1. FC Magdeburg – SGE 0:4 (0:2)

In der ersten Runde schlägt die SGE den Zweitligisten verdient. Doch war das Ergebnis so souverän und traumhaft herausgespielt, wie in den meisten Medien rezipiert?

Ein Blick auf die wichtigsten Szenen des Spiels.

Die Statistik

Aufstellung

Trapp – Ndicka, Tuta (67. Hasebe), Touré – Kostic, Sow, Kamada, Knauff (67. Chandler) – Götze (79. Jakic), Lindström (67. Kolo Muani) – Borré (74. Alario)

Tore (Vorlagen):

0:1 Kamada (4. Kostic), 0:2 Lindström (32. Knauff), 0:3 Kamada (59. Borré), 0:4 Alario (90. Kolo Muani)

Weitere Statistiken

hier

Die Highlights

Quelle: Youtube

Das Spiel in der Analyse

Bei Betrachtung der analytischen Daten überrascht vor allem der Magdeburger Vorteil im Bereich Ballbesitz, die Gastgeber gewannen in dieser Hinsicht mit 55:45 Prozent und dieses statistische Ergebnis ist stark kontraintuitiv, denn der Eindruck beim spontanen Beobachten des Spielgeschehens war ein anderer: Man hatte den Eindruck einer SGE, die das Spiel weitgehend kontrollierte und den Gegner im Griff hatte. Der Ballbesitzvorteil erklärt sich indes durch das frühe Führungstor der SGE, das die Gastgeber zwang, sehr initiativ zu spielen. Das kam der SGE sehr entgegen.

Betrachtet man die entscheidenden Spielmomente, wird schnell deutlich, dass die Eintracht das Spiel so überaus souverän nicht gestaltet hat, stattdessen auch durchaus das Spielglück mehrmals auf ihrer Seite hatte, bzw. eben die Magdeburger in mehreren Situationen technisch zu schwach waren, um die Angebote und Fehler der SGE anzunehmen und auszunutzen.

Im Detail:

Das ist die ursächliche Situation vor dem 0:1 für die SGE. Das ist ein Positionsangriff aus der letzten Linie. Ndicka spielt den ersten Pass zu Kostic, der auf den sehr weit außen postierten Götze. Mit dem Abspiel startet Kostic in einen langen Sprint, vorbei an Elfadli, Götze und den Götze anlaufenden Lawrence. Götze steckt den Ball Kostic dann in den Lauf durch.

Das ist sicher gut und schnell gespielt von Kostic und Götze, ein solches Anlaufpressingverhalten wie hier von Lawrence und Elfadli wird die SGE in der Bundesliga aber kaum vorfinden. Götze steht zwischen den beiden Magdeburgern völlig frei und mit dem Pass auf Götze verlässt sich Elfadli auf seinen Kollegen Lawrence, zieht das Laufduell gegen Kostic nicht an und hat somit keine Chance, dessen Flügelaktion, die dann zum Kamada-Tor führt, zu verhindern. Das Tor ist toll herausgespielt, aber hier haben die beiden Starspieler der SGE auch sehr viel Raum, das ist von Magdeburg sehr gastfreundlich angeboten worden.

Was sich in dieser Situation aber sehr schön zeigt, ist, dass die Gastgeber aus der zweiten Liga keineswegs tief standen oder der SGE das Spiel überlassen wollten, sondern eher den Schlagabtausch suchten, auch mit hohem Risiko vorne anzupressen versuchten – eine Spielweise, die dem schnellen, technisch starken Kombinationsspiel der SGE entgegen kommt.

Nur wenige Minuten später, in der 5. Minute verursacht Tuta einen Elfmeter gegen den Magdeburger Scienza. Vorausgegangen war ein Ballverlust von Borré im Mittelfeld, den Müller sofort zum Tempodribbling Richtung SGE-Abwehr nutzt.

Hier die Situation vor dem Strafstoß. Die Dreierkette der SGE ist vollzählig, Kostic zumindest körperlich anwesend und in der Nähe. Auch die Höhen und Abstände sind im grünen Bereich. Nur Kostic ist ca 1,5 Meter zu weit vorne und etwas zu weit außen, weshalb er nicht in die folgende Situation eingreifen kann. Das kann bei einem solchen Tempogegenstoß aber passieren.

Es liegt also kein großer Kettenfehler vor, Müller muss den Ball auch leicht nach außen spielen, der Zweikampf ist von Tuta noch zu erreichen und er kommt auch in den Zweikampf, ist dann aber einen Schritt zu langsam um Scienza abdrängen zu können und setzt dann zur Grätsche an, um den Schussweg von Scienza zuzumachen. Hier:

Tuta setzt zur Grätsche gegen Scienza an, trifft diesen leicht und Scienza nimmt das Geschenk auch gerne an. Den Elfer kann man aber geben.

Das Problem in dieser Situation ist also kein Kettenfehler, sondern eine schwache Aktion von Tuta, der hier nicht grätschen muss und darf, da Scienza hier schon keinen optimalen Abschlusswinkel hatte und Tuta den Schussweg gemeinsam mit Trapp auch verengen kann, wenn er auf den Beinen bleibt.

Dass Tuta weder im Antritt noch in Sachen Endgeschwindikeit der allerschnellste ist, wird in solchen Situationen zum Problem. Ein etwas schnellerer Spieler hätte Scienza ohne große Schwierigkeiten hier ablaufen können.

Dass Trapp den Elfmeter hält, ist zwar ebenfalls Mannschaftsqualität, der war aber auch sehr schwach geschossen und diese Situation sicher mit spielentscheidend. Denn wenn die Magdeburger hier den Ausgleich machen, entsteht wahrscheinlich ein anderes Spiel.

In der ersten Halbzeit noch ein Blick auf das spielentscheidende 0:2, denn hier zeigt sich die neue Qualität, die mit Mario Götze ins Eintracht-Spiel kommt. Götze ist ein echter Spielmacher und kann mit seinen antizipatorischen, technischen Fähigkeiten und seinem Blick für Räume und Passmöglichkeiten in vielen Situationen den Unterschied machen. So auch hier.

Hier stark vereinfacht die Kombination vor dem entscheidenden Tiefenpass von Götze auf Knauff, der dann von Lindström vollendet wird. Hier nur eine ganz grobe Skizze des Ablaufs, viel besser ist die Szene in den Bewegtbildern (eintracht.tv ab 38:04) zu sehen. Götze fordert den Ball auf der Halbposition von Kamada. Er bewegt sich zu diesem Zeitpunkt im Rücken von drei Magdeburgern, die ihn nicht sehen können und diesen strategischen Vorteil nutzt Götze dann mit der hier angedeuteten Kombination mit Lindström, um dann einen extrem präzisen tiefen Flugball zu spielen. Die gesamte Initiative hier geht von Götze aus, der gesamt Angriff ist im Grunde seine „Idee“. Natürlich müssen die Mitspieler hier ebenfalls ihre Aufgaben technisch sauber erfüllen, aber dies ist ein schönes Beispiel für echtes Spielmacherspiel: Erkennen einer Spielmöglichkeit, Ergreifen der Initiative und technisch perfekte Ausführung.

Noch ein Blick auf das Spiel der Dreierkette. Dieses war nämlich, wie schon beim Elfmeter, durchaus nicht immer sattelfest und das sehr offensive Spiel mit sehr vielen offensiven Spielern führt zu einer hohen Konteranfälligkeit und dann muss in der Absicherung gut und richtig gearbeitet werden. Das gelingt der SGE-Abwehr nach wie vor zu selten.

Hier eine Szene aus der 50. Minute. Vorausgegangen war ein Ballverlust von Götze nach Missverständnis mit Sow. Die Magdeburger Kontern schnell und gezielt und sind mit zwei schnellen tiefen Pässen in der vorderen Reihe bei Atik. Da sich in den Angriff zuvor auch Touré eingeschaltet hatte, ergibt sich in der Restverteidgung dieses Bild:

Tuta muss Atik eng stellen, Ndicka kommt ebenfalls nach rechts zum Sichern, Kamada macht während der ganzen Aktionen keine Anstalten, irgendeinen freien Raum zuzulaufen, so steht Kwarteng vollkommen frei im Sechzehner vor Trapp, verbaselt den Abschluss nach dem Atik-Pass aber total.

Viel Glück für die SGE in dieser Situation und viele Fehler im Bild. Ndicka darf hier nicht einrücken, sondern muss auf den Pass auf Kwarteng spekulieren oder den Passweg zustellen, zumal Knauff Tuta auch noch hätte unterstützen können. Kamada muss als Sechser ebenfalls versuchen, zumindest den Passweg auf Kwarteng zu verengen, trabt aber in der ganzen Aktion nur zurück. Solche Fehler und verschlafene Aufgaben werden gegen ungefähr jeden Gegner in der Bundesliga zu Gegentoren führen, das ist sehr absehbar.

Das Fazit

So souverän wie es wirkte, war das Spiel der SGE nicht, sowohl die Ballbesitzstatistik, als auch die nach wie vor großen Abstimmungsschwierigkeiten in der hinteren Reihe machen durchaus Sorgen.

Die spielerische Stärke der SGE hat hingegen – zumindest in diesem ersten Pflichtspiel – mit Götze und der Weiterentwicklung durch Glasner ein sehr deutliches weiteres Element hinzugewonnen, nämlich ein sehr hochwertiges Positionsspiel, dem die beiden ersten Treffer entsprangen, also das Spiel entschieden. Allerdings machten es die Magdeburger der SGE mit teilweise sehr wildem Anlaufen, großen Abständen und sorglosem Zweikampfverhalten auch sehr leicht, insbesondere beim 0:1.

Das 3:0 entsprang dann einem Gegenpressing der SGE nach Ballverlust in der vorderen Reihe und einem krassen Passfehler des Magdeburgers Ito.

Hier der Ballverlust durch Ito. Gut zu sehen, dass der Passweg zu Bell Bell im Moment des Passes eigentlich frei ist, die SGE das Gegenpressing nicht gut gestellt hat, Kamada hat keinen Zugriff auf Bell Bell. Ito spielt dann aber einen Katastrophenpass in die Füße von Lindström.

Lindström macht das dann stark, setzt den Angriff extrem schnell und sauber über Borré fort, dessen Rücklage Kamada stark verwandelt. Auch dieses Tor war charakteristisch für das Spiel: Die SGE ist mit ihren technisch-spielerisch extrem starken Akteuren in der Lage, sehr schnell und auf engem Raum durch Schnellkombinationen jeden kleinen Raum zu nutzen, um gefährliche Situationen hervorzurufen. Allerdings machten es die Magdeburger auch hier der Eintracht nicht besonders schwer.

Auch das 4:0 war in dieser Hinsicht ähnlich. Ein von der SGE nicht sauber gespieltes Positions-Aufbauspiel landet bei dem Magdeburger Bell Bell.

Chandler geht direkt ins Gegenpressing und aus dem Zweikampf bringt er den Ball Richtung Alario.

Alario, Kolo Muani und Jakic starten sofort den Angriff Richtung Magdeburger Tor und Alario und Kolo Muani haben dann wenig Probleme, das technisch sauber auszuspielen.

Auch hier wieder: Die extreme spielerische Stärke der SGE, allerdings auch ein freundlich behilflicher Gegner, Bell Bell hätte den Ball ohne große Probleme zumindest Richtung eigenen Torwart sichern können.

Die Eintracht war dem Gegner spielerisch so stark überlegen, dass die Magdeburger letztlich keine Chance hatten. Während sich bei den Gastgebern fast in jede Offensivaktion technische Unzulänglichkeiten einschlichen, darf der SGE in der derzeitigen Besetzung kein Raum gelassen werden, da Fußballer wie Lindström, Alario, Borré, Kamada, Kostic, Knauff und Götze, der mit seinem sehr initiativen und raumantizipatorischen Spiel ein Spielmacher-Element ins SGE-Spiel bringt, das in der vergangenen Saison gefehlt hat, solche Situationen fast immer gefährlich machen können.

Sorgen muss nach wie vor die Fehleranfälligkeit in der letzten Reihe machen, insbesondere die fehlende Breite der Dreierkette in Kontersituationen. Ndicka in der oben beschriebenen Szene und Tuta beim Elfmeter zeigten sich zu fehleranfällig. Das sollte bereits gegen die Bayern nicht aufgeführt werden, da es sonst garantiert zu Gegentoren führen wird.

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SGE – Glasgow Rangers 5:4 i.E. (1:1, 0:0)

Den größten Erfolg der Vereinsgeschichte seit 42 Jahren feierte die SGE nach einem durchaus verdient gewonnenen Spiel gegen die Glasgow Rangers im Finale in Sevilla. Wie es dazu im Detail kam, hier in der Spiel – Analyse.

Die Aufstellung

Rangers: McGregor – Barisic (117. Roofe), Bassey, Goldson, Tavernier – Kamara (90. Arfield), Lundstram, Jack (74. Davis) – Kent, Aribo (101. Sands), Wright (74. Sakala, 118. Ramsey) – Trainer G. van Bronckhorst

*Die Noten sind automatisch generiert aus den Spieldaten und in abgewandelter Form übernommen von sofascore.com

Die Statistik

gibt es hier.

Die Highlights

Quelle: Youtube

Das Spiel

Ein entscheidender Faktor des Spiels war die Anfangsphase. Im Halbfinale gegen Leipzig hatten die Rangers das Rückspiel in den ersten 25 Minuten entschieden, damals mit einem extrem weit vorne angesetzten Angriffspressing, gegen das die Leipziger kein Mittel fanden und nach 24 Minuten mit 0:2 zurücklagen.

Die Eintracht hingegen hatte gerade in der Anfangsphase mit den Rangers sehr wenige Probleme, was erstens daran lag, dass deren Trainer van Bronckhorst diesmal einen anderen Matchplan verfolgte, viel mehr auf Strecke geplant hatte und auf die Überrumpelungstaktik verzichtete, aber auch daran, dass die SGE ihrerseits, besonders in der frühen Anfangsphase, sehr stark darauf bedacht war, selbst früh zu pressen, den Gegner in der eigenen Hälfte zu halten. Hier eine Szene aus der 3. Spielminute:

Der Zweikampf Ndicka-Aribo findet direkt im Anschluss an einen Abschlussversuch von Lindström statt und man sieht hier, dass Ndicka seinem Gegenspieler bis weit in die Rangers-Hälfte gefolgt ist, um press in dem Zweikampf zu sein.

Festzuhalten ist also der erste taktische Move Glasners, der darin bestand, einer möglichen extrem aggressiven Anfangsphase/ersten Halbzeit (auch der BVB hatte im Heimspiel gegen die Rangers schon zur Halbzeit 0:2 zurückgelegen) mit eigenem deutlich mannorientierten Gegenpressing nach eigenen Aktionen und sehr mannorientiertem Mittelfeldpressing im Übrigen zu antworten, also den Stil der Rangers gewissermaßen zu imitieren.

Die zweite, noch wichtigere Frage war, wie die SGE das extreme Flügelspiel, das eigentliche Herzstück des Rangers-Spiels, zu unterbinden gedachte, insbesondere wie die enorme Dribbelstärke von Ryan Kent ausgeschaltet werden sollte. Und auch hier ein Blick in die Anfangsphase in eine Szene, in der man schön sieht, wie hochkonzentriert und abgestimmt die SGE Kent verteidigt.

Auffällig ist, dass Touré sehr weit aus der Kette herausrückt, um rechts ballnah Rode zu unterstützen und eine Überzahl gegen Kent zu garantieren. Knauff bleibt in der ganzen Aktion in Pass-Zweikampfdistanz zu Kent.

Diese Konstellation wiederholt sich im Spiel, Knauff ist defensiv gemeinsam mit Touré Kent-Beauftragter. Knauff steht dabei meist in Erwartung des Passes auf Kent in Distanz zu diesem, um entweder mit dem Pass aggressiv angreifen zu können, oder sofort Distanz zu haben. Bei Situationen mit Rücken zum SGE-Tor steht Knauff auch oft direkt am Mann. Das ist ziemlich ausgefeilt, hat über die gesamte Spieldauer gut funktioniert und war wohl der defensive Schlüssel zum Erfolg. Touré gewinnt hier übrigens den Ball gegen Kamara und sein Pass in die Spitze auf Kamada ist dann die erste große Torchance des Spiels für die SGE. (12. Minute).

Hier das Zuspiel von Touré auf Kamada und wie man gut sieht, steht Kamada damit frei vor McGregor.

Anstatt den Ball aus 16 Metern frei ins Tor zu schießen, geht Kamada ins Dribbling und vertändelt den Ball. Diese Situation ist aber nichts weniger als ein Traumpass von Touré und eine Großchance zum 1:0 für die Eintracht. Viel Glück für die Rangers in dieser Situation.

Aber an dieser Szene sieht man gut, wie der Matchplan von Glasner funktionierte und aufging. Zu keinem Zeitpunkt tat man, wie Dortmund oder Leipzig, den Rangers den Gefallen, praktisch ohne Ballbesitz anpressen zu können (Leipzig im Hinspiel mit 72%, im Rückspiel mit 63% Ballbesitz, Dortmund 65%, 66%), im Gegenteil, man zwang die Schotten dazu, selbst Aufbauspiel zu betreiben (die SGE hatte im Finale nur 48% Ballbesitz) und dieses ist meistens ziemlich durchsichtig und dann auf den Außen und auch zentral (mit entsprechend korrektem Stellungsspiel, also nicht press, sondern mit leichtem Anlaufen und Sichern) gut zu verteidigen.

So war die SGE in den ersten 20 Minuten des Spiels die deutlich bessere Mannschaft, viel gefährlicher als Glasgow, mit dem Höhepunkt der im Grunde hundertprozentigen Torchance durch Knauff in der 20. Minute. In dieser Szene spielte die SGE ihre enorme spielerisch-technische Stärke aus. Die Situation entstand durch einen Kostic-Einwurf links.

Hier die Kombination zur größten Chance der ersten Halbzeit. Von Kostics Einwurf bis zum Pass auf Knauff spielt die SGE 3 One-Touch-Bälle, einen klaren Seitenwechsel über Borré, Lindstöm und Rode. Knauff geht dann in ein langes Tempodribbling bis in den Rangers-Sechzehner, wo er abschließt.

Solche Schnellkombinationen sind während des gesamten Saisonverlaufes immer mehr eine wesentliche Stärke der SGE geworden, hier spielt sie den Seitenwechsel gezielt.

Solche schnellen Seitenwechsel sind eine sehr effektive Möglichkeit, einen Mitspieler freizuspielen, das funktioniert hier perfekt.

Die letzte Reihe der Rangers ist bei diesem Einwurf nur zu dritt, hat also keine Breite und weil die SGE den Seitenwechsel sehr schnell spielt, muss der gesamte Rangers-Defensivblock nach links hinten laufen, während Knauffs Laufweg genau in die entgegengesetzte Richtung verläuft – für den Angreifer eine optimale Situation, für die einzelnen Abwehrspieler ist ein guter Tempodribbler wie Knauff dann kaum mehr zu verteidigen.

Und so schafft es Knauff, mit zwei schnellen Bewegungen die Gegenspieler aussteigen zu lassen, trifft dann aber eine falsche Abschlussentscheidung.

Knauff hätte den Ball Richtung langes Eck schieben können, entscheidet sich aber für einen Abschluss auf das Torwart-Eck, den McGregor dann halten kann.

Auch die folgende Eckball-Variante, bei der Lindström am 16er völlig freigespielt wird, ist eine gute Tormöglichkeit, diese Doppelchance hätte gut und gerne das 1:0 bedeuten können, viel Glück hier für die Rangers.

In dieser Phase waren die Rangers mit dem schnellen Offensivspiel der SGE überfordert, kurz darauf hat Sow nach Pressing den nächsten guten Abschluss. Jetzt aktivierte die SGE auch häufig wieder das Angriffspressing in der vorderen Linie, was den Schotten ebenfalls nicht schmeckte.

Nur wenn die Rangers von der ihnen von Glasner zugedachten Rolle abwichen und nicht mit langen Bällen ihre Außen suchten, konnten sie gefährlich werden.

Hier der beste Angriff der Schotten in der ersten Halbzeit (26. Minute). Goldson mit einem guten Flachpass auf den zwischen die SGE-Reihen sprintenden Wright, der dann schnell auf Aribo in der Zentrale passt, der frei aus rund 20m abschließen kann.

Das ist der bis dahin erste Flachpassangriff der Schotten und ihre beste Chance bis dahin.

Ansonsten aber das gleiche Bild: Die Rangers aus ihrem Dreier-Aufbau immer und immer wieder mit langen Bällen, die von der SGE hinten alle abgeräumt und gewonnen werden.

Dennoch gehen die Rangers mitten in der nächsten SGE-Drangphase in der 57. Minute in Führung. Wie ging das vor sich?

Vorausgegangen war ein abgebrochener SGE-Angriff und ein Rückpass auf Trapp. Die Rangers sind in ihrem Angriffspressingverhalten üblicherweise stark auf Rückpässe zu Verteidigern oder dem Torwart konditioniert, im Spiel war gut zu sehen, dass die SGE daher solche Rückpässe im eigenen Abwehrdrittel zu verhindern versuchte. Hier jedoch gab es zur Ballsicherung keine andere Möglichkeit mehr als den Rückpass auf Trapp:

Der Rückpass von Ndicka auf Trapp wird sofort von Wright attackiert und auch wenn Wright hier keine Chance hat, den Ball zu gewinnen, so zwingt er Trapp als Aufbauspieler doch zu einem völlig unkontrollierten Schlag in die Zentrale.

Im ganzen Spiel war zu sehen, dass die SGE solche Situationen kompromisslos klärte. Mit langen Bällen, Schlägen, auch auf die Tribüne, wenn es sein musste. Glasner hatte aus den Spielen der Rangers gegen Leipzig und Dortmund gelernt, dass man sich auf das Pressing der Rangers lieber nicht einlässt. Und trotzdem „funktioniert“ es hier, denn auch das lange, unkontrollierte Schlagen von Bällen aus der letzten Reihe birgt Risiken. Zum Beispiel, dass der Ball „direkt wieder zurückkommt“ (man könnte es den Tennis-Effekt nennen und er ist einer der Gründe, warum lange Schläge seit Jahrzehnten immer weniger gespielt werden). Im Grunde lag die einzige Chance der Rangers, das Spiel zu gewinnen, darin, die SGE zu unkontrolliertem Spiel zu zwingen. Das gelang fast nie, aber in dieser Szene perfekt:

Der lange Ball kommt postwendend zurück, Goldson köpft ihn geradeaus nach vorne, wo er von Sow in den Laufzweikampf Aribo-Tuta verlängert wird. Tuta stolpert kurz darauf, so dass Aribu dann allein auf Trapp zulaufen und einschieben kann.

Hier liegt kein Abwehrfehler vor, es ist eine maximal unglückliche Situation. Borré hätte Goldson mehr stören können, Sow hätte den Ball durchlassen müssen, aber das kann man ihm einigermaßen wohlwollend kaum als Fehler ankreiden, er wollte verhindern, dass Aribo hinter ihm an den Ball kommt und hat ihn etwas falsch eingeschätzt. So etwas kann immer passieren.

Das einzig Gute an der Situation war, dass die SGE kaum etwas ändern musste, sie war ohnehin dauerhaft druckvoll und die Rangers hatten auch zuvor praktisch jeden Ball lang gespielt. Entsprechend änderte sich an dem Geschehen nach dem SGE-Rückstand auch wenig.

Ein fast größeres Problem als das Gegentor war die Verletzung von Tuta, die er sich dabei zuzog und die Glasner zwang, ihn auszuwechseln. Da die SGE Ilsanker für die Europa League nicht gemeldet hatte, musste Glasner Hasebe in die Innenverteidigung stellen und dass das ein enormes defensives Risiko darstellt, weiß jeder, der die letzten beiden Spielzeiten einigermaßen aufmerksam verfolgt hat. Zugleich bringt die Passstärke von Hasebe auch immer neue Möglichkeiten des Spielaufbaus aus der letzten Reihe, was in der Rückstand-Situation durchaus auch hilfreich sein kann.

Von nun an musste also analytisch ein besonderes Augenmerk auf diese Position gelegt werden. Und tatsächlich hatte Hasebe kurz nach seiner Einwechslung einen wichtigen Zweikampf gegen Aribo zu bestreiten, den er sehr konzentriert und stark gewann und in der 83. Minute nach einem kleineren Zweikampf- bzw. Stellungsfehler etwas Glück, dass Sakala aus der Szene, der besten Chance der Rangers in der zweiten Halbzeit, nicht mehr macht. Ein typischer, krasser Hasebe-Stellungsfehler hätte kurz vor Schluss, in der 118. Minute den Glasgow Rangers allerdings um ein Haar den Europa-League-Titel eingebracht.

Hasebe hebt hinten das Abseits auf, gibt Roofe die Chance, in dem No-Abseits-Raum in Tourés Rücken davonzulaufen.

Danach hat Hasebe gegen Roofe im Laufduell kaum eine Chance, aber selbst in dem Zweikampf an der Grundlinie läuft er Roofe dann nochmal zu nah an und hat so auch keine Chance, dessen Rückpass auf Kent zu verhindern, und so:

Trapp muss mit einer Weltklasseparade der SGE gegen Kent das Elfmeterschießen sichern.

Viel Glück für die SGE, dass Kevin Trapp hier – das Finale war in vielem ein Abbild der ganzen Saison – einen Stellungsfehler von Hasebe ausbügelt. Der Nachschuss von Davis ist auch gefährlich, geht dann aber über das Tor.

Auch der Rode-Jakic-Wechsel in der 90. Minute und besonders der Sow-Hrustic-Wechsel in der 106. Minute bedeuteten dann noch zweimal einen ernst zu nehmenden Qualitätsverlust, aber Jakic und Hrustic spielten konzentriert und weitgehend fehlerfrei und mehr ist von diesen jungen Spielern derzeit kaum zu erwarten.

Dennoch brachten die Wechsel die SGE-Defensive etwas durcheinander, die Schwächungen waren kaum zu übersehen und mehrere Stellungsfehler von Hrustic, Jakic und Hauge führten in der 106. Minute noch dazu, dass Barisic und Kent in der 113. Minute freie Abschlüsse aus der zweiten Reihe hatten, dieTrapp aber halten konnte. Allerdings produzierten Hauge und Hrustic in der 107. Minute nach einem Konter ihrerseits noch einen interessanten Abschluss.

Die SGE aktivierte mit dem Rückstand wenig überraschend wieder ihr Angriffspressing, das bereits in der ersten Halbzeit in einigen Situationen „ausprobiert“ wurde. Daraus entstand in der 67. Minute die nächste Großchance durch Kamada nach Pressing-Ballgewinn Rode.

Nach einem Kostic-Einwurf links auf Ndicka und dessen Rückpass auf Kostic gelingt der SGE in der 69. Minute nach einem Standardspielzug das 1:1. Das Tor ist eine Gemeinschaftsproduktion von Kostic und Borré. Sowohl die perfekt getimte und gezielte Hereingabe von Kostic als auch die vorbereitende Aktion und der Laufweg von Borré sind optimal und schlicht individuelle Klasse. Beides, die technische Stärke von Kostic, als auch die extreme Spielintelligenz von Borré wurden hier seit Saisonbeginn immer wieder gezeigt.

Borré muss in dieser Szene Bassey am langen Pfosten halten, damit der Raum zwischen McGregor und Goldson, in den er sprinten können muss, offen bleibt. Sogar im Standbild hier, noch besser in den Bewegtbildern, sieht man, dass er das nicht nur durch seine Positionierung macht, sondern sogar mit den Händen Bassey etwas „festhält“.

Als dann die Kostic-Flanke kommt, sprintet Borré in den Raum zwischen den drei Gegnern und drückt den Ball über die Linie. Das ist sehr stark und dass die SGE einen solchen Stürmer hat, der solche Situationen regelmäßig erkennt und auch die Schnelligkeit besitzt, sie zu nutzen, ist letztlich ein entscheidender Schlüssel dazu gewesen, den Titel gewinnen zu können.

Allerdings soll durchaus nicht verschwiegen werden, dass das hier auch ein ziemlich krasser Abwehrfehler der Schotten ist. Der Raum am kurzen Pfosten darf natürlich nicht so offen gelassen werden, überhaupt ist hier, tief im eigenen Sechzehner keine Kettenverteidigung mehr angezeigt, sondern es muss umgeschaltet werden auf Manndeckung und Schließen der torgefährlichen Anlaufräume am ersten Pfosten und im Rückraum. Diese Umstellung verschlafen die Rangers hier.

Fazit

Glasner und die Mannschaft haben mannschaftstaktisch mehrere Vorhaben perfekt umgesetzt:

Zunächst überließ man den Schotten viel Ballbesitz, brachte sie häufig gezielt in eigene Aufbausituationen, die sie lange fast ausschließlich mit langen Bällen auf die drei Spitzen zu lösen versuchten, was aber von der SGE beinahe alles verteidigt werden konnte, hauptsächlich durch tiefe, mannorientierte Staffelung in der hinteren Reihe. So waren die Rangers gezwungen, zunehmend über Positionsspiel und Schnellkombinationen ihr Glück zu versuchen, aber auf diesem Gebiet waren sie der SGE haushoch unterlegen und dem SGE-Mittelfeldpressing kaum gewachsen. So entstand ein recht einseitiges Spiel zugunsten der SGE.

Ansgar Knauff war in diesem Finale ein Schlüsselspieler des SGE-Spiels, da er nach vorne mit seinen Dribblings das Spiel häufig gefährlich machte, und zugleich aufgrund seiner Schnellig- und Wendigkeit der perfekte Gegenspieler für den starken Ryan Kent war, der im Rangers-Spiel als im Grunde einziger Unterschiedsspieler eine wichtige Rolle spielt und den er gemeinsam mit Touré komplett aus dem Spiel nahm. Überhaupt war die Aufgabe, Kent aus dem Spiel zu nehmen, ein entscheidender Schlüssel und wer sich das Spiel im Re-Live noch einmal ansieht, wird erkennen, dass die SGE darauf von Glasner besonders vorbereitet worden war: Kent wird von Knauff, Touré, Tuta und Sow kein Millimeter Raum gelassen und wenn er einmal, wie bspw. in der 36. Minute ein erfolgreiches Dribbling ansetzt, wird er sofort (taktisch) gefoult, in dieser Szene von Sow.

Die weiteren entscheidenden Einzelleistungen kamen von Kostic und insbesondere dem überragenden Borré, siehe das oben analysierte Ausgleichstor, aber auch einige andere Szenen, etwa die 75. Minute, als Borré am eigenen Sechzehner aushilft, als Kent es einmal schafft, sich durchzusetzen, und somit eine gefährliche Situation der Rangers verhindert. In den letzten Minuten rettete darüber hinaus Trapp die Mannschaft ins Elfmeterschießen.

In beiden Halbzeiten verunmöglichte die SGE eine Überrumpelungstaktik der Schotten, indem besonders in der Anfangsminuten enorm gepresst und das eigene Spieltempo erhöht wurde. Insgesamt war die SGE dauerhaft das technisch bessere, taktisch variablere und auf den Gegner besser eingestellte Team, muss in der ersten Halbzeit nach der Knauff-Lindström-Doppelchance im Grund in Führung gehen, hat weitere Großchancen durch Kamada und Kostic und muss in der 53. Minute nach einem Foul von Goldson an Borré einen Elfmeter gepfiffen bekommen. Die Eintracht produziert auch nach dem 0:1 und nach dem 1:1 regelmäßig interessante Abschlüsse, bis in die Nachspielzeit, als Borré in der 95. Minute allein vor McGregor scheitert, während die Rangers immer wieder in die gleichen, von der SGE gestellten Fallen laufen und kaum zu Abschlüssen kommen.

Allerdings ändert sich das Spiel mit jeder SGE-Auswechslung zusehends. Nachdem Tuta, Sow, Rode und Lindström ausgewechselt waren, drehte sich das Spiel komplett und die Rangers übernahmen die Initiative, waren dann das bessere und deutlich gefährlichere Team, die SGE hatte in der Schlussphase der Verlängerung viel Glück und einen Weltklassetorhüter, bei dem sich alle bedanken können, dass er als letzte Instanz die Stellungsfehler von Hasebe, Hrustic und Jakic ausbügelte, aber einen solchen Torwart zu haben, gehört zur Mannschaftsqualität natürlich genauso, wie alle Feldspieler-Skills. Alles in allem war der Erfolg der SGE, der dann im Elfmeterschießen erzielt wurde, durchaus verdient, allerdings muss der Kader, das war ebenfalls unübersehbar, in der Breite deutlich stärker aufgestellt werden, wenn die kommende Dreifachbelastung bewältigt werden soll.

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Gegner-Check: Glasgow Rangers

Im Finale der Europa League trifft die SGE auf die Schotten aus Glasgow. Eine Gegneranalyse anhand des Halbfinal-Rückspiels der Rangers gegen Leipzig.

Besonderer Augenmerk soll hier auf die Bereiche Aufbauspiel, Pressing, Offensivspiel, Defensive gelegt werden.

Aufbauspiel

Mit langen Ballstafetten und vorbereitenden Kombinationen oder Seitenwechseln halten sich die Rangers nur selten auf. Aus einem 3er-Standardaufbau versuchen sie, sehr schnell Bälle in die Tiefe zu finden – ein entscheidendes Moment ihres Spiels. Hier eine Szene aus 7. Minute:

Lundstram spielt hier einen Aufbauball von sehr weit außen auf den eigentlichen Rechtsaußen der Rangers, den extrem schnellen Wright. Gut zu sehen, dass Leipzig keinen Zugriff auf Wright hat, sodass dieser sich schnell aufdrehen kann. Wright startet mit der Ballannahme sofort den tiefen Angriff via Tempodribbling.

Die vordere Angriffspressingreihe der Leipziger hat keinen Kontakt zur zweiten Mittelfeldreihe und man ist schlecht beraten, den Schotten solche Möglichkeiten zu schnellen Tiefenangriffen zu bieten, denn darauf lauern sie fortwährend.

Nach dem Temopdribbling spielt Wright einen Doppelpass mit Tavernier, der Pass kommt gut in den Lauf des sofort ansprintenden Wright, der die Leipziger mit seiner Antrittsstärke komplett überläuft.

Hier gut zu sehen, dass die Leipziger eigentlich mit Überzahl und geordnet stehen, der extrem schnellen Angriffsausführung von Wright und Tavernier sind sie dennoch nicht gewachsen. Wie funktioniert das? Entscheidend ist das Tempo und die schnelle, präzise Ausführung des Doppelpasses. Wenn es Wright gelingt, mit Tavernier so schnell Doppelpass zu spielen, dass kein Leipziger Mitspieler Angelino doppeln kann, wird aus der Leipziger Überzahl eine 2 gg. 1 – Überzahl für Glasgow am Flügel. Und genau das ist das Kalkül solcher extrem schnell gespielten Angriffe: Die mannschaftstaktische defensive Ordnung des Gegners in gruppentaktische Kleinsituationen auflösen, in denen man dann kurz Überzahlsituationen erlangen und diese ausspielen kann.

Das ist ein zentraler Aspekt der Spielanlage der Rangers und der Grund, warum ihre Angriffe häufig „überfallartig“ wirken.

Um diese Stärke auszuschalten, muss der Gegner vor allem zwischen den Linien eng stehen, das eigene Pressing mit kurzen Abständen organisieren und möglichst schnell doppeln.

Das Aufbauspiel der Rangers aus der letzten Reihe ist eher überschaubar. Sie spekulieren entweder auf solche Abstandsfehler des Gegners wie gezeigt, oder auf lange Bälle auf ihre schnellen Außenstürmer. Früher oder später fliegen die Bälle doch sehr oft lang. Das ist zwar nicht sonderlich originell, aber überaus effektiv, denn die Außen Tavernier, Smith und Kent sind gute, schnelle Fußballer, die die Dreierkette der SGE ziemlich weit auseinanderziehen dürften, bzw. Kostic und Knauff oft defensiv binden werden.

Flache Aufbauaktionen aus dem 3er-Aufbau hingegen gehen oft schief, vor allem Goldson ist als Aufbaupassgeber nicht wirklich sicher und produzierte auch gegen Leipzig einige Fehlpässe. Ein echtes Positionsspiel über die Reihen ist von den Rangers aber ohnehin kaum zu erwarten.

Offensivspiel über die Außen(stürmer)

Die Niederländische Schule von Rangers-Coach van Bronckhorst schlägt sich hauptsächlich in dem extremen Spiel über die Außen und vor allem die Außenstürmer nieder. Das 1:0 der Schotten gegen Regionalbahn fiel dann auch nach einem typischen Rangers-Angriff.

Hier der typische, nunja, Rangers-Aufbau: Barisic spielt den Ball hoch und weit longline Richtung Linksaußenposition und wünscht Glück.

Im Bild gleich sieht man aber, dass das durchaus nicht nur Glück ist, denn zum Zeitpunkt des Abspiels haben die Rangers vorne längst wieder ihre 2 gg. 1 – Überzahl am Flügel gestellt, indem Mittelfeldspieler Kamara auf Linksaußen gelaufen ist und den Ball in Empfang nimmt.

Hier gut zu sehen, dass Kamara und nicht Kent der Zielspieler des langen Aufbauballes ist. Dadurch haben die Schotten am Flügel direkt zwei Spieler in der Aktion, Kent kann von hinten in die Aktion eingreifen, entweder versuchen, sich den Ball aus dem Zweikampf Kamara-Kampl selbst zu angeln oder auf einen gewonnen Zweikampf von Kamara spekulieren und den Ball in den Lauf fordern.

Letzteres passiert dann, Kamara setzt sich gegen Kampl und Klostermann durch, steckt durch auf Kent, der dann mit einem Tempodribbling und Querpass das 1:0 durch Tavernier ermöglicht.

Beide Außen, Kent und Wright, sind extrem schnell, sowohl im Antritt als auch in der Endgeschwindigkeit, zudem kombinationsstark in überschaubaren gruppentaktischen Spielsituationen. Vor allem Kent wird viel gesucht, geht immer wieder in Dribblings. Dieses Suchen von 1 gg. 1 – Situationen durch Kent ist ein zentraler Punkt der Spielanlage der Glasgower.

Zwei weitere Aspekte des Rangers-Offensivspiels finden sich in dieser Szene aus der 29. Minute:

An dem Angriff nehmen, noch in der vordersten Reihe, sechs Spieler teil. Dadurch haben die Rangers in der unmittelbaren Torzone eine 3 gg. 3 – Gleichzahl. Das ist dann bei der Flanke sehr schwer zu verteidigen.

Auch das ist ein Muster, das sehr oft zu beobachten ist: Beide Außenspieler, gegen Leipzig Tavernier und Barisic, schalten sich in die Angriffe ein, ebenso Kamara, sodass die Rangers oft mit einer 6er-Offensive gleichzeitig bis in die vordere Reihe, bis in den Sechzehner angreifen.

Die Leipziger waren mit diesem extrem schnell in die Tiefe zielenden, mit viel Personal durchgeführten Angriffsspiel der Schotten in der ersten Halbzeit total überfordert.

Pressing

Das Pressing der Rangers ist extrem gefährlich und auf aggressive Ballgewinne schon in der vorderen Reihe ausgelegt. Dem 2:0 gegen Leipzig ging genau eine solche Pressing-Situation voraus.

Die entscheidende Szene vor dem 2:0: Wright verwickelt Gvardiol in einen Zweikampf im Grunde fast an der Eckfahne. Kamara, Kent, Aribo, Tavernier haben alle Zugriff auf jede erdenklich Anspielstation von Gvardiol. Gvardiol kommt dann zwar zunächst an Wright vorbei, zögert dann aber, da er keine „elegante“, also flache Aufbaustation findet und verliert dann den Ball gegen den nachsetzenden Wright.

Der Ball landet dann sehr schnell rechtsaußen bei Aribo.

Und das spielen die Rangers dann extrem schnell und stark. Aribo, Wrigth und Kamara spielen ein klassisches Angriffsdreieck und der Schuss von Kamara ist unhaltbar für Gulasci.

Diese Schnellkombinationen im vorderen Drittel sind die stärkste Waffe der Schotten und kaum zu verteidigen, entscheiden ist hier aber das sehr gut abgestimmte, gut verzögerte und im richtigen Moment zuschlagende Pressing.

Defensive

Defensiv spielen die Rangers mannorientierter als die meisten Bundesligisten, laufen auch im hinteren Bereich Zweikämpfe sehr aggressiv an, gehen früh auf den Ball. Viele Zweikämpfe werden daher von ihnen mit hohem Risiko geführt, oft auf Abfangen der Pässe und wenn das nicht gelingt, sofort sehr körperlich, auch mit dem Risiko vieler Foulspiele.

Hier eine Situation aus der 49. Minute, in der man einige typische Elemente des Rangers-Spiels gut sehen kann:

Zunächst stehen sie hier in der letzten Reihe zu dritt, allerdings ergänzt der defensive Mittelfeldspieler Jack hier die Dreierkette, während das eigentliche linke Kettenglied Bassey im Mittelfeld Laimer attackiert. Auch den Pass Richtung Olmo attackiert der eingerückte Tavernier sofort aggressiv und mit hohem Zweikampfrisiko. Man sieht hier auch, dass zwei Offensive (Kent und Tavernier) in der defensiven Aktion sehr präsent sind, ebenso wie Kamara.

Hier also gleich mehrere Besonderheiten des Defensivspiels der Rangers, das man auch gegen die SGE beobachten dürfte:

  • Das Verteidigen aus der Dreierkette

Vor allem Bassey verteidigt sehr häufig aggressiv sehr weit ins Mittelfeld und wird dann meist von Jack nach hinten gesichert.

  • schnelles Ergänzen der Kette aus dem Mittelfeld

Die letzte Reihe wird dann spontan ergänzt. Dieses Rein-raus ist ziemlich variabel und dieses Nach-vorne-Verteidigen trägt stark zur Aggressivität der Rangers bei.

  • Überzahl hinten

So sehr die Rangers nach vorne auf personelle Überzahl setzen, so sehr machen sie das auch im Rückwärtsgang. Hier im Bild gut zu sehen, dass sie hier mit sieben Spielern in der defensiven Aktion präsent sind, weil die offensiven Kent, Tavernier und Kamara sich voll für die Defensivarbeit verantwortlich fühlen.

Weiter erwähnenswert ist, dass die Ballorientiertheit der Rangers dazu führt, dass sie kaum auf Abseits spielen, sondern die Abseitslinie ziemlich konsequent nach hinten verschieben, teilweise bis an den eigenen Fünfer. Die Mannschaft ist in der letzten Reihe körperlich sehr stark und verlässt sich auf die Zweikampfstärke hinten lieber als auf Kettenspiel mit Abseitslinie. Das ist recht gut organisiert, aber naturgemäß auch anfällig und geht nicht immer gut. So auch beim Tor für Leipzig:

Die Leipziger spielen hier einen Seitenwechsel über Kampl auf Angelino, dessen Flanke Nkunku dann vor Goldson erreicht und ins Tor schießt. Gut zu sehen: Durch das relativ tiefe Stehen bleibt die Vorbereitungslinie Kampl-Angelino ziemlich frei und die Rangers kommen ins Laufen, bekommen keinen Zugriff, auch weil Arfield hier gegen Angelino noch keinen Zugriff hat. In der letzten Reihe läuft dann die ganze Kette mit Nkunku in die Tiefe und verlässt sich auf die Kopfball- und Zweikampfstärke von Balogun und Goldson in der Mitte. Die Flanke ist aber zu präzise, Nkunku einen Schritt vor Goldson und so können die Rangers diese Situation nicht mehr verteidigen.

Fazit

Die SGE wird, ähnlich wie die Leipziger, dem Gegner technisch, im Aufbau- und Positionsspiel deutlich überlegen sein, die Rangers bemühen diese Elemente kaum.

Die Chance der SGE liegt zum einen darin, diese Stärken auszuspielen und gleichzeitig darin, die Stärken der Glasgower gewissermaßen mitzugehen. Wo das sehr stark auf eigenen Ballbesitz und Positionsspiel ausgelegte Spiel der Leipziger für die Rangers gut zu attackieren war, ist das Spiel der SGE variabler, dem Spiel der Rangers in vielen Punkten ähnlicher als das der Leipziger. Die Eintracht spielt den Ball zur Not eben auch lang.

Außerdem ist das intensive Spiel der Rangers kaum über 90 Minuten durchzuhalten, was auch gegen Leipzig gut sichtbar war, auch das dürfte im Matchplan von Glasner eine Rolle spielen.

Die größten Stärken der Schotten sind ihr extremes Angriffspressing, ihre gute defensive Organisation mit variablem Verschieben auch zwischen den Reihen, insbesondere mit dem sehr aggressiven Bassey und ihr extrem auf Tiefe und offensive 1 gg. 1 – Situationen ausgerichtetes Angriffsspiel über die Außen, besonders über den Superstar der Rangers, Ryan Kent, links.

Kent bereitete dann auch das für die Rangers entscheidende Tor mit einem seiner Dribblings vor. Ob die SGE gegen die Rangers bestehen kann, wird entscheidend davon abhängen, ob die rechte SGE-Seite, vermutlich mit Touré und Knauff Kent insoweit bespielen kann, dass er nicht frei zum Flanken oder sonstigen Vorlagengeben kommt. Die beiden Eintracht-Spieler dürften mit ihrer Schnelligkeit und ihrem etwas tieferen Körperschwerpunkt besser zu Kent passen als die Leipziger Klostermann, Henrichs und Orban.

Im Aufbau spielen die Rangers so gut wie immer lange Bälle, um dann im vorderen Drittel auf Ballgewinne bei zweiten Bällen zu gehen. Gelingt das, geht es schnell in die Überzahlsituationen an den Flügeln.

Das Spiel der Rangers enthält taktisch nicht sehr viele Elemente, es ist von der Anlage her relativ ausrechenbar, allerdings spielen sie in ihrer „einfachen“ Spielanlage extrem schnell und aggressiv und vor allem nach Ballgewinnen auch sehr starke Flügelschnellkombinationen. Und auch das ist nicht zu unterschätzen: Kent, Kamara, Wright, Aribo und Tavernier sind sehr gute Fußballer, die diese Highspeed-Kombinationen auch technisch sauber durchführen können.

Es wird für die SGE viel darauf ankommen, diese Situationen schon im Ansatz zu verhindern, indem den Schotten die Angriffsflächen im vorderen Drittel nicht geliefert werden. Das ist aber sehr schwierig und hat die Leipziger vor unlösbare Probleme gestellt.

Insgesamt sollte die SGE mit dem Gegner etwas besser zurecht kommen, die jeweiligen SGE-Spieler „passen“ defensiv etwas besser zu den Glasgow-Stärken und auch insgesamt ähnelt das Spiel der SGE dem der Rangers viel mehr als das der Leipziger, was den Schotten vermutlich nicht behagen wird.

Auch die ebenfalls sehr schnelle und technisch starke Offensive der SGE sollte die eher körperlich starke letzte Reihe der Schotten fordern können.

Glasgow Rangers ist trotzdem, gerade weil sie sich auf wenige Stärken konzentrieren, diese aber mit maximaler Power und Konzentration immer wieder auszuspielen versuchen, ein extrem schwierig zu bespielender Gegner.

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1. FSV Mainz 05 – SGE 2:2 (1:2)

Auch das letzte Saisonspiel der SGE war vollkommen bedeutungslos. Dennoch hier wieder kurz die Highlights in der Analyse.

Die Aufstellung

Die Statistik

gibt es hier

Die Highlights

Quelle: Youtube

Das Spiel

Das 0:1 bereits in der 9. Minute entsteht – mal wieder – nach einem haarsträubenden Fehler. Wer in seiner Jugend- oder Amateurzeit einmal einen guten Trainer hatte, wird sich vielleicht daran erinnern, dass man beim Einwurf-Training eingebläut bekommt, niemals, vor allem nicht um die Mittellinie herum, eigene Einwurfe quer zu werfen. Das wird deshalb vermieden, weil dabei das Konterrisiko viel zu hoch ist, denn die eigene Mannschaft ist ja bei einem eigenen Einwurf auf Offensive eingestellt und daher bei Ballverlust ungeordnet. Kostic jedoch:

Kostic wirft den Ball quer auf Rode. Ingvartsen geht dazwischen, spielt den Ball direkt auf Stach, der sofort mit einem Tempodribbling den Angriff einleitet.

Wer seinen Spielern einmal demonstrieren möchte, warum man Einwürfe im Mittelfeld niemals quer wirft, kann diese Szene als Anschauungsunterricht präsentieren.

Stach spielt dann zwar einen Fehlpass, aber Ndicka schafft es zweimal nicht, den Ball zu klären, sodass er jeweils wieder bei den Mainzern landet. Schließlich schießt Ingvartsen den dann ins Tor. Ndicka sieht in der Szene unglücklich aus, aber das ist einfach etwas Pech, solche Schnellangriffe des Gegners können so laufen. Das Problem ist hier der Katastropheneinwurf, der den Mainzern diese Kontersituation gegen die ungeordnete, im Laufen befindliche SGE-Abwehrreihe ermöglicht.

Das 1:1 in der 25. Minute fällt nach einem Freistoß. Zuvor hatte die SGE eine längere eigenen Ballpassage, Borré holt im vorderen Mittelfeldbereich im Dribbling den Freistoß geschickt heraus. Der Flugball von Kostic war scharf Richtung Torwart geschossen, schwer zu verteidigen für Mainz, Tuta ist sehr aufmerksam und fix und macht das Tor. Ein sehr guter, erfahrener Bundesligatorwart wäre der Kostic-Flanke aggressiv entgegengegangen und hätte versucht, den Ball gar nicht erst verwertbar zu machen. Der junge, unerfahrene Ersatzkeeper Finn Dahmen bleibt auf der Linie und hat dann keine Chance, den Ball zu halten. (eintracht.tv ab 30:10).

Für die Freunde extremer Endgeschwindigkeit und wie man sie gewinnbringend und richtig einsetzt, sei noch der Notzweikampf von Touré in der 30. Minute zur Ansicht empfohlen (eintracht.tv 34:44), der hier dem auf Trapp zustürmenden Burkardt absprintet, dass es eine wahre Freude ist. Im Standbild ist das kaum zu zeigen.

Das zweite SGE-Tor in der 34. Minute fällt nach einem Aufbaufehler des Mainzers Brosinski und einem Schnellangriff der SGE.

Hier gut zu sehen, dass das SGE-Pressing Brosinski zu diesem Offensivpass zwingt. Der Rückweg auf Stach ist zwar genauso möglich wie ein Querpass zu Kohr, beide Möglichkeiten bergen aber das große Risiko, dass Borré bzw. Kamada den Pass jeweils aggressiv attackieren können. So muss Brosinski einen schwierigen Flugball one-touch mit dem Außenrist spielen.

Das ist für Brosinski eine (zu) schwierige technische Aufgabe, der Pass gerät viel zu hoch und ungenau, landet zwar noch grob bei Stach, dessen Kopfballweiterleitung landet dann aber bei Rode. Der köpft weiter zu Borré und dessen Spielfortsetzung gemeinsam mit Knauff ist dann schlicht überragend.

Hier die Spielfortsetzung durch Borré, sein direkter Pass auf Knauff rechts an der Mittellinie. Die Aktion muss sofort mit Tempo weitergeführt werden, aber ein direkter Tiefenpass ist für Knauff kaum möglich, er müsste warten, bis Hauge mit seinem Sprint nach außen genug Freiraum vor sich hat, um in den Lauf angespielt werden zu können. Das würde zu lange dauern und so nutzt Knauff seine Superkraft Tempodribbling und sprintet mit Ball am Fuß in den freien Raum.

Neben dem Extrem-Tempodribbling von Knauff sind hier auch die Laufwege von Hauge und Borré sehr stark. Das ist zwar eine basale Angriffssituation, die im Training einstudiert wird, aber hier mussten die drei beteiligten Spieler die Situation schnell erkennen und alle Wege schnell und konsequent machen. Das tun sie.

Hier die Situation beim Pass von Knauff zu Borré. Zunächst sehen wir hier den Kettenfehler der Mainzer, Niakathé steht zu tief, öffnet den No-Abseits-Raum hinter Bell und genau dort fordert Borré den Ball mit einem diagonalen Lauf und bekommt den Pass von Knauff. Hinter Knauff sehen wir die Mainzer Boetius und Aaron, die Knauff mit seinem Sprint überlaufen hatte. Auch Hauge ist nach seinem Laufweg nach außen hier noch eine Passoption.

Ein sehr stark durchgeführter Schnellangriff der drei Beteiligten Knauff, Borré und Hauge, der mit seinem Laufweg zumindest die Aufmerksamkeit von Niakathé beansprucht.

Der Ausgleich der Mainzer kurz nach der Halbzeit in der 49. Minute ist erneut ein Tempogegenstoß und es ist auch wieder ein krasser individueller Fehler der SGE-Defensive mitverantwortlich.

Zunächst ging der Aktion ein Ballbesitz der SGE voraus, Sow ist beteiligt, Kamada versucht dann einen Tiefenpass auf Kostic, der aber sehr ungenau ist und bei Brosinski landet.

Brosinski macht dann nur ein paar Meter und spielt den Ball steil auf Kohr. Hier der Moment der Ballabgabe und man sieht gut, dass Jakic Kohr in den freien Raum laufen lässt, ohne ihm zu Folgen. Jakic ist aber der einzige, der in dieser Szene irgendwie Zugriff auf Kohr erlangen könnte, weil Sow aufgerückt ist. Jakic vergisst hier seine Absicherungsaufgabe.

Das ist zwar ein Fehler von Jakic, aber einer, der immer passieren kann. Um solche Stellungsprobleme im Mittelfeld abzusichern, hat man normalerweise eine letzte Reihe, aber bei der SGE ist in dieser Saison leider eine individual- und gruppentaktische Slapstick-Garantie eingebaut. So auch diesmal:

Nachdem Jakic aus dem Spiel ist, entsteht außen eine 2 gg 1 – Situation für Mainz. die Situation ist aber noch zu verteidigen, Ndicka hat Zugriff auf Kohr, muss unbedingt im Spiel bleiben und steht hier auch noch auf der Innenbahn. Er muss versuchen, Kohr auf der Innenbahn zu verzögern, um seinen Mitspielern, vor allem Kamada links gegen Stach, eine Chance zu verschaffen, wieder Zugriff auf die Gegenspieler zu bekommen.

Was Ndicka auf keinen Fall machen sollte, ist, sich mit einer Harakiri-Grätsche selbst aus dem Spiel zu nehmen. Aber leider:

Durch Ndickas Sliding-Fun in Mainz sind nun Kohr und Stach natürlich durch und völlig frei und Stach kann dann schön den Moment abwarten, bis Ingvartsen am kurzen Pfosten vor Tuta ist und einschießen kann.

Für Tuta in der Zentrale ist das sehr schwer zu verteidigen, die Fehler machen hier Jakic und vor allem Ndicka mit einer katastrophalen individualtaktischen Entscheidung. Solche Sliding-Tacklings sind absolute Notaktionen und müssen sitzen, da man sonst eben auf dem Boden liegt und aus dem Spiel ist.

Nun mag das bei einem bedeutungslosen Sommerkick wie diesem gegen Mainz irrelevant sein, nur ist das eben genau das Muster, das für die SGE eine viel bessere Platzierung verhindert hat: Relativ einfache individual- bzw. gruppentaktische Fehler der SGE in der hinteren Reihe, die so krass sind, dass jeder Gegner in der Bundesliga daraus Tore macht.

In der 75. Minute hat die SGE viel Glück, dass ein Tor von Burkardt zurückgepfiffen wurde.

Fazit

Auch das letzte Bundesligaspiel war strukturell ein Abbild der gesamten Saison.

Die SGE war technisch-spielerisch dem Gegner überlegen, stark im Pressing und in den Schnellkombinationen, allerdings erneut nicht in der Lage, das eigene Tor fehlerfrei zu verteidigen.

Klar passieren beim Mannschaftssport immer Fehler, aber was die SGE in dieser Saison an Einladungen und Geschenken verteilt hat, musste bestraft werden und wurde bestraft.

So beendet die SGE mit einem Kader, der während der gesamten Spielzeit nur von Leverkusen, Bayern und Dortmund technisch-spielerisch überboten wurde und diese enorme Stärke auch in der Europa League mit Siegen in je zwei Spielen unter anderem gegen den FC Barcelona und West Ham United bewies, sage und schreibe auf Platz 12. Das muss man auch erst einmal hinkriegen.

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SGE – Borussia Mönchengladbach 1:1 (0:1)

Da das Spiel seitens der SGE mit einem besseren B-Team absolviert wurde, das zu einem relativ großen Teil aus Spielern bestand, die in der kommenden Saison voraussichtlich nicht mehr dem SGE-Kader angehören werden, war das Spiel analytisch weitgehend irrelevant. Daher diesmal nur ein sehr kurzer Blick auf die wenigen Highlights.

Die Aufstellung

BMG: Sippel – Bensebaini, Friedrich, Beyer (86. Scally) – Netz, Neuhaus, Hofmann, Lainer – Plea (86. Herrmann), Stindl – Embolo – Trainer: A. Hütter

Die Statistik

gibt es hier.

Die Highlights

Quelle: Youtube

Das Spiel

Die SGE spielte mit einer etwas veränderten Grundformation, Ilsanker spielte einen zentralen Sechser, ergänzt um zwei Achter auf den Halbpositionen (links Barkok, rechts Hrustic), dazu zwei äußere Schienenspieler (Chandler links, Da Costa rechts) und zwei Stürmer.

Bereits in der 4. Minute kassierte die SGE das 0:1. Dabei wird die hintere Reihe klassisch ausgespielt, das Tor entsteht nach einem längeren Gladbacher Ballbesitz. Das war in erster Linie gut und schnell gespielt von den Gladbachern. Auf Seiten der SGE sind mehrere Spieler mit Fehlern an der Situation beteiligt:

Das ist die entscheidende Situation, hier spielte Stindl den Pass nach außen auf Lainer. Fragwürdig ist, ob Hasebe hier mit einem langen Bein in den Zweikampf gehen sollte: eher nicht. Hier hätte es genügt, den Gegner zu stellen und beim Abspiel schnell wieder die zentrale Postion Richtung eigenes Tor anzusprinten. Mit dem langen Bein hier ist Hasebe aus dem Spiel. Auch Barkok sieht nicht gut aus, muss entweder aggressiver zum Ball, um Hasebe aus dem Zweikampf zu halten, oder er muss Stindls Passweg nach vorne zustellen. Den entscheidenden Fehler hier macht aber Chandler. Sein Kettenabstand zu Ndicka ist gut einen bis anderthalb Meter zu groß und natürlich sind solche Kettenfehler in der Bundesliga ein Einfallstor. Genau durch diesen offenen Raum spielt Stindl den Ball auf Lainer.

Der Querpass von Lainer auf Plea wäre zwar von Tuta in der Zentrale auch noch mit einem sehr schnellen Weg zum Ball oder einem starken Sliding Tackling eventuell zu verhindern gewesen, aber da war die Elfmeter-Gefahr dann schon sehr groß. Der Fehler passiert zuvor in der Szene oben.

Grundsätzlich gilt beim Kettenspiel in der hinteren Reihe, dass sich die Außenverteidiger bei Angriffen des Gegners durch die Zentrale an den Innenverteidigern orientieren müssen. Grundsätzlich gibt der hinterste Innenverteidiger in jeder Situation die Abseitshöhe vor und die doppelnden Innenverteidiger (hier Tuta und Ndicka) auch die Breite. Man kann darüber diskutieren, ob Ndicka hier etwas zu weit eingerückt ist, aber selbst dann muss Chandler sich an ihm orientieren und seinen Abstand zu Ndicka entsprechend angleichen. Grundsätzlich gilt, dass Innenbahnpässe, also so wie hier der von Stindl auf Lainer, also Pässe, die zwischen Innen- und Außenverteidiger nach außen gespielt werden, von dem Außenverteidiger verhindert werden müssen. Das geht nur durch korrektes Stellungsspiel.

Nach außen hätte Chandler Lainer noch verteidigen können, wenn aber der Ball auf der Innenbahn durchgespielt wird, wie hier von Stindl, kann Lainer sich die Anschlussaktion aussuchen. Das machen Lainer und Plea dann routiniert.

In der zweiten Halbzeit stand mit Ndicka nur noch ein echter Innenverteidiger auf dem Platz, sodass Trapp mehrmals allein auf ihn zustürmende Gegenspieler am Toreschießen hindern musste (Bsp. in der 49. Minute gegen Embolo). Zu den Kettenfehlern und den vielen individuellen Fehlern von Hasebe als Innenverteidiger wurde hier im Laufe der Saison genug gesagt und dokumentiert, Da Costa spielte das rechte Glied der Dreierkette recht zuverlässig, aber auch nicht fehlerfrei.

So sehr Hasebe in der hinteren Reihe Fehler produziert, so sehr gehört er nach wie vor zu den besten Passgebern der Liga. Sein Pass auf Kamada vor dem Ausgleichstreffer durch Paciencia in der 66. Minute war überragend.

Hier der knapp 20-Meter-Flachpass Hasebe-Kamada. Mit dem extrem scharf gespielten Pass auf Kamada nimmt Hasebe die komplette Mittelfeld- und Angriffsreihe der Gladbacher aus dem Spiel, insgesamt 5 Spieler.

Auch die Anschlussentscheidung von Kamada ist dann stark, nämlich den Ball one-touch auf Paciencia zu spielen, der im Gegensatz zu Kamada selbst, bereits „aufgedreht“ war, also nicht mit dem Rücken zum gegnerischen Tor stand, sondern schießen konnte. Dadurch entstand für Paciencia erst so viel Raum, dass er Maß nehmen und einen solch gezielten Schuss abgeben konnte. Entscheidend aber war der Weltklassepass von Hasebe. Hier noch einmal:

Die Einstellung täuscht etwas, trotzdem kann man sehen, dass der Passweg (knapp 20m) extrem eng ist, der muss fast zentimetergenau sitzen und muss maximal scharf gespielt werden.

Im Bewegtbild sieht man das noch viel besser, unbedingt noch einmal anschauen (eintracht.tv ab 23:39), so viele dieser Pässe von Hasebe dürfte man wohl nicht mehr zu sehen bekommen.

Fazit

In dem Spiel stand eher die Verabschiedung einiger Abgänge im Vordergrund, die hier ihr letztes Heimspiel für die SGE absolvierten.

Barkok demonstrierte eindrücklich, dass er nach wie vor in erster Linie hinsichtlich der Handlungsschnelligkeit zu weit weg ist von Bundesligaanforderungen.

Ilsanker machte ein gutes Spiel. Seine bekannten Schwächen im Passspiel waren auch gelegentlich sichtbar, der Spieler ist aber in allen defensiven Anforderungen so stark und auch so sprintstark, dass sein Auftritt nur noch einmal die Frage aufwarf, warum Glasner ihn nicht häufiger ins Team rotierte. In der 52. Minute hatte er nach einer Ecke sogar die große Chance auf einen Abschiedstreffer, den aber Plea auf der Torlinie verhinderte.

Da Costa machte ein solides Da Costa – Spiel mit Höhen (meist in den defensiven Abläufen und Aktionen) und Tiefen (kaum offensive Aktionen). Er wird in Mainz sicher zu mehr Einsätzen kommen.

Lammers hingegen bleibt ein Rätsel. Auch gegen Gladbach zeigte er in einigen Szenen sein Potential, seine Schnelligkeit, sein Spielverständnis und auch eine gute Technik. Dennoch bringt er kaum eine Aktion zum Erfolg, in fast jeder Aktion „geht irgendetwas schief“. Für ihn dürfte ähnliches gelten wie für Barkok: Für das ganz hohe Profiniveau wird es nicht reichen.

Hier aber eine Szene aus der 46. Minute (Nachspielzeit erste Halbzeit) der beiden, in der sie ihre Stärken gut ausspielen können:

Barkok hat genug Platz, um in Ruhe diese Situation zu überblicken, spielt dann einen perfekten Tiefenpass auf Lammers. Dieser hatte zuvor sehr schnell und gut erkannt, dass zwischen Friedrich und Bensebaini kein Kontakt mehr besteht und er daher in den Raum hinter Bensebaini starten muss. Mit seiner Schnelligkeit lässt er Bensebaini auch keine Chance, ihn nochmal einzuholen.

Auch sein Querpass im Sechzehner auf Paciencia, der dann völlig frei aus rund elf Metern kläglich vergibt, ist gut, technisch sauber. Eine tolle Szene der beiden baldigen Abgänge (eintracht.tv ab 54:58).

Auch die Gladbacher investierten wenig in das Spiel, auch bei ihnen war deutlich zu sehen, dass mehr als ein möglichst verletzungsfreier Saisonausklang nicht mehr zu erwarten war.

So entwickelte sich ein sehr friedlicher Sommerkick, der analytisch kaum relevant war.

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SGE – West Ham United 1:0 (1:0)

Spätestens nach der Roten Karte hatten die Engländer kaum mehr eine Chance gegen die SGE. Hier die Spielanalyse zum Finaleinzug.

Die Aufstellung

WHU: Areola – Cresswell, Zouma, Dawson – Fornals (74. Benrahma), Rice, Soucek, Coufal (87. Yarmolenko) – Lanzini (22. Johnson), Bowen – Antonio

Die Statistik

Spielstatistiken

Die Highlights

Quelle: Youtube

Das Spiel

Für den Spielverlauf waren entscheidend:

*1 Mit der Auswechslung von Hinteregger bereits in der 7. Minute verändert sich zwar nicht die Statik des SGE-Spiels, aber die Umstellungen sind durchaus gravierend. Touré kam mit wenig Spielpraxis früh ins Spiel und Tuta war auf der zentralen IV-Position ebenfalls kaum eingespielt. Viel hing davon ab, dass Tuta im Aufbau, Touré in den defensiven Abläufen und die neu formierte Dreierkette insgesamt schnell und teilweise spontan zueinanderfanden. Das gelang recht gut, aber nicht ohne Probleme.

Hier eine Szene aus der 57. Minute, in der es zu Abstimmungsschwierigkeiten kam:

Hier gut zu sehen, dass die Abstände der Dreierkette zu gering sind und weder Kostic noch Knauff die Kette korrekt vervollständigen. Dadurch sind beide tiefen Außen offen – eine sehr gefährliche Situation. Die Hammers spielen dann über Fornals und Bowen die Szene auch stark aus, den Querpass von Bowen muss Touré am langen Pfosten kurz vor Antonio mit einem langen Bein retten.

Vor allem Touré hat wie hier, das ließe sich an einigen weiteren Szenen gut zeigen, oft Probleme mit dem Einschätzen und Einhalten der Abstände, er steht oft zu nah an Tuta. Auch in dieser Szene versucht Tuta, ihm kurz zuvor zu bedeuten, dass er weiter außen stehen muss.

Gerade in der zweiten Halbzeit funktionierte die defensive Organisation aber oft auch sehr gut. Hier eine Szene aus der 70. Minute:

Hier ist die 5er-Kette von Knauff und Kostic ergänzt, die SGE hat auf alle Offensiven des Gegners Zugriff, durch das Durchschieben kann die SGE gegen den Ballbesitzer Rice doppeln und gewinnt den Ball. Tuta gibt hier als zentraler IV die hintere Höhe richtig vor, auch Touré ist gut positioniert mit Zugriff auf Antonio und auf Doppelposition für Knauff/Rode.

*2 Die frühe Rote Karte für West Ham in der 19. Minute veränderte das Spiel entscheidend. In UNterzahl wurde die technische Stärke der SGE noch tragender, durch die zusätzlichen Räume war es für die Eintracht einfacher, das Spiel, auch mit viel Ballbesitz, zu kontrollieren.

*3 Auch zwei taktische Entscheidungen seitens Glasner waren recht auffällig. Zum einen spielte die SGE, auch schon vor dem Platzverweis, auffällig häufig wieder längere Ballpassagen auch aus der letzten Reihe. Das ist interessant, da in der Bundesliga, in der viele Mannschaften sehr früh aggressiv pressen, die Eintracht auf dieses Element oft verzichtet. Schon im Hinspiel war das gegen West Ham, die relativ lange schieben bis sie einen Zugriffspunkt finden, und eher auf unforced errors spielen als sehr früh die Zweikämpfe zu suchen, eine taktische Auffälligkeit, die die SGE da auch beim zweiten Tor mit ihrer technisch-spielerischen Stärke ausgenutzt hatte.

Es war auch diesmal zu beobachten, dass Glasner und die Mannschaft auf dieses etwas zurückhaltendere Pressing des Gegners mit mehr eigenem Risiko in den Aufbaureihen reagierte. Ab 22:26 kann hier so eine Szene eingesehen werden (aus der 12. Minute, also noch vor der Roten Karte). Hier spielt die SGE 13 Pässe hintereinander, alles in der hinteren Reihe, bzw. über Rode, es werden also Angriffsversuche über lange Aufbauphasen und Positionsspiel versucht. Der Versuch hier endet dann mit einem longline-Pass von Touré rechts, der im Aus landet, aber man konnte das über die gesamte Spielzeit beobachten. Auch die vermutlich spielentscheidende Szene, nämlich die Rote Karte, entsteht nach einem solchen Positionsspiel aus der hinteren Reihe.

Anders, und das ist die zweite taktische Entscheidung Glasners gewesen, die auffällig und wichtig war, agierte die Eintracht: Ähnlich wie im Hinspiel und nach dem Platzverweis wieder sehr häufig aktivierte die Eintracht ihr aggressives Pressing in der vorderen Reihe. Das war schon im Hinspiel so praktiziert worden und setzte auch diesmal den Engländern stark zu.

Hier gut zu sehen: Cresswell wird von Hauge eng angelaufen, die SGE presst vorne mit sechs Spielern, Knauff läuft den Cresswell entgegenkommenden Fornals sofort zu, Cresswell bleibt nur der lange Ball. Hier sieht man auch wieder den üblichen Aufbau der Hammers 1-2, bzw. Dreieraufbau, das gleiche also wie im Hinspiel.

Besonders die Spieler Cresswell (solange er auf dem Feld war) und Dawson hatte Glasner offenbar als technische Schwachpunkte ausgemacht, weshalb sie regelmäßig attackiert wurden.

Die West Ham – Kette ist hat hier etwas zu große Abstände, vor allem Cresswell steht zu weit links und etwas zu tief, so entsteht ein Freiraum zwischen ihm und Dawson und hinter dem ebenfalls zu weit aus der Kette gerückten Zouma. Hier gut zu sehen, wie Hauge die Situation erkennt, Kamada zeigt, wo er den Ball hinhaben will und den Freiraum ansprintet.

Diese Aktion geht zu großen Teilen auf die gute Freilaufentscheidung von Hauge.

Hier die Auflösungerscheinungen in der West Ham – Kette: Die vier Verteidiger haben vier verschiedene Höhen, Cresswell muss mit dem recht schnellen Hauge ins 1 gg 1 Richtung eigenes Tor.

Cresswell macht es im Zweikampf zunächst gut, bleibt am Gegner und attackiert ihn von der Torseite, dann spekuliert er aber zu früh darauf, den Ball erreichen zu können und ist somit aus dem Zweikampf. Er kann und muss, wenn er verhindern will, dass Hauge allein aufs Tor zuläuft, diesen umreißen, dafür erhält er dann zurecht die Rote Karte. Klarer Zweikampffehler von Cresswell, er hätte im Zweikampf bleiben müssen und können, dann hätte ihn Hauge ersteinmal ausspielen müssen. So sorgt er für eine frühe Unterzahl seines Teams und entscheidet damit zu großen Teilen dieses Halbfinale. Stark aber auch gemacht von Hauge, sowohl im Erkennen der Situation, als auch in der aggressiven Durchführung.

Nach dem Foul nimmt Moyes sofort Lanzini vom Feld und bringt mit Johnson einen neuen linken Verteidiger um die Viererkette, die das Herzstück sowohl des West Ham – Aufbauspiels (siehe Analyse Hinspiel), als auch des Defensivkonzeptes der Mannschaft ist. Mit Lanzini geht ein Offensiver, ein großer Vorteil für die SGE, jetzt einen Offensiven weniger in der Zentrale bzw. der Halbposition verteidigen zu müssen.

Auch das einzige Tor des Spiels fällt aus einem solchen Positionsspielangriff. Die Eintracht spielt in der Sequenz im Grunde zwei Angriffe aus Positionsspiel hintereinander. Die ganze Angriffssequenz beginnt mit einem Einwurf von Knauff rechts zurück auf Tuta. Es folgen zunächst einige Querpässe, Aufbauversuche über Ndicka und die Sechser Sow und Rode.

Hier die Einleitung des ersten Angriffs in dieser Sequenz. West Ham spielt kein Pressing mehr, alle Aufbau-Optionen der SGE sind möglich, mit Sow und Rode beide ohne Gegnerzugriff anspielbar, Knauff und Kostic außen anspielbar. Das ist im Grunde hier Aufbau-Wunschkonzert.

Rode leitet dann über die Halbposition den Angriff mit einem Pass auf Knauff außen ein, der geht sofort ins Tempodribbling Richtung Sechzehner, die SGE versucht eine Schnellkombination, die die Engländer aber schließlich blocken können. Allerdings landet der geblockte Ball wieder bei der SGE. Hier:

Sow hat hier zwar noch drei Passoptionen, doch die sind alle nicht sehr erfolgversprechend. Zu Rode ist der Passabstand zu klein, auf Kamada haben die Engländer Zugriff und Hauge könnt nur in den Fuß angespielt werden, könnte dann von den Engländern gedoppelt werden. Sow entscheidet sich vollkommen richtig für den Abbruch des Angriffs und Neuaufbau. Nicht im Bild hier ist Knauff, der sich da noch weiter links als Kostic befindet und nicht im Bildausschnitt zu sehen ist.

Knauff hatte zuvor versucht, mit einem diagonalen Lauf in die Spitze gefährlich zu werden. Sows Angriffsabbruch ist für Knauff und die anderen das Signal, wieder die Grundformation vorne einzunehmen und die Aufbauspieler verzögern die Situation so lange, bis die Grundordnung vorne wiederhergestellt ist und startet dann den nächsten Angriff (eintracht.tv ab 35:58).

Auch der ist wieder klares Positionsspiel. Der Aufbaupass kommt von Tuta, entscheidend ist dann das perfekt getimte Zuspiel von Touré in den Lauf von Knauff, dessen Schnelligkeit und sein Laufweg, der zunächst seitlich Raum zu Zouma gewinnt und dann in die Tiefe startet, sein präziser Pass und die Absetzbewegung von Borré in der Zentrale nach hinten. Ein Angriff aus dem Lehrbuch (eintracht.tv ab 36:05). Zouma hätte das Tor mit richtigem Zweikampfverhalten und ausreichend Schnelligkeit verhindern können, aber bei solchen Tiefensprints Richtung Grundlinie hätte er so eng an Knauf bleiben müssen, dass dieser sich nicht Richtung Zentrale drehen kann. Das hat er gegen den schnellen und handlungsschnellen Knauff nicht schaffen können. Hier auch eine wichtige Einzelleistung von Knauff.

Fazit

Mit dem Feldverweis und dem 1:0 war das Halbfinale entschieden. Die Engländer waren bei weitem nicht stark genug, um in Unterzahl auswärts zwei Tore zu erzielen, was ja dann notwendig gewesen wären.

In der Phase zwischen Tor und Halbzeitpause bestand zwischen den beiden Teams fast schon ein Klassenunterschied. In der zweiten Halbzeit verteidigte die SGE das Ergebnis ohne große Probleme.

In der zweiten Halbzeit spielt die Eintracht das Spiel ohne wirklich in Gefahr zu kommen, herunter (64% Ballbesitz, 87% Passquote), bleibt sehr zweikampfstark und aufmerksam. Insbesondere der überragende Ndicka ist von den Engländern im Zweikampf so gut wie nie zu bezwingen. Insgesamt ist die starke 3er-Reiher der SGE mit Ndicka (68% Zweikampfquote), Tuta (60%) und Touré (70%) neben der roten Karte und dem starken Positionsspiel der SGE in beiden spielentscheidenden Highlights der Schlüssel zum Erfolg.

Auch in der zweiten Halbzeit spielt die Eintracht teilweise starke Angriffe durch die Reihen, etwa vor dem Abschluss von Paciencia in der 83. Minute (eintracht.tv ab 38:53).

Entscheidend war letztlich, sowohl im Hin- wie im Rückspiel, dass die SGE spielerisch und technisch stärker war als der Gegner (ausführlich siehe Analyse des Hinspiels).

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Bayer Leverkusen – SGE 2:0 (1:0)

Auf das abgeschenkte Spiel gegen Leverkusen, das in einem sehr lauen Frühsommerkick endete, nur ein flüchtiger analytischer Blick.

Die Aufstellung

Hradecky – Kossounou, Tah, Tapsoba, Hincapie – Aranguiz (81. Palacios), Andrich – Diaby (88. Sinkgraven), Azmoun (87. Baumgartlinger), Paulinho (81. Bakker) – Schick (87. Alario) – Trainer: G. Seoane

Die Statistik

gibt es hier.

Die Highlights

Quelle: Youtube

Das Spiel

Wie oben erwähnt, wurde das Spiel von Trainer Glasner abgeschenkt, die SGE hatte in den 90 Minuten nie eine Chance gegen überlegene Leverkusener, denen man nach dem Spiel danken konnte, dass sie offenbar aus Bundesliga-Solidarität und wohl auch aus eigenen Schonungsgründen nach dem 2:0 im ersten Gang weiterspielten.

Ein solches Treiben ist selbstredend analytisch uninteressant, daher hier diesmal nur ein Blick auf die beiden Tore und die einzige echte Chance der SGE durch Hauge.

Zunächst das 1:0 durch Paulinho in der 18. Minute.

Dem 1:0 ging ein Ballverlust von Hauge im vorderen Bereich voraus, aber die Situation war noch gut zu verteidigen und Hauge muss im vorderen Bereich mit viel Risiko spielen.

Nach dem Ballgewinn der Leverkusener spielt Kossounou einen eher ungenauen Befreiungsschlag Richtung Mittelkreis.

Der entscheidende Fehler liegt bei der Sechser-Abstimmung und dann insbesondere bei Hasebe.

Das ist der herunterkommende Ball, der bei Azmoun landet. Hasebe verlässt seine Position als zentraler Innenverteidiger und geht in das für ihn aussichtslose Kopfballduell mit Azmoun. Dadurch sorgt er hinter ihm für eine verhängnisvolle Kettenreaktion, denn nun ist Schick ganz frei, Ndicka muss sich Richtung Schick orientieren, bei dem die Kopfball-Verlängerung von Azmoun landet, und damit ist Diaby rechtsaußen blank und kann von Schick Richtung Tor geschickt werden.

Diaby lässt sich so ein Geschenk natürlich nicht nehmen, startet mit einem Tempodribbling Richtung SGE-Sechzehner, spielt dann quer auf Paulinho, der gegen Trapp vollendet. Der Fehler liegt klar bei Hasebe, der hier nie und nimmer von Schick weglaufen darf, zumal Hrustic mit einem schnellen Lauf Azmoun noch hätte erreichen können, wenn der den Ball angenommen hätte. Ein weiterer klarer Stellungs- und Entscheidungsfehler von Hasebe und es ist schon ein bisschen spektakulär, wie ein 38jähriger Routinier immer wieder solche einfachen Stellungsfehler produziert, die dann zu Toren führen. Wenn diese Saison eines gezeigt hat, dann dass Hasebe alles ist, nur kein Innenverteidiger. Wäre Hasebe hier bei Schick geblieben, wäre diese Situation sehr gut zu verteidigen gewesen.

Der einzigen echten Chance der SGE in der 42. Minute ging eine gute Ballsicherung von Paciencia und Jakic im Mittelfeld voraus, Paciencia leitet dann weiter auf Kostic, der sofort einen schnellten Anschluss sucht und findet. Hier:

Hier der Anschlusspass von Kostic auf Hauge. Gut zu sehen, dass hier die Linienabstände bei den Leverkusenern zu groß sind, daher ist Hauge zwischen den Linien anspielbar. Er setzt sich dann gegen den etwas ungeschickt in den Zweikampf gehenden Tah durch und steht frei vor Hradecky.

Glück für Leverkusen in dieser Szene, dass Hauge den Abschluss völlig verzieht. Der Angriff war eine recht guter Angriffsvortrag der Beteiligten Paciencia, Jakic und vor allem Kostic und Hauge.

Dann das 2:0 in der 51. Minute und es ist fast schon tragisch, denn auch das Tor wird nur durch einen weiteren Stellungsfehler von Hasebe möglich. Machen wir es kurz und schmerzlos:

Hier gut zu sehen, dass Hasebe ohne Not das Abseits aufhebt. Touré und Ndicka stehen richtig, Ndicka hier auch mit guter Zweikampfführung.

Das Abwehrmanöver der SGE läuft hier eigentlich nach Plan, nur Hasebe macht mit seinem krassen Stellungsfehler die Bemühungen der Kollegen zunichte. In den Highlights oben kann man gut sehen, dass Schick zunächst selbst nicht glauben kann, dass da jemand hinter ihm das Abseits noch aufgehoben hat, aber da kennt er Hasebe schlecht.

Das Fazit

Um nicht falsch verstanden zu werden: Hasebe ist ein überaus verdienter Spieler der SGE und sicher einer der spielerisch besten Sechser, der jemals das Eintracht-Trikot getragen hat. Er gehörte auch im Leverkusen-Spiel zu den wenigen der zweiten Reihe, denen man anmerkte, dass sie fußballerisch Bundesliga-Format haben. Er ist auch nach wie vor ein auch auf diesem Niveau toller Passgeber. Mit den ziemlich komplexen Abläufen in der Letzte-Reihe-Kettenverteidigung ist er jedoch völlig überfordert und dass schon seitdem Kovac auf die Idee kam, ihn Innenverteidiger spielen zu lassen. Er kann diese Position nicht spielen ohne in jedem einzelnen Spiel haarsträubende Stellungsfehler zu produzieren. Man tut dem Spieler wie der Mannschaft einfach keinen Gefallen damit, Hasebe als Innenverteidiger Gegentore produzieren zu lassen und es wäre wirklich ein Schritt nach vorne, wenn Glasner aufhören würde, das immer und immer wieder nochmal sich vorführen zu lassen.

So waren die beiden Fehler von Hasebe hier spielentscheidend, allerdings stellten die Leverkusener nach dem 2:0 ihre Bemühungen auch weitgehend ein und es kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass der Gegner jederzeit das Tempo und den Druck wieder hätte erhöhen können, um das Spiel anderweitig zu entscheiden. Daher ist es natürlich albern, Hasebe hier allein den schwarzen Peter zuschieben zu wollen, überhaupt ist es nicht sein Fehler, wenn er auf einer Position eingesetzt wird, die er nicht spielen kann.

Neben der Hasebe-Problematik zeigte sich in dem Spiel erneut, dass Ragnar Ache so wenig ein kreativer Offensiver ist wie Hasebe ein Verteidiger. Für Ache gilt das gleiche, man tut ihm keinen Gefallen damit, ihn auf einer Halbposition einzusetzen. Der Spieler hat Stärken in den Abschlusstechniken, ansonsten hat er, das konnte jeder, der ihn in dieser Saison beobachtet hat, erkennen, technisch, spielerisch, seitens der Handlungsschnelligkeit und der Handlungsentscheidungsqualität kein Bundesligaformat. Man kann ihn als Zielspieler in der Spitze einsetzen, alles andere ist für den jungen Spieler schlicht eine Überforderung.

Letztlich bestätigte das Spiel ungefähr alle Einschätzungen, die hier im Laufe der Saison analytisch beobachtet wurden, neben den Einschätzungen zu den Einzelspielern die Tatsache, dass die zweite Reihe der SGE mit Ausnahme Hauge, Touré und mit Abstrichen Paciencia kaum einsatzfähig ist. Das ist aber nicht nur mangelnder Qualität der Spieler geschuldet, sondern auch Trainerarbeit. Wenn ein Trainer null Wert auf die Entwicklung der zweiten Reihe legt, ist es kein Wunder, dass diese sich null entwickelt und dass die SGE mit diesem Kader nun nicht einmal mehr in der oberen Tabellenhälfte zu finden ist, hat auch damit zu tun.

Letztes zum Abschenken: Dass die Mannschaft das Spiel nicht mehr prioritär betrachtet hat, ist verständlich, dass Glasner das auch offen so kommuniziert hat, mag zumindest ehrlich sein, besonders sportlich ist ein solches Vorgehen nicht.

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West Ham United – SGE 1:2 (1:1)

Der nächste Favorit lernte die Auswärtsstärke der SGE kennen. Obwohl die Londoner besser auf die SGE vorbereitet waren als Barcelona, konnte sie sich wieder durchsetzen. Zu den analytischen Eigenheiten des Spiels.

Die Aufstellung

WHU: Aréola – Johnson, Dawson, Zouma, Cresswell – Soucek, Rice – Bowen, Lanzini (66. Benrahma), Fornals – Antonio – Trainer: D. Moyes

Oben: Die Aufstellung mit Toren, Vorlagen (inkl. herausgeholte Elfmeter) und algorithmisch (aus statistischen Spieldaten) generierten Noten.

Die Realaufstellung der SGE, also die Orte, wo die jeweiligen Spieler sich im Durchschnitt aufgehalten haben.

Die Noten in Klammern oben sind Übersetzungen der Bewertungen der Seite sofascore.com. Sie werden automatisch generiert anhand der individuellen Spieldaten jedes einzelnen Spielers. Nur bei der Torwartposition muss die Note etwas angepasst werden, da die algorithmischen Bewertungen systematisch negativer ausfallen als die der Feldspieler. Auch die Informationen zur Realaufstellung sind Zitate nach sofascore.com.

Die Statistik

Die Highlights

Quelle: Youtube

Das Spiel

Zu dem erneut starken Spiel der SGE in der Euro League und den vergleichsweise schwachen Leistungen in der Bundesliga wird in den Medien ja bereits seit längerem nach Gründen gefahndet und einige der in solchen Fällen aufgerufenen Küchenpsychologien und Fußballphrasen kommen der Wahrheit möglicherweise durchaus nahe. So wäre es ja so unwahrscheinlich nicht, dass die Konzentration in den von den Spielern und – wer weiß – dem Trainer zumindest unbewusst als „wichtiger“ angesehenen Spielen der Europa League höher ist als in den als alltäglich empfundenen BL-Spielen. Nun lässt sich Konzentration ohne weiteres nicht messen, aber besonders konzentriertes Verhalten aller Spieler führt im Mannschaftssport zumindest ehrfahrungsgemäß zu mannschaftstaktisch erhöhter Disziplin. Auch diese ist nicht leicht zu messen, ein Indiz für mannschaftlich erhöhte Disziplin lässt sich indes an den Realaufstellungen ablesen. So sieht man etwa in dem vorliegenden Spiel, dass die vergebenen Positionen auch von Spielern, die sonst etwas taktisch undisziplinierter sind, wie etwa Lindström, deutlich genauer eingehalten wurden, als in fast allen Bundesligaspielen. Wer die Realverteilungsstatistik über die Saison verfolgt hat, wird erkennen, dass diesmal ein Schema entstanden ist, das der nominellen Mannschaftsaufstellung vergleichsweise sehr nahe kommt. Das ist wie gesagt nicht mehr als ein Indiz, aber viel mehr Belege gibt es für Abstraktionen wie die oben genannten nicht.

Allerdings deckt sich das Indiz mit den Spieleindrücken und selbstverständlich lässt sich vieles davon analytisch zumindest anhand einiger Szenen gut zeigen.

Neben der sehr hohen Konzentration und Disziplin seitens der SGE wird im analytischen Spielbericht besonders auf die Herangehensweise des Gegners, die wichtigste Bedingung des auf hohem internationalen Niveau erfolgreichen Eintracht-Spiels, nämlich das extrem hohe technisch-spielerische Niveau der ersten SGE-Elf und eine Antwort auf die Frage, ob eigentlich die vielen defensiven Fehler, die sonst in der BL regelmäßig erfolgreicheres Spiel verhindern, in der EL einfach nicht stattfinden und wenn das so ist, wieso im Mittelpunkt stehen.

Zunächst, weil es diesmal ja gar nicht mehr übersehbar der Schlüssel zum Erfolg war, zu der enorm hohen spielerischen Qualität der ersten Elf. In dieser Kategorie gehört die SGE ganz offensichtlich nicht nur zu den 5 stärksten Mannschaften in Deutschland, sondern auch in Europa zu einem Kreis weniger Teams, die hier ähnlich viel Qualität mitbringen.

Spielerische Qualität lässt sich kategorial grob unterteilen in

  • technische Genauigkeit der Einzelaktionen
  • Abgestimmtheit der Einzelspieler-Aktionen
  • Timing sowohl der durchgeführten Einzelaktionen, als auch der aufeinander abgestimmten Einzelaktionen
  • Adäquatheit spontaner Reaktionen auf Gegnerverhalten sowohl der Einzelspieler, als auch der an den Aktionen beteiligten Spielergruppen

Wie hier immer wieder vertreten, ist wirksames Defensivspiel auch mit durchschnittlichen Bundesligadefensiven sehr gut einstudierbar, das ist die Pflicht der Trainerarbeit. Um ein effektives Offensivspiel zu erzeugen sind hingegen besondere technische Voraussetzungen nötig. Wer erwartet hatte, die teuer zusammengekaufte Star-Truppe aus London (349 Mio.) sei dem deutlich weniger teuren SGE-Kader (199 Mio.) individuell, also in erster Linie technisch, stark überlegen, sah sich erneut getäuscht. Die Eintracht konnte ohne große Probleme spielerisch mithalten. Beide Tore konnten nur deshalb entstehen, das erste bereits nach nicht einmal einer Minute. Entscheidend dabei waren in erster Linie die technischen Einzelaktionen von Tuta, Lindström und insbesondere Borré.

Ausgangspunkt war ein indifferenter Angriffsversuch von West Ham. Der Ball landet bei Tuta.

Hier das einleitende Passspiel. Tutas One-touch-Ball mit dem linken Fuß auf Lindström, dessen Volley-Ablage auf Kamda und dessen sofortiger offensiver Anschluss per Dribbling.

Alle drei Aktionen sind natürlich technische Standardsituationen, aber es kommt auf die exakte Ausführung an. Ein kleiner Stockfehler und der Gegner kann einen entscheidenden Passweg zustellen und der Angriff muss abgebrochen werden.

Auch die beiden folgenden Aktionen finden gewissermaßen unter Anwendung von High-End-Technik statt:

Hier der Steckpass von Kamada auf Borré. Der ist schlicht Weltklasse: exakt so an Dawson vorbeigespielt, dass dieser keine Chance hat, ihn zu bekommen und perfekt in den Lauf von Borré.

Hier kommt dazu, dass Borré einen seiner typischen (diagonalen) Tiefenwege macht und damit die West-Ham-Viererkette zwingt, sehr weit auf die rechte Halbposition durchzuschieben, namentlich der halbrechte IV Zouma. Dadurch entsteht bei Dawson etwas Verunsicherung dahingehend, ob er Borré sofort wieder eng bearbeiten muss, oder mit Zouma die Position tauschen. Zouma geht davon aus, Doppelspieler zu sein und so geht keiner von beiden in den Zweikampf mit Borré.

Hier die Situation bei der Ballannahme durch Borré. Obwohl er schon Strafraumkontakt hat, hat kein West Ham – Spieler Zugriff. Zouma steht richtig auf der Sicherungsposition, auch die übrige Ordnung der Engländer hier ist richtig, allerdings hat Dawson nicht den Weg in den Zweikampf mit Borré gemacht. Ein klarer Stellungsfehler von Dawson. Der falsche Weg von Dawson und die Folge, dass nämlich Borré ohne maximalen Gegnerdruck seine technische Aufgabe durchführen kann, ist entscheidend für das Tor. Unter eintracht.tv ab 7.27 kann das nochmal in aller Ruhe nachvollzogen werden.

Danach kommt es wieder zu so einem High-End-Zusammenspiel. Die Flanke von Borré Richtung dem mit vollem Tempo und mit perfekt getimtem Laufweg gestarteten Knauff ist genauso stark wie der Steckpass von Kamada zuvor. Auch der Knauff-Kopfball ist dann sehr gut und unhaltbar.

Weitere solcher spielerischen Highlights finden sich in der 39. Minute (eintracht.tv ab 44:20) – hier eine Kontersituation mit Borré und Knauff, bei der man sehr schön sehen kann, wie wichtig das Timing in solchen Lauf-Pass-Kombinationen ist. Entscheidend ist, dass Knauff im richtigen Moment im Vollsprint eine Richtungsänderung vornimmt. Man kann das im Standbild kaum zeigen, die Szene ist aber sehr interessant und führte zu einer Großchance für Knauff. (auch oben in den Highlights ab 2:10 zu sehen).

Der vielleicht beste geplante Angriff der SGE führt in der 54. Minute zum 2:1-Siegtreffer nach einer langen Ballphase der SGE und es fragt sich wirklich, warum Glasner dieses Spiel über viel eigenen Ballbesitz und Positionsspiel in der Bundesliga über weite Strecken der Saison kaum spielen ließ. Hier der Angriff im Detail. Ausgangspunkt ist ein tiefer flacher Aufbaupass von Hinteregger:

Hier der Hinteregger-Pass. Das kann ein Initialpass sein, da er 5 Gegenspieler aus dem Spiel nimmt, Kamada entscheidet sich aber dafür, das Spiel nicht mit einem direkten Spiel zum Abschluss weiterzuführen, sondern setzt auf Positionsspiel, nimmt den Ball also zunächst an und lässt ihn im vorderen Drittel weiterzirkulieren.

Aus gutem Grund, denn in dieser Szene ist die SGE mit allen Offensiven vorne besetzt und West Ham hat bis dahin keinen Zweikampfzugriff gefunden, verschiebt also noch im Raum. Als nächstes stellt die SGE eine multioptional ausspielbare gruppentaktische Ausgangsposition. Hier:

Man braucht kein großer Experte zu sein, um zu sehen, dass diese Situation multioptional ist und dass West Ham weder Zugriff noch eine klare, ausreichende Überzahl hat, um gefährliche Angriffsfortsetzungen wirksam verhindern zu können. Eingezeichnet ist nur die Kombination, die dann wirklich von der SGE durchgeführt wurde, nämlich ein Doppelpass Sow-Lindström-Sow, mit dem Sow frei vor Hammers-TW Areola auftaucht.

Um dieses Manöver durchführen zu können, benötigen Kostic, Sow und Lindström dann wieder ihre technische Stärke und ihr starkes Kombinationstiming. Im Bewegtbild sieht man sehr gut, wie exakt das getimt sein muss, damit es funktioniert. Sows Pass auf Lindström, Sows sofortiger Antritt, schließlich Lindströms Weltklasse-Uwe-Bein-Gedächtnispass auf Sow.

Dass der Doppelpass eine der wichtigsten gruppentaktischen Offensivmittel ist, ist eine Binse. Hier sieht man, dass der Doppelpass auch eines der voraussetzungsreichsten (vor allem technisch) Mittel überhaupt ist, da er unter hohem Gegnerdruck und mit Präzision durchgeführt werden muss. Der Pass hier von Lindström ist perfekt, ebenso der Laufweg von Sow.

Als nächstes ein Blick auf den Gegner. Die Hammers starten ihre Angriffe häufig mit 1-2-Aufbau, wahlweise über einen leicht abkippenden Sechser bzw. Mittelfeldspieler als Aufbauspieler, während die Außenverteidiger im Aufbau oft sehr weit vorne, nicht selten in oder hinter die Spitze aufrücken.

Hier gut zu sehen der 1-2-Aufbau hinten und dass die beiden Mittelfeldspieler Rice und Lanzini im Aufbau beteiligt sind. Beide Außenverteidiger sind weit aufgerückt.

In den statischen, tiefen Situationen, wie hier, lief die vordere 3er-Reihe der SGE nicht aggressiv an. Im Gegensatz zum Barcelona-Spiel war das Angriffspressing der SGE allerdings durchaus nicht komplett abgeschaltet. Im Gegenteil wartete die Mannschaft auf jede von diesem Standardaufbau abweichende Situation, um auch ganz bis nach vorne nachzuschieben und die Hammers bereits im eigenen Aufbau auch „echt“, also auf Zweikampf/Ballgewinn zu attackieren.

Nach einem Einwurf der Engländer nutzt die SGE die Standardsituation, um in vorderster Linie zu pressen. Lindström attackiert Cresswell auf Ballgewinn, also aggressiv. Der kann nur auf Fornals sicher passen und Fornals befindet sich mitten in der Pressingfalle zwischen Knauff und Lindström. Der Ball von Cresswell landet dann bei Knauff, der ihn allerdings nicht kontrollieren kann.

Aber solche Szenen ließen sich viele zeigen. Glasner und seine Scouts waren offenbar zu dem Ergebnis gekommen, dass West Hams Defensivspieler technisch deutlich schwächer seien als die von Barcelona und man sie daher gut und effektiv vorne anlaufen kann. Nicht nur in dieser Szene funktionierte das sehr gut.

Ein anderer taktischer Move der SGE im Spiel war, dass die Mannschaft von Glasner es schaffte, die Londoner häufig zu Halbfeldflanken zu zwingen. Es war offenbar bekannt, dass die Hammers sehr schnell den Weg in die Spitze suchen und gern schnell die Bälle auch aus dem Halbfeld in den Sechzehner flanken. Man kann gut sehen, wie die SGE also alle Tiefenbälle zustellt, die Halbfeldflanken aber zulässt, da man diese beim Empfänger recht gut verteidigen kann. Wie hier in der 91. Minute:

Gut erkennbar, dass drei tief stehende SGE-Verteidiger den langen Flankenball erwarten, während Rode, Touré und Sow die Tiefenpasswege zum Tor zustellen und Kamada und Kostic die nach außen auf Johnson. So bleibt Bowen hier nur ein Querpass oder die Halbfeldflanke. Er flankt, den Kopfball gewinnt dann Tuta.

Direkt im Anschluss flankt übrigens Rice vom Sechzehnereck auf Bowen, dessen Fallrückzieher dann an der Latte landet. So ganz ungefährlich ist es also nicht, den Gegner aus dem Halbfeld flanken zu lassen. Trotzdem war es eine effektive Entscheidung, das so zu machen, denn alles kann man nicht verhindern und diese hohen Flanken konnten die SGE-Verteidiger meist gut abwehren.

Schließlich zu der Frage, ob in der EL die Spieler plötzlich ihr ansonsten häufiges defensives Fehlverhalten einfach abstellen können. Die Antwort ist naturgemäß einfach: Können sie nicht. Man könnte viele Beispiele in dem Spiel zeigen, an dieser Stelle nur zwei, weil das hier auch schon öfter ausführlich gezeigt wurde. Hier die Szene aus der 34. Minute:

Hier gut zu sehen, dass Tuta hinten einen No-Abseits-Raum öffnet, indem er zu tief steht. Natürlich spekulieren die Engländer auf genau solche Fehler, Antonio steht in diesem Raum, auch Bowen spekuliert hier auf diesen Raum, steht allerdings dann doch einige Zentimeter im Abseits.

Und Szene Nr. 2 aus der 69. Minute:

Das ist ein abgewehrter Freistoß und Rückpass auf Benrahma. Gut zu verteidigen eigentlich für Rode und Hauge. Hauge kann gut seitlich in den Zweikampf kommen, Rode als zweiter Mann in den Zweikampf gehen. Stattdessen rennt Rode auf Benrahma los, der ihn mit einer einfachen Schussfinte aussteigen lässt und was Hauge in diesem Zweikampf macht, darüber einen dicken Wintermantel des Schweigens.

Mit dem Spieler Hauge muss aber wirklich dringend einmal darüber gesprochen werden, wie man in defensive Zweikämpfe kommt.

Dass die Fehler seltener als in den BL-Spielen auftauchen, kann tatsächlich gut mit erhöhten Konzentrationswerten erklärt werden, ebenso mit der oben schon erwähnten höheren taktischen Disziplin, analytisch letztlich auch damit, dass diese taktische Zusatzdisziplin dazu führt, dass mehr Spieler an den jeweiligen Defensivaktionen beteiligt sind, hier also erhöhte Quantität dazu führt, dass Fehler eher ausgebügelt werden können.

Fazit

Die SGE konzentrierte sich bei der defensiven Arbeit sehr stark auf die Tiefenverteidigung, ließ Halbfeldflanken bewusst zu, wusste wohl auch, dass die Engländer diesem Mittel nicht abgeneigt sind, und setzte dann alles daran, die Flugbälle dort zweikampfseitig zu verteidigen, wo sie herunterkamen. Das funktionierte meist recht gut und führte dazu, dass die Engländer nur zu relativ wenigen Großchancen aus dem Spiel kamen.

Tatsächlich hatte die SGE in drei Szenen etwas Glück, wobei der erste Pfostentreffer der Londoner ziemlich sicher nicht gezählt hätte, da in der Entstehung an entscheidender Stelle ein Foul an Tuta vorausgegangen war, daher auch analytisch irrelevant (obwohl Tuta da auch wieder sehr optimistisch in den Zweikampf rennt). Der zweite Pfostenschuss der Engländer war ein Fernschuss, nicht herausgespielt. Der Pfostenabschluss von Kamada in der 79. Minute hingegen war Ergebnis eines 2-Pass-Konters der SGE über Tuta und Borré, sowie einer starken 1 gg. 1 – Führung Kamadas (eintracht.tv ab 34:21). Viel Glück für West Ham, dass es da nicht 1:3 steht.

Im eigenen Ballbesitz setzte die SGE etwas überraschend oft auf ruhiges Positionsspiel und spielte ihre spielerische Stärke so optimal aus. Beide SGE-Tore waren sehr stark herausgespielt.

Im Rückspiel dürften sich die grundlegenden Voraussetzungen kaum ändern, die SGE wird erneut überaus konzentriert zu Werke gehen müssen, vor allem im defensiven Block die fehlende individuelle Zweikampfsicherheit durch Quantität und Disziplin, also zuverlässig zur Fünferkette ergänzte Dreierkette plus eine erneut starke Doppelsechs kompensieren müssen. Im vorderen Drittel ist die Mannschaft ohnehin so stark besetzt, dass sie kaum zu verteidigen ist.

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SGE – TSG Hoffenheim 2:2 (1:1)

Das Unentschieden gegen die Hoffenheimer brachte wenig Neues, dennoch ein kurzer Blick auf das Spiel und seine Höhepunkte.

Die Aufstellung

TSG: Baumann – Posch, Vogt, Akpoguma (46. Nordtveit, 89. Adams) – Raum, Stiller, Samassekou (67. Rudy), Bebou – Bruun Larsen (67. Rutter), Kramaric – Dabbur (87. Skov) – Trainer: S. Hoeneß

Oben: Die Aufstellung mit Toren, Vorlagen (inkl. herausgeholte Elfmeter) und algorithmisch (aus statistischen Spieldaten) generierten Noten.

Die Realaufstellung der SGE, also die Orte, wo die jeweiligen Spieler sich im Durchschnitt aufgehalten haben.

Die Noten in Klammern oben sind Übersetzungen der Bewertungen der Seite sofascore.com. Sie werden automatisch generiert anhand der individuellen Spieldaten jedes einzelnen Spielers. Nur bei der Torwartposition muss die Note etwas angepasst werden, da die algorithmischen Bewertungen systematisch negativer ausfallen als die der Feldspieler. Auch die Informationen zur Realaufstellung sind Zitate nach sofascore.com.

Die Statistik

Die Highlights

gibt es vorerst hier.

Das Spiel

Das 0:1 in der 12. Minute durch ein Eigentor von Ndicka ist nichts als ein Geschenk, denn Ndicka geht ohne Not zum Ball:

Hier stimmt eigentlich alles, die Kette steht richtig, Kostic ist eingerückt, wäre weit vor Bebou am Ball gewesen, die Flanke von Kramaric war ohnehin zu ungenau, Dabbur hatte keine Chance, dranzukommen, Ndicka hätte den Ball einfach durchlassen können, dann wäre er in Trapps Armen gelandet. Stattdessen köpft er den Ball unhaltbar ins eigene Tor.

Was aber noch interessant ist an dem Tor: Die Flanke war Ergebnis guten Positionsspiels der Hoffenheimer, ein Element, das die Eintracht seit der Unentschiedenserie vom Saisonbeginn praktisch komplett abgeschaltet hat. Vielleicht eine Erklärung dafür, dass der qualitativ ähnlich besetzte Kader der Hoffenheimer bisher sechs Punkte mehr sammeln konnte als die SGE.

Hier der Aufbau der TSG. Raum überspielt mit seinem gezielten Tiefenball ins Mittelfeld auf Kramaric gleich 3 SGE-Spieler und damit das komplette SGE-Angriffspressing. Danach spielen Kramaric und Bruun Larsen mit einem Doppelpass im 2 gg. 1 Tuta aus, dann flankt Kramaric und Ndicka köpft ins eigene Tor.

Hier liegt zwar auch ein ziemlich eindeutiger Stellungsfehler von Rode vor, der sich mindestens entscheiden muss, auf wen er Zugriff haben will, Stiller oder Kramaric. Wenn er sich, wie hier, zwischen die beiden Passwege stellt, kann er naturgemäß beide nicht verhindern. Im Optimalfall deckt er den tiefen Passweg auf Kramaric ab. Alternativ könnte Knauff den Ballbesitzer Raum auf der Innenbahn anlaufen, dann könnte Rode Zugriff auf Stiller erlangen und das Pressing wäre geordnet. Stattdessen ermöglicht die SGE den Tiefenpass aus Kramaric, womit die TSG im Tempo ist und den Angriff in die torgefährliche Zone vortragen kann.

So sehr das auch ein Stellungsfehler seitens der SGE gewesen sein mag, so sehr ist hier und im ganzen Spiel zu sehen, dass die Hoffenheimer solche Situationen suchen, das Spiel in der letzten Reihe breit anlegen und mit ähnlichen Mustern versuchen, über Positionsspiel – also kontrolliert – Tiefe in das eigene Spiel zu bekommen. Ein Element, das man bei der SGE kaum noch sieht.

Was so schade wie unverständlich ist, denn dass die Mannschaft technisch in der Lage ist, das umzusetzen und wie wirksam ein starkes Positionsspiel sein kann, zeigte die Mannschaft selbst in der 39. Minute, als man mit 9 Pässen die größte Chance der ersten Halbzeit herausspielte:

Hier der letzte Pass von Kostic auf Lindström, der dann frei aus 10 Metern an Baumann scheitert.

Hier der komplette Angriffsvortrag:

Mit dem Hinteregger-Pass auf Kamada, der sofort gegen zwei Hoffenheimer ins Dribbling geht, ist Tempo im Spiel. Kamadas Pass auf Kostic (4) spielt dieser one touch weiter auf Rode, eine Weltklasseaktion von Kostic, sowohl hinsichtlich Entscheidung als auch Präzision. Aber auch die Verarbeitung von Rode ist dann stark, wie auch sein Pass in den Lauf von Kostic.

Es ist wirklich sehr erfreulich, solch großartige Fußballer wie Kostic, Rode und Kamada im Waldstadion fußballspielen zu sehen. Umso wichtiger wäre es, diese spielerisch-technische Klasse auch öfter über solche Positionsangriffe auszuspielen.

In der 32. Minute erzielt Ndicka das 1:1 nach einer Kostic-Ecke. Ndicka macht das stark, allerdings ist in dieser Szene auch die Hoffenheimer Boxbesetzung etwas wunderlich, was aber nicht unser Problem sein soll. Viel interessanter ist die Entstehung der Ecke, denn sie ist idealtypisch für das SGE-Spiel.

Dies ist eigentlich eine Kontersituation der Hoffenheimer, aber die SGE ist hier sehr stark in der Kontersicherung, gut besetzt und klar in Überzahl. Hier gewinnt Jakic den entscheidenden Zweikampf gegen Kramaric. Der Ball landet dann über Ndicka bei Kostic.

Kostic startet dann ein starkes Tempodribbling bis zum Sechzehnereck und schießt von dort aufs Tor – Baumann muss mit einer starken Parade halten. Die folgende Ecke köpft Ndicka dann ins Tor.

Dem 2:1 in der 66. Minute geht eine starke Zweikampfleistung von Jakic im Gegenpressing voraus, allerdings auch ein sehr umständlicher Umschaltversuch der Hoffenheimer. Das Tor ist analytisch kaum interessant, zeigt aber das ganze Jakic-Dilemma (sehr motivierter, einsatzfreudiger, auch zweikampfstarker Spieler mit (zu) großen Schwächen bei den Anschlussaktionen, Handlungsentscheidungen, Handlungsschnelligkeit):

Hier gewinnt Jakic den Ball gegen Bebou (und zwei weitere Gegner):

Hier (keine Sekunde später) ist er von der Anschlusssituation überfordert und verliert den Ball wieder (zu weit vorgelegt):

Dass der Ball von Posch dann bei Ndicka landet, ist etwas Glück. Der Anschluss von Ndicka und Kamada ist dann natürlich sehr stark gemacht.

Dem zweiten Gegentor in der 76. Minute ging ein erbärmliches Zweikampfverhalten von Knauff und Hauge voraus und wo ja demnächst das Saisonfazit ansteht, kann man schon jetzt sagen, dass der Hauptgrund dafür, dass die SGE mit diesem Kader wohl nur Tabellenachter oder -neunter werden wird, die Tatsache ist, dass sich die Mannschaft in praktisch jedem zweiten Spiel mit einem defensiven Anfängerfehler mindestens einen Gegentreffer einfängt. Diesmal also Knauff und Hauge:

Hier die Situation vor dem Tor. Knauff und Hauge haben ein gewissermaßen ideales 2 gg. 1 gegen Raum. Hauge hat Zugriff, Knauff hier noch einen sehr guten Abstand zum Doppeln. Doch statt diese defensive Standardsituation professionell zu lösen, rennt Hauge völlig unmotiviert von hinten seitlich in den Körperzweikampf und Knauff rennt – noch unmotivierter – blindlinks Richtung Ball.

Raum ist dann selbst überrascht, dass ihm der Ball vor den Füßen landet und die zwei Frankfurter sich aus dem Zweikampf einfach freiwillig verabschiedet haben. Die Gegner in der Bundesliga können ihr Glück regelmäßig kaum fassen. Solche Szenen sind in der Bundesliga und im Profibereich – außerhalb von Eintracht Frankfurt – wirklich nicht oft zu beobachten:

Hier das Ergebnis: Die beiden Spieler, die eben noch eine gute Überzahlsituation hatten, sind völlig düpiert, Meter weit abgehängt von Raum. Dessen Flanke köpft Rutter dann in der Mitte ohne Probleme ins Tor.

Man möge sich das bitte einmal anschauen bei eintracht.tv ab 33:30

Solche Flanken sind dann oft schwer zu verteidigen, hier ist es ein verlorenes 1 gg. 1 von Ndicka gegen Rutter, also noch am ehesten von Ndicka zu verteidigen, wenn er früher einen Schritt zum Gegner gemacht hätte.

Um es noch einmal klar zu sagen: Fehler können passieren, das passiert auch in Profimannschaften, aber es kommt schon auf die Qualität der Fehler an. Solche krassen Abstimmungsfehler wie hier, sind einfach nicht Profilevel und defensive Abstimmung ist und bleibt Trainerarbeit.

Fazit

Mit dem Einsatz der eingespielten Offensivreihe Kostic-Kamada-Borré-Lindström-Knauff war die Eintracht – anders als noch gegen Union Berlin – wieder konkurrenzfähig. Die Eintracht war, wie in der Mehrzahl der Spiele und trotz der etwas ausgereifteren Spielanlage der Hoffenheimer, die bessere Mannschaft, konnte aber mit der Feldüberlegenheit (ziemlich deutliche 32% zu 22%) erneut nichts Entscheidendes anfangen.

Nach dem geschenkten 0:1 kämpfte sich Ndicka sehr konsequent ins Spiel zurück, holte sich in der 23. Minute bereits eine Lindström-Ecke und köpfte sie nur knapp übers Tor, kurz drauf macht er dann das 1:1 nach einer Kostic-Ecke. Das dokumentiert auch den Fortschritt, den Ndicka in dieser Saison gemacht hat.

Im übrigen ist die Entwicklung des Teams etwas zum Stillstand gekommen. Der im übrigen dumme neoliberale Spruch, wonach Stillstand Rückschritt bedeute, muss im Fußball, dessen Wesen die Teamkonkurrenz ist, zutreffen, denn wo es im Mannschaftssport keine Weiterentwicklung gibt, stellt sich oft Regression ein, was man dann manifest im Zurückfallen von Spielern, Mannschaftsteilen und ganzen Mannschaften in alte, falsche bzw. überwundene, also eigentlich weiterentwickelte, Verhaltensmuster beobachten kann. Das wurde hier anhand des Union-Spiels schon ausführlich an dem regressiven Zweikampfverhalten des Spielers Tuta dokumentiert, gegen Hoffenheim zeigten sich nun tendenziell mannschaftliche Regressionen, namentlich das Spiel über Kostic als Dauereinbahnstraße. Das sind nur Tendenzen, aber doch durchaus sichtbar.

Besonders krass und mittlerweile wirklich punktemäßig teuer sind die regelmäßigen krassen defensiven Fehler. Weder individual- noch gruppentaktisch ist Glasner mit den Spielern in der nun fast abgeschlossenen Saison entscheidend weitergekommen. Das ist bedenklich, zumal es sich um Fehlverhalten handelt, das so total falsch ist, dass man es eigentlich recht gut und schnell mit didaktischen Reihen bearbeiten und verbessern kann. Diese Arbeit ist ausgeblieben, wohl der Hauptgrund dafür, dass dieser starke SGE-Kader nur einen Mittelfeldplatz in der Bundesliga belegen wird.

Es steht zu befürchten, dass auch in den anstehenden Halbfinals gegen West Ham United diese extreme Schwäche nicht ohne Konsequenzen bleiben wird. Es ist kaum zu erwarten, dass noch einmal ein Gegner wie der FC Barcelona in vollendeter Arroganz auf eine Gegneranalyse einfach verzichtet und der Eintracht fröhlich in alle Fallen läuft und genauso spielt, wie es der SGE am liebsten ist.

Immerhin hat Glasner die dauernden Kettenfehler, das oft totale Kettenchaos, das er von Hütter geerbt hat, einigermaßen in den Griff bekommen können, das allein aber genügt nicht, um in der Tabelle mit den vor allem defensiv deutlich koordinierter agierenden Konkurrenten wie Köln, Freiburg oder Union Berlin mithalten zu können. Dafür müssen auch alle anderen defensiven Abläufe gut funktionieren und unforced errors gegen Null tendieren und das ist bei der Eintracht derzeit einfach nicht der Fall.

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Union Berlin – SGE 2:0 (2:0)

Die SGE hatte in dem Spiel nie eine Chance. Ein analytischer Blick auf das ziemlich betrübliche Treiben an der alten Försterei.

Die Aufstellung

Union: Rönnow – Jäckel, Knoche, Baumgartl – Ryerson (84. Trimmel), Haraguchi (67. Schäfer), Khedira, Prömel, Giesselmann (84. Oczipka) – Awoniyi (80. Michel), Becker (67. Voglsammer)

Oben: Die Aufstellung mit Toren, Vorlagen (inkl. herausgeholte Elfmeter) und algorithmisch (aus statistischen Spieldaten) generierten Noten.

Die Realaufstellung der SGE, also die Orte, wo die jeweiligen Spieler sich im Durchschnitt aufgehalten haben.

Die Noten in Klammern oben sind Übersetzungen der Bewertungen der Seite sofascore.com. Sie werden automatisch generiert anhand der individuellen Spieldaten jedes einzelnen Spielers. Nur bei der Torwartposition muss die Note etwas angepasst werden, da die algorithmischen Bewertungen systematisch negativer ausfallen als die der Feldspieler. Auch die Informationen zur Realaufstellung sind Zitate nach sofascore.com.

Die Statistik

Die Highlights

Quelle: Youtube

Das Spiel

Die einschlägigen Statistiken oben verraten es schon: dauerhaft mehr Ballbesitz als der Gegner und trotzdem mehr Ballzeiten im eigenen als im gegnerischen Drittel – bedenkliche Zahlen, da sie dafür sprechen, dass man mit dem vielen Ballbesitz wenig anzufangen wusste, bzw. auf gezieltes Daraufhinspielen des Gegners.

Und so ungefähr war es auch. Ähnlich wie in der Spätphase der vergangenen Saison haben inzwischen alle Bundesliga-Gegner verstanden, wie das SGE-Spiel funktioniert und wie es recht wirksam bekämpft werden kann. Das Problem, das hier seit der frühen Saisonphase angesprochen wurde, schlägt inzwischen voll durch: Während Glasner und das Team im ersten Saisonviertel noch das Element langer Ballpassagen aus der eigenen letzten Reihe bis zum Abschluss (Positionsspiel) zumindest gelegentlich und auch durchaus nicht ganz erfolglos in ihrem Spiel anwendete, hat Glasner das nach der Unentschiedenserie in dieser Saisonphase bis heute weitgehend eingestellt. Stattdessen spielt die SGE mit einem mehr oder weniger dauerhaften Angriffspressing und Schnellkombinationen nach Ballgewinnen im Pressing oder im Mittelfeld.

Union Berlin schlug die SGE in diesem Spiel mit den eigenen Waffen, in diesem Fall indem sie einfach ebenfalls Angriffspressing spielten, nur eben viel aggressiver und aufwendiger als die SGE. Außerdem standen die Berliner tiefer und spielten ihr Konter- und Pressingspiel viel konsequenter, überließen der SGE ganz bewusst die Initiative, mit der die Eintracht aber aufgrund des fehlenden bzw. eingestellten Positionsspiel nicht viel anfangen kann, was sich während der gesamten Saison zeigt und wie gesagt, inzwischen jedem Gegner bekannt ist. Hinzu kamen weitere entscheidende Faktoren:

  • Die schwachen Leistungen der SGE-6er Hrustic und Jakic

Hrustic, das wurde hier schon mehrfach dokumentiert, ist kein 6er und für diese Position ungeeignet. Inzwischen stellt sich die Frage, inwiefern der Spieler auf Bundesliganiveau überhaupt einsatzfähig ist. Der Leistungsunterschied zu den beiden Stamm-6ern Rode und Sow ist so groß, dass der Ausfall von beiden so schwer wiegt, dass es die Statik des SGE-Spiels insgesamt so stark beeinträchtigt, dass es instabil wird. Nur einige Beispiele für krasse Fehlleistungen beider SGE-6er, es ließen sich ein Dutzend weitere zeigen:

Hier eine Szene aus der 10. Minute, Stand 0:0 und eine recht gute Situation für die SGE. Man sieht, dass die Union-4er-Kette keinen Zugriff auf Kostic hat, der Passweg ist ebenfalls komplett frei, die SGE hat eine halbwegs brauchbare Boxbesetzung mit Paciencia, Hauge und Lindström, Jakic und Hrustic sind auch noch in Schlagdistanz. Natürlich muss der Ball hier nach außen gespielt werden, die ganze Mannschaft erwartet auch diesen Ball und eine Spielfortsetzung durch Kostic. Stattdessen schießt Hrustic den Ball hier aus fast 25 Metern drei Meter neben das Tor.

Das zweite Tor der Berliner in der 21. Minute ist ein krasser individueller Fehler von Jakic und dann ein starker Schuss von Prömel.

Hier die Situation vor dem Tor. Haraguchi sprintet hier in den Zweikampf mit Jakic, Tutas Pass ist zu schwach gespielt, überhaupt kann man fragen, ob Tuta am eigenen 16er hier einen solchen Pass spielen sollte – trotzdem muss Jakic da natürlich mit dem ersten Kontakt entscheiden, entweder ein Tempodribbling aus der engen Situation versuchen, einen Pass mit dem ersten Kontakt spielen, oder den Ball schlagen. Er nimmt ihn aber im Stand an (!) und so können die Berliner sich den Ball abholen und Prömel ihn dann ins Tor schießen.

Auch bei Jakic sind solche krassen Entscheidungsfehler keine Seltenheit, auch er wird zügig den nächsten Schritt machen und sich an den hohen Handlungsdruck im oberen Profibereich gewöhnen und seine Fehlerquote massiv reduzieren müssen, wenn er nachhaltig auf diesem Niveau spielen will. Beide Spieler sind noch meilenweit von Rode und Sow entfernt. Wenn einer der beiden auf dem Platz steht, mag das nicht so auffallen, allein sind Jakic und Hrustic nicht in der Lage, ein zentrales Mittelfeld in der Bundesliga angemessen zu bilden.

  • Das eigene zu inkonsequente Angriffspressing

Eine der Konstanten des SGE-Spiels war die ganze Saison über das frühe Anlaufen/Pressen des Gegners. Das ist ziemlich laufintensiv und macht nur Sinn, wenn ernsthaft auf Ballgewinne gespielt wird. Dazu müssen die Manöver mit großem Personal- und Laufaufwand durchgeführt werden. Ziel ist, auf alle konstruktiven Anspielstationen des Gegners Zugriff zu erlangen und so Ballgewinne zu erzwingen. Bei der SGE sahen die Bemühungen gegen Berlin oft so aus, wie in dieser Szene aus der 59. Minute:

Hier laufen Ache und Paciencia vorne an, erhalten aber keine Unterstützung von Hauge und Kamada, die mit viel zu großen Abständen keine Anstalten machen, sich an der Pressing-Situation zu beteiligen. So hat Rönnow zwei konstruktive Anspielstationen, die vollkommen frei stehen.

Ob man ein solches Element gegen einen Gegner, der im Grunde jeden Aufbauball nach vorne bläst, überhaupt einsetzen sollte, ist schon fragwürdig. Wenn man es jedoch tut, muss das sehr weit vorne und sehr aggressiv angesetzt werden. Nichts davon war von Seiten der SGE zu sehen, im Gegenteil.

  • individuelle Fehler in der Defensive

Das 0:1 fällt nach zwei langen Bällen der Berliner und einem Zweikampf- bzw. Stellungsfehler von Hinteregger (man kann aber gut und gerne auch die Ansicht vertreten, dass das ein ziemlich klares Foul an Hinteregger war. Nur wenn es kein Foul war, war es ein Fehler).

Im gesamten Spiel war Tuta, wie in den vergangenen Spielen, ein Schwachpunkt. Er ist inzwischen wieder vollkommen in sein altes, in jedem zweiten Zweikampf fehlerhaftes Spiel zurückgefallen und so im Grunde nicht einsetzbar. Inzwischen wissen alle Gegenspieler, dass sie mit Ball an Tuta einfach vorbeirennen können, da er in Zweikämpfen mit Gegner im Laufen einfach stehen bleibt, weder die Innenbahn konsequent zustellt, noch irgendwelche Anstalten macht, seitlich Tempo aufzunehmen und so in den Zweikampf zu kommen:

Bei dieser Top-Chance der Berliner aus der 63. Minute macht Tuta seinen katastrophalen Lieblingsfehler: Gegen den im vollen Tempodribbling auf die Innenbahn ziehenden Awoniyi bleibt er einfach stehen wie ein Stein und versucht, mit einem langen Bein den Ball zu gewinnen. Weder stellt er die Innenbahn zu, noch versucht er seitlich Tempo mit dem Gegenspieler aufzunehmen.

Es ist wirklich auch erstaunlich, dass der Spieler nicht selbst merkt, dass er mit derartigem Verhalten gegen keinen Bundesligastürmer mit etwas Tempo jemals einen Ball gewinnt. Wenn ein hochbezahlter Trainer wie Glasner über Monate nicht in der Lage ist, ein solches Fehlverhalten zu beheben, könnte der Spieler ja vielleicht selbst einmal darauf kommen, dass an dieser Art der Zweikampfführung etwas nicht stimmen kann und man dem Gegenspieler damit ungefähr so viel entgegenzusetzen hat wie eine Slalomstange. Dass Awoniyi hier völlig freistehend aus 16 Metern den Ball übers Tor schießt, ist pures Glück für die SGE.

  • Kettenfehler bzw. schlechte Abstimmung
Hier die Szene vor dem 1. Tor (17. Minute): Tuta muss im MIttelfeld den langen Ball von Rönnow verteidigen und gegen Becker in den Kopfballzweikampf. Tuta kommt zwar an den Ball, kann den Kopfball aber nicht platzieren, der Ball landet bei Khedira, der ihn direkt in die Spitze auf Awoniyi spielt. Dieser geht dann in den Laufzweikampf gegen Hinteregger, setzt sich (regeltechnisch durchaus grenzwertig) gegen Hinteregger durch und schießt das 1:0.

Es ist durchaus fraglich, inwiefern dieses extrem weite Aufrücken zum Angriffspressing zielführend ist gegen eine Mannschaft, die unentwegt lange Bälle spielt. Hinteregger in Sprintduelle gegen Awoniyi zu schicken, insbesondere wenn statt des stärksten 1 gg. 1 – Bundesligatorwarts Trapp mit Jens Grahl ein Spieler im Tor spielt, der seit Jahren kein Pflichtspiel mehr bestritten hat, ist ebenfalls fragwürdig. Die Mannschaft derartig ins Verderben laufen zu lassen, ist von außen kaum nachzuvollziehen.

Noch eine Szene aus der 23. Minute:

Der Pass wird von Haraguchi gespielt, gegen den Hrustic zuvor das gemacht hat, was er für Zweikampfführung hält, Haraguchi kann den Ball also unbedrängt Richtung Awoniyi spielen. Jakic ist ebenfalls links eingerückt, Hinteregger sehr weit (zu weit) nach links gerückt, Chandler hat zu spät die Kette ergänzt. Ergebnis: Berlin hat eine 4:2-Überzahl direkt zum SGE-Tor.

Prömel schießt den dann freistehend neben das Tor. Viel Glück für die SGE.

Eine solche Kettenabstimmung im defensiven Block ist einer Profimannschaft schlicht unwürdig und diese Fehler bestehen so oder so ähnlich (man erinnere sich an die Gegentore gegen Freiburg zuletzt) seit Saisonbeginn. Zwischenzeitlich konnte die Mannschaft die Fehlerquote etwas reduzieren, inzwischen treten diese haarsträubenden Kettenfehler wieder regelmäßig auf, das ist und bleibt Trainerarbeit.

  • fehlende Kaderbreite

Neben dem Angriffspressing, das die Berliner gut umgehen konnten, ist die zweite gute Waffe der SGE die extrem starke, schnelle und technisch gute Offensivreihe Kostic-Kamada-Borré-Lindström-Knauff. Das Problem ist, dass diese Reihe stark aufeinander eingespielt und damit auch aufeinander angewiesen ist. Die SGE hat zwar einige Spieler im Kader, die spielerisch in der Lage sind, in diesem Reigen mitzuhalten (Hauge, Paciencia, mit Abstrichen Lammers), allerdings spielen diese Spieler so selten, dass sie so wenig mit den Kollegen eingespielt sind, und daher kaum einsetzbar sind. Auch ist der spielerische Qualitätsunterschied der 5 selbst zu Hauge noch sichtbar. Auch Hauge zerlegt eigene Angriffe mit falschen Passentscheidungen und/oder technisch schwach ausgeführten Pässen. Ein Beispiel:

16. Minute: Hier eine eigentlich recht gute und übersichtliche Angriffssituation der SGE: Chandler ganz rechts steht vollkommen frei, kann tief mit einem Tempoball angespielt werden, auch Lindström ist anspielbar, Hauge hat auch Platz für ein Tempodribbling, eigentlich auch eine seiner Stärken. Stattdessen entscheidet er sich für einen gewagten Flugpass in den Lauf von Paciencia, der bekanntlich nicht unbedingt im Ansprinten seine größte Stärke hat. Den Pass spielt Hauge dann auch noch schlecht und zu lang, Paciencia kann ihn nicht mehr vor der Auslinie erreichen.

Auch das 0:2 nimmt seinen Ausgang bei einem verlorenen Zweikampf von Hauge, allerdings tief in der Union-Hälfte.

Dennoch ist Hauge von den Spielern aus der 2. Reihe noch derjenige mit der größten Perspektive. Besonders die Szene in der 41. Minute, in der er mit einem starken Dribbling die einzige SGE-Chance der ersten Hälfte produziert, zeigt, welches Potenzial der Spieler mitbringt. (eintracht.tv ab 44:06)

Fazit

Die Berliner gewannen das Spiel fast ausschließlich indem sie die SGE zu Fehlern zwangen und ansonsten mit großem Aufwand ihr Tor verteidigten.

Die Berliner Spielanalage ist Anschauungsunterricht für Glasner und seine Mannschaft, da es zeigt, wie man auch als Mannschaft, die ihre Stärken nicht im Positionsspiel/ eigenem Ballbesitz hat, zuverlässig Spiele gegen ebenfalls eher auf Konter spielende Gegner gewinnen kann. Dafür stehen die Berliner auch gegen solche Gegner tiefer und geben ganz bewusst Initiative an den Gegner ab, so auch gegen die SGE. Das ist wie gesagt ziemlich durchschaubar und man muss Union nicht in die Falle gehen.

Gegen Union zeigte die SGE eines ihrer schwächsten Saisonspiele, einige Spieler, wie Tuta, aber auch Hrustic, haben seit Saisonbeginn kaum oder keine Fortschritte gemacht. Diese Spieler – es gibt weitere, wie etwa Ache oder Touré – sollten ernsthaft darüber nachdenken, wo, auf welchem Niveau und unter welchem Trainer sie ihre jungen Karrieren fortsetzen wollen. Solche Spieler brauchen sowohl viel Spielzeit, als auch einen Trainer, der mit ihnen intensiv an individuellem Fehlverhalten arbeitet.

Erst mit der Einwechslung von Hasebe in der 76. Minute auf der 6er-Position erhielt das SGE-Spiel etwas mehr Struktur. Es bleibt eines der großen Glasner-Rätsel, warum er Hasebe nicht als 6er einsetzt, der vielleicht nicht mehr in der Frequenz wie Rode und Sow spielen kann und in den Top-Spielen vielleicht auch nicht mehr das individuelle Tempo mitgehen kann, der aber nach wie vor die Position deutlich stärker spielen kann als Hrustic (was allerdings auch nicht sonderlich schwierig ist) und Jakic und der die sich häufenden Ausfälle von Rode und Sow etwas hätte abfedern können. Auch warum man einen soliden Bundesliga-6er wie Kohr jahrelang nach Mainz verleiht, ist inzwischen nur noch schwer nachzuvollziehen. Jakic wäre als vierter 6er auch regelmäßig einsetzbar, braucht aber sehr sichtbar einen sicheren Nebenmann auf der Position, um seine Unsicherheiten, Stellungsfehler, Handlungsentscheidungen und Übermotiviertheiten auszugleichen. Stattdessen ließ Glasner Hasebe oft als Innenverteidiger auflaufen, der er nicht ist, und machte ihn damit, wie zuvor schon Hütter, zum Sicherheitsrisiko. Mit einer solchen Personalpolitik tut man niemandem einen Gefallen.

Womit wir beim letzten Punkt wären: Das Union-Spiel hat erneut gezeigt, dass der Kader qualitativ zu wenig breit ist. Hinter der ersten Elf klafft eine große Lücke, die kaum gestopft werden kann. Das ist zum Teil der Kaderpolitik der letzten Jahre geschuldet, allerdings teilweise auch hausgemacht. Warum weder Da Costa, noch Touré, noch Durm, Hauge, Ilsanker oder Paciencia in eine dauerhafte, leichte Rotation aufgenommen wurden, ist rätselhaft. Diese Spieler sind gestandene Bundesligaspieler, die auf ihren Positionen jederzeit einsetzbar sind. Wenn man sie allerdings monatelang auf die Bank setzt und ihnen maximal Kurzeinsätze gibt, wird der Abstand zur Stammelf immer größer und es ist dann kaum verwunderlich, dass sie mit dem Rest der Mannschaft nicht eingespielt sind, und wenn sie dann einmal spielen müssen, hundert Missverständnisse auf dem Platz entstehen und kein Ablauf mehr passt. Wenn dann eine Situation wie vor dem Union-Spiel auftritt, in dem mehrere Stammspieler ausfallen bzw. geschont werden sollen, bricht das komplette Chaos in allen Mannschaftsteilen aus und man hat nicht mehr den Hauch einer Chance gegen eine sehr durchschaubar spielende und technisch unterlegene Mannschaft wie Union Berlin – das muss man auch erst einmal hinbekommen.

Bei aller Kritik muss aber auch festgehalten werden, dass es auch für Glasner die erste Erfahrung mit einer Mannschaft in voller Doppelbelastung ist, das gleiche gilt für viele der jungen Spieler.

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