Spezial: Kettenverteidigung

Nach wie vor heiß diskutiert wird die defensive Ausrichtung der SGE. Inzwischen dürfte klargeworden sein, dass eine spielerisch stark besetzte Mannschaft wie die SGE auf defensive Stabilität angewiesen ist.

Vorbemerkungen & Statistisches

In den letzten beiden Spielzeiten sorgten jeweils Gegentorschwemmen dafür, dass die SGE in der Bundesliga keine besseren Platzierungen erreichen konnte. In der Saison 2020/21 kassierte man, damals war noch Adi Hütter Trainer, 53 Gegentore, also 1,56 pro Spiel. Glasner gelang es in seiner ersten Saison als Trainer, diese Quote etwas zu senken, in der Saison 2021/22 kassierte die SGE „nur“ noch 49 Gegentreffer (1,44 pro Spiel), was aber mit deutlich weniger eigenen Treffern einherging (45 statt 69 in der Hütter-Saison). Insgesamt waren das im Durchschnitt der vergangenen beiden Jahre exakt 1,5 Gegentore pro Spiel. Eine tabellarisch vergleichbare Mannschaft wie Union Berlin hatte im gleichen Zeitraum eine Quote von 1,28, Leverkusen kam auf 1,26 Gegentore, das Mittel der Champions League-Teilnehmer lag in den vergangenen beiden Spielzeiten bei 1,22 Gegentoren pro Spiel. Das ist übrigens im internationalen Vergleich immer noch extrem viel. Die Top-4 der Premier League ließen im Vergleichszeitraum nur 0,92 Gegentore pro Spiel zu, die spanischen Top-Teams sogar nur 0,88.

In den 13 Spielen der Europa League der Saison 2021/22 kassierte die SGE insgesamt indes 13 Gegentreffer, also genau eins pro Spiel, die Quote war also deutlich besser als in der Bundesliga.

Allein diese statistischen Werte legen nahe, dass Erfolg im Fußball zu einem großen Teil von der Fähigkeit abhängt, möglichst wenig Gegentore zuzulassen, womit wir in medias res wären, also der Frage danach, wie modernes Defensivspiel funktioniert, gelehrt wird und wie es bei der Eintracht durchgeführt wird, welche Stärken und Schwächen das von Glasner trainierte Defensivkonzept hat, wie die Unterschiede zwischen 4er und 5er-Kette zu bewerten sind und welche Rolle diese Systemfrage im Gesamtkonstrukt spielt.

In der Trainingslehre, also der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Didaktik und Methodik fußballspezifischer Inhalte, gibt es zwar durchaus unterschiedliche Ansichten in Detailfragen, die Grundabläufe sind jedoch relativ klar zu beschreiben. Einer der Vorreiter im deutschen Ausbildungsbereich bezüglich des Vermittelns des Kettenverteidigens war und ist der DFB-Ausbilder Ralf Peter. Von ihm gibt es auch ein Online-Seminar zum Thema, das als Grundlegung maßgebend ist und das hier auch als Faktengrundlage zu gelten hat. Wer sich umfassend mit der Thematik vertraut machen möchte, kann sich das gesamte Seminar ansehen, es ist kostenfrei und hat insgesamt eine Laufzeit von rund 55 Minuten. Für weitergehende Literatur bietet der Philippka-Verlag ein großes Sortiment an Trainingslehre und Taktikschulung.

Aber zur Sache.

Theorie und Praxis der Kettenverteidigung

Beim Kettenverteidigen wird im Unterschied zum Spiel mit Libero und Manndeckern seitlich und auf einer Höhe verschoben. Das hat den entscheidenden Vorteil, dass die Kette eine Abseitshöhe bildet, die gegnerischen Stürmer also weiter vom Tor ferngehalten werden, als wenn stets ein Libero noch hinter dem hintersten Innenverteidiger zur Absicherung stehen muss. Dieser Vorteil ist einer der entscheidenden Gründe dafür, dass sich das Kettenverteidigen inzwischen weltweit durchgesetzt hat. Auch Peter zeigt das in seinem Seminar:

Links Ralf Peter, rechts sein Beispiel, hier im abgedunkelten Bereich. Der blaue Innenverteidiger steht nicht auf einer Höhe mit den beiden anderen Verteidigern (er steht also wie ein klassischer Libero) und öffnet damit den breiten Raum für den gegnerischen (roten) Stürmer, der damit hier nicht im Abseits steht.

Peter insistiert in dieser Sequenz (ab 9:25) auch darauf, dass mit der Viererkette nicht auf, sondern mit Abseits gespielt werden sollte, also im Normalfall eine Kette keine gezielte Abseitsfalle stellt (also auf ein Signal bewusst herausrückt, um einen Gegner ins Abseits zu stellen), sondern immer auf Höhe agiert und damit Stürmer, die die Abseitslinie übertreten, automatisch ins Abseits stellt. Dieses „auf Höhe spielen“, ein Grundablauf beim Kettenverteidigen, sorgt bei der SGE regelmäßig für Probleme, wie etwa hier beim Gegentreffer zum 3:4 im Spiel gegen Werder Bremen:

Ndicka steht (wie ein Libero) hinter den Abwehrkollegen, Ducksch steht daher nicht im Abseits, Ndicka foult ihn dann, was zum Elfmeter führt. Hier könnte man noch diskutieren, ob das „Nach-hinten-Absetzen“ von Ndicka richtig ist, dann hätte das aber auch Tuta durchführen müssen und in den Zweikamf gegen Ducksch laufen, da er den kürzeren Weg hatte.

Ebenfalls in diesem ersten Kapitel geht es um das seitliche Verschieben der Kette. Auch dabei können Probleme entstehen.

Hier in der Übersicht:

Aus der Grundformation (Abstände der Kettenspieler sollte max. 10 bis 12 Meter betragen) muss der Ballbesitzer außen vom Außenverteidiger angelaufen werden.

Dadurch öffnet sich naturgemäß ein Raum zwischen dem rechten Innenverteidiger und dem Außenverteidiger. Hier:

Da der rechte Außenverteidiger (RA) herausrücken muss, um den Gegner zu stellen, entsteht zwischen ihm und dem ballnahen Innenverteidiger (IV) ein zu großer Abstand.

Zunächst ist entscheidend, dass der Außenverteidiger (AV) den Gegner außen nur anläuft und nicht direkt auf Ballgewinn in den Zweikampf rennt, wodurch er leicht ausgedribbelt werden kann. Wenn in einer solchen Situation der AV auf diese Weise ganz aus dem Spiel ist, wird der freie Raum natürlich noch größer, wie hier beim SGE-Gegentor gegen Lissabon:

Hier ist der AV Jakic sogar komplett aus dem Spiel und Tuta übernimmt hinter ihm das Schieben auf die Außenbahn. Zwischen ihm und dem nächsten IV Ndicka entsteht ein sehr großer freier Raum, über den Sporting dann das Tor erzielt.

Aber selbst wenn die Kette komplett ist, ergibt sich der zu große Abstand, der irgendwie geschlossen werden muss. Zum Schließen dieses Raumes gibt es drei Lösungsansätze:

Erstens: Die Kette schiebt komplett durch:

So sind alle Räume geschlossen, aber in der Zentrale stehen nun zwei Offensivspieler jeweils im Rücken der Verteidiger und hinter dem linken AV ergibt sich ein großer Freiraum.

Peter weist im Video noch darauf hin, dass Außenverteidiger häufig eher kleine, technisch starke Spieler sind und es unpassend ist, wenn sie in der zentrale 1 gg. 1 gegen den gegnerischen Mittelstürmer stehen.

Dennoch ist das eine recht gute Lösung, denn in der Zentrale können die Sechser mit recht kurzen Wegen eine Überzahl in oder an der Box herstellen.

Zweitens: Die IV bleiben innen, der Freiraum wird von einem Sechser zugelaufen.

Die IV bleiben innen, der Sechser schließt den Raum hinter dem rechten AV.

Vorteil ist, dass die Innenverteidigung nicht gesprengt wird und die meist zweikampf- und kopfballstarken IV bei den gegnerischen Stürmern bleiben können.

Nachteil (auch darauf weist Peter in dem Seminar hin): Die Bälle nach außen werden oft von der Sechserposition aus gespielt, die Wege für die Sechser in die letzte Reihe werden also oft sehr weit und daher kann das schnell schief gehen:

Hier öffnet sich der Raum zwischen IV und AV. Sow müsste ihn längst geschlossen haben, ist aber zu spät. Der Ball landet dann bei dem Kölner und Sow kann gerade noch zur Ecke klären.

Aber auch diese Lösung ist durchführbar, dafür müssen die Abstände Kette-Sechser aber gering gehalten werden, damit die Sechser keine allzu langen Wege nach hinten in die Kette haben und die Sechser müssen sehr aufmerksam sein und dürfen ihre Wege nach hinten nicht verschlafen.

Auch sollten die Außenverteidiger sich nicht aus dem Spiel nehmen lassen, indem sie zu schnell auf einen ballführenden Gegner laufen, was bei der SGE eine der Hauptfehlerquellen im Abwehrverbund ist.

Peter zeigt in Kapitel 3 ab 4:50 in einer konkreten Trainingssituation mit Jugendspielern, worauf beim 1 gg. 1 außen mit Gegner mit Gesicht zum Tor zu achten ist: Den Gegner Stellen mit Distanz, um ihn etwas auszubremsen und dem Doppelpartner die Chance zu geben, in den Zweikampf zu kommen, Tempo des Gegners seitlich aufnehmen, aus dieser Situation in den Zweikampf kommen:

Hier zeigt der Trainer die richtige seitliche Distanz zum anlaufenden Stürmer, das Bild ist ungefähr aus Torperspektive aufgenommen. Deutlich zu sehen das seitliche Anlaufen und Aufnehmen der Laufrichtung des Gegners.

Ab 6:30 im 3. Kapitel sieht man, wie das mit Jugendlichen geübt wird und in dieser Szene macht der kleine Verteidiger auch schon vieles richtig (verzögern, Distanz halten, auf den Gegner reagieren, immer im Spiel bleiben).

Drittens: Man spielt statt mit Fünfer- statt mit Viererkette

Damit sind ebenfalls alle Räume zugestellt, kein Sechser muss eingreifen.

Vorteil: Die Wege hinten werden kürzer, dadurch entfällt ein Teil der Fehlerquellen.

Nachteil: Der zusätzliche Verteidiger fehlt naturgemäß im Offensivbereich oder im Mittelfeld. (Genaueres siehe weiter unten)

Hier die Fünferkette gegen den VfB. Alle können sorglos seitlich schieben, selbst die kleineren Stellungsfehler (Höhe) schlagen hier kaum zu Buche. Im weiteren Verlauf dieser Szene ist das noch deutlicher. (eintracht.tv ab 19:14)

Die grundsätzlichen Abläufe beim seitlichen Schieben ändern sich also in keiner Weise, allein die Wege beim Schieben werden kürzer, auch die Abstände zwischen den Kettenmitgliedern insgesamt können kürzer gehalten werden. Sonst ändert sich wenig bzw. nichts. Detailliert und anhand verschiedener Animationen erklärt Peter die verschiedenen Verhaltensweisen beim Schieben nach außen im zweiten Teil des Online-Seminares ab 4:40.

Zurück zur Trainings- und Spiellehre. Peter kommt in seinem Vortrag dann auf das „Höhe halten“ bzw. nach hinten absetzen. (ab 10:27) Er argumentiert, dass die Kette (Vierer- oder Fünferkette ist unerheblich) in der Zentrale bei allen Spielsituationen grundsätzlich die Höhe hinten halten und in bestimmten Fällen sich nach hinten absetzen sollte, nämlich

dann, wenn die Sechser bzw. das Mittelfeld überspielt ist und der Gegenspieler mit Tempo auf die Kette zuläuft.

und zweitens

wenn absehbar lange Bälle von hinten gespielt werden.

Im ersten Fall ist die Abbildung etwas unglücklich, denn im Raum des andribbelnden Gegners sollte durchaus eher herausgerückt werden, statt sich auf einer Höhe nach hinten abzusetzen, bzw. eine gut eingespielte Kette macht beide Bewegungen gleichzeitig, versucht also den Gegner zu stellen und gleichzeitig sich dabei nach hinten abzusetzen. Korrektes Verhalten sähe also eher so aus:

Hier sieht man auch, warum die letzte Reihe hier zurückweichen sollte: Zum einen, um den Mitspielern die Möglichkeit zu geben, wieder in die Situation zu kommen, bzw. weil es wenig ratsam ist, einen Gegner im Tempodribbling offensiv anzulaufen, da man dann schnell ausgespielt ist was in dieser Situation dann eine Unterzahl evozieren würde. Ziel dieses Zurückweichens ist also einerseits wieder Überzahl zu erlangen, andererseits, den Gegner auszubremsen.

Der zweite Fall, in dem sich die Kette nach hinten absetzen muss, sind lange Bälle aus dem Aufbau direkt in die Spitze, zumindest dann, wenn die Kette in einer Pressingform steht, die es dem Gegner andernfalls möglich machen würde, den Ball über die beiden Innenverteidiger und in den Lauf eines Mitspielers zu spielen:

Bei einem solchen langen Ball aus dem Aufbau sollten die Innenverteidiger nicht in die Situation kommen, in ein Laufduell direkt zum eigenen Tor zu müssen, daher sollten sie sich frühzeitig nach hinten absetzen, wenn ein solcher langer Ball zu erwarten ist. (Kamptel 2: Animation ab 13:57)

In welchen Situationen die Kette die Höhe halten muss und in welchen sie zurückweichen muss, erklärt Peter im zweiten Kapitel etwas ausführlicher ab 10:33 und im Detail ab 13:20.

Alles in allem lässt sich das reine Kettenschieben auf zwei Grundsituationen herunterbrechen:

Seitliches Verschieben in die Außen. bzw. Halbräume mit jeweils Anschluss der übrigen Kettenverteidiger. Ob Vierer- oder Fünferkette spielt keine Rolle.

Ein Fehlverhalten, das wir bei der SGE bereits häufiger gesehen haben, thematisiert Peter in Kapitel 2 ab 11:15: Das zu frühe Herausschieben der Innenverteidiger (zu mannorientiert):

Hier im eingefärbten Bereich gut zu sehen, dass der rechte IV relativ weit mannorientiert aus der Kette läuft und damit hinter ihm ein Raum entsteht, in den eine Spitze kreuzen kann.

Hier wird klar, wie wichtig richtige Abstände sind. Peter vernachlässigt hier allerdings etwas die Frage der Passwinkel. Sofern die beiden Mitspieler in der Kette etwas nach innen schieben und die Abstände zwischen sich etwas verkleinern, kann der IV hier auch etwas weiter herausrücken, Das gleiche gilt für den Fall, dass die gesamte Kette etwas nachschiebt. Grundsätzlich gilt, darauf weist auch Peter mehrfach hin, dass es im Detail durchaus verschiedene Möglichkeiten, riskantere und weniger riskante, aggressive und weniger aggressive, gibt, um offene Passwege hinter dem jeweiligen Zweikämpfer zu schließen.

Noch zwei weitere wichtige Aspekte des Kettenspiels gilt es kurz zu beleuchten.

Zum einen das Verhalten der offensiven Mitspieler inkl. der Sechser, die in den Situationen, in denen die hintere Reihe arbeitet, helfen müssen. Das spielt bei der SGE eine große Rolle, daher hier noch ein kurzes Spotlight darauf.

Eine Szene aus dem Hinspiel gegen Sporting: Jakic als RV ist weit außen im Zweikampf, zum „Nach hinten-Doppeln“ kommt hier Kamada dazu.

Dieses Doppeln nach hinten ist bei der SGE sehr ausgeprägt, alle Spieler der Pressingabteilung sind beteiligt, wer am günstigsten steht, unterstützt die hintere Reihe, das ist in den Spielen sehr häufig zu beobachten.

Zum anderen das defensive Zweikampfverhalten der IV in der Zentrale gegen Gegner mit Rücken zum Tor. Das ist eine Grundsituation, die im Spiel häufig vorkommt und ebenfalls regelmäßige Fehlerquelle ist, entweder weil der zuständige IV zu weit aus der Kette herausrückt, oder weil die Zweikämpfe falsch bestritten werden. Trainings- und Spiellehre werden ausführlich von Peter im 3. Kapitel ab 10:25 erörtert, hier nur ganz Grundsätzliches. Erstes Ziel des Verteidigerspiels hier ist es, zu verhindern, dass der Stürmer selbst aufdrehen kann und wenn er das doch schafft, sofort aggressiv seitlich in den Körperzweikampf zu kommen. Zwei Dinge sind entscheidend:

Einmal wieder die korrekte Zweikampfdistanz:

Hier das Bild, das auch Peter benutzt: Der Abstand sollte eine Unterarm- bis Armlänge betragen, hier ist jedenfalls direkter Körperkontakt falsch, da das dem Stürmer die Möglichkeit gibt, sich um den Gegner herum aufzudrehen. Eine größere Distanz wäre auch falsch, da sich der Stürmer dann zu einem frontalen (gefährlicheren) 1 gg. 1 aufdrehen könnte. Ganz falsch wäre, mit einem langen Bein den abgedeckten Ball zu attackieren.
Aus der korrekten Disanz kann der Stürmer im Moment des offensiven Aufdrehens seitlich attackiert und der Ball gewonnen werden.

Diese klaren individualtaktischen Abläufe sorgen bei der SGE nach wie vor häufig für Probleme, nur zwei Beispiele.

Klassische Situation, Stürmer mit Rücken zum Tor, IV dagegen. Hier sucht der SGE-IV Körperkontakt zum Gegner und versucht unten den Ball zu attackieren, der Stürmer könnte sich jetzt um ihn herum aufdrehen und wäre dann frei Richtung Tor unterwegs. Er muss dann gefoult werden, wofür es die gelbe Karte gab. Das ist eine Situation aus dem Marseille-Spiel.

Hier das Fehlerbild in der Nahaufnahme:

Keine Distanz, Attackieren des unerreichbaren Balles, der verlorene Zweikampf kann nur nur noch durch Foul „gerettet“ werden.

Und das zweite Beispiel ist aus dem Stuttgart-Spiel.

Ähnliche Situation, gleicher Fehler, diesmal von Ebimbe. Keine Distanz zum Gegner, stattdessen Körperkontakt und Attackieren des Balles. Der Gegner kann sich aufdrehen. Das macht der Stuttgarter Stürmer dann auch und erzielt das Anschlusstor.

In beiden Zweikämpfen also die gleichen Fehler. Aus einer schlechten Abwehrposition wird versucht, unten mit den Füßen Richtung Ball zu gehen, was niemals funktionieren kann, da der Ball vom Gegner gedeckt ist und stattdessen die Gefahr birgt, dass man ihn am Knöchel trifft (Foul, Gelbe Karte, tornaher Freistoß), oder der Gegner kann sich gleich ganz aufdrehen und aufs Tor schießen. Dass beide Spieler, die hier die Fehler produzieren, gelernte Sechser sind und keine IV, ist sicher kein Zufall, aber auch Ndicka und Tuta unterlaufen solche Fehler noch zu oft.

Einen nahezu perfekten Laufzweikampf mit verschiedenen oben gezeigten individualtaktischen Anforderungen, Distanz halten, verzögern und schließlich dem Ballgewinn zeigte im Stuttgart-Spiel hingegen Smolcic (eintracht.tv ab 50:00).

Ab 12:56 im 3. Kapitel zeigt Peter dann anhand mehrerer Szenen sehr anschaulich, wie das Kettenspiel trainiert wird, für alle, die sich für die Abläufe im Spiel interessieren und insbesondere für Trainer, die mit ihrer Mannschaft an der Kettenverteidigung arbeiten wollen, ist das sehr zu empfehlen.

Auswirkungen der Systemumstellungen

Eine Frage wäre noch offen: Bei der SGE folgt die defensive Ausrichtung stark dem Angriffs- bzw. Mittelfeldpressing, es wird vergleichsweise früh angelaufen, die Mannschaft ist oft stark an ballorientiertem Druck machen interessiert, auch das birgt naturgemäß Fehlerquellen. Das Glasner-Spiel setzt also auf frühes Pressing und riskantes, ballorientiertes Verteidigen nach vorne. Daher spielt die Frage nach Vierer- oder Fünferkette auch eine nicht unerhebliche Rolle. Noch ein Blick darauf.

Hier die extrem aggressive Pressingformation der SGE mit Viererkette gegen Leipzig. Gegen den Ball, man sieht es hier, spielte Glasner hier ein 4-1-5. Aggressiver, offensiver kann man kaum mehr aufstellen. In dieser Formation hat man praktisch überall auf dem Platz Doppelzugriff, auch ganz vorne, also auf den ersten Aufbauball des Gegners.

Das wird riskant, sowie ein Gegner einen schellen Anschluss spielen kann, weswegen die Ballführer immer sehr schnell in den direkten Körperzweikampf verwickelt werden sollen.

Hier die Auswirkungen der Systemumstellung:

Oben das extrem aggressive Pressing mit 5er-Pressingabteilung gegen Leipzig, unten das deutlich defensivere, eher auf Mittelfeldpressing ausgelegte 5-1-4 gegen den Ball.

Aus analytischer und taktischer Sicht ist das 4-1-5-Pressing natürlich interessanter als das konventionellere Spiel mit der Fünferkette. Genaueres zu den Vor- und Nachteilen, den genauen Abläufe beider Systeme dann in einem Pressing-Spezial in der Winterpause.

Wer eine etwas klassischer agierende Viererkette in Aktion betrachten möchte, die den Lehrvideos von Ralf Peter schon recht nahe kommt, dem seien noch die Spiele der SGE-Frauen empfohlen, auch diese sind zumindest teilweise im Re-Live auf eintracht.tv einsehbar. Das genauer zu beleuchten hätte hier allerdings etwas den Rahmen gesprengt.

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VfB Stuttgart – SGE 1:3 (0:1)

Mit drei Standard-Toren gewinnt die SGE verdient in Stuttgart. Das Spiel wirkte souverän geführt. Ein Blick auf die Highlights und die Schlüssel zum erfolgreichen Spiel.

Die Aufstellung

SGE: Trapp – Ndicka (83. Smolcic), Hasebe, Tuta – Knauff, Rode (67. Ebimbe), Sow, Jakic – Götze (75. Chandler), Kamada, Kolo Muani (68. Borré) — Trainer: Glasner

VfB: Müller – Ito, Anton (86. Kastanaras), Mavropanos – Sosa, Karazor (59. Egloff), Führich (65. Tiago Tomas) – Silas, Ahamada (65. Ahamada), Endo – Guirassy — Trainer: Matarazzo

Die Statistik

gibt es hier, hier und hier

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die Spielanalyse

Anders als zuletzt der VfL Wolfsburg versuchten es die Stuttgarter mit aggressivem Anlaufen, auch schon in der vorderen Reihe, mit auf den Seiten geschaffenen Überzahlsituationen, in die die Bälle dann gespielt wurden und mannorientiertem Spiel im 6er-Bereich und oft auch in der letzten Reihe.

Dieses Konzept ist für die SGE aufgrund ihrer technischen (Pass-)stärke praktisch auf dem ganzen Platz besser zu bespielen als die totale Raumverengung in den Defensivreihen wie es zuletzt der VfL Wolfsburg betrieben hat.

Die Entstehung des Kamada-Freistoßes, der zum 0:1 führte, war eine Blaupause für diese Erkenntnis.

Das VfB-Pressing ist hier nicht auf Ballgewinn vorne angelegt, Ahamada presst hier nicht auf Ballgewinn, sondern soll die SGE zwingen, den Ball nach außen zu spielen. Die SGE hat hier beim Rasenschach aber gute Karten. Es öffnen sich zwei Passwege. Der eine, auf Jakic, ist der vom VfB gewünschte, dort hätte man Zugriff. Allerdings hat Kamada dort für einen Anschluss gesorgt. Der andere Passweg, in die Zentrale auf Kolo Muani, entsteht, weil der VfB diesen offenlässt. Das ist sicher so nicht geplant. Endo deckt hier keinen relevanten Raum und auch Ahamadas Anlaufen genügt nicht, um den Innenbahn-Pass zu verhindern.

Dennoch ist das ein riskanter, technisch anspruchsvoller Pass und dass Tuta den spielen kann und spielt, ist schlicht Passqualität, Übersicht und Selbstvertrauen des Spielers, also technisch-individuelle Stärke. Mit diesem Pass ist die VfB-Pressing-Linie überspielt und im Grunde schon eine Notsituation für die Stuttgarter hergestellt. Die SGE versucht die Situation sofort mit Tempo auszuspielen. Sow rückt nach, bekommt den Klatsch-Pass von Kolo Muani, spielt dann aber einen sehr ungenauen Chip- bzw. Halbflugball Richtung Kolo Muani, der bei Anton landet.

Obwohl der Ball schlecht gespielt ist und bei Anton landet, stehen hier die Chancen der SGE auf einen Gegenpressing-Rebound ausgesprochen gut. Der Ball müsste schon genau bei Endo landen, damit der VfB wieder in kontrollierten Ballbesitz kommen könnte, aber selbst einen solchen halbhohen Ball könnte Rode sofort attackieren, auf alle anderen Anschlussspieler der Stuttgarter hat die Eintracht direkten Zugriff. Der Ball landet in den Füßen von Kamada.

Das ist eine Stärke der SGE unter Glasner: sehr konzentriertes und gut organisiertes Gegenpressing. Das sieht man häufig und hier ist es voll wirksam. Kamada erkennt die Situation, geht sofort ins Dribbling, um das Spieltempo hoch zu halten und muss vom VfB aggressiv bearbeitet werden:

Recht gut im Standbild zu sehen: Kamada kommt im Dribbling an Anton vorbei, Mavropanos bewegt sich zum Ball, Götze bewegt sich in den freien Raum hinter ihm und Kamada hätte den Ball nur noch zu Götze bringen müssen, damit der frei vor dem Tor steht (im Bewegtbild noch besser zu sehen, eintracht.tv ab 9:52). Antons Foul ist eine Notaktion zur Verhinderung einer klaren SGE-Torchance. Die 3er-Verteidigung des VfB wird hier auch zu spät von Führich ergänzt.

Das hätte gut und gerne auch spielerisch das 0:1 sein können, insofern ist das Tor zwar nach einer Standardsituation gefallen, es wäre aber andernfalls auch ziemlich sicher ein herausgespieltes geworden.

Bei dem Angriff sieht man einige Elemente des SGE-Offensivspiels, die immer wieder zum Tragen kommen und auch live gut beobachtbar sind: Das starke, gut organisierte Gegenpressing, die schnellen gruppentaktischen und individuellen Anschlüsse (gruppentaktisch die Kombination Tuta-Kolo Muani- Sow, individuelle Klasse das Erkennen der Situation und das erfolgreiche Dribbling von Kamada) und das starke Laufspiel in der / in die Spitze von Götze (auch Borré, Lindström und Alario sind Experten in diesem Bereich, der Kader ist hier also sehr gezielt zusammengestellt). Das ist analytischer Anschauungsunterricht zum Thema offensive Manöver, die fast immer ein Zusammenspiel von eingeschliffenen gruppentaktischen Elementen und individueller Klasse sind.

Dass der abgewehrte Freistoß dann Rode auf den Kopf fällt, ist zwar etwas glücklich, aber auch das macht Rode stark und mit Übersicht.

Mit der Führung öffnet sich das Spiel natürlich noch mehr zugunsten der SGE, nun sind die Stuttgarter früh auf eigene offensive Ball-Initiative angewiesen. Nach Rückstand erhöht sich fast immer statistisch der Ballbesitzanteil der zurückliegenden Mannschaft, so auch in diesem Spiel, in dem die Stuttgarter in der ersten Halbzeit 58 Prozent Ballbesitz erzielten, auch das, also die Möglichkeit, auf Konter, Tempogegenstöße, Schnellkombinationen mit etwas Raum setzen zu können, kommt den Stärken und dem Entwicklungsstand der SGE entgegen.

Ein Blick auf die Spielanlage des VfB und die Arbeit der SGE dagegen:

Der VfB versuchte es häufig mit „Überladen“ der Seiten und sehr breiter Grundformation. Gut zu sehen, dass auf beiden Seiten die offensiven Außen an den Auslinien stehen, außerdem die Seiten schon in der Grundformation doppelt besetzt sind. Mit dem Initialpass nach rechts hier, starten zwei weitere Spieler in den Halbraum. Einer in die Spitze, der andere als Querpass-Anspielstation. Die SGE bearbeitete das mit der breiten Fünferkette und, wie hier gut zu sehen, mit zwei weiteren „nach hinten verteidigenden Spielern aus der „Pressingabteilung“.

Gegen einen solch breit aufbauenden Gegner ist naturgemäß viel Laufarbeit nötig, die SGE legt in dem Spiel 5 km mehr zurück als der Gegner, das ist relativ viel. Das Ziel des VfB-Spiels, offensiv außen Überzahl herzustellen, um dann mit schnellem Passspiel in die tiefen, torgefährlichen Räume zu kommen, gelang nur selten, die SGE konnte das mit der breiten Kette und den offensiven Helfern fast immer verhindern.

Allerdings ist das Aufbauspiel der Stuttgarter durchaus variabel, man reagiert auf die jeweiligen Gegebenheiten, also wie hoch, wie intensiv und mit wie vielen Spielern der Gegner anpresst, mal mit Zweier-Aufbau wie in dem Bild oben, mal mit Dreier-Aufbau, auch mit abkippendem Sechser (also einem Sechser, der sich im Aufbau nach hinten in die letzte Reihe fallen lässt, um den Initialpass zu spielen). Eine detailliertere Betrachtung würde hier aber den Rahmen sprengen und das konnte von der SGE auch meist entsprechend gut bearbeitet werden.

Noch ein Blick auf ein Spezifikum des SGE-Offensivspiels bzw. der SGE-Spielanlage: Die Ausrichtung auf den Tiefenpass. Das Glasner-Spiel in der Offensive ist ganz grob auf zwei Elemente zurückzuführen: Zum einen auf Ballzirkulation im Mittelfeld mit wenigen Kontakten, aber Überzahl im ballnahen Mittelfeldbereich und zum zweiten dem aus diesen Ballsicherungsphasen präzisen und schnellen Spiel in die Spitze auf Offensivspieler, die die freien Räume anlaufen.

Eine idealtypische Situation war gegen den VfB diese in der 32. Minute:

Das ist ein Aufbau-Positionsspiel der SGE. Der Ball zuvor kam von Trapp auf Jakic, der spielte zu Kamada. Hier sehen wir die folgende Passkombination Kamada-Götze-Rode. Kolo Muani sieht, dass hinter den beiden VfB-Verteidigern ein Raum für einen Tiefenlauf aufgehen könnte und orientiert sich in die Richtung. Entscheidend: Mit dem Pass auf Rode orientiert sich Ahamada nach innen, macht die Außenbahn auf. Rode erkennt das sofort, schickt Jakic mit einem Pass in den Lauf in die Offensivbewegung.

Und so:

Ahamada, man sieht es, hat die Außenbahn freigegeben, der Offensivpass von Rode auf Jakic öffnet die Situation, der Passweg in die Spitze ist nun offen. Kolo Muani gibt mit seinem Sprint in den offenen Raum das Signal für Jakic, der den Ball sofort longline spielt, womit die hintere Reihe des VfB ausgespielt ist. Allerdings steht Mavropanos hier viel zu tief, nicht mit den anderen Verteidigern auf Höhe und öffnet so erst den Freiraum für Kolo Muani.

Muani spielt den Ball dann quer, Führich kann am langen Pfosten gerade noch so vor Knauff klären (eintracht.tv ab 37:41). In dieser Szene wird ein weiteres wichtiges Element des Offensivspiels sichtbar: die Spontanität. Neben den geplanten Abläufen und der individuell-technischen Klasse der Einzelspieler ist das Element Spontanität hier wichtig. Rode, Jakic und Kolo Muani entscheiden hier schnell und spontan, wie der Angriff zu spielen ist. Ideengeber hier ist wieder Rode, der nach dem kurzen Einrücken von Ahamada spontan entscheidet, den Angriff auf der eigentlich engen rechten Seite weiterzuführen. Jakic und Kolo Muani reagieren sofort mit adäquaten Anschlüssen und so spielt die SGE hier einen tollen Positionsangriff von Torwart Trapp bis zum letzten Pass auf Knauff in 7 Zügen (Pässen) ohne dass ein VfB-Spieler den Ball berührt hätte. Das sind Spielzüge, die man regelmäßig im Normalfall nur von Spitzenmannschaften in der Bundesliga sieht.

Noch ein Blick auf die drei Tore der 2. Halbzeit.

Das zweite Tor der SGE entsteht nach einem Angriffspressing. Rode zwingt VfB-Torwart Müller zu einem weiten Schlag ins Mittelfeld. Den Ball köpft Jakic nach vorne Richtung Kamada, der weiter auf Kolo Muani. Dessen 1 gg. 1 – Versuch wird abgewehrt, Knauff holt den Rebound im Gegenpressing und wird dann von Mavropanos umgesenst. Der Kamada-Freistoß landet dann abgefälscht im Tor.

Ursächlich war also ein Angriffspressing und ein Gegenpressing/Rebound. Diese Szenen wurden hier anhand der letzten Spiele schon mehrfach gezeigt, daher hier nur der Hinweis auf die Entstehung. Interessant, dass die erste Initiative zu dem Manöver wieder von Rode kam, der erkannte, dass der schwach gespielte Rückpass auf Müller ein gutes Pressing-Signal war.

Das Tor des VfB ist aus SGE-Sicht etwas unglücklich entstanden und nur schwer zu verhindern. Im Standbild ist das sehr schwer zu zeigen, aber die Situation ist analytisch interessant, sie zeigt nämlich, dass erstens die Abläufe in der hinteren Reihe komplex sind und dass da bei der SGE, zumindest in dieser Situation wieder einiges durcheinandergeht. Das ist aber nicht unbedingt ursächlich für das Tor. Wer das im Detail nachvollziehen will, muss sich das im Bewegtbild (eintracht.tv ab 37:09 oder in den Highlights) anschauen: Den ersten Zugriffspunkt auf Anton hat Borré, der aber den Zweikampf ohne Not abbricht, womit er das Anton-Dribbling auf die stehende SGE-Defensive zulässt und Sow zwingt, früh aus dem Verband zu laufen. Das ist ziemlich lustloses und schwache Defensivverhalten von Borré in dieser Situation. Daraus entwickelt sich diese Situation:

Die hintere Reihe der SGE ist hier nicht ganz auf einer Höhe, das ist aber nicht unbedingt entscheidend, weil Chandler rechtzeitig außen ansprintet und gegen Silas zuerst am Ball ist. Sein Abwehrversuch landet aber als Querschläger auf der anderen Seite wieder beim VfB.

Im Bewegtbild sieht man allerdings, dass in der letzten Reihe hier Konfusion herrscht: Zum einen muss Ndicka hier gar nicht so weit herausrücken. Steht er etwas tiefer, erreicht er vielleicht den Pass von Anton. Zum zweiten will hier zunächst Hasebe auf abseits spielen bzw. spekuliert auf einen diagonalen Pass, der dann aber nicht kommt (weshalb er hier auch noch etwas vor dem Rest der Kette steht), Jakic und Tuta rücken aber nicht mit heraus. Erst als Hasebe schon den Rückweg antritt, rückt plötzlich Tuta, offenbar irritiert von Hasebes Herausrücken, auch heraus. Jakic und Chandler hingegen bleiben durchgehend tief stehen und machen überhaupt keine Anstalten, hier herauszurücken, um auf Höhe mit dem hinteren IV zu kommen. Chandler steht durchgehend etwas zu weit außen, erreicht dann den Ball von Anton aber als erster. Wie gesagt, das ist hier nicht ursächlich, eher kleinere Abstimmungsprobleme, aber sauberes Kettenspiel sieht anders aus. Den zweiten und besten Zugriffspunkt hat Chandler und „gewinnt“ den Ball hier ja auch, aber sein Querschläger in dieser Situation ist vollkommen unkontrolliert, landet links bei Sosa, der ihn dann technisch stark in die Mitte auf den im Sechzehner völlig freien Tiago Tomas bringt. Der Querschläger von Chandler ist ziemlich lange in der Luft, die SGE mit Hasebe und Ndicka in der Zentrale gut besetzt, Tuta verschläft hier etwas, Tiago Tomas zu decken, aber das ist in den Sekundenbruchteilen auch schwierig. Letztlich ergibt sich diese gruppentaktische etwas knifflige Situation:

Die hintere Reihe der SGE steht tief im eigenen Sechzehner, Ebimbe übernimmt den Zweikampf gegen Tiago Tomas, Sow deckt Egloff. Tiago Tomas dribbelt dann im Bogen um Sow/Egloff herum und schließt frei aufs Tor ab. Der Ball wird abgefälscht und so für Trapp unhaltbar.

Das ist eine gruppentaktische, defensive Grundsituation (kann im Training gut geübt werden) und es gibt zwei Möglichkeiten, sie zu lösen. Entweder bleibt Ebimbe im 1 gg. 1 und verhindert das Aufdrehen von Tomas, oder Ebimbe übergibt an Sow, was er in der Situation auch tut. Welches Verhalten hier das richtige/bessere ist, darüber streiten sich etwas die Geister, Ebimbe hätte hier mit etwas Verzögern und Abstandhalten den seitlichen Zweikampf gegen Tomas ziemlich sicher alleine besser führen können. Auch die hintere Kette hätte früher und schneller herausrücken müssen, Ndicka merkt es dann, aber zu spät.

In der Szene gibt es einige Abstimmungsprobleme, aber das sind keine krassen Kettenfehler, sondern eher Details und Tiago Tomas macht das auch sehr stark.

Noch kurz zum dritten und entscheidenden Tor für die SGE. Die Ecke entsteht nach einem cleveren weiten Einwurf von Chandler auf den ansprintenden Knauff, der dann im Dribbling die Ecke herausholt. Man möge sich das gerne nochmal im Bewegtbild anschauen (oben in den Highlights). Analytisch ist das nicht sehr relevant, obwohl es von den beiden Spielern toll gemacht ist und im Training solche Manöver beim Einwurf durchaus auch geübt werden können. Auch die folgende Ecke und das Tor von Jakic ist gut gemacht, aber der Ball fällt ihm mehr oder minder perfekt auf den Kopf.

Noch zwei Beobachtungen:

Erstens: Auch der VfB (wie bereits Marseille) spielte so häufig über die rechte SGE-Defensivseite, dass es naheliegt, dass auch das Matarazzo-Team Jakic/Tuta als defensive Schwachpunkte ausgemacht hat, bzw. bemerkte, dass dort am ehesten Räume entstehen. (Übrigens ist das Spiel des VfB in den drei vorangegangenen Spielen tendenziell eher rechtslastig gewesen, wie man bei Sofascore nachsehen kann.)

Zweitens: Nach der Einwechslung von Smolcic bestritt der Spieler drei Zweikämpfe und gewann sie in teilweise beeindruckender Art und Weise. Vor allem sein Laufzweikampf gegen Guirassy in der 92. Minute war individualtakisch perfekt geführt, immer auf der Innenbahn, ohne verfrühtes Stürzen auf den Ball und mit enormer Antritts- und Endgeschwindigkeit. (eintracht.tv ab 50:00)

Fazit

Das Ergebnis zugunsten der SGE ist verdienter als es aussieht („nur“ drei Standardtore). Dem ersten Freistoß geht eine Situation voraus, die ohne Freistoß wahrscheinlich gefährlicher geworden wäre, als ein Freistoß am Sechzehner, vor dem dritten SGE-Tor musste der VfB ebenfalls zur Ecke klären, weil Knauff allein auf Müller zugedribbelt ist.

Auch sonst war die SGE deutlich sichtbar die technisch bessere Mannschaft, mit der 5er-Kette hinten fast immer gut organisiert. Es wurde fast durchgehend im Mittelfeld gepresst, eigene Ballbesitzphasen sind inzwischen sehr sicher. Dem VfB ergaben sich nur sehr wenige Möglichkeiten, die SGE ließ im ganzen Spiel genau 2 Schüsse aufs Tor zu.

Das Spiel der SGE ist daher ungefähr das Gegenteil einer „Wundertüte“ (ein Journalist fragte Glasner auf einer PK zuletzt allen Ernstes, ob seine eigene Mannschaft für ihn auch eine solche wäre – da kann man wirklich nur noch staunen), sondern reihte sich in die Entwicklung der Mannschaft seit Saisonbeginn und darüber hinaus ein. Insbesondere die Reduzierung der Fehlerquote in der letzten Reihe kommt seit einigen Monaten voran, unübersehbar auch diesmal. Ob das nachhaltig ist, wird zu beobachten sein. Glasner ist, ähnlich wie in der vergangenen Saison, von seiner aggressiven, sehr häufig mit Angriffspressing arbeitenden Spielidee etwas abgerückt, mit der Fünferkette, die inzwischen sehr konzentriert gestellt wird, geht naturgemäß die Möglichkeit, vorne dauerhaft anpressen zu können, etwas verloren, weil ein Spieler weniger vorne dafür zur Verfügung steht. Die Vorteile des defensiveren, mehr auf Mittelfeldpressing setzenden Konzepts mit Fünferkette sind aber durchaus sichtbar: Zum einen sind die Wege hinten kürzer, es kann besser in der Breite verteidigt werden (wodurch individuelle und auch Ketten-Fehler nicht so ins Gewicht fallen), die etwas tieferen Ballgewinne geben den Offensiven der SGE etwas mehr Räume nach vorne. Sollte aber die Fehlerquote in den Abläufen hinten so niedrig bleiben wie bisher (wie auch schon in den Spielen mit Viererkette), spricht wenig dagegen, zu dem aggressiveren, offensiveren Spiel mit Viererkette zurückzukehren, sobald das Außenverteidiger-Personal wieder einsatzfähig ist.

Je variabler die verschiedenen Konzepte eingesetzt werden können, desto besser. Gegen Mannschaften, die viel auf Aufbau setzen und gut vorne angepresst werden können, wie Leipzig, ist das aggressivere Pressing, das die Viererkette ermöglicht, sicher das richtige Konzept, ebenso im Grunde im Spiel gegen Sporting. In anderen Spielen ist das Mittelfeldpressing und das breite Verteidigen vielleicht die bessere Lösung, wie etwa gegen den sehr stark auf Flügelspiel setzenden VfB.

Die defensiven Abläufe sind davon aber kaum betroffen, diese verändern sich im Grundsatz kaum und mit einer einzigen Personalie hat das rein gar nichts zu tun.

Dazu, wie angekündigt, mehr in einem Ketten-Special demnächst in der Länderspiel-Pause. (In dem auch ein Blick auf das Kettenspiel der SGE-Frauen im BL-Spiel gegen Bayern geworfen wird)

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Olympique Marseille – SGE 0:1 (0:1)

Der erste Champions League – Sieg der SGE war verdient. Analytisch gab es einige Themen, etwa die Frage, mit welcher Kette die SGE denn nun gespielt hat (3er, 4er, 5er – Kette) und der vermeintlich große Leistungsunterschied zum letzten BL-Spiel. Auch die Leistung und der Einfluss von Hasebe standen zumindest bei den Frankfurter Sportjournalisten bzw. vielen Fans im Fokus. Auch dazu einiges zur Aufklärung.

Die Aufstellung

SGE: Trapp – Knauff, Ndicka, Hasebe, Tuta, Jakic (79. Chandler) – Sow – Kamada (88. Ebimbe), Götze (71. Rode), Lindström (79. Borré) – Kolo Muani (88. Alario) – Trainer: Glasner

OM: Lopez – Balerdi, Bailly (65. Guendouzi), Kolasinac (82. Kaboré) – Clauss, Rongier, Veretout, Nuno Tavares – Gerson (59. Harit), Alexis (59. Luis Suarez), Payet (59. Ünder) – Trainer: Tudor

Die Statistik

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Die Highlights

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Die Spielanalyse

Wie hier schon vorausgesagt (was nun wirklich nicht besonders schwer war), zeigte sich im Gegensatz zum Wolfsburg-Spiel diesmal ein ganz anderer Spielverlauf und ganz andere taktische Aufgaben. Marseille versuchte nicht die Schwächen der SGE auszuspielen, sondern suchte offensive, eigene Lösungen. Dass es im Saisonverlauf nur wenige Gegner geben dürfte, die wie die Wolfsburger gnadenlos auf Gegnerschwäche spielen und der Eintracht einfach jeden Ball hinschießen, dafür brauchte es kein großes Expertenwissen, umso erstaunlicher die Abgesänge, die, auch schon nach dem Sporting-Spiel verfasst wurden, dazu später etwas mehr.

Aber zum Spiel. Dazu ein Blick auf die Formation und Veränderungen, die offensiven und defensiven Highlights und – weil immer wieder heiß diskutiert – mal wieder die Rolle von Hasebe.

Formation und taktische Grundabläufe

Zunächst ist festzustellen, dass die SGE praktisch durchgängig eine Vierer- oder Fünferkette bildete. Da Knauff oft offensiv agierte, ergab sich sehr häufig eine Viererkette mit Jakic als rechtem Verteidiger, was sich auch in der Realaufstellung schön zeigt. Eine echte 3er-Kette bildete die SGE praktisch zu keinem defensiven Zeitpunkt, auch agierten weder Knauff noch Jakic als klassische Schienenspieler, daher ist die Spekulation darüber, die 3er-Kette sei irgendwie das bessere System, unsinnig.

Überhaupt ist in dieser Frage Glasner zuzustimmen: Solche vermeintlichen Systemfragen spielen für die tatsächlichen defensiven Abläufe eine untergeordnete Rolle, was daran liegt, dass 90+ Prozent aller Abläufe auf dem Spielfeld gruppentaktischer Natur sind. Mannschaftstaktische Fragen werden in der medialen Berichterstattung heillos überbewertet, fast an keinem defensiven oder offensiven Manöver, das in einem Fußballspiel stattfindet, ist „die ganze Mannschaft“ beteiligt. Im Grunde alle Situationen sind gruppentaktische Aufgaben, müssen also von 2 bis 5 Spielern im Zusammenwirken gelöst werden. Wirklich mannschaftstaktisch sind höchstens Fragen des Verschiebens, der Abstände zwischen den Mannschaftsteilen, des Nachschiebens etc., aber das sind taktische Standardabläufe, die nicht sehr aufregend sind. Wie bereits angekündigt, wird es in der Länderspielpause hier ein kleines Special zur Trainingslehre Kettenspiel geben, wo auf diese Fragen auch nochmal näher eingegangen wird.

Im Spiel gegen Marseille ergab sich bei längeren, kontrollierten Ballphasen von Marseille dieses Bild:

Hier eine von vielen Situationen, diese aus der 4. Minute: Gut zu sehen der 5-1-3-1-Aufzug der SGE-Defensive.

Aus dieser defensiveren Variante, also mit einem Zusätzlichen in der hinteren Reihe, presste die SGE etwas später, steht also etwas tiefer als mit der aggressiveren Viererkette. So auch gegen Marseille: Es wurde nur sehr selten gegen die hintere Reihe der Franzosen gepresst, dafür sehr häufig im Mittelfeldbereich.

Wenn Knauff sich situativ ins Pressing einschaltete, so wie hier in der 13. Minute, wurde hinten meist eine Viererkette gebildet, dann mit NDicka als LV und Hasebe und Tuta als IV-Pärchen.

Von einer (naturgemäß sehr 1 gg. 1 – intensiven) Dreierkette keine Spur im ganzen Spiel.

Marseille war sehr auf eigenen Ballbesitz und Aufbauspiel aus, die SGE auf Mittelfeldpressing und Konter, sodass sich in der ersten Halbzeit bei einem Ballbesitzverhältnis von 61:39 Prozent immer wieder die gleichen oben gezeigten Grund-Spielsituationen ergaben.

Bei eigenem Aufbau agierte die SGE hingegen tatsächlich aus einem Dreier-Aufbau, was aber im Vergleich zum Spiel mit der Viererkette weder signifikante Vor- noch Nachteile brachte, außer dass eben nun vorne einer weniger als Anspielstation bereitsteht. Tuta, Hasebe und Ndicka wechselten sich mit Aufbaubällen ab, Spielentscheidendes oder analytisch Relevantes war nicht dabei.

Hier eine Szene aus der 31. Minute mit dem Dreier-Aufbau hinten. Hier spielt Ndicka den Ball auf Sow und man sieht gut, dass OM häufig mit einem gut organisierten Angriffspressing spielte, hier geht der Ball dann auch gegen Veretout und Alexis verloren. Ebenfalls gut zu sehen: Der Freiraum hinter der OM-Pressinglinie, den die SGE versucht zu bespielen und hier stehen auch mit Jakic und Götze zwei Spieler ziemlich frei.

Außerdem interessant war, dass die SGE-Offensiven, vor allem Kolo Muani, Lindström, aber auch Knauff sich viel häufiger in Tempodribblings durchsetzen konnten als zuletzt. Einige der interessantesten Abschlüsse entsprangen solchen Situationen (Kolo Muani, 25. Minute, Knauff, 39. Minute, Kamada, 75. Minute).

Highlights

Obwohl Jakic sich stark auf die defensiven Aufgaben konzentrierte, wurde Marseille in der Anfangsphase dreimal über seine Position gefährlich, weil Jakic sich Zweikampffehler leistete. OM hatte dadurch einen Abschluss von außerhalb des Sechzehners und einen Schuss ans Außennetz. Hier war Jakic in der Entstehung zu weit aus der Kette gerückt, was gerade im 5-1-Defensivverbund problematisch ist, weil eben nur noch ein Sechser zum Durchsichern da ist. (In der zweiten Halbzeit unterläuft ihm das nochmal mit dem Ergebnis der bis dahin besten Chance der Franzosen, siehe unten, 66. Minute) In der Zentrale verliert dann Hasebe Alexis aus den Augen. Diese sich wiederholenden Fehler von Jakic bzw. der Kette haben wir hier aber schon mehrfach gezeigt, wer es nochmal sehen möchte, hier die Bewegtbilder: eintracht.tv ab 16:20.

Auch die im Grunde größte OM-Chance entsprang einer zu späten Absetzbewegung von Jakic nach hinten bei einem Diagonalpass von Gerson auf Nuno Tavares, der daher flach vor das Tor passen konnte, während in der Mitte Alexis Hasebe weggelaufen war. (eintracht.tv ab 27:28) Nach 23 Minuten ist deutlich, dass OM Jakic als Schwachpunkt ausgemacht hat, jedenfalls wird fast jeder Angriff über die rechte SGE-Seite spielt.

Die SGE hat in der ersten Halbzeit kaum relevante Abschlüsse, und wenn, dann nach Gegenpressingsituationen und schnellem Anschluss Richtung Spitze, wie der Abschluss von Kolo Muani in der 25. Minute. (eintracht.tv ab 29:22).

In der 42. Minute erzielt die SGE ihr erstes Champions League – Tor überhaupt. Es fällt ziemlich ansatzlos, wenig hatte darauf hingedeutet, dass die SGE in Führung gehen würde, es ist ein kleiner Geniestreich von Tuta und Lindström und es ist ganz, ganz streng genommen irregulär, aber der Reihe nach.

Zunächst wird Hasebe „gefoult“, jedenfalls pfeift der Schiedsrichter Freistoß.

Die beiden abgedunkelten Bereiche sind der Ort des Foulspiels und die Ausführung des Freistoßes durch Tuta und man sieht, dass Tuta den Ball knapp 5 Meter von der Stelle des Foulspiels entfernt ausführt, was ziemlich eindeutig regelwidrig ist. Weder der Schiedsrichter, noch der VAR, noch die Spieler von Marseille scheinen das aber wahrgenommen zu haben und so kann Tuta einen langen Flugball auf Lindström spielen, den dieser zuvor mit einem starken Laufweg auch angeboten hat.

Der Ball wird dann zunächst abgefangen, aber Lindström gewinnt aggressiv den Rebound, spielt einen kurzen Doppelpass mit Götze, um Raum zu gewinnen, spielt dann rechts auf Kolo Muani, woraus sich diese Situation ergibt:

Kolo Muani sucht dann eigentlich mit seinem Pass Götze, während Lindström den Weg in die Spitze ansprintet. Der Kolo Muani – Pass landet bei Rongier, der ihn aber nicht kontrollieren kann und ihn Lindström in den Lauf spielt.

Das Tor ist mehr oder minder Ergebnis mehrerer starker Einzelleistungen von Lindström in dieser Szene.

In der 54. Minute hat die SGE einen Lattentreffer. Vorausgegangen war ein im Mittelfeldgegenpressing gewonnener Ball von Kamada, ein Konter über rechts (Jakic) und erneut eine starke Box-Aktion von Lindström, der den abgefälschten Pass von Jakic an die Latte schlägt (eintracht.tv ab 10:08).

Erst nach dem Dreierwechsel seitens Marseille in der 59. Minute wurde es dann wieder gefährlicher für die SGE nach einem Schuss von Ünder aus ca. 11 Metern (eintracht.tv ab 16:13). Der Situation ist aber seitens der SGE kein Kettenfehler vorausgegangen, sondern ein Einwurf für Marseille rechts und danach ein kleinerer Stellungsfehler von Sow.

Der erste gröbere Kettenfehler unterläuft der bis dahin sehr konzentrierten SGE in der 66. Minute, was dann direkt auch zur bis dahin größten Chance des Spiels für Marseille führt. Jakic läuft rechts zu früh und unvorbereitet ins Pressing bzw. aus der Kette, hinter ihm verliert Tuta den entscheidenden Zweikampf gegen Luis Suarez aufgrund zweimal falschen Zweikampfverhaltens (beide Fehlverhalten sind wiederkehrend, demnächst anhand des Traingslehre-Specials mehr dazu) (eintracht.tv ab 65:30).

Nur vier Minuten später (70. Minute, gut nachzuvollziehen in den Highlights ab 6:20) wird die Innenverteidigung Tuta-Hasebe-Ndicka von Marseille ausgespielt, das war in erster Linie sehr stark gespielt von Ünder und Harit, eher kleinere Stellungs- und Ablauffehler bei Hasebe und Ndicka, der Fehler liegt hier eher bei Lindström im Mittelfeld, der Ünder in den Sprint kommen lässt.

Mit zunehmender Spieldauer und Hektik im Angriffsspiel der Marseiller und spätestens ab der Einwechslung von Rode wird die SGE wieder deutlich stärker, hat noch einige gute Abschlüsse (Abschluss Kolo Muani nach starkem Tempodribbling Kamada, sowie das Abseitstor von Kamada nach starkem Zweikampf von Knauff hinten rechts und tollem Pass von Kolo Muani, siehe Highlights ab 6:42).

Hasebes Beitrag

Hasebe machte ein weitgehend unauffälliges Spiel mit den bekannten Stärken und Schwächen. In der ersten Halbzeit verlor er zweimal Alexis aus den Augen, hatte aber auch einige gute Zweikampfsituationen. Insgesamt aber ein stellungsfehlerarmes, gutes Spiel. Die Gelbe Karte sieht er nach dem zweiten (übrigens unnötigen) Foulspiel zu Recht, er geht in den „Zweikampf mit Gegner mit Rücken zum Tor“ gegen Alexis überhastet und falsch. Statt eine Unterarmlänge Distanz zu halten, rennt er dem Gegner in die Hacken. Er produzierte damit, ähnlich wie Pellegrini am Samstag gegen Wolfsburg, einen sehr überflüssigen tornahen Freistoß für den Gegner in der 37. Minute. Daraus entwickelt sich nach einer Clauss-Flanke eine interessante Situation für OM, letztlich aber ungefährlich (Flanke landet bei Trapp). Das war allerdings auch Hasebes schwächste Szene in der ersten Halbzeit.

In den Aufbau der SGE war er hingegen kaum eingebunden, starke Aufbaupässe von ihm waren daher selten, allerdings hat die Eintracht auch insgesamt nur selten Positionsspiel und eigenen Ballbesitz eingesetzt.

Hasebe hat also ein ordentliches, fehlerarmes, konzentriertes aber insgesamt unauffälliges Spiel gemacht, war an keiner ergebnisrelevanten Szene irgendwie positiv (auch nicht negativ) beteiligt. Wie man die Frankfurter Sportjournalisten-Bubble mit 59 Ballkontakten, einer Passquote von 76 Prozent und acht gewonnenen Zweikämpfen (zum Vergleich sein Gegenpart Bailly, der nur 65 Minuten gespielt hat, während Hasebe durchspielte: 77 Ballkontakte, 5 gewonnene Zweikämpfe, Passquote 90%) derart in Ekstase versetzen kann, dass es in der folgenden Pressekonferenz an Glasner Fragen nach der angeblichen Wunderleistung des Japaners hagelt, ist vollkommen unerklärlich, inzwischen auch fragwürdig hinsichtlich einer ernst zu nehmenden und ausgewogenen Berichterstattung und angesichts der anwesenden internationalen Kollegen auch ziemlich zum Fremdschämen. Zumal in dem Spiel gegen Marseille das personell wichtigste Thema die tollen Leistungen von Kamada, Lindström, aber auch Kolo Muani waren, die alle drei gerade dabei sind, einen wichtigen Entwicklungsschritt zu machen.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Hasebe ist ein sehr integrer und freundlicher Sportler. Aber auch seine Leistung gilt es, nüchtern, rational und auch kritisch einzuordnen und das wäre eigentlich die Aufgabe von Sportjournalismus.

Fazit

Wenig überraschend setzt sich die Entwicklung der Mannschaft fort und wer sich angesichts der Entwicklung der SGE mit großen Augen wundert, dass es „mal hoch und mal runter“ gehe, „einiges gestückelt und provisorisch“ wirke, „der Kader irgendwie unrund“ sei, wie in der fr zu lesen war, kann vielleicht einmal zur Kenntnis nehmen, dass Entwicklungen von Fußballmannschaften niemals linear verlaufen.

Tatsächlich reiht sich die Leistung und das Spiel der SGE ziemlich nahtlos in die Entwicklung der Mannschaft ein – wie könnte es anders sein? Und die ist, mit einigen Abstrichen, vorsichtig positiv zu bewerten. Sowohl in den Spielen gegen Bremen, als auch gegen Leipzig, Sporting und Wolfsburg zeigte sich, dass die SGE mit der Verbesserung des Kettenverteidigens durchaus voran kommt, auch wenn, wie gegen Sporting, bei Rückschlägen die Mannschaft in falsche Muster zurückfällt und einige Grundabläufe auch noch zu oft nicht korrekt und zielführend sind. Auch im Spiel gegen Marseille produzierten die Spieler die bekannten Stellungsfehler, nur eben schon viel weniger als noch vor einigen Wochen oder in vielen Bundesligaspielen der letzten Saison. Insgesamt kommen Glasner und das Team einer sicheren Defensivkonstruktion langsam näher, das ist kaum zu übersehen und gut anhand von vielen Szenen zu zeigen. Auch im Marseille-Spiel funktionierte das über weite Strecken recht gut, Glasner ist allerdings auch zuzustimmen, wenn er das in der PK nach dem Spiel auf eine besonders gute Konzentrationsleistung aller Beteiligten zurückführt.

In den offensiven Bereichen ist die Mannschaft ohnehin, wie hier immer und immer wieder gezeigt, stark, besonders in Kontersituationen und Tiefenläufen, in Schnellkombinationen und mit der laufenden Saison geht Glasner, auch das wurde hier begleitend dokumentiert, auch das Aufbau- und Positionsspiel wieder stärker an. Letzteres bleibt, was das Offensivspiel betrifft, die unfertigste Baustelle. Das weiß ein Trainer wie Kovac natürlich und spielt dann eine Extremtaktik, die nur darauf zielt, die größte offensive Schwäche der SGE wirksam zu machen. Dass Glasner sich weigert, in solchen Situationen stärker zu taktieren (siehe Wolfsburg-Analyse) ist durchaus nachvollziehbar, insbesondere wenn er die Mannschaft in diesem Bereich weiterentwickeln will. So etwas richtig einzuordnen, wie auch die unglückliche Niederlage gegen Sporting, ist nicht so schwierig und wäre eigentlich eine weitere Aufgabe für Sportjournalisten.

Gegen Marseille hingegen konnte die SGE zwei ihrer Stärken, das Konterspiel und das (Mittelfeld-)Pressing, gut ausspielen und mit der der 4er-/ 5er- Kette hinten, die inzwischen etwas sicherer steht, zeigte sie auch im zweiten Champions-League-Spiel, dass sie durchaus auf sehr hohem Niveau mithalten kann. Ganz im Gegensatz zur Sportredaktion der fr, die nach dem allerersten (sic!) CL-Spiel des Vereins bereits verkündet hatte, dieser Wettbewerb sei „nicht die Kragenweite“ der Eintracht.

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SGE – VfL Wolfsburg 0:1 (0:0)

Gegen sehr defensive Wolfsburger verlor die SGE das Spiel letztlich unglücklich. Die enorme optische Überlegenheit brachte nichts ein und das Problem, solche tief und mit großer Quantität verteidigenden Mannschaften zu „knacken“, ist aus der vergangenen Saison bekannt. Gründe und Lösungsmöglichkeiten in der Spielanalyse.

Die Aufstellung

SGE: Trapp – Knauff (82. Alidou), Tuta, Ndicka, Pellegrini – Jakic, Sow – Kolo Muani, Götze, Kamada (64. Lindström) – Borré (64. Alario)

VfL: Casteels – Baku, Lacroix, van de Ven, Paulo Otavio – Svanberg (F. Nmecha), Arnold Franjic (Guilavogui), Brekalo (89. Gerhardt) – Waldschmidt (79. Marmoush), L. Nmecha

Die Statistik

gibt es hier, hier und hier

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die Spielanalyse

Zunächst einmal ist es ein regelmäßiges Phänomen, dass man mit extremer Defensiv- und Kontertaktik sehr erfolgreich Fußball spielen kann und es gibt durchaus Mannschaften, auf die eine solche Spielidee gut passt. Die besonders in Deutschland häufig vertretene Ansicht, nur offensiv ausgerichteter, kreativer Fußball sei „guter“ Fußball, ist ein spielphilosophisches Dogma und Dogmen verstellen auch im Sport den Blick auf die Vielfalt von Lösungsmöglichkeiten. Letztlich geht es im Profisport nur darum, ein Spiel zu gewinnen und Sache einer undogmatischen Spielanalyse wird sein müssen, genau solche Lösungen zu finden.

Bevor wir uns mit taktischen Möglichkeiten für solche Situationen wie in dem Spiel der SGE gegen Wolfsburg befassen, ein Blick auf das einzige Tor des Spiels, denn die Entstehung dieses Tores gibt schon erste Hinweise auf adäquates und inadäquates Verhalten gegen sehr defensive Gegner. Der Ecke, die zum Tor führte, ging ein Freistoß der Wolfsburger in der SGE-Hälfte voraus, die letzte Spielszene vor dem 0:1 waren also die Sekunden vor diesem Freistoß. Ausgangspunkt der Entstehung war ein langer Schlag nach Freistoß von Casteels:

Häufig zu sehen in dem Spiel, dass Wolfsburg sich um eigenen Ballbesitz und Spielkontrolle nicht schert, sondern den Ball im Grunde freiwillig an die SGE gibt. So auch hier. Der Ball landet bei Pellegrini.

Die SGE schafft es, den Ball mit einigen kurzen Pässen zu sichern und versucht dann einen Angriffsaufbau durch die Mitte.

Nach dem Pass von Pellegrini in die Zentrale spielt Tuta den Ball vertikal auf den entgegenkommenden Borré. Der Angriff ist auch nicht schlecht gestellt, Anschlussmöglichkeiten für Borré wären Jakic, Knauff rechts oder auch ein eigenes Aufdrehen.

Stattdessen verspringt Borré der (von Tuta allerdings auch nicht optimal gespielte) Ball und landet bei Waldschmidt. Hier:

Pellegrini läuft sehr weit und sehr schnell aus der Kette in den Zweikampf gegen Waldschmidt, der sich den Ball an Pellegrini vorbeilegt, worauf Pellegrini Waldschmidt etwas unmotiviert foult.

Aus diesem Freistoß entsteht dann die Ecke, die zum 0:1 von den Wolfsburgern verwertet wird.

Diese etwas längere Szene ist nicht nur spielentscheidend gewesen, sondern auch ziemlich typisch für das Spiel insgesamt: Viel Aufbauspiel SGE, auch viele eigentlich gut angesetzte Angriffe, aber zu viele kleine und große Fehler bei der technischen Ausführung bzw. Abstimmungsprobleme (die allerdings von den Wolfsburgern mit ihren sehr kurzen Abständen in den beiden Viererketten auch provoziert wurden).

Zu der ersten Standardsituation kommen die Wolfsburger wie die Jungfrau zum Kinde. Warum Pellegrini in dieser vollkommen ungefährlichen Situation derart unmotiviert auf Waldschmidt zustürmt, wird sein Geheimnis bleiben.

Aber auch zum Aufbauspiel gibt die Szene etwas vermittelt Auskunft. Wie gezeigt hat Borré drei gute Anschlussmöglichkeiten, obwohl die Wolfsburger in der Zentrale massiert stehen. Hier nochmal die Situation:

Das Entgegenkommen und das flache Anspiel durch die Mitte sind sicher ein geplantes Aufbaumanöver, aber solche Spielzüge im Positionsspiel sind technisch enorm anspruchsvoll. Hier ist weder der Pass von Tuta optimal, noch die Ballmitnahme von Borré, so geht der Ball verloren.

Und solche Situationen gab es viele. Der Anspruch von Trainer und Mannschaft, so einen Gegner mit geplantem Aufbau- und Positionsspiel ausspielen zu wollen, ist sehr ambitioniert und zumindest in diesem Spiel ging das zu oft schief. Betrachten wir die Bemühungen der SGE in der Phase zwischen 45. und 60. Minute, in der sich das Spiel letztlich entschied, etwas genauer.

Es lassen sich in dieser Zeit 26 voneinander abzugrenzende Spielsituationen feststellen und man sollte sich das mal kurz zu Gemüte führen, um den Charakter des Spiels zu verstehen (wer sich da nicht durchkämpfen will, einfach hinter die 26 Punkte springen):

1 – Angriffsversuch SGE: Flugball Pellegrini in die Spitze auf Borré, zu ungenau Ball landet beim VfL (eintracht.tv ab 00:54)

2 – Angriff VfL: Casteels spielt einen langen Flugball in die Spitze Richtung Nmecha, Ball wird nicht gefährlich (eintracht.tv ab 1:10)

3 – Angriff VfL, SGE presst sofort vorne, Lacroix spielt den langen Ball Richtung Nmecha, Ndicka gewinnt den Zweikampf (eintracht.tv ab 1:45)

4 – Angriff VfL, SGE presst vorne, Baku mit schwachem Longline-Pass in die Spitze, der bei Pellegrini landet (eintracht.tv ab 2:45)

5 – Angriff SGE, wieder Positionsspiel und das wieder etwas genauer:

Der erste offensive Pass gegen das stehende VfL-Bollwerk kommt diesmal von Pellegrini, wieder ist Zielspieler der entgegenkommende Borré und man sieht hier schon, dass die Mannschaft bereits Anschlussmöglichkeiten schafft. Sow kommt zum Querpass, Kamada besetzt Linksaußen, Kolo Muani orientiert sich in die Spitze.
Daraus entsteht dann diese Situation: Borré legt quer auf Sow, der den Tiefenpass auf Kolo Muani zum Tor spielt. Kolo Muani kann sich gegen den stark verteidigenden van de Ven nicht durchsetzen, es gibt Abstoß Wolfsburg. Trotzdem war das gut gespielt und Kolo Muani hätte mit etwas Glück hier eine Ecke herausholen können.

6 – Angriff VfL: Abstoß Casteels zu Lacroix. Der spielt sofort den langen Flugball in die Spitze Richtung Nmecha. Der Ball landet bei Ndicka (eintracht.tv ab 3:40)

7 – Angriff SGE: Ndicka spielt den Initialpass wieder nach links auf Pellegrini, der sofort nach innen ins Dribbling geht und Svanberg gefoult wird. Freistoß SGE (eintracht.tv ab 4:30)

8 – Den Freistoß führt die SGE offensiv über links aus, Pellegrinis Hereingabe ist aber zu unsauber gespielt, obwohl Götze und Kolo Muani als Zielspieler so schlecht nicht standen.

9 – Angriff SGE aus Positionsspiel: Seitenwechsel in der letzten Reihe von links nach rechts, Ndicka-Tuta-Jakic-Knauff, aber der Seitenwechsel ist zu langsam gespielt und die Wolfsburger laufen sehr schnell und mannorientiert alle Anspielstationen für Knauff zu. Trotzdem springt noch ein Einwurf für die SGE heraus (eintracht.tv ab 5:25).

10 – Angriff SGE aus Positionsspiel: Pellegrini mit langem Ball aus der hinteren in die vorderste Reihe auf Kolo Muani, es ergibt sich eine recht interessante Situation mit Borré:

Die Boxbesetzung des SGE ist nicht optimal, weil die zweite vordere Spitzenposition nicht besetzt ist, aber auch nicht ganz schlecht, es gibt zumindest drei Optionen für Borré bei dieser Flankensituation. Seine tatsächliche Hereingabe landet aber in den Armen von Casteels.

11 – Angriff SGE aus Aufbauspiel, diesmal über rechts. Knauff mit Tempodribbling, bleibt hängen, Einwurf SGE (eintracht.tv ab 6:32)

12 – Positionsspiel SGE in der VfL-Hälfte, verfrühter, unsauberer Anspielversuch von Götze Richtung Borré landet bei Casteels

13 – Positionsangriff Wolfsburg über rechts, SGE-Viererkette arbeitet gut und richtig, Halbfeldzuspiel von Baku landet bei Trapp

14 – Aufbauspiel SGE: Tuta mit unmotiviertem langen Ball in die Spitze, landet bei Casteels

15 – Aufbau VfL: Langer Ball Otavio Richtung Nmecha landet bei Tuta

16 – Aufbau SGE: Ndicka mit langem Ball in die Spitze, weit und breit kein SGE-Spieler in der Nähe

17 – Aufbau VfL mit Diagonalball von Casteels nach links, landet kurz drauf bei der SGE

18 – Aus dem Ballgewinn versuchen Götze und Kamada einen Konter, auch recht guter Pass von Kamada Richtung Kolo Muani, den Pass erreicht aber gerade so Lacroix noch vor Kolo Muani

19 – Aufbau Wolfsburg: Langer Ball Richtung Nmecha, landet bei Pellegrini, letztlich gibt es aber Einwurf VfL

20 – Aufbau SGE über links, Pelegrini mit longline-Chip-Pass auf Borré, aber die Wolfsburger stellen alle Anspielmöglichkeiten zu, Rückpass auf Pellegrini

21 – Aufbau über links Pellegrini, longline-Pass auf Götze, dessen Absatzpass landet bei Wolfsburg, Sow setzt nach, gewinnt den Ball, wird gefoult

22 – Die Freistoßflanke von Pellegrini Richtung Tuta ist gut und gefährlich, Wolfsburg kann aber klären

23 – Den Wolfsburger Konter entschärft die SGE-Kontersicherung ohne Probleme

24 – Aufbau SGE über Pellegrini, longline-Flugball Richtung Kamada linksaußen, Kamada steht abseits

25 – Den Freistoß bläst Casteels geradeaus in die Spitze, landet bei Pellegrini

Die 26. Aktion der 2. HZ, der Pass auf den entgegenkommenden Borré, führt dann zu dem Wolfsburger Freistoß und dann der Ecke, die zum Tor führt.

Erkenntnisse:

1. Von 8 Angriffsversuchen der Wolfsburger werden 6 mehr oder minder ungenau nach vorne gedroschen.

2. Die SGE setzt zwar jeweils zum Pressing an, generiert dabei aber keinen verwertbaren Ballgewinn, weil Wolfsburg die Bälle nach vorne geschossen hat, bevor ein Frankfurter vorne in einen Pressingzweikampf kommen kann

3. Die SGE versucht es abwechselnd variabel mit flachen Aufbaupässen durch die Zentrale (oft auf den entgegenkommenden Borré), Andribbeln oder Kombinationsspiel außen und

4. mit zunehmender Spieldauer auch mit zwei langen Bällen von Tuta bzw. Ndicka, die aber komplett im Niemandsland herunterkommen. Offenbar gibt es für solche Bälle keine geplanten Abnehmer.

Aus der Detailbetrachtung ergibt sich ein eindeutiges Bild von einer Mannschaft, die jede eigene Aufbaubemühung total verweigert, mit 11 Mann das eigene Tor verteidigt und praktisch jeden Ball umgehend Richtung Stürmer bläst und einem Gegner, hier der SGE, die gegen diesen defensiv sehr gut organisierten, zweikampfstarken und auch in der Breite schwer zu bespielenden Gegner 90 Minuten nach spielerischen Lösungen sucht.

Die taktische Situation, die in diesen 15 Minuten nach der Pause entsteht und die oben einmal detailliert dargestellt ist, spiegelt mehr oder minder den Ablauf der kompletten 90 Minuten wieder, mit der VfL-Führung und den offensiven Wechseln der SGE verschärft sich das eher noch: Lange Bälle des VfL vage Richtung Nmecha, aber meist einfach in die hintere Reihe der Eintracht. Dabei kommt dann ein Ballbesitzverhältnis von in der 2. Halbzeit 68:32 Prozent heraus, nur brachte das der SGE kaum Tormöglichkeiten ein.

Hier noch eine letzte Szene zum Veranschaulichen:

72. Minute: Alles wie immer, Wolfsburg mit allen Mann hinter dem Ball, presst selbst hier, als die SGE schon tief in der VfL-Hälfte ist, nicht an, sondern verschiebt einfach das Außen-/ bzw. Mittelfeldpressing im 4-3-3 etwas nach hinten. Die SGE mit 4 Aufbau-Spielern und 5 in oder direkt hinter der vorderen Reihe. Die Wolfsburger haben überall Überzahl-Schlagdistanz, können mit kurzen Wegen schnell Überzahl herstellen. Hier attackieren sie dann zu zweit den Ball nach außen.

Wie kann man nun gegen einen solchen Gegner, der nur verteidigen will, gelegentlich kontern und sonst auf Freistöße und Ecken spekuliert, zu reagieren?

Zunächst und oberste Priorität ist es, möglichst keine überflüssigen tornahen Standards zu produzieren, das ging bei dem von Pellegrini verursachten Freistoß schief und wie es immer so ist, rächt sich das dann direkt. Bei eigenen Standards hingegen bieten sich Möglichkeiten, hier aber war die SGE schwach und kaum gefährlich. Aber welche taktischen Möglichkeiten gibt es?

Grundsätzlich muss Raum geschaffen werden, um Überzahlsitautionen herzustellen und Pass-, Lauf- oder Flankenwege Richtung Tor zu öffnen:

1. Man versucht den 11er-Defensivblock mit Schnellkombinationen, Seitenwechseln, vielen Pässen, Tiefenläufen, variablem Positions- und Aufbauspiel ins Laufen zu bringen, was zu kurzzeitig offenen Räumen führt, um diese dann zu bespielen. Das ist die schwierigste, riskanteste und voraussetzungsreichste Möglichkeit und das war die Idee der SGE in dem Spiel. Schwierig und voraussetzungsreich ist solch ein Spiel, weil es naturgemäß nur wenige Räume zum Bespielen gibt, daher müssen alle Manöver technisch und gruppentaktisch nahezu perfekt ausgeführt werden (können), es liegt nahe, dass sich diese Ausrichtung für Teams eignet, die erstens technisch sehr stark und zweitens möglichst eingespielt sind. Letzteres trifft auf die SGE in der derzeitigen Zusammenstellung nicht zu.

2. Man lässt sich auf das Spiel des Gegners nicht ein, steht selbst tief und provoziert damit Aufbau-Aktionen des Gegners. Man minimiert also das Risiko, geht erst im Mittelfeld ins Pressing und versucht selbst, stark auf Konter zu spielen. Wenn das beide Teams machen, entsteht naturgemäß eine Art Tennis-Fußball, bei dem sich beide Mannschaften den Ballbesitz versuchen zu schenken. Glasner verabscheut solche Tatktierereien und setzt sie nur im absoluten Notfall ein. Andere Trainer wie etwa Urs Fischer haben mit solchen Kniffen weniger Berührungsängste und sind damit durchaus erfolgreich. Hier fehlt der SGE gelegentlich die taktische Variabilität.

3. Eine Mischung aus beidem. Der dauerhaft geschenkte Ballbesitz wird zwar angenommen, die Pressingzone des Gegners aber versucht man mit langen Bällen aus dem Aufbau oder wenigen flachen Pässen in die Spitze oder auf dribbelstarke offensive Außen schnell und risikoarm zu überspielen. Die Idee ist, dem Gegner möglichst wenige Zugriffspunkte zu geben. Hierfür benötigt man vor allem extrem passstarke Spieler im Aufbau, sehr dribbel- und spiel- und passstarke Außen und möglichst mindestens einen robusten, kopfballstarken oder schussstarke (2. Reihe) Stürmer.

Fazit

Die SGE hat gegen den 11-Mann-Defensivblock der Wolfsburger zwar Mittel gefunden, scheiterte aber viel zu oft an technischen Fehlern, Missverständnissen und verpasste auch zu oft die wenigen Möglichkeiten zu Tempogegenstößen.

Wenn man versucht, über Positionsspiel von hinten nach vorne so einen Gegner auszuspielen, dann wird man immer irgendwo auf dem Platz Raum schaffen müssen, ein 1 gg. 1 gewinnen und/ oder überragende Pässe aus dem Aufbau spielen müssen. Im Kader der SGE befinden sich mit Hasebe, Rode und mit Abstrichen Sow drei Spieler mit dahingehenden Pass-Fähigkeiten. Mit Sow stand nur einer davon auf dem Platz. Besonders der Ausfall von Rode wiegt enorm schwer, er war sowohl gegen Bremen als auch gegen Leipzig der entscheidende Ideengeber, Sow allein ist in dieser Rolle zu wenig. Das Wolfsburg-Spiel, das zeichnete sich früh ab, wäre ein klassisches Spiel für einen überragenden Passgeber wie Hasebe gewesen und wenn man ihn wegen der defensiven Schwächen verständlicherweise nicht in der hinteren Reihe aufbieten will, wäre er doch zumindest auf der zweiten 6 eine Überlegung wert gewesen, viele Wolfsburg-Angriffe gab es ja nicht gerade zu verteidigen.

Das zweite Problem ist das fast schon dogmatische Konzentrieren auf Passspiel mit wenigen Kontakten. Wenn irgendwo Freiräume entstehen sollen, müssen die offensiven Außen versuchen, ihren Gegenspieler im 1 gg. 1 aus dem Spiel zu nehmen. Laut Sofascore setzten die SGE-Spieler in den 90 Minuten zu gerade einmal 7 Dribblings an, das ist für ein solches Spiel viel zu wenig.

So gelang es der SGE kaum einmal, den Defensivblock der Wolfsburger ins Laufen zu bringen, außen konnte man sich im 1 gg. 1 fast nie durchsetzen (es wurde aber auch kaum versucht) und auf den Aufbaupositionen trugen mit Tuta, Ndicka und Jakic drei technisch solide Passgeber oft die Aufbau-Verantwortung, die aber weder wie Rode offene Räume erkennen und nutzen können, noch millimetergenaue, auch längere, raumgreifende Pässe spielen können wie Hasebe.

Damit war es für die Wolfsburger nicht allzu schwierig, die Bemühungen der SGE zu verteidigen, allerdings muss man auch sagen, dass das Spiel des VfL schon an Spielzerstörung grenzte und der Sieg der Kovac-Mannschaft mit einem Ecken-Tor nach Torwartfehler überaus glücklich war.

Insgesamt ist das Problem nicht neu, solche Spiele gab es in den letzten Jahren häufig, daher ist ein weiteres Spiel dieser Art kein Grund für Alarmismus. In den kommenden Spielen gegen Marseille und Stuttgart werden sich ganz andere Spielverläufe entwickeln und anderes im Vordergrund stehen.

(Die angekündigte genauere Betrachtung der Trainingslehre zum Thema Kettenverteidigung dann in der Länderspielpause, gegen Wolfsburg war die Kette kaum gefordert)

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SGE – Sporting Lissabon 0:3 (0:0)

Das erste Champions League-Spiel der SGE endete mit einer deutlichen Niederlage. Entscheidend war ein gruppentaktischer bzw. mehrere individuelle Fehler beim 0:1 und 0:2.

Die Aufstellung

SGE: Trapp – Jakic (84. Knauff), Tuta, Ndicka, Lenz (46. Pellegrini) – Ebimbe (66. Borré), Sow – Lindström (74. Alario), Götze, Kamada (84. Hasebe) – Kolo Muani

SPO: Adan – Inacio, Coates, St. Juste (52. Neto) – Reis, Morita, Ugarte, Porro – Goncalves (79. Nuno Santos), Edwards (73. Rochinha), Trincao (79. Paulinho)

Die Statistik

gibt es hier, hier und hier

Die Highlights

können in der CL nicht eingebettet werden, hier aber der Link.

Die Spielanalyse

Grundsätzlich kann man sich den Einschätzungen der Beteiligten nach dem, Spiel anschließen: Die Eintracht hat sich in dem Spiel eine Stunde lang gut und auf Augenhöhe präsentiert.

Analytisch war bereits nach der Anfangsphase relativ offensichtlich, dass sich ein First-Goal-Spiel entwickelte, also eine Partie, in der eine Führung als starker Game-Changer wirken würde. Insbesondere die sehr gute defensive Organisation der Portugiesen wies darauf hin, dass sie sich ein 1:0 nicht mehr nehmen lassen würden. Die SGE versuchte alles, um das Führungstor zu erzielen und in der ersten Halbzeit schaffte es die SGE auch tatsächlich, die Portugiesen zu Aufbaufehlern zu zwingen.

Das anlässlich des Leipzig-Spiels schon ausführlich beleuchtete Pressing in der vorderen Reihe wirkte auch gegen die Portugiesen und führte zu zwei großen SGE-Chancen.

Der größten Chance der Eintracht bereits in der 2. Minute ging allerdings ein Ballgewinn von Ndicka in der hinteren Reihe voraus. Ndicka spielt dann zwar einen Fehlpass, aber die SGE geht sofort ins Gegenpressing:

Die Situation ist eine klassische Gegenpressingsituation, Lenz zwingt Ugarte zu einem Rückpass. St. Juste war die letzte verbliebene Anspielstation, doch Ugarte entscheidet sich für einen Rückpass zum TW. Er verliert hier schlicht den Überblick.

Starkes SGE-Pressing, Kolo Muani scheitert dann im 1 gg. 1 an dem stark reagierenden Sporting-Keeper Adan. Das kann passieren, mit dem Pressing kamen die Portugiesen währen der gesamten ersten Halbzeit nur schwer zurecht.

Allerdings ist das in der Intensität der ersten Minuten nicht über 90 Minuten zu spielen und naturgemäß wird es für eine vor allem auf Pressing und Spiel-vom-eigenen-Tor-Fernhalten spielende Mannschaft wie die SGE schwer, wenn in der Drangphase das Tor nicht fällt.

Die zweite sehr große Chance der Anfangsphse entspringt wieder dem sehr weit vorn angesetzten Pressing. Die SGE attackiert mit Kamada den Sporting-TW Adan, der ebenfalls den Überblick verliert und den Ball Lindström in die Füße spielt.

Die Idee, die technisch nicht überragende letzte Linie der Portugiesen zu attackieren, ging in der Anfangsphase voll auf.

Mit fortschreitender Spielzeit musste die SGE das Pressing allerdings zurückschrauben, situativer pressen, Sporting konnte sich ohne Spielstand-Druck mehr und mehr befreien, die hinteren Reihen der SGE bekamen zunehmend mehr Arbeit. Dennoch war die erste Halbzeit der SGE stark. Konzentriert und mit gutem Matchplan war die Eintracht die bessere Mannschaft und hätte gut und gerne in Führung liegen können.

Sporting ließ zwar außer den beiden Großchancen in der Anfangsphase nicht mehr viel zu, hatte dabei aber auch in einigen weiteren Szenen Glück, dass letzte Bälle der SGE nicht immer präzise genug gespielt werden konnten.

Das spielentscheidende 0:1 fiel nach einem der immer wieder auftretenden Abstimmungs- und Stellungsfehler der SGE in der hinteren Reihe.

Der entscheidende Pass in der Torentstehung und wer hier im letzten Jahr mitgelesen hat, dürfte keine weiteren Erklärungen benötigen: Das übliche Problem der Abstände bei Angriffen über außen. Jakic ist sehr weit aus der Kette gerückt, weswegen Tuta auf die Außenverteidigerposition herausrückt, Ebimbe entscheidet sich dafür, den Kurzpass auf Reis zuzustellen, Ndicka steht damit in der Zentrale allein und rückt nicht nach außen nach.

Damit geht das Scheunentor (dunkel eingefärbt) mal wieder auf und natürlich spielen Kicker wie Goncalves und Morita das gnadenlos aus. Morita sieht den offenen Raum, Goncalves passt ihm den Ball zu. Ndicka macht erst jetzt den Weg nach außen, da ist es aber schon zu spät, Moritas Hereingabe verwandelt Edwards in der Mitte zum 0:1.

Nie im Leben darf in einem Spiel auf diesem Niveau ein solcher Raum geöffnet werden, das ist schlicht eine Einladung zum Torschießen und das hat mit Viererkettenorganisation auch wirklich wenig zu tun. Jakic rennt viel zu weit aus der Kette, Tuta läuft viel zu weit nach außen, Ebimbe schließt den torgefährlichen Passweg nicht und Ndicka wartet zu lange in der Zentrale. Das ist einfaches Fehlverhalten, das zum wiederholten Mal zu Gegentreffern geführt hat und das wurde hier immer und immer wieder gezeigt: Solange die SGE solche strukturellen krassen Fehler in der hinteren Reihe macht, wird sie immer wieder die gleichen Gegentore kassieren und Spiele verlieren. Egal ob Bayern, Sporting oder der 1. FC Köln – solche Einladungen wird kein Gegner auf hohem Profiniveau ausschlagen.

Man kann sich nicht nur auf das Pressing vorne verlassen, weil das unmöglich durchgängig 90 Minuten gespielt werden kann und es stellt sich nach wie vor die Frage, ob und wann Glasner eine Antwort darauf finden will und kann.

Die Mannschaft reagiert auf den Rückstand mit dem Versuch, wieder ganz vorne zu pressen und nun nutzen die Portugiesen mit dem nächsten Angriff den ebenfalls hier bereits thematisierten Schwachpunkt des Angriffspressings, nämlich die sich dahinter öffnenden Räume, die hoch angespielt werden können.

Der Initialpass hier kommt von Torwart Adan. Entscheidend ist der Raum hinter der Pressing-Abteilung (5 SGE-Spieler), die mit diesem langen Ball allesamt aus dem Spiel sind. Trincao und Morita haben im 2 gg. 1 keine Probleme damit, Sow mit zwei Pässen auszuspielen und Goncalves zum Tor in den Lauf anzuspielen. Jakic deckt hier die Außenlinie statt den Gegenspieler, das Stellungsspiel von ihm ist hier auch hanebüchen. Damit ist die SGE komplett ausgespielt mit 3 Pässen.

Goncalves verdaddelt den Angriff dann noch, schafft es aber, rechts Edwards ins Spiel zu nehmen und Edwards spielt den Angriff im SGE-Sechzehner stark zu Ende. Das ist dann sehr schwer zu verteidigen. Auch da kann man als Restverteidigung noch einmal zugreifen, aber das ist wie gesagt schwierig.

Viel problematischer ist das Harakiri-Pressing in dieser Situation und so ähnlich hat die Mannschaft das schon im Bayern-Spiel nach dem Rückstand versucht, mit dem gleichen Ergebnis.

Hier ist durchaus zu bezweifeln, dass dieses Verhalten im Sinne des Trainers war.

Mit dem Abwehrfehler hinten und dem zweiten Scheunentor in der Pressingabsicherung und dem Stellungsfehler von Jakic ist das Spiel entschieden. Die defensiv extrem stark organisierten Lissaboner ließen danach nicht mehr viel zu, erzielten schließlich nach einem Konter noch das 3:0.

Diesem Tor geht ein schwacher Aufbaupass von Sow nach links vorne voraus:

Hier der Ablauf: Pedro Porro ersprintet den Sow-Pass, Borré hat zwar direkt Zugriff, geht den Zweikampf aber weder voll mit, noch zieht er ein taktisches Foul, Pellegrini sprintet zwar richtig in den torgefährlichen Laufweg von Pedro Porro und bekommt so kurz hinter der Mittellinie auch noch einmal Zugriff, vergibt diesen dann aber durch eine unnötige Grätsche. Den langen Querpass hinter Ndicka und Tuta kann Nuno Santos ohne große Probleme gegen Trapp verwerten.

Fazit

Das Ergebnis von 0:3 spiegelt zwar nicht den Spielverlauf wieder, die SGE war über 60 Minuten gut im Spiel und auch gefährlich, ist aber durchaus verdient, da Sporting insgesamt taktisch weniger Fehler gemacht hat als die Eintracht. Insbesondere der einfache taktische Fehler in der hinteren Reihe vor dem 0:1, der das Spiel enorm zugunsten Sportings bewegt hat, ist auf diesem Niveau indiskutabel. Aus Zeitgründen ist das jetzt nicht möglich, aber demnächst werden wir hier einmal einen Blick in die Trainingslehre zum Thema Viererkettenschulung werfen, um zu zeigen, wie eine Viererkette (3er-/5er-Kette ist im Grunde der gleiche Ablauf) richtig agiert, welche Räume unbedingt gesichert sein müssen, wie da Prioritäten festgelegt sind, welche unterschiedlichen „Schulen“ es gibt und wie weit von gut und böse das Verhalten der Eintracht-Kette in manchen Situationen entfernt ist von sinnvollem Stellungsspiel.

Denn auch wenn es für Clickbaiting-Journalisten undenkbar ist: Hier muss Trainer Glasner entschieden widersprochen werden, wenn er etwa sagt, in dem Spiel seien nur Kleinigkeiten falsch gemacht worden. Glasner ist nun seit über einem Jahr Trainer der SGE. Dass er die krassen Verhaltens- und Ablauffehler in der hinteren Reihe nicht nachhaltig bearbeiten konnte, ist inzwischen nicht mehr als Hütter-Altlast zu entschuldigen und diese Fehler haben inzwischen vielen Gegentoren geführt. Glasners Aussagen der letzten Wochen, wonach er mit den Defensivleistungen zufrieden sei, er das Problem lieber nicht mehr in den Fokus rücken wolle, es sich um Kleinigkeiten handele oder das dauernde Verweisen darauf, dass man ja nur wenige Abschlüsse zulasse, sind eher bedenklich – das Spiel gegen Sporting hat erneut gezeigt, dass die reine Anzahl der Abschlüsse ganz irrelevant ist, stattdessen die Qualität der Abschlüsse entscheidet.

Das erste, spielentscheidende Tor hätte durch halbwegs korrektes Verhalten bei den Abläufen in der hinteren Reihe ohne große Probleme verhindert werden können und das sichere Erarbeiten dieser Abläufe ist und bleibt Trainerarbeit.

So bleibt es weiterhin dabei: Glasner hat komplizierte Abläufe im vorderen Bereich auf ein enormes Niveau weiterentwickelt, etwa das Pressing, insbesondere das Kombinationsspiel, aber auch das Positionsspiel. Das sind deutlich kompliziertere, schwerer zu erarbeitende Abläufe als richtige Abstände und Stellungsverhalten im Kettenspiel und dieses Reüssieren bei den schwierigen und Scheitern an den einfachen Aufgaben ist und bleibt aus analytischer Sicht mindestens rätselhaft.

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SGE – Leipzig 4:0 (2:0)

Die SGE zeigt gegen Leipzig ein überragendes Spiel fast über 90 Minuten. Entscheidend war das für die Leipziger extrem unangenehme Glasner-Pressing. Doch wie funktioniert das genau?

Die Aufstellung

SGE: Trapp – Jakic (86. Chandler), Tuta, Ndicka, Lenz (87. Smolcic) – Rode (32. Ebimbe), Sow – Lindström (74. Knauff), Götze, Kamada – Kolo Muani (74. Borré)

Leipzig: Gulacsi – Simakan (69. Haidara), Orban, Gvardiol – Henrichs, Laimer, Kampl (46. Szoboszlai), Raum (69. Halstenberg) – Olmo (Forsberg) – Nkunku, Werner (74. Silva)

Die Statistik

findet sich hier und hier und hier

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die Spielanalyse

(Die Seite soll werbefrei bleiben und insbesondere frei von Werbung für Unternehmen, die Rechtspopulisten gehören, daher entfällt das Leipziger Logo)

Zunächst ist festzuhalten, dass die SGE das Spiel hinsichtlich der entscheidenden Spielstatistiken, nämlich Abschlüsse (XGoals 3,8 : 0,33 und Tore 4:0) klar für sich entscheiden konnte und das Spielgeschehen auf den ersten Blick genau diese Kräfteverhältnisse wiederspiegelte. Die entscheidende Frage ist aber, wie es dazu kommen konnte.

Beim intuitiven Erstbetrachten des Livespiels fiel schnell auf, dass die SGE ballsicherer und technisch stärker als der Gegner wirkte, was bei dem Kader und der Besetzung der Rasenballer aber nicht unbedingt sehr naheliegend ist. In einem solchen Fall liegt der erste analytische Verdacht darauf, dass die so hoch überlegen wirkende Mannschaft es viel besser geschafft hat, dem Gegner technisch sehr viel schwierigere Aufgaben zu stellen (also die Raum-Zeit für die Ausführung der technischen Aufgaben zu verengen) als andersherum. Ein solches Gefälle schlägt sich im Normalfall stark in den Laufstatistiken nieder, da die Raumverengung naturgemäß sehr laufaufwendig ist und tatsächlich zeigt sich in beiden Laufstatistiken ein deutliches Plus zugunsten der SGE (Laufdistanz 113:105 km, Sprints 245:218).

Gehen wir diesem Verdacht also nach und vergleichen zwei ähnliche Situationen beider Teams in der ersten Halbzeit.

2. Spielminute: Aufbau SGE, hier Ballbesitz Ndicka. Die Leipziger ziehen sich in eine typische Mittelfeldpressingzone zurück, also mit der ersten Angriffslinie im Bereich 10m in der gegnerischen Hälfte. Auf Ndicka als ballführenden Aufbauspieler wird kein Druck ausgeübt. Die beiden Stürmer Werner und Nkunku bilden mit Olmo auch praktisch alleine die vordere Reihe.

Dieses Muster wiederholt sich. Wer sich das Spiel im Re-Live anschaut, wird feststellen, dass die Leipziger der SGE in der Anfangsphase gezielt Ballbesitz in der hinteren Reihe lassen, sich auf die Raumverengung im Mittelfeldbereich konzentrieren.

Anders die SGE.

Man versuchte den 3-1-Aufbau der Leipziger dauernd unter Druck zu halten. Hier gut zu sehen, dass Kolo Muani schon Schlagdistanz zu Laimer hat und von gleich vier Mitspielern in der gegnerischen Hälfte unterstützt wird. Diese 1-4 – Pressingreihe wiederholt sich und der Ablauf ist immer ähnlich: Kolo Muani orientiert sich Richtung Ball, bleibt aber in der Zentrale, Rode und Kamada lauern auf zu schwach oder kurz gespielte oder etwas ungenaue Pässe nach außen, um diese sofort attackieren zu können, die jeweils übrigen Spieler schieben dann sofort nach, um Passwege zu schließen.

Die SGE, das ist die erste Erkenntnis, presste viel früher, spielte viel riskanter und höher auf Ballgewinn als die Leipziger. Das ist kein Zufall und hat auch nichts mit Mentalität zu tun, sondern war sehr offensichtlich die Marschroute der beiden Trainer.

Hier eine weitere Szene aus der Anfangsphase, 5. Minute und hier sehen wir das ganze Glasner-Pressingwerk auf einem Bild. (eintracht.tv ab 11:01). Rode hat sich hier schon aus der Pressingreihe verabschiedet und hat nach einem ungenauen, halbhohen Aufbaupass von Orban auf Gvardiol diesen attackiert mit dem Ergebnis, dass er den nächsten Pass Richtung Laimer so abfälschen kann, dass er bei Götze landet und man sieht hier schon, dass die SGE damit eine 6:4-Überzahl in der Leipzig-Hälfte erzielt.

Die Szene wird dann vor allem von Götze/Lindström schwach fortgesetzt, aber das ist das Geheimnis des Glasner-Pressings: Die Pressinglinie ist mit Rode plus Lindström, Götze und Kamada, davor Kolo Muani mit 5 Spielern, also der halben Mannschaft besetzt. Aus dieser extrem stark besetzten Pressingreihe, die sehr weit nach vorne schiebt, attackiert die SGE dann mit dem jeweils am günstigsten postierten Spieler jeden schwachen Pass, oft auch einfache Querpässe mit einem Spieler (hier Rode) plus Stürmer Kolo Muani, während die übrigen Pressing-Spieler alle ballnahen Passwege zuzustellen versuchen.

Weiteres Beispiel zur Veranschaulichung, 17. Minute:

Hier wieder die Pressing-Abteilung mit Kolo Muani, Lindström, Rode, Götze und Kamada. Ähnlicher Ablauf wie oben: Aus dieser Aufstellung wird der zu kurze Pass von Kampl auf Gvardiol sofort attackiert, Kolo Muani schließt den Passweg auf Laimer, Rode den auf Kampl. Man sieht hier auch sehr schön die Idee der Leipziger, die den ballnahen Raum hinter der Pressinglinie und vor der Abwehrkette als vulnerablen Punkt der SGE erkannt haben und diesen Raum mit drei Spielern besetzen. Aber hier stimmt die Absicherung der SGE perfekt. Jakic sichert mit seinem Herausrücken gegen Raum und zusammen mit Sow zusätzlich Forsberg, während Rode mit seinem Stellungsspiel auch den offensiven Passweg verengt. Gvardiol kann hier nur einen Risikopass longline Richtung Raum schlagen, Jakic und Tuta wären aber sofort zur Stelle. Forsberg und Nkunku sind ebenfalls nicht anspielbar, Lindström läuft ihn schon an. Gvardiol dreht schließlich ab und passt zurück auf den Torwart.

Das ist, wenn es funktioniert (wofür maximale Konzentration auf diese gruppentaktische Manöver notwendig ist) für jeden Gegner sehr, sehr unangenehm. Warum genau? Zunächst mussten die Leipziger bei jedem Aufbaupass damit rechnen von einer ganzen Eintracht-Horde attackiert zu werden, was sie sichtbar verunsicherte. Zweitens kann man sich daraus fast nur mit langen Bällen zwischen die Pressinglinie und die Viererkette (im Bild dunkel markiert) wehren. Auch diese Pässe müssen sehr genau gespielt werden, sind also sowohl in Pass- wie Ballannahmetechnik anspruchsvoll (die Bremer letzte Woche haben das einige Male hinbekommen). Die Leipziger schafften das fast nie.

Dennoch ist das naturgemäß die größte Schwachstelle des Glasner-Pressings. Schafft es der Gegner, präzise Flugbälle zwischen die beiden Ketten zu spielen, müssen entweder Tuta oder Ndicka sehr weit aus der Kette herausrücken, oder die Mitglieder der Pressingline „nach hinten attackieren“, was beides ungünstig ist und dem Gegner Anschlusspässe ermöglicht. Das ist aber nicht immer zu verhindern, ist gewissermaßen eingeplant und eben die Soll-Seite der Glasner-Philosophie.

Eine weitere mögliche Schwachstelle ist das Anlaufen der SGE selbst. Stimmen die Abstände nicht (heißt die Abstände zwischen Abwehrkette/Pressinglinie/erstattackierender Pressingspieler/Stürmer), dann können die Passwege nicht zugestellt werden, es entstehen Räume, die ein spielstarker Gegner nutzen kann, um die aufgerückte Pressinglinie zu überspielen, womit die halbe Mannschaft aus dem Spiel ist und die Viererkette alleine verteidigen muss. Auch das kann gut gehen, aber dazu muss so eine Abwehrkette im Stellungsspiel sehr stark sein, was, wie hier ausführlich gezeigt wurde, bei der SGE immer wieder zu Problemen führte. Das Glasner-System ist also nicht nur sehr voraussetzungsreich (vor allem hinsichtlich Laufbereitschaft und Konzentration/Abstimmung), sondern auch durchaus riskant. Wenn es aber funktioniert, ist es für jeden Gegner sehr schwierig, das wirksam zu bekämpfen. Diesmal hat es in sehr vielen Situationen sehr gut funktioniert. Wenn das so immer klappt, wird die SGE nur sehr schwer zu schlagen und zu verteidigen sein, das ist aber nun das erste Mal seit langem, dass die Mannschaft das derart konzentriert über 90 Minuten zu spielen geschafft hat, voreilige Jubelstürme sind also genauso wenig angebracht wie Alarmismus, wenn in zwei Spielen hintereinander mal wieder die Viererkette beim Alleinverteidigen Chaos anrichtet.

Schauen wir auf die beiden SGE-Tore in der ersten Halbzeit.

Das erste Tor fällt nach einem Abschlag von Gulacsi nach einem schwachen Freistoß von Lindström. Der Leipziger Schlussmann ist ein erfahrener Torwart, erkennt hier die Situation und sieht, dass er mit einem langen Ball die aufgerückte SGE überraschen kann. Der Ball kommt aber zu kurz und wird von Rode abgefangen (eintracht.tv ab 21:25), der Angriff wird von Rode schnell eingeleitet, aber von dem geordneten Leipziger Block zunächst gestellt und verzögert.

Das Tor entsteht dann aus einer einfachen Passfolge, mit der die SGE den Gegner ins Laufen bringt, um dann den Ball diagonal, also gegen die Laufrichtung des kompletten Leipziger Defensivblockes in die Spitze zu spielen. Hier:

Mit dem Kamada-Pass auf Götze gehen Laufwege und Blickrichtungen des kompletten Leipziger Defensivblocks nach links. Sow, Kamada, Kolo Muani erkennen die Situation sofort, sprinten in die hinter der Leipzigern frei werdenden Räume und Götze spielt den Ball als Chip-Pass gegen die Laufrichtung der Leipziger in den hinter Orban aufgehenden Freiraum.

Und während noch vier Leipziger Götzes Pass verhindern (bzw. bewundern) wollen, stehen Kolo Muani, Kamada und Sow frei vor dem Tor:

Nun bewegen sich die Leipziger freilich wieder alle in Ballrichtung und bekommen zum zweiten Mal in dieser Aktion den Ball in den Rücken gespielt. Kolo Muani legt quer auf Kamada, der nur noch einköpfen muss.

Dass ist von der SGE gezielt gespielt, solche Angriffe dürften dauernder Bestandteil der Trainingsarbeit sein (hat gegen Bremen ja schon ähnlich funktioniert), technisch-gruppentaktisch sehr stark herausgespielt, aber die Leipziger machen hier natürlich mit ihren immerzu ballorientierten Blick- und Laufrichtungen auch Fehler, die handlungsschnelle Spieler wie Götze, Kolo Muani, Kamada und Sow ausnutzen können.

Das zweite, vermutlich entscheidende Tor der SGE fällt nach Positions/ Aufbauspiel und einer überragenden Einzelaktion von Rode. Der entscheidende Move des SGE-Kapitäns ist allerdings nicht der Abschluss (bei dem er etwas Glück hatte), sondern dieser Tiefensprint hier:

Rode erkennt, dass Laimer zu weit vorne steht, um den Passweg schließen zu können und Kampl zu weit weg, um ihm in den Zweikampf zu folgen. Jakic spielt ihm den Ball in den Lauf, womit die komplette Leipziger Mittelfeld-Defensivlinie überspielt ist. Der geniale Moment von Rode ist das Erkennen dieser Situation. (Die Situation kann man oben in den Highlights sehr schön nachverfolgen.)

Daraus ergibt sich dann ein 2 gg. 1 Rode/Kolo Muani gg. Gvardiol auf der Halbposition. Rode und Kolo Muani spielen noch einen Doppelpass außen, um Gvardiol bei Kolo Muani zu binden (eintracht.tv ab 28:00), Kampl verschläft das Durchsichern hinter Gvardiol, bzw. führt es zu wenig mannorientiert aus und Laimer schafft es auch nicht mehr, nach seinem Stellungsfehler schnell genug in den Zweikampf mit Rode zu sprinten. So kann Rode Kampl aussteigen lassen und aufs Tor schießen.

Auch das zweite Tor ist sehr stark und präzise herausgespielt, eine sehr starke Einzelleistung von Rode, der nach seinem überragenden Spiel in Bremen auch gegen Leipzig bis zu seiner Auswechslung sehr auffällig war. Sein Ausfall, der wohl länger dauern wird, dürfte nur sehr schwer zu ersetzen sein, obwohl Ebimbe nach seiner Einwechslung ein gutes Spiel machte.

In der zweiten Halbzeit haben die Gäste in der Anfangs- ihre erste längere Druckphasen mit mehreren Ecken. Die SGE hat in dieser Phase etwas Glück, es zeigen sich auch leichte Stellungsfehler in der hinteren Reihe, aber die Leipziger können kaum Kapital daraus schlagen.

Nach dem Spiel wurde viel über die taktischen Umstellungen von Tedesco gesprochen, besonders auffällig war aber, dass die Rasenballer es nach dem Wechsel zunächst häufiger mit langen, hohen Bällen versuchten, sie also das Pressing hoch überspielen wollten. Diese Aktionen scheiterten aber meist an fehlender Präzision und daran, dass die SGE reagierte. Auf SGE-Seite ist gut zu beobachten, dass die Mannschaft das vordere Pressing jetzt ihrerseits etwas später ansetzt, also mit dem 2:0 im Rücken mehr auf Sicherheit (also noch engere Abstände) und Konter setzt – sicher eine gute, nachvollziehbare Entscheidung, die auch gut funktionierte.

Dennoch: In diese Phase Anfang der 2. HZ haben die Leipziger durchaus einige gute Situationen und die Eintracht auch etwas Glück. So etwa bei der Hereingabe von Raum in der 53. Minute, bei der Trapp eingreifen und Ebimbe klären muss (eintracht.tv ab 10:03).

Letztlich bleibt es aber dabei: Die Leipziger kommen mit dem Pressing/Gegenpressing der SGE nicht zurecht, die SGE hat nach wie vor die besseren Abschlüsse. Beispiel 58. Minute: Gegenpressingsituation mit Jakic, Ebimbe, Sow rechts, Ballgewinn Ebimbe, Spielfortsetzung Richtung Zentrale, Abschluss Götze (58. Minute, eintracht.tv ab 15:30)

Eine weitere interessante Szene zeigte sich in der 63. Minute (eintracht.tv ab 20:26), auf die Glasner nach dem Spiel im Pressegespräch auch einging, und bei der Ndicka gegen Werner den Steilpass abläuft. Glasner verglich die Situation mit der in Bremen, wo Ndicka den Strafstoß verursacht und diese Szene war hier in der Analyse auch Thema, damals wurde noch darüber spekuliert, ob der ballnahe oder -ferne IV hier die Abseitslinie vorgibt und mit der Erklärung Glasners, wonach Ndicka diesmal nicht gezögert habe und daher im Laufduell schnell genug und richtig gewesen sei, ist diese Frage beantwortet. Wir halten das hier einmal wertfrei fest und kommen darauf zurück, wenn es in einem der kommenden Spiele wirksam und sichtbar wird.

Das dritte SGE-Tor war eine etwas kuriose Situation nach einem Einwurf der Leipziger, der zentral vor dem Leipziger Tor bei der SGE landete. Die folgende Ecke war einstudiert, stark ausgeführt von Lenz und Götze, aber analytisch kaum relevant, außer dass damit das Spiel endgültig entschieden war.

Auch Tor 4 ist für die Analyse kaum relevant. Es entsteht aus einer stehenden Situation in der 83. Minute, in der Haidara Götze den Ball schlicht in die Füße spielt. Daraus ergibt sich dann der Ballbesitz, den Kamada mit einem kurzen Andribbeln und Pass in die Spitze auf Knauff vollendet, aber da gibt es von Leipzig auch nicht mehr viel Gegenwehr – ein klassischer Tempogegenstoß, wieder mit einem diagonalen Element, nämlich dem Laufweg von Knauff in die Spitze. Das sieht man alles besser in den Bewegtbildern oben in den Highlights als im Standbild: Gute Aktion von Götze, Kamada und Knauff.

Fazit

Wie hier wiederholt argumentiert, wird die defensive Anfälligkeit, das Verringern der defensiven individual-, gruppen- und mannschaftstaktischen Stellungsfehler über Erfolg und Misserfolg dieses Kaders entscheiden, denn offensiv, das wurde hier auch immer und immer wieder argumentiert, gehört der SGE-Kader bereits in der dritten Saison hintereinander zu den Top-5 der Bundesliga.

Die nun erstmals von Glasner eingeführte Viererkette scheint, nach nun drei Spielen erhärtet sich diese Erkenntnis, dem frühen und superintensiven Glasner-Pressing viel besser gerecht zu werden als die Dreierkette. Ein Hauptproblem, das weder Hütter noch Glasner bearbeitet bekamen, waren die Freiräume außen hinter den Schienenspielern. Die sind nun viel öfter abgedichtet, das Haupteinfalltor der Gegner damit geschlossen. Hier eine Situation aus der 2. HZ:

Werner und Raum mit dem Versuch eines Angriffes über links. Hier stimmt seitens der SGE alles, die Kettenabstände genauso wie die Abstände in den Ketten. Werner und Raum versuchen einen Doppelpass hinter Jakic, doch da ist schlicht kein Freiraum, Jakic ist in Schlagdistanz und zur Stelle, Tuta zum Doppeln bereit.

Werner sucht dann zwar hier den Tiefenlauf, ist aber hinter Jakic nicht anspielbar, Raum bläst den Angriffsversuch mit einem Rückpass ab.

Solche Situationen gab es viele und damit hat die SGE wie gesagt eine ihrer größten Schwachstellen zunächst bearbeitet, dennoch bleibt hier die Entwicklung abzuwarten. Zunächst hat die Umstellung auf die Viererkette erwartungsgemäß das SGE-Spiel sicherer gemacht, ein sichtbarer Schritt nach vorne.

Auch in der Offensive finden sich inzwischen immer mehr regelmäßige Muster, einige davon sind oben beschrieben.

Auch hier scheint die System-Umstellung der Mannschaft eher gut getan zu haben, Jakic und Lenz haben regelmäßig Aktionen außen nach vorne, auch Lindström und Kamada bespielen die Außenpositionen, ziehen aber auch oft nach innen, all das macht das SGE-Spiel variabler als mit Kostic und Knauff oder Chandler als Schienenspieler.

Insgesamt war das Spiel gegen Leipzig eines der besten Spiele der SGE seit langem, die hochdotierten Rasenballer hatten im Grunde keine Chance und man muss schon lange zurückdenken, um sich an ein Spiel zu erinnern, in dem die SGE einen Champions League – Teilnehmer über 90 Minuten ohne relevante Schwächephase derart beherrschte. Es wird sehr interessant sein, wie sich die kommenden Gegner gegen das intensive Pressing, die Schnellkombinationen und die mit der Viererkette nun auch taktisch deutlich verbesserte Defensive zur Wehr setzen wollen.

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Werder Bremen – SGE 3:4 (2:3)

Nach einer Woche mit vielen Diskussionen gewann die SGE ihr erstes Bundesligaspiel der Saison 22/23. Anhand des Spiels diesmal eine Diskussion einiger grundsätzlicher Thesen zum SGE-Spiel.

Die Aufstellung

SVW: Pavlenka – Pieper, Veljkovic, Friedl – Weiser (77. Burke), Groß (65. Gruev), Jung (65. Buchanan) – Bittencourt (30. Schmid), Stage (66. Schmidt) – Füllkrug, Ducksch

SGE: Trapp – Jakic, Tuta, Ndicka, Pellegrini (65. Lenz) – Sow, Rode (77. Chandler) – Kamda, Götze (86. Alario), Lindström (77. Knauff) – Kolo Muani (Borré)

Die Statistik

gibt es hier, hier und hier.

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die Spielanalyse

Diesmal zu einigen interessanten Fragen, die in den sozialen Medien zuletzt heiß diskutiert wurden und die hier anhand des Bremen-Spiels behandelt werden sollen:

1 – Ist die Offensivreihe so stark wie hier seit langem behauptet?

Die Mannschaft produzierte gegen Bremen nicht nur 4 Tore und spielte diese teilweise großartig über Schnellkombinationen heraus, sondern hatte weitere gute Chancen, etwa ein Abseitstor in der ersten Halbzeit (Kamada) nach Positionsspiel über Rode, Sow, Jakic und dessen Tiefenpass auf Kolo Muani (eintracht.tv ab 22:23) und den Safe von Pavlenka in der 27. Minute gegen Lindström (eintracht.tv ab 30:40). Letztere Situation war Folge eines sehr starken Rebounds von Sow im vorderen Bereich und der Speed-Skills von Lindström. Und solche Fähigkeiten (starke Antizipation von Sow, Schnelligkeit, technische Umsetzung von Lindström) sind Fähigkeiten, die sich auf die Dauer auszahlen.

Auch der 2:2-Ausgleich durch Muani muss unter „Stärke des Offensivkaders“ abgelegt werden. Ursächlich für die Situation war zwar ein krasser Fehlpass des Bremers Friedl, aber in diesem Moment steht die Bremer Restverteidigung noch in Überzahl:

Muani muss hier seine ganze Stärke im Dribbling ausspielen. Entscheidend ist, dass Friedl aufgrund der Kontersituation zwar schnell wieder in der Aktion ist, aber von der „falschen“ Seite zum Doppeln anlaufen muss, also gegen die Laufrichtung Kolo Muanis. Dieser löst das dann im Dribbling gegen Friedl und Pieper (der eine bessere Doppelposition hat, aber etwas zu weit weg steht) optimal und schließt mit zwei schnellen Bewegungen ab.

Dieses Tor machen nicht viele Bundesligastürmer, also auch hier wieder: Beleg für die individuelle Klasse des offensiven SGE-Kaders.

Das 2:3 durch Lindström war dann ein Positionsspiel der SGE aus der hinteren Reihe (direkt nach einer Großchance der Bremer übrigens):

Hier der Angriffsvortrag über Tuta, Jakic (dessen Pass auf Sow ist gut gedacht, aber etwas knapp gespielt, sodass da fast ein Bremer drangekommen wäre), Götze und Rode, der dann den „Todespass“ auf Lindström spielt. Alle beteiligten Spieler ab dem Jakic-Pass müssen sehr handlungsschnell und technisch sauber arbeiten, damit das funktionieren kann. Auch hier wieder also ursächlich für das Tor das starke spielerisch-technische Niveau der SGE-Akteure, und erneut der Speed von Lindström. (eintracht.tv ab 42:53)

Das mit Abstand hochwertigste Tor des Spiels war aber das 4:2 nach einem Ballgewinn ganz hinten, wieder spielt Rode den Tiefenpass von der Sechserlinie in die Spitze, diesmal auf Kolo Muani. Kolo Muani hält den Ball kurz und spielt dann Kamada in der Zentrale an.

Hier gut zu sehen, dass Kamada zunächst einen Abschluss/ Pass auf Götze antäuscht und damit vier Bremer auf sich zieht. In seinem Rücken entsteht dadurch ein gewaltiger Freiraum, den Sow erkennt und anläuft.

Kamada dreht sich, spielt den Ball auf Sow, der ihn unhaltbar einschießt.

Diese Szene analysierte Werder-Trainer Werner direkt nach dem Spiel dahingehend, dass seine Spieler (hier ganz besonders Groß) den Raum halten müssten, womit der Raum hinter Kamada gemeint ist. Das ist ein häufiger Fehler: Alle Spieler orientieren sich Richtung Ballführer, es entstehen Freiräume in ihren Rücken. Hier geht durch das ballorientierte Angreifen von Groß jede Raumordnung der Bremer verloren und ein Scheunentor für Sow auf, wie man sehr schön im Bild oben sieht.

2 – Sind Rode und Sow keine richtigen Sechser, sondern eher Achter und ist das ein Problem?

Das Problem entsteht durch die Definition. Hier wie bei der Bezeichnung „10er“ sind die Vorstellungen davon, was ein „8er“, „6er“, etc. sein sollen, was sie können sollen etc. im tatsächlichen Spielgeschehen einem so starken Wandel unterzogen, dass Aussagen wie „der ist kein 6er“ im Grunde kaum sinnvoll anzuwenden sind. Nun soll der Satz, bezogen auf Rode und Sow bedeuten, dass die beiden in ihrer individuellen Spielanlage zu offensiv sind. Doch stimmt das? Für das Bremen-Spiel kann das kaum bestätigt werden. Bei der Entstehung vor dem 1:1, also der Entstehung der Ecke, stehen beide richtig, den Fehler macht hier Ndicka, im weiteren Spielverlauf ist besonders Rode ein dauernder „Staubsauger vor der Abwehr“, defensiv sehr aufmerksam und zweikampfstark. Beispiele wären der Ballgewinn vor dem 0:1, ein klassischer Sechser-Zweikampf in der Konterabsicherung, oder auch diese Szene aus der 16. Minute:

Rode wieder als Sechser vor der Viererkette mit dem sehr weiten Schieben nach links, unterstützt von Pellegrini von hinten und Tuta von vorne, auch Sow ist in Schlagdistanz, vielleicht etwas zu nah an der Situation, aber sonst stimmt hier die defensive Ordnung.

Die Probleme mit den zu großen Abständen zwischen Kette, Mittelfeld und Angriffslinie (vordere Pressinglinie) sind fast immer mannschafts- oder gruppentaktischen Stellungsfehlern geschuldet, praktisch nie dem undisziplinierten, zu offensiv ausgerichteten Verhalten von Rode und Sow (konkrete Gegenbeispiele sind willkommen). Insofern ist die „das sind keine Sechser“- These (die offenbar auch Glasner äußerte), analytisch nicht zu verifizieren, bzw. nicht sehr relevant, weil die Spieler als Sechser gut und richtig spielen (obwohl sie keine „sind“).

3 – Ist die Viererkette zur Absicherung des sehr offensiven Pressings und der vier Offensiven vorne die bessere Lösung?

Insgesamt, so viel lässt sich nach zwei Spielen vorsichtig sagen, scheint die Viererketten-Absicherung mit den beiden Sechsern davor besser zu funktionieren als die Dreierkette, was auch kein großes Wunder ist, da der Defensivblock mit nur zwei Sechsern außen per se viele Freiräume bietet. Diese sind, wie in der Szene oben (aus der 16. Minute) zu sehen, mit echten, herausrückenden Außenverteidigern natürlich einfacher zu schließen, als mit daueroffensiven Schienenspielern wie Kostic und Knauff auf den Außenbahnen. Hier ein Beispiel funktionierenden Kettenspiels aus der 47. Minute:

Die komplette SGE-Defensive anwesend, die Kette komplett, niemand steht näher zum Tor als IV Tuta (es hebt also niemand die Abseitslinie auf), die SGE hat in allen relevanten Räumen mindestens Gleichzahl, Ballführer Stage wird „von hinten“ attackiert, diesen Initialzweikampf übernimmt mit Lindström ein Offensiver, mit Sow und Rode stehen zwei Spieler schon für offensive Anschlussaktionen bereit, sind aber als Sechser auch noch in defensiver Schlagdistanz – die Situation hier ist ziemlich lehrbuchmäßig.

Tuta gewinnt den Ball auf der Halbposition, leitet über Sow und Rode sofort den Gegenangriff ein, der dann übrigens zum 2:4 durch Sow führt.

In der letzten Spielminute passiert dann aber doch noch ein einschlägiger und wirksamer Kettenfehler, wieder liegt der Fehler bei Ndicka:

Beim Pass von Friedl Richtung Ducksch steht Ndicka gut 2 Meter tiefer als die Kettenhöhe Tuta-Lenz. Dadurch steht Ducksch nicht im Abseits und Ndicka muss gegen ihn in den Zweikampf sprinten, wobei er ihn dann versehentlich foult und den Elfmeter zum 3:4 verursacht.

Man könnte zugunsten Ndickas argumentieren, dass er in dieser Szene die Abseitslinie vorgeben muss, also Tuta zu weit vorne steht. Das kommt darauf an, wie Glasner und das Team in solchen Situationen organisiert sind, ob der ballferne oder der ballnahe IV die Höhe vorgibt (beides möglich, beides hat Vor- und Nachteile).

Das ist eine defensive Grundsituation. Bei solchen langen Bällen mit Ansage ist entscheidend, dass die hintere Reihe eine Abseitslinie bildet und die beiden Innenverteidiger nebeneinander frühzeitig nach hinten laufen. Zu Vermeiden ist, dass die IV ihre Räume kreuzen, dass also, wie hier, Ndicka den langen Ball hinter Tuta verteidigen muss. Damit das funktionieren kann, müssen beide IV auf einer Höhe verteidigen und früh genug „Raum nach hinten“ gewinnen. Beides geht hier schief (auch Trapp könnte bei solchen abgekündigten langen Ball öfter einen „Torwartlibero“ spielen, wie etwa M. Neuer das regelmäßig macht). Ein Abwehrfehler (wieder Stellungsprobleme).

Die Entwicklung bleibt abzuwarten, auch gegen Bremen waren Tuta und Ndicka fehleranfällig (wenn auch schon etwas weniger als noch gegen Bayern und Köln) und auch eine Viererkette steht und fällt letztlich mit dem Spielverhalten der beiden Innenverteidiger. Ob Ndicka und Tuta mit der Zeit anhand der etwas übersichtlicheren Anforderungen der Vierer- im Vergleich zur Dreierkette mehr Sicherheit und Zuverlässigkeit in ihr Stellungsspiel bekommen, bleibt abzuwarten. Mit Onguéné und Smolcic stehen jedenfalls zwei weitere Innenverteidiger zur Verfügung, die auf ihren bisherigen Stationen gezeigt haben, dass sie eine Viererketten-IV gut bilden können.

4 – Hat die SGE keinen richtigen Spielmacher?

Hier wie bei der Diskussion um die „Achter“ stellt sich die Frage, was man sich unter einem Spielmacher vorstellt. Denkt man dabei an die große Zeit der echten „10er“, also an die Zeit bis zur flächendeckenden Einführung der pressenden Abwehrketten, die das Spiel über einen überragenden zentralen Mittelfeldspieler verunmöglichte, denkt man also an SGE-Spielmacher wie Detari oder Bein, dann muss man dem sicher zustimmen, allerdings gibt es diese Sorte echter Spielmacher heute grundsätzlich kaum mehr, da das Spielmacherspiel zu viele Angriffspunkte für pressenden Defensivketten gibt. Wenn man unter einem modernen Spielmacher hingegen einen Spieler versteht, der sich in jeder eigenen Ballbesitzsituation auf dem gesamten Platz mit Ideen und zu schaffenden Anspielmöglichkeiten anbietet und diese auch Um- und Fortsetzen kann, dann lassen sich mit Mario Götze und im Grunde auch Kamada sogar zwei dieser Spielertypen im SGE-Kader finden. Wie stark Götze in vielen Situation ist, zeigt sehr schön die Anfangsphase des Werder Spiels. Götze ist wirklich überall dabei, holt im Zusammenspiel mit Lindström die erste SGE-Ecke heraus:

Hier eine Szene aus der ersten Minute. Nach Ballgewinn Lindström rechts übernimmt Götze sofort Initiative, fordert den Ball in die Spitze, bekommt ihn von Lindström auch, holt dann gegen Pieper die erste Ecke heraus.

Aus dieser Ecke (eintracht.tv ab 6:02) entsteht ein Werder-Konter, den Rode links in der Restverteidigung abfängt:

Das ist der Moment, in dem Rode den Ball gegen Weiser gewinnt. Man sieht, dass der Konter der Bremer überhaupt nicht vorbereitet ist, in keiner relevanten Spielzone haben die Bremer Überzahl, stattdessen rennt Weiser ziemlich chancenlos in den Zweikampf mit Rode. Götze, der bei der Ecke zur Restverteidigung eingeteilt war, macht den Weg bis ganz hinten und sichert die Zentrale.

Rode gewinnt hier den Ball und spielt ihn sofort auf Kolo Muani longline in die Spitze, der im Zweikampf mit Veljkovic den Ball behaupten kann. Allerdings hält Veljkovic die Innenbahn, Kolo Muani ist darauf angewiesen, eine Anspielmöglichkeit im Rückraum zu finden und Götze hat nach seinem 40-Meter-Sprint nach hinten direkt den Weg wieder nach vorne gemacht:

Entscheidend für das Tor, ist die Positionierung von Götze im Rückraum, mit genug Abstand zum nächsten Bremer und dann auch seine Entscheidung, den Freiraum direkt zum Abschluss zu nutzen.

Dieses Tor geht zu großen Teilen auf die Kappe von Götze und „das Spiel machen“ heißt im Fußball eben im Grunde immer „es gefährlich machen“. Alle Eigenschaften modernen Spielmacher-Spiels zeigen sich in diesen ersten Minuten bei Götze: Große Initiative bei praktisch allen Angriffseinleitungen, Verständnis für Räume samt Antizipation der zugehörigen Laufwege, technische Präzision.

Insgesamt hat Götze bei drei von vier Toren seine Füße im Spiel und beim vierten steht er als Anspielstation bereit, viel mehr Spielmacher geht nicht.

5 – Und die in jedem SGE-Spiel brennende Frage: Wo lagen die Fehler bei den Gegentoren?

Das erste Tor entsteht nach einer Ecke. Diese ist nach einem von den Bremern gut überspielten SGE-Pressing entstanden. Dabei ergab sich wieder eine Fehlerkette:

Zwischen Ndicka hinten und Rode/Sow im Mittelfeld öffnet sich ein viel zu großer Raum, in dem Bittencourt völlig frei steht, in Ruhe den Ball von Pieper annehmen und den Angriff diagonal anschließen kann.

Solche zu großen Räume dürfen nicht entstehen, auch nicht bei riskantem Pressing. Der Fehler liegt hier ziemlich sicher bei Ndicka (den genauen Ablaufplan Glasners kennen wir natürlich nicht), denn er kann hier ohne Probleme aus der Kette herausrücken, innen sind beide Bremer Angreifer gedeckt. Erneut also ein unnötiger Stellungsfehler von Ndicka hier. Aber auch Jakic rennt nach dem Bittencourt-Pass auf Ducksch viel zu schnell in den Zweikampf und öffnet Ducksch damit den Weg zum Tor (ein struktureller individualtaktischer Fehler von Jakic, den wir aber bereits vergangene Woche gesehen haben). Lindström und Sow können den Ball zwar zur Ecke klären, aber das war schon wieder eine ziemliche Notaktion. Beim Verteidigen der Ecke selbst passieren auch wieder einige Abstimmungsfehler und Ndicka produziert einen Querschläger, den Jung per Direktabnahme ins kurze Eck nagelt – gut sah die SGE da auch nicht aus, aber das war eine unübersichtliche Szene, schwer zu verteidigen. Vielleicht hätten einige Spieler früher und schneller herausrücken müssen, nachdem der erste Eck-Flankenball verteidigt war, aber das ist wie gesagt schwer sauber zu verteidigen. Viel gravierender ist der Stellungsfehler von Ndicka in der Entstehung, da hätte nämlich schon der Eckball gut verhindert werden können.

Auch bei der Entstehung des zweiten Tores macht Ndicka den entscheidenden Fehler mit einem ziemlich unnötigen Foul. Wie bereits in den vergangenen Analysen angedeutet, ist ein Zeichen für defensive (individuelle) Unsicherheit der Protagonisten die Schwemme an Ecken und tornahen Freistößen. Die Situation vor dem 2:1 der Bremer ist ein Paradebeispiel:

Die Situation, die zum Freistoß führte: Die SGE-Defensive steht gut organisiert. Beim Pass von Weiser auf Bittencourt ist nur eine Anspielmöglichkeit frei, Stage in der Mitte im 1 gg. 2 gegen Jakic und Tuta (die hier bereits etwas weiter herausgerückt sein sollten um auch auf Stage den Passwinkel zu verkleinern, bzw. näher am eventuellen Zweikampf zu sein). Bittencourt hat kaum eine sinnvolle Möglichkeit der Spielfortsetzung.

Dennoch wird er von Ndicka hart von hinten attackiert und gefoult. Warum? Entweder Ndicka vertraut seinen Mit-Abwehrkollegen so wenig, dass er lieber einen tornahen, flankenfähigen Freistoß provoziert, als Tuta und Jakic in eine Situation gegen Stage zu schicken, oder er erkennt hier schlicht die Situation nicht richtig, hält sie für gefährlicher als sie ist. Dritte Möglichkeit wäre schlechtes individualtaktisches Verhalten in dem Zweikampf. Er hätte, um den einzigen möglichen gefährlichen Pass in die Mitte zu verhindern gar nicht so in Bittencourt reinrauschen müssen. Egal, was zutrifft, alle drei Erklärungsansätze sprechen nicht für Ndicka.

Beim folgenden Freistoß schläft dann Tuta als Gegenspieler von Bittencourt den Schlaf der Gerechten und auch Trapp scheint in der Situation noch nicht mit der Ausführung des Freistoßes gerechnet zu haben, hier wird die SGE-Abwehr von einem schnell ausgeführten Freistoß ziemlich überrumpelt und die verletzungsbedingte Auswechslung von Bittencourt in der 30. Minute war für die SGE-Defensive, die mit dem Spieler große Probleme hatte, ein Glücksfall.

(Das dritte Gegentor siehe weiter oben)

Das Fazit

Zunächst ist festzuhalten, dass analytische Betrachtungsweisen sich lohnen, denn sie schützen vor vorschnellen Falscheinschätzungen und Alarmismus einerseits, können andererseits auch frühzeitig auf gravierende Fehlentwicklungen hinweisen, können Entwicklungen exakt nachzeichnen und in allerdings sehr geringem Maße auch wahrscheinliche künftige Entwicklungen antizipieren.

Bezogen auf die aktuelle Situation der SGE bedeutet das, weiterhin die Kette in der letzten Reihe im Auge zu behalten, es bleibt dabei: Die defensive Stabilität (insbesondere Verringerung der Stellungs- und Kettenfehler) wird über Erfolg und Misserfolg der SGE entscheiden. Personell wäre ein Wechsel Ndicka-Smolcic in einem der nächsten Spiele kaum überraschend, da Ndicka momentan in vielen Situationen derjenige Spieler ist, der Fehler produziert.

Die Offensive bleibt stark, das von Glasner und dem Team organisierte Pressing funktioniert nach wie vor gut (gegen Bremen wieder besser als gegen Köln), auch das von Glasner wieder stärker betonte und noch besser organisierte Positionsspiel funktioniert zunehmend besser, ebenfalls die große Stärke der Offensivabteilung, die Schnellkombinationen mit Tiefe sind eine kaum auszuschaltende Waffe.

Personell bringt vor allem Kolo Muani mit seiner Stärke im offensiven Zweikampf (sowohl Bälle sichern, als auch Offensivzweikampf/ Dribbling) ein wichtiges Element ein, das zuvor gefehlt hat.

Dass die Fixierung auf Kostic und sein Flanken/Abschluss – Spiel das SGE-Spiel auch sehr stark festgelegt und hinsichtlich anderer Lösungsmöglichkeiten limitiert hat, ist eine durchaus interessante These. Das Bremen-Spiel deutete an, dass die SGE durch die neue Flexibilität tatsächlich schwieriger auszurechnen ist.

Letztes: Auf twitter und anderen medialen Kanälen wie dem eintracht-Forum entstehen gelegentlich interessante Diskussionen (empfohlen seien gern und erneut die Beiträge etwa von Nik Staiger oder „Balljungs“, aber auch die oft sehr kundigen Beiträge einiger interessierter User), auf einige davon wurde oben eingegangen.

Daneben wird aber leider auch allerlei Unsinn verzapft, leider oft befeuert von zu wenig kundigen und unbelegten Beiträgen einiger Frankfurter Sportjournalisten. So kamen auch wieder einige Thesen auf, die hier und andernorts eigentlich als hinlänglich besprochen gelten können, inklusive der nun wirklich einigermaßen bizarren Meinung, der bald 40jährige Makoto Hasebe könne der hinteren Reihe der SGE irgendwie besondere Sicherheit verleihen. Statt irgendeines Beleges präsentierten die einschlägigen Figuren aus dem Frankfurter Sportjournalismus zur Untermauerung ihrer These den hübschen Satz: „Wenn man sucht, kann man jedem Spieler Stellungsfehler ankreiden“, was, nun ja, ziemlich exakt die Aufgabe und Funktion von Spielanalysen beschreibt. Ein anderer meinte, es sei eine gelungene Kritik an „kleinteiligen, mühevollen Analysen“, dass sich die Analytiker dabei „auf gewisse Thesen versteifen“, die sich aber „nicht immer mit den Beobachtungen der Trainer“ deckten. Zunächst ist es weder die Aufgabe von Spielanalysen, noch überhaupt von Journalismus, Thesen aufzustellen, die sich möglichst mit den Ansichten der jeweiligen Trainer decken, stattdessen aber sehr wohl, aufgestellte Thesen zu belegen. Darüber hinaus (man muss wirklich alles erklären) werden bei genauem Hinsehen bei fast allen Mannschaften strukturelle Fehler sichtbar, die sich, das bedeutet „strukturell“ in diesem Zusammenhang, natürlich wiederholen, sonst wären sie nicht strukturell. Bei einer Fußballanalyse über einen längeren Zeitraum werden sich dementsprechend immer bestimmte Fehler so lange wiederholen, bis sie trainings- oder transfermarktseitig behoben werden (an beidem arbeiten die Verantwortlichen der SGE unübersehbar seit geraumer Zeit). Noch einmal: Solche strukturellen Fehler zu ermitteln, ist Aufgabe von Analyse. Das Ergebnis, nämlich die Fixierung sich wiederholender falscher Verhaltensweisen als „Versteifen auf gewisse Thesen“ misszuverstehen – das muss man auch erstmal hinkriegen.

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SGE – 1. FC Köln 1:1 (0:0)

Auch gegen die Kölner reichte es nicht zu einem Sieg. Analytisch besonders interessant ist die neue Defensivformation mit Viererkette, darauf hier ein besonderes Augenmerk.

Die Aufstellung

SGE: Trapp – Jakic, Tuta, Ndicka, Pellegrini (80. Lenz) – Rode (63. Knauff), Sow – Kolo Muani (80. Alidou), Götze, Lindström (69. Kamada) – Borré (69. Alario)

FC: Schwäbe – Schmidt, Kilian, Hübers, Hector – Skhiri – Ljubicic (56. Maina), Olesen (75. Duda), Kainz (87. Schindler) – Tigges (56. Dietz), Adamyan (56. Thielemann)

Tore: 1:0 Kamada (71. direkter Freistoß; nach gutem Tiefenpass von Alario war Kamada linksaußen gefoult worden), 1:1 Thielmann (82. Direktabhnahme aus 18m, nach Schmitz-Flanke von rechts und zu kurzer Kopfball-Abwehr von Knauff)

Die Statistik

gibt´s wie immer hier und hier.

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die Spielanalyse

Dass die neu formierte Offensive noch einige Abstimmungsprobleme beim Spiel in die Spitze hatte, war auch ohne Standbilder und Analytik gut zu sehen, bei der hohen technisch-spielerischen Qualität der Einzelspieler dürfte es aber nur eine Frage der Zeit sein, bis das besser zusammenpasst. Entscheidend für Erfolg und Misserfolg dürfte hingegen die defensive Organisation bleiben, daher diesmal ein Blick auf die neu formierte Viererkette mit Jakic, der die Position des Rechtsverteidigers erstmals spielte, Tuta, Ndicka und Neuzugang Pellegrini.

Hier eine Szene aus der 10. Minute. Die Viererkette arbeitet hier zunächst gut. Beide Außenverteidiger halten die Höhe des hinteren Innenverteidigers (hier Tuta), so steht Tigges hinten dauerhaft im Abseits. Ndicka rückt korrekt heraus, alle Abstände stimmen hier und die letzte Reihe hat auch genug Breite.

Tuta läuft dann sehr zügig zum Doppeln Richtung Zweikampf und auch Ndicka führt den Zweikampf gegen Ademyan nicht optimal, alles in allem arbeitet die Viererkette aber hier richtig, beim Pass auf Tigges steht dieser folgerichtig Abseits.

Diese Szene ist aber nicht unbedingt repräsentativ, denn die SGE-Defensive war auch als Viererkette fehleranfällig. Weiterhin sind beide SGE-Innenverteidiger im Stellungsspiel nicht sicher genug. Einige Beispiele:

In der 17. Minute entsteht nach einem Longline-Pass in den Rücken des zu weit aufgerückten RV Jakic großes Chaos (eintracht.tv ab 18:03), weil beide Innenverteidiger Tuta und Ndicka viel zu schnell und zu weit nach außen Richtung Ballbesitzer Ademyan sprinten und die Zentrale komplett aufgeben. Hier der Moment, in dem Hectors Flanke in der Mitte ankommt:

Beide Innenverteidiger stehen auf der Rechtsverteidigerposition, die Zentrale ist völlig verwaist und obwohl Tuta und Ndicka ja meinten, rechts an der Seitenauslinie die Flanke verhindern zu können/müssen, gelingt ihnen das nicht. Wenn die Hector-Flanke nur etwas genauer gekommen wäre, hätte Ljubicic völlig frei vor Trapp gemütlich das 0:1 erzielen können. Der nächste SGE-Verteidiger steht rund 8 Meter entfernt am kurzen Pfosten (Pellegrini, steht übrigens richtig, da er den tornahen Stürmer decken muss).

Das ist nach wie vor Taktik-Slapstick, Tuta und Ndicka haben nach wie vor in solchen Situationen keine Ruhe und laufen, man muss es so sagen, wie aufgescheuchte Hühner Richtung Ball, verlieren jeden Überblick und nehmen sich selbst freiwillig aus dem Spiel. Natürlich müssen die IV in dieser Situation zunächst innen warten, den Angriff verzögern und Jakic die Möglichkeit geben, wieder in den Zweikampf zu kommen. Im Grunde müssen hier beide IV wegbleiben und Ademyan, der mit dem Rücken zum SGE-Tor angespielt wird, nur verzögern und mit Distanz nach innen verteidigen. In jedem Fall hätte ein IV im Zweikampf gereicht, warum Tuta Ndicka hinterhersprintet statt innen die Flankenverteidigung zu organisieren, ist rätselhaft. Viel Glück hier für die SGE, dass Hectors Flanke in Trapps Armen landet statt bei Ljubicic.

Trainer Glasner wird nicht darum herumkommen, mit Tuta und Ndicka korrektes Stellungsspiel zu üben, da hilft auch die Umstellung auf Viererkette wenig, zumal auch Jakic in mehreren Situationen, ähnlich wie die Schienenspieler Knauff und Kostic in den Spielen zuvor viel zu weit und zu früh aus der Kette sprintet, so auch in dieser Situation, es ließen sich etliche weitere zeigen. Eine Viererkette, deren Mitglieder bezeichnenderweise mit Ausnahme des Neuzugangs Pellegrini praktisch in jeder zweiten Aktion Stellungsfehler begehen, wird letztlich genauso löchrig sein wie eine 3er/5er – Kette.

Weiteres Beispiel aus der 20. Minute:

Ein weiteres wiederkehrendes Problem ist das weite Rausrücken des RV, hier Jakic. Diesmal bleiben Tuta und Ndicka richtigerweise innen und halten mit Pellegrini die Zentrale dicht, also zumindest ein 3 gg. 3 in der Zentrale. Da Jakic sehr weit herausrückt, entsteht hinter ihm, also zwischen Tuta und und ihm aber ein großer Freiraum, in den Hector startet und den Ball von Kainz auch bekommt. Sow muss dann in einem Notsprint die Hereingabe von Hector zur Ecke klären.

In dieser Szene tauchen wieder viel typische Fehler der SGE-Defensive auf (eintracht.tv ab 21:43). Jakic läuft den Zweikampf mit Kainz viel zu schnell an, wird von Kainz mit einer kurzen Täuschung einfach aus dem Spiel genommen. Sow verschläft das Durchsichern, hätte also mit dem Sprint nach außen von Jakic sofort hinter diesem sichern müssen, also Hector sofort zustellen. Weil er das zu spät macht, kann er nur noch zur Ecke klären.

Auch hier also wieder zwei ziemlich krasse Stellungsfehler von Jakic (zu schnelles Anlaufen des Gegners, hätte auf der Innenbahn verzögern müssen) und Sow (Durchsichern verschlafen). Solche Fehler nutzen, das wurde hier mehrfach schon angemerkt, alle Bundesligisten aus. Jakic spielt nun seine zweite Bundesliga-Saison und rennt immer noch zu schnell in die Zweikämpfe, ähnlich wie Tuta. Insgesamt sieben Mal allein in der ersten Halbzeit müssen SGE-Verteidiger zur Ecke klären, es ergibt sich ein Eckenverhältnis von 2:7. Viele Gegner-Ecken (und auch tornahe Freistöße) sind immer Zeichen für viele angefallene Notsituationen bzw. schlecht organisiertes Verteidigen und die 7 Kölner Ecken in HZ 1 dokumentieren die Fehleranfälligkeit der SGE.

Letztes Beispiel aus der ersten Halbzeit und damit ein weiteres häufiges Problem in den defensiven Abläufen: Zu große Abstände zwischen den Mannschaftsteilen:

Hier versuchen Götze, Kolo Muani und Jakic ein Pressing gegen die hintere Reihe des FC und setzen Hector immerhin so unter Druck, dass der nur noch einen Notball Richtung Ljubicic schlagen kann. Das Problem ist, dass die defensive Mittelfeldreihe der SGE, bestehend aus Sow und Rode, knapp 30 Meter entfernt steht und so dieser Hector-Pass unbehelligt durchs Mittelfeld hoppeln kann und bei Ljubicic ankommt.

Die Kölner spielen das dann gut und schnell aus, Adamyan kommt aus spitzem Winkel zum Abschluss (eintracht.tv ab 47:57), Trapp hält, nächste Ecke. Aber selbstverständlich muss die zweite und dritte Reihe an die offensiv pressenden Spieler heranrücken, Abstände sollten dabei niemals größer als ca. 10 m sein, 30 m ist natürlich lächerlich.

In der zweiten Halbzeit noch ein Blick auf die beiden Tore.

Dem 1:0 durch Kamada ging ein starker Umschalt-Pass von Alario voraus.

Hier die entscheidende Situation: Alario hat im Mittelkreis etwas Platz, spielt den Ball schnell und perfekt in den Lauf von Kamada, der dann relativ weit außen ins 1 gg. 1 gegen Schmitz geht, der ihn nur noch foulen kann. Das war aus Sicht von Schmitz kein guter Schachzug, die SGE hatte zwar eine gute Boxbesetzung, aber die Kölner waren mit einem 4 gg. 4 im Sechzehner nicht in Unterzahl (eintracht.tv ab 25:31).

Kamada verwandelt den Freistoß dann direkt (mit etwas Glück, weil abgefälscht) zum 1:0 für die SGE.

Das 1:1 fällt nach einer weiteren, hier auch schon in den vergangenen Spielen dokumentierten Schwachstelle der SGE-Abwehr, der Rückraumsicherung.

Das ist die Flanke von Schmitz und man sieht, dass Knauff (gegen Kainz), Tuta (gegen Dietz) und Jakic mit direkten Gegnern gebunden sind. Alidou und vor allem Götze sollen und wollen wohl den Rückraum sichern, das kann man aber schlecht ohne Gegnerkontakt machen. Die Flanke von Schmitz ist schlecht, weil zu hoch, sodass Götze hier durchaus den berühmten „Schulterblick“ hätte machen können und früh genug Thielmann decken. Wenn Götze hier kurz nach hinten schaut, sich zu Thielmann orientiert, kann das Tor nie fallen. Macht er aber nicht, sondern lässt Thielmann frei stehen. Dieser macht dann das Tor.

Auch diese Rückraumsicherung ist seit langem ein großes Thema bei der SGE.

Das Fazit

Diesmal stand die neu formierte Viererkette im Fokus der Betrachtung. Wenig überraschend machen die Einzelspieler auch in der neuen Formation wieder die gleichen Stellungsfehler, nur Neuzugang Pellegrini war im Stellungsspiel sicher. Alle anderen machen nun ihre Fehler eben in einem neuen System.

Wenn sich an den immer gleichen Zweikampf- und Stellungsfehlern, am fehlenden Durchsichern, den zu großen Abständen zwischen den Mannschaftsteilen und der mangelhaften Rückraumsicherung nichts ändert, wird die SGE auch weiterhin von jedem Bundesligagegner mindestens ein Gegentor pro Spiel kassieren.

Trotzdem scheint der Schritt zur Viererkette richtig, immerhin hatte die letzte Reihe diesmal mehr Breite, konnte so die extrem starke linke Seite der Kölner mit Kainz und Hector und überhaupt das in der vorderen Reihe breit angelegte Kölner Spiel, zwar auf Kosten von insgesamt 9 Ecken der Kölner, aber immerhin meistens einigermaßen verteidigen.

Die Offensivebteilung wird auch noch einige Zeit zum Einspielen brauchen, hier hat Götze aber ein recht gutes Spiel gemacht, seine Tiefenbälle sollten demnächst Abnehmer finden und dass der Kader technisch sehr stark ist, war ebenfalls gut sichtbar.

So bleibt es dabei: Die Offensivabteilung gehört zum Besten, was es in der Bundesliga zu sehen gibt und die Aufgabe für Glasner wird auch mit einer Viererkette darin bestehen, die zu vielen gruppen- und individualtaktischen Fehler zu bearbeiten. Gelingt ihm das, wird die SGE bald sicher Spiele gewinnen können, gelingt es nicht, dürfte sich das Team auch in dieser Saison im Tabellenmittelfeld einreihen. Es bleibt in jedem Fall interessant, das Spektakel zu beobachten.

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Real Madrid – SGE 2:0 (1:0)

Die SGE hielt gegen Real gut mit, hatte aber letztlich aufgrund zu vieler Fehler keine reelle Chance das Spiel zu gewinnen. Das Analytische im Überblick.

Die Aufstellung

Real: Courtois – Carvajal (85. Rüdiger), Eder Militao, Alaba, Mendy – Casemiro, Modric (67. Rodrygo), Kroos (85. Tchouameni) – Valverde (76. Camavinga), Benzema, Vinicius (85. Dani Ceballos)

SGE: Trapp – Touré (70. Alario), Tuta, Ndicka – Knauff, Sow, Rode (58. Götze), Lenz – Lindström (58. Kolo Muani), Kamada – Borré

Die Statistik

gibt es hier und hier

Die Highlights

Die Spielanalyse

Im Gegensatz zum Bayern-Spiel agierten Knauff rechts und Lenz links diesmal deutlich disziplinierter und ergänzten die Dreierkette hinten vergleichsweise konsequent zur Fünferkette, wodurch das SGE-Spiel in der hinteren Reihe oft ausreichend Breite hatte, um viele Real-Angriffe abwehren zu können. Letztlich war die Niederlage dennoch zu vielen recht einfachen Fehlern in der Defensive geschuldet.

Die Spielanlage der Spanier ist eine ganz andere als die der SGE oder der Bayern. Madrid presst nur selten in der vorderen Reihe, ließ die SGE viel mehr mitspielen und setzt auf die eigenen langen Positionsspielphasen, die sie dann sehr ruhig und ballsicher ausspielen.

Glasner reagierte damit, das Angriffspressing weitgehend auszuschalten, die Presszone ins Mittelfeld zu verlegen und selbst weiterhin auf Schnellkombinationen zum Abschluss zu setzen. Das gelang in der Anfangsphase gut, die SGE war in den ersten zehn Minuten die Mannschaft mit den besseren Aktionen in die Spitze, die interessanteste war ein Abschluss von Lindström in der 12. Minute nach einem schnellen Positionsangriff über Lenz, Sow und Borré. Hier war gut zu sehen, dass Glasner dieses Element dem Spiel offenbar wieder hinzugefügt hat, nachdem es in der vergangenen Saison nach den vielen Unentschieden zum Saisonstart monatelang kaum zu sehen war und dem Dauerpressing und der Konzentration auf Gegenstöße geopfert worden war.

Mit der neuen Saison also wird das Positionsspiel wieder öfter versucht und gegen die wie üblich im vorderen Bereich luftig verteidigenden Madrilenen funktioniert das auch sehr gut.

Hier der Angriff. Ausgangspunkt ist Lenz, der auf Halbrechts verlagert und Sow, der dann mit einem starken Tiefenpass vorne das 2 gg. 2 aktiviert. Borré spielt den direkt auf Lindström durch, der dann aber knapp im Abseits steht und den Abschluss auch nicht vollenden kann.

In der 14. Minute muss die SGE im Grunde in Führung gehen. Nach einem starken situativen Pressing rechts gewinnt Knauff den Ball gegen Mendy:

Das ist die Situation kurz vor dem Ballgewinn von Knauff. Alaba und Mendy gehen der SGE hier voll auf den Leim, Alaba spielt einen viel zu kurzen Pass auf Mendy direkt in die Pressingfalle der SGE, der Ball wird von Knauff sofort aggressiv und auf Ballgewinn attackiert. Knauff gewinnt den Ball, Borré ist aufmerksam und steckt ihn auf den zum Tor ansprintenden Kamada durch, der völlig allein vor Courtois frei abschließen kann.

Viel Glück hier für die Spanier. Mit etwas mehr Übersicht hätte Kamada den Ball in die kurze Ecke einschieben können.

Das war bis dahin die beste Chance des Spiels und die SGE in der Anfangsviertelstunde die bessere Mannschaft.

Mit dem Kamada-Abschluss verstärkt Real dann aber die Bemühungen und das Tempo und kommt in der 17. Minute zur ersten Großchancen durch Vinicius Junior, dessen Abschluss Tuta noch von der Linie kratzen kann, sehr viel Glück für die SGE in dieser Szene. Die Szene sollte, wer sich für die Charakteristik des Spiels, typische SGE-Fehler und die Stärke von Real interessiert, noch einmal im Bewegtbild anschauen und zwar am besten in der Entstehung. Das ist nämlich ein Konter der Spanier nach einem einfachen Passfehler von Lindström vorne (eintracht.tv ab 24:14). Dadurch bekommt Real Tempo in die Aktion, Casemiro schickt Valverde rechtsaußen, aber selbst hier wäre die Situation noch zu verteidigen gewesen, da Lenz durchaus im Sprint noch Zugriff auf Valverde hatte.

Das ist die Situation direkt vor der Großchance. Gut zu sehen, dass Valverde hier von Lenz verfolgt wird und gar nicht den Weg nach innen sucht, sondern sehr weit außen ist. Warum nun Ndicka nach außen sprintet und damit innen ein 3 gg. 2, bzw. 2 gg. 1 für Real ermöglicht, ist völlig unerklärlich und ein krasser individueller Stellungsfehler von Ndicka. Mit seinem Weg nach außen veranlasst er Tuta, sich ebenfalls zum Durchsichern nach außen zu begeben, womit die SGE-Kette im Grunde freiwillig den Strafraum räumt.

Das ist ein hanebüchener Fehler und um so ein Abwehrverhalten auszunutzen braucht man keine Starspieler wie Valverde, Vinicius und Benzema, jeder Bundesligist wird derartiges Verhalten zu Toren nutzen können, das wird sich in den nächsten Wochen zeigen, sofern Glasner nicht sehr schnell etwas einfällt, um das Kettenchaos und die nach wie vor viel zu hohe Fehlerquote bei Ndicka zu reduzieren. Ndicka darf in dieser Situation natürlich niemals auf die Außenbahn laufen, sondern muss seine Halbposition im Sechzehner halten.

Ndicka und Tuta laufen einfach aus der Situation und lassen Benzema und Vinicius 2 gg. 1 gegen Touré stehen. Da kann man nur noch staunen.

Immerhin ist Tuta so geistesgegenwärtig, dass er den Abschluss von Vinicius noch von der Linie kratzen kann, aber dieses Kettenverhalten hier hat mit Profifussball nicht entfernt etwas zu tun. Alle stehenden Situationen verteidigt die Mannschaft allerdings inzwischen viel besser als noch unter Hütter. Entscheidend sind aber solche Situationen wir hier, wo die Kette wirklich gefordert ist.

Und das ist wirklich schade, denn im Spiel nach vorne war die SGE den Spaniern kaum unterlegen und konnte regelmäßig gefährliche Angriffe organisieren, oft über den sehr starken Kamada, wie etwa in der 24. Minute (eintracht.tv ab 31:31). Hier übrigens wieder das Element Positionsspiel, sehr gut zu sehen, dass Glasner hier mit den Spielern gearbeitet hat, umso unverständlicher, dass er die viel leichter zu korrigierenden Stellungsfehler hinten partout nicht in den Griff bekommt.

Die Eintracht bleibt bis zur Halbzeitpause gleichwertig, ein Klassenunterschied ist bei weitem nicht zu erkennen.

Die Szene, die zu der Ecke führt, aus der Real dann das 1:0 macht, war übrigens kein Kettenfehler, sondern ihr ging ein Abstimmungsproblem im Anpressen voraus, Kamada, Rode und Knauff lassen beim Einschieben einen großen und langen Tiefenpassweg auf Benzema offen, wodurch Vinicius dann zum Abschluss kommen kann, Trapp hält den aber sehr stark. Nicht optimal das Pressing-Verhalten hier, da stimmten mehrere Abstände nicht, aber das kann mal passieren.

Das Gegentor selbst ist dann aber ein Torwartfehler, Trapp darf hier nicht sein Tor seitlich verlassen. Die Führung für Real ist zu diesem Zeitpunkt etwas glücklich, allerdings häufen sich nun wieder die SGE-Fehler hinten und Benzema hätte das in der 41. Minute zum 2:0 nutzen müssen. Viel Glück für die SGE nach einem erneuten relativ einfachen Kettenfehler, hier allerdings auch eine starke Aktion von Kroos.

In der zweiten Halbzeit nutzte Real die sich zunehmend öffnende Räume sehr gut, mit jedem offensiven Wechsel, angefangen mit Götze für Rode, wurde das SGE-Spiel schwächer, ein schönes Beispiel dafür, dass offensive Wechsel oft nicht die gewünschte, sondern die gegenteilige Wirkung haben. Besonders technisch extrem starke Teams wie Real, die auch defensiv individuell sehr stark sind, können das oft ohne große Not verteidigen und werden dann mit den größeren Räumen vorne immer gefährlicher. So geschehen in diesem Spiel.

Nach dem 2:0 schalteten die Spanier dann auch etwas herunter und so passierte nicht mehr sehr viel.

Noch ein Blick aber auf das entscheidende 2:0. Das Tor entsteht aus einem Positionsangriff aus der letzten Real-Reihe und hier verweigert die SGE erneut sinnvolle Gegenwehr.

Knauff rückt 10m (!) aus der Kette heraus und steht nun im vollkommen leeren Raum, weil das Angriffspressing von Kolo Muani fast 20 Meter von der Abwehkette entfernt angesetzt wird. Da, wo Knauff hier in der Szene steht, ist er völlig unbrauchbar. Genauso gut könnte er sich neben das Feld stellen. Entweder muss er hinten die Kette ergänzen und für ausreichende Breite gegen Vinicius sorgen, oder er muss gemeinsam mit Kolo Muani vorne Mendy am Pass hindern. Nichts davon tut Knauff und so kommt der lange Ball von Mendy longline auf Vinicius und Touré muss sehr weit nach außen rücken. Hier auch gut zu sehen, dass Sow viel zu weit vorne steht, um seine Aufgabe hinten, die Rückraumsicherung, wahrnehmen zu können, von einem zweiten Sechser ist hier ohnehin nichts mehr zu sehen.

Und so:

Vinicius kann zwar nicht selbst Richtung Tor agieren, weil Touré den Zweikampf stark verzögert und alles richtig macht, aber Tuta und Ndicka bleiben beide tief stehen, statt den Passweg auf Benzema zuzulaufen oder zumindest in Zugriffsnähe zu ihm zu kommen. Sow ist trotz langen Sprints nicht in der Lage, den Rückraum zuzulaufen und so lässt die SGE-Abwehr den momentan besten Mittelstürmer der Welt vollkommen frei aus 16 Metern abschließen.

Auch in dieser Szene muss Real seine ganze individuelle Klasse gar nicht auspacken, ein einfaches Ausnutzen der SGE-Fehler bei den Abständen und im Erkennen von Box-Situationen genügt, um das 2:0 zu erzielen, auch bei diesem zweiten Gegentor sieht Trapp nicht besonders gut aus.

Das Fazit

In der sechswöchigen Vorbereitung hat das Team mit dem Positionsspiel ein wichtiges spielerisches Element erarbeitet, das auch munter eingesetzt wird und auch gut funktioniert. Auch das situative Angriffspressing funktioniert weiterhin gut, das schnelle Spiel in die Spitze ebenfalls und so konnte die SGE sowohl gegen Magdeburg und Bayern, als auch gegen Real Madrid jeweils einige große Tormöglichkeiten herausspielen. In diesen Bereichen ist die SGE voll wettbewerbsfähig. Umso ärgerlicher, dass der Gap zu den Leistungen im Abwehrverhalten nach wie vor extrem ist. Das Trainerteam um Glasner wirkt inzwischen auch ratlos und wirr in dieser Hinsicht, gegen Real nahm Glasner mit Touré in der 70 Minute den einzigen Verteidiger aus dem Spiel, der mit den schnellen Situationen nicht überfordert war.

Um es noch einmal kurz zusammenzufassen: Die SGE-Kette kämpft, wie fast die gesamte vergangene Saison mit systematischen Fehlern, mit Fehlverhalten also, das die Spieler nicht aus Versehen und gelegentlich machen, sondern das immer wieder reproduziert wird, also schlicht nicht klar ist, was das richtige Verhalten ist, bzw. die Abstimmung fehlt:

  1. Stellungsfehler der Einzelspieler. Vor allem Ndicka verliert in schnellen, hektischen Situationen viel zu oft den Überblick und rennt vollkommen falsch aus der Kette heraus oder zu nah an den Mitspieler heran, erkennt auch seine Fehler nicht und produziert so in fast jedem Spiel Räume für den Gegner. Tuta ist etwas weniger fehleranfällig, ist für solche Sachen aber auch immer gut (siehe Bayern-Spiel bei Gegentor Nr. 5). Touré hat in dieser Hinsicht inzwischen die niedrigste Fehlerquote.
  2. Die Abstände zwischen Pressinglinie und hinterer Verteidigungslinie sind zu oft zu groß, siehe zweites Gegentor oben als Beispiel.
  3. Kettenabläufe sind unklar. Knauff beim zweiten Gegentor steht zwischen den Linien ohne Gegenspieler und Zugriff, hat eigentlich noch Zeit zu erkennen, dass er sich irgendwo nützlich machen muss, versteht aber nicht, dass er falsch steht.
  4. Ebenfalls zu oft falsch ist das Verhalten in der Box bei überspielter Kette außen. Wenn eine Kette außen ausgespielt ist bzw. ein offensiver Gegner im torgefährlichen Raum am Ball, muss in der Zentrale sofort von Raum- auf Manndeckung umgeschaltet werden, bei einer Flanke oder Hereingabe ist es sinnlos den Raum zu decken. Beim zweiten Gegentor kommt das zum Stellungsfehler von Knauff noch dazu.
  5. Die Rückraumsicherung fällt nach wie vor zu oft aus, wird von den Sechsern verschlafen oder verpasst, weil die Abstände zu groß sind und von den Verteidigern werden die Passwege ebenfalls nicht zugelaufen (siehe zweites Gegentor).

Natürlich ist es kein Beinbruch, das Supercup-Finale gegen Real zu verlieren, aber dass die Spanier nicht mal ihr großes individuelles Können in die Waagschale werfen mussten, weil sie nur die drei ganz krassen Abwehrpatzer der SGE nutzten mussten, um zu zwei Treffern zu kommen ist aus einem Grund ärgerlich und aus einem anderen bedenklich:

Ärgerlich, weil die SGE bis zum zweiten Gegentor ziemlich gut im Spiel und auch gefährlich war, also durchaus nicht chancenlos und bedenklich deswegen, weil solche Supersonderangebote, wie sie die SGE-Defensive macht, eben auch von Spielern wie Plattenhardt und Selke ausgenutzt werden können.

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SGE – FC Bayern München 1:6 (0:5)

Die Eintracht startet mit einem Desaster in die Bundesliga. Ein analytischer Blick auf die Gründe.

Die Aufstellung

SGE: Trapp – Ndicka, Tuta (81. Hasebe), Touré – Kostic (74. Alidou), Sow Rode (46. Jakic), Knauff – Götze, Lindström (46. Lenz) – Borré (46. Kolo Muani)

FCB: Neuer – Davies, Hernandez (82. de Ligt), Upamecano, Pavard (82. Mazraoui) – Sabitzer (57. Grevenberch), Kimmich, Musiala, Müller (65. Sané) – Mané, Gnabry (65. Tel)

Die Statistik

gibt es hier und hier

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die Spielanalyse

Im Grunde mit der ersten gezielten Aktion des Spiels verrieten die Bayern, wie sie die seit Jahren immer gleichen Probleme der SGE-Defensive auszunutzen gedachten, bereits mit dem ersten Angriff spielten sie aus ihrem Viereraufbau einen Diagonalpass von Hernandez auf den aufgerückten Pavard rechts, brachten die wie immer mit zu großen Abständen agierende SGE-Kette ins Laufen und die Eintracht musste den ersten Eckball produzieren, da war noch keine Minute gespielt (eintracht.tv ab 16:56).

Bereits in der 4. Minute war es dann soweit, die Bayern erhielten den Freistoß, den Kimmich zum 1:0 verwertete. Die Freistoß-Situation war dann tatsächlich etwas unglücklich, weil Kimmich einen Stellungsfehler von Trapp ausnutzte, das Tor wäre also gut zu verhindern gewesen, allerdings entsprang der Freistoß einem Abwehr-Chaos der SGE.

Ausgangssituation war eine der von den Bayern immer wieder gesuchten Situationen, in denen die Dreierkette der Eintracht alleine hinten verteidigt und daher keine ausreichende Breite hat. Hier:

Das ist die Situation beim Pass auf Müller. Die SGE hat keine Breite in der Kette, gerät daher mit diesem sehr einfachen Aufbaupass bereits stark ins Laufen, Ndicka muss sich nach außen Richtung Müller orientieren, ist aber wie man sieht, viel zu weit weg, um Müller mit Ballannahme hinreichend attackieren zu können, inzwischen steht auch Gnabry frei, auch Musiala ist vollkommen ungedeckt, weil die Abstände der beiden Eintracht-Ketten hier im zentralen Bereich sagenhafte 13 Meter betragen.

Und obwohl die Bayern diese Situation für ihre Verhältnisse schwach ausspielen (Sow kommt zwischenzeitlich nach einem schwachen Prallpass von Gnabry an den Ball), ist die SGE-Organisation hier bereits so im Chaos versunken, dass die Bayern den verlorenen Ball sofort zurückerobern können und Ndicka beim Steilpass von Musiala auf den schnellen Gnabry diesen schon festhalten muss, damit er nicht mit Mané 2 gg. 1 aufs Frankfurter Tor zuläuft:

Ndicka ist in einer Seitwärtsbewegung, kann das Sprintduell mit Gnabry beim Musiala-Pass nicht aufnehmen, muss den Gegner also festhalten.

Ein klares taktisches Notfoul und Ndicka hat hier viel Glück, dass der sehr großzügige Aytekin ihm nicht Gelb zeigt, den fälligen Freistoß verwandelt Kimmich dann gegen Trapp zum 0:1. Der war dann ein Kunstschuss, jeder weiß, dass Kimmich solche Sachen kann und Trapp wurde da schlicht ausgeguckt. Kimmich berichtete nach dem Spiel, dass ihm von Co-Trainer Toppmöller mitgeteilt worden war, dass Trapp in Erwartung von Freistoßflanken sehr hoch steht.

Danach fand die SGE zunächst kein offensives Mittel gegen das Dauerpressing der Bayern, die jeden Ball sofort gewannen, der SGE keinerlei Räume ließen und einen Torabschluss nach dem anderen produzierten. Die Eintracht konnte sich nur mit der Dauerproduktion von Freistößen und Eckbällen irgendwie wehren – auch das ist gegen die Bayern kein guter Plan. Und auch die Ecke, die zum 2:0 führte, entstand wieder aus der üblichen fehlenden Breite und dem völlig verschnarchten und im Grunde verweigerten Defensivverhalten von Kostic.

Kostic ist selbst beim Freistoß noch zu weit aufgerückt, obwohl Kimmich erstmal am Boden lag und das Spiel unterbrochen war. Kostic weigert sich schlicht, seine defensive Aufgabe zu erfüllen und lässt Pavard völlig frei stehen.

Aus dieser Situation entsteht dann die Ecke, die zum 0:2 führt.

Mit dem Gegenzug und nach einem guten Angriff über Kostic und Sow erzielt die SGE dann die erste eigene Ecke, die Tuta an die Latte köpft.

Das war aber ein Strohfeuer, die Bayern bleiben überlegen, spielen einen Angriff nach dem anderen, fast immer nach dem gleichen Strickmuster, also mit Pässen auf die Außenstürmerpositionen in den Rücken der dauerhaft viel zu weit aufgerückten Knauff und Kostic. Man könnte das hier endlos dokumentieren, aber das würde den Rahmen sprengen. Wer sich das nochmal genau anschauen will, dem sei als Beispiel noch die 15. Minute empfohlen (eintracht.tv ab 30:40), hier spielt Müller den Pass auf den völlig freien Mané außen, der dann gegen Touré ins 1 gg. 1 gehen kann, Musiala mit dem Abschluss dann ans Außennetz.

Zwischen der 15. und 25. Minute gelingt es der SGE, eine eigene Druckphase aufzubauen und das sieht mit Ausnahme des Konters, den Müller an den Pfosten abschließt, schon erstaunlich gut aus. Und es springt nach einer Einzelleistung von Lindström auch ein starker Abschluss heraus, der eigentlich das 1:2 hätte sein müssen (eintracht.tv ab 42:20).

In der 29. Minute jedoch entscheiden die Bayern das Spiel, nach einem Pass in den Rücken des rechten „Schienenspielers“ Knauff, der erneut viel zu weit aufgerückt ist und damit den Raum für Mané öffnet. Hier:

Der Moment des Kimmich-Passes. Weder die Dreierkette hat eine gemeinsame Höhe, Touré ist hier zwei Meter zu weit herausgerückt, noch ist Knauff hier in Zugriffsdistanz zur Kette. Ergebnis: Gleich zwei technisch extrem starke und schnelle Bayern-Spielen stehen völlig blank im Rücken von Touré und Knauff.

Das spielen die Bayern dann ohne große Probleme zum Tor aus, der Ball landet bei Musiala, dessen Zuspiel köpft Mané ins Tor.

Ehrlicherweise muss dazugesagt werden, dass dem Kimmich-Pass eine unübersichtliche Situation im zentralen Mittelfeldbereich vorausgeht und Knauff hier auf Ballgewinn spekuliert, aber das bleibt eben ein krasser Stellungs- und Antizipationsfehler. Darauf zu spekulieren, dass enge Situationen schon irgendwie gewonnen werden, kann man vielleicht noch gegen Magdeburg versuchen, in der Bundesliga und insbesondere gegen Bayern geht so etwas mit Ansage schief und damit war das Spiel entschieden.

Trotzdem noch ein Blick auf die weiteren Treffer. Tor Nummer 4, same procedure:

Obwohl Tuta schon gefährlich weit aus der Kette herausrückt und die Abstände zu Ndicka und Touré dadurch sehr groß werden, besteht kein Zugriff auf Mané, weil der Abstand zur Mittelfeldkette viel zu groß ist. Kimmich spielt den Ball in Seelenruhe auf Mané, der dann mit Müller und Musiala den Angriff ohne große Problem über die von Kostic vollkommen verwaiste linke SGE-Seite zum Tor ausspielen.

Wieder die gleichen Probleme hier: Viel zu große Kettenabstände, nicht existentes defensives Schienenspiel von Kostic.

Tor Nr. 5:

Rode nach einem vollkommen unmotivierten Foulversuch komplett aus dem Spiel, Ndicka viel zu weit eingerückt (das hat er schon gegen Magdeburg in einer ähnlichen Situation genauso falsch gemacht, hier wieder null Fehlerkorrektur seit dem letzten Spiel), Tuta sinnlos aus der Kette gerückt (Götze ist bereits in dem Zweikampf, in den Tuta hier rennt), Kostic wieder mit defensiver Arbeitsverweigerung, so spielt Müller Gnabry frei, der gegen Trapp nicht viel Mühe hat, den Ball ins Tor zu spitzeln.

Das ist natürlich defensiver Super-GAU und wie schon in der vergangenen Saison hier immer und immer wieder dokumentiert, hat das Chaos Methode und das ist und bleibt Trainerarbeit, dazu mehr im Fazit.

Noch ein Blick in die zweite Halbzeit.

Natürlich ist auch Glasner nicht entgangen, dass die Bayern seine beiden Schienenspieler, (die keine sind), ununterbrochen im Rücken anspielen und dadurch im Fünfminutentakt zu Großchancen kommen. Daher stellt er um.

In der zweiten Halbzeit spielt die SGE weitgehend eine Art 5-4-1, Knauff spielt jetzt viel disziplinierter, Lenz dichtet die zuvor völlig verwaiste linke Defensivseite ab und sorgt dafür, dass Kostic mit seiner defensiven Arbeitsverweigerung keine weiteren Gegentreffer verursachen kann.

Mit den Maßnahmen von Glasner, insbesondere der hergestellten Breite in der hinteren Reihe und der Verdichtung der Zentrale, sowie dem deutlich zurückhaltenderen Spiel der Bayern schafft die SGE es nun, ihr Tor deutlich besser zu verteidigen.

Über den schnellen und sehr dribbelstarken Kolo Muani gelingen dann auch noch einige Konter und in der 64. Minute nach einem krassen Fehler von Neuer und einer starken Einzelleistung von Kolo Muani sogar ein Tor.

Fazit

Obwohl das Ergebnis in der ersten Halbzeit sehr deutlich ausfiel, war zu erkennen, dass die SGE spielerisch so viel schlechter als die Bayern nicht ist. In der ersten Halbzeit gelangen mit dem Lattentreffer von Tuta und dem Abschluss von Lindström zwei Großchancen, die gut zu zwei Toren hätten führen können, sowie eine starke Druckphase zwischen der 15. und 25. Minute. Besonders in der zweiten Hälfte, mit geordneter Defensive und Breite in der hinteren Reihe entwickelte sich ein weitgehend ausgeglichenes Spiel mit einigen SGE-Kontern. Erst mit der Einwechslung von Hasebe tritt dann wieder das übliche Hasebe-Chaos zu Tage und Stellungsfehler von Hasebe und eine darauf folgende Notaktion von Ndicka bzw. einen Abstimmungsfehler der beiden nutzen die Bayern dann auch direkt wieder zum 6:1 (eintracht.tv ab 39:02).

Die Offensivstärke, das bleibt unübersehbar, hilft nichts, wenn die Defensive weiterhin nicht in der Lage ist, nachhaltig sauber zu arbeiten. Die Probleme bleiben die gleichen wie in der vergangenen Saison: Kostic und Knauff sind von der Anlage her keine Schienenspieler. Das hat in der Europa League funktioniert, weil beide Spieler in den K.O.-Spielen überaus diszipliniert ihre defensiven Aufgaben wahrgenommen haben, aber schon in den Bundesligaspielen der vergangenen Saison war Kostic zu oft nicht bereit, diese defensiven Aufgaben dauerhaft zu erfüllen. Knauff nimmt sich inzwischen ein Beispiel daran und kümmert sich ebenfalls nicht um korrektes Kettenergänzen hinten. Es ist absolut absehbar, dass das wie in der letzten Saison jeder Bundesligagegner auszunutzen versuchen wird, und immer mehr gute Offensivspieler einzukaufen bringt da wenig, denn die Offensive war auch schon vergangene Saison nicht das Problem.

Auch die defensiven Einkäufe Onguéné und Smolcic machen für ein Dreierkettensystem wenig Sinn, beide Spieler sind von den Anlagen her eher Innenverteidiger in einer Viererkette. So hat die SGE nach wie vor weder echte Schienenspieler, noch einen echten Zentralverteidiger einer Dreierkette. Warum trotzdem dauerhaft mit Dreierkette und Schienenaußen gespielt werden soll, bleibt etwas rätselhaft, zumal in der vergangenen Saison mit einem Kader, der zu den Top-5 der Liga gehörte gerade einmal Platz 11 heraussprang, was fast ausschließlich der krassen Defensivschwäche geschuldet war.

Insbesondere da man mit dem chronisch unterschätzten Lenz einen echten Linksverteidiger im Kader hat, der, wie man gegen die Bayern sehen konnte, auch auf sehr hohem Niveau Kostic oder einen anderen Offensiven stark absichern kann, sollte ein System mit fester breiter Kette hinten zumindest eine Option sein. Da nun offenbar tatsächlich ein Verkauf von Kostic ansteht, umso mehr. Ein solcher Verkauf würde zumindest teilweise die wohl schlechteste Leistung von Kostic im Eintracht-Trikot erklären, denn wenn man bereits mit dem Kopf in der italienischen Liga ist, fällt der unangenehme Weg in die Abwehrkette vermutlich besonders schwer.

Nun ist Trainer Glasner bereits seit einem Jahr im Amt, hat auch in den Interviews nach dem Spiel und mit seinen Wechseln klargemacht, dass er das Problem durchaus erkannt hat, dennoch läuft er immer wieder in die selbe Falle und lässt zu viele Spieler auf Positionen spielen, die zu weit weg sind von ihren eigentlichen Spielanlagen. Hier bleibt in der defensiven Organisation, in den Abständen zwischen den Abwehrspielern, den Stellungsentscheidungen (insbesondere Ndicka und Hasebe, aber auch Tuta reproduzieren immer wieder die gleichen Stellungsfehler, wie schon gegen Magdeburg und letzte Saison dutzendfach hier dokumentiert) und viel zu oft auch bei den Abständen zwischen Abwehr- und Mittelfeldkette eine sichtbare und nachhaltige Weiterentwicklung der Einzelspieler und der Abstimmung der Mannschaftsteile aus und das ist und bleibt Trainerarbeit.

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