Rode und in diesem Spiel ganz besonders Lindström haben hinlänglich bewiesen, dass sie auf ihren Positionen auch auf Topniveau regelmäßig adäquat mithalten können. Die eingewechselten Ebimbe, Smolcic und Alidou zeigten starke Leistungen und waren auf ihren Positionen unübersehbar Verstärkungen.

Der große Schwachpunkt bleibt das Kettenverteidigen und insbesondere die individuellen Zweikampffehler der drei Innenverteidiger. Dazu kommt, dass auch das Trainerteam offenbar keine Lösung des Kane-Problems, das schon im Hinspiel gut sichtbar war, finden konnte. Trotz der Probleme, die Hasebe schon im Hinspiel mit Kane hatte und trotz der offensichtlichen Passwege, die der Gegner immer sucht und auch schon im Hinspiel fand, schickte Glasner seine Elf ohne große sichtbare Korrekturen in das zweite Spiel gegen den gleichen Gegner, der in seinem Offensivverhalten im Grunde nur davon ausgehen musste, dass sich die gleichen Freiräume wie im Hinspiel wieder ergeben würden und Kane und Son diesmal die Bälle ins Tor statt daneben schießen würden. Genau so kam es.

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