FC Antwerpen – SGE

Nach dem 1:1 gegen Köln musste die SGE am Donnerstag Abend zum zweiten Gruppenspiel der Europa League in Antwerpen antreten.

Viele Umstellungen

Aufgrund der Verletzungen sowohl beider Linksverteidiger (Lenz, Durm), als auch dem Ausfall von Innenverteidiger N´Dicka entschied sich Trainer Glasner für eine Umstellung auf Dreierkette mit Hasebe als Libero, trotz der Nachteile, die eine solche Sytsemumstellung mit sich bringt. (Kostic wieder zu defensiv, ein Offensiver weniger auf dem Platz, eine rein Defensiver mehr)

So ergab sich folgende Anfangself. Vor Trapp agierte eine 3er-Kette, bestehend aus Hinteregger, Hasebe und Touré, davor links Kostic und rechts Chandler. Die beiden defensiven 6er-Postionen bespielten wie gehabt Jakic und Sow und statt der bisherigen vier Offensivspieler bespielten nun nur noch drei Offensive das vordere Drittel: Hrustic, Borré und Lammers.

Die erste Halbzeit

Die erste gute Torchance hat die SGE bereits nach 3 Minuten nach einem Schuss von Hinteregger aus rund 23 Metern Torentfernung, den Antwerpens Torwart Butez aber zu Ecke klären kann.

In der 8. Minute gelingt der SGE der erste Positionsangriff. Ausgangspunkt ist ein langer Diagonalball von Hinteregger links.

Der Hinteregger-Flugball geht, wie man hier sieht, diagonal über fast die gesamte gegnerische Hälfte in den Lauf von Chandler.

Das ist eine tolle Aktion von beiden, denn Chandler erläuft den Ball, legt ihn gut quer auf Lammers, der freistehend vor dem Tor am langen Pfosten vergibt. Der war nicht sehr leicht zu nehmen, Lammers hätte unbedingt versuchen müssen, den Ball direkt abzuschließen, statt ihn anzunehmen.

In der 18. Minute dann der erste Abschluss der Antwerpener.

Hier im Standbild schön zu sehen: Hasebe muss aus der Kette herausrücken, kann den Pass aus der Zentrale nach außen aber nicht verhindern. Außen steht Touré gegen zwei Gegenspieler. Er macht hier alles richtig, orientiert sich zunächst zu dem zentralen, also torgefährlichen Gegner, rückt dann mit dem Pass nach außen auf den Ballführenden und kann ihn so etwas nach außen drängen. Der Abschluss ist dann schwach und Trapp kann halten. Gutes Stellungsspiel und 1gg.1-Verhalten von Touré in dieser Situation.

Ebenfalls in der 18. Minute hat die SGE den nächsten Abschluss. Nach einem schwachen Flugpass von RAFC-Torwart Butez, der bei Lammers landet, passt er auf Kostic, der links im 16er direkt abzieht, Butez kann aber halten.

Den ersten wirklich guten Angriff kann die SGE in der 23. Minute spielen.

Hier die Ausgangskonstellation. Gut zu sehen, dass hier wieder sehr schnell die Seite verlagert wird, wodurch der gegnerische Abwehrblock einige Meter ins Laufen kommt. Auch sieht man hier gut, wie die schnellen Positionsangriffe der SGE funktionieren. Es ist hier wie oft das gegenläufige Freilaufen und Weiterspielen. Zunächst kommt Sow Hinteregger entgegen, bekommt den Ball, kann sich frei drehen und auf den ebenfalls entgegenkommenden Borré spielen, der direkt auf den aufgerückten Touré spielt. Man sieht an den Bewegungspfeilen die Bewegungen der Gegner. Borrés Gegenspieler muss weit ins Mittelfeld herausrücken.
Hier sieht man, wie der Passweg (großer Pfeil) auf Lammers kurz aufgeht, weil sich der RAFC-6er Richtung Borré orientiert. Touré spielt dann auf Lammers, Borré übersprintet den 6er. Mit seinem Sprint bringt er Tempo und Tiefe in den Angriff.
Hier sieht man sehr schön, dass der direkte Tiefenpass von Lammers auf Chandler nicht möglich ist, da Chandler keinen Kontakt zu seinem Gegenspieler hat. Der Antwerpener hat drei Meter Vorsprung. Die SGE muss also eine Zwischenstation einbauen und Borré erkennt die Situation perfekt, sprintet in den freien Raum und gibt Chandler damit die Möglichkeit den Abstand zum Gegenspieler zu verkürzen, damit Borré den Ball in die Tiefe spielen kann.
Borré hält den Ball im Tempodribbling dann noch kurz und spielt ihn in die Tiefe, als Chandler seinen Gegner überholt hat, also eine halbe Sekunde zu spät, denn da ist Chandler schon knapp im Abseits.
Das ist die Flanke von Chandler, die Kostic nicht im Tor unterbringen kann.

Das ist aber ein gut vorgetragener Angriff, bei dem man gut sieht, wie die SGE mit Entgegenkommen und schnellen Passentscheidungen in die Spitze spielt.

Bis zur Halbzeit ergeben sich noch einige interessante Szenen auf beiden Seiten, ein gefährlicher Abschluss kommt dabei aber nicht heraus. Kostic muss nun wieder häufiger die gefährlichen Räume erst mit langen Sprints anlaufen und ist daher, wie in der vergangen Saison, wieder etwas unpräziser bei den Hereingaben, ein Beispiel von mehreren in der 34. Minute.

Die Antwerpener werden meist über rechts, sehr oft über Benson gefährlich (also über Kostics defensive Seite) , gegen den Hinteregger und Jakic oft im 1gg.1 nicht gut aussehen, Beispiel ebenfalls in der 34. Minute.

In der ersten Minute der Nachspielzeit gelingt den Antwerpenern ihr bester Abschluss und erster guter Positionsangriff über die Zentrale, dann wird der Ball über die rechte Mittelfeldposition in die Tiefe gespielt.

Hier die Situation nach dem Pass. Schön zu sehen, dass Sow hier die Kette ergänzt hat, weil er zuvor sah, dass Hintergger herausgerückt war ohne Absicherung. Hier auch wieder die viel zu großen Abstände der Mannschaftsteile (schwarze Linie, ca. 15 m). Sow kann dann Eggestein einholen und derart bedrängen, dass nur ein harmloser Abschluss herauskommt. Dass Eggestein hier nicht völlig alleine aufs SGE-Tor zuläuft ist allein der guten Antizipation von Sow zu verdanken.

Hasebe hatte in dieser Szene übrigens zuvor durch schwaches Stellungspiel zunächst das Abseits aufgehoben und dann falsch reagiert und durch ein weiteres falsches Stellungsspiel sich den Vorsprung vor Eggestein selbst genommen. Hier sieht man ein Problem von Hasebe. Er hatte schon immer relativ viele Stellungsfehler in seinem Spiel. Die hat er nie abgestellt und jetzt, mit abnehmender Schnelligkeit, schlagen diese Fehler natürlich noch mehr durch, weil er sie noch weniger durch Ablaufen ausbügeln kann. Das war in der ersten Halbzeit aber einer seiner wenigen derartigen Fehler und er hatte auch zwei gute Situationen mit guten Ballgewinnen nach Herausrücken aus der Kette.

Die zweite Halbzeit

Glasner wechselt, Kamada kommt für den wenig ins Angriffsspiel eingebundenen Hrustic. Der Wechsel ist nachvollziehbar. Warum Glasner es bei der Dreierkette belässt, weniger. Dazu mehr im Fazit.

Die Anfangsphase der zweiten Halbzeit ist sehr zerfahren, viele Bemühungen beider Teams werden durch Pressing, gute defensive Zweikampfführung unterbunden, es entstehen wenige Räume für die SGE nach vorne, und wenn es einmal kleinere Räume gibt, werden die Angriffe durch Fehlleistungen Einzelner zunichte gemacht, vor allem Lammers fällt dabei auf, hat gleich drei leichte Ballverluste in der Anfangsphase.

Die erste Großchancen in der 2. HZ hat Antwerpen mit einem Kopfball von Almeida in der 60. Minute nach Freistoß aus dem Halbfeld rechts. Gute Parade von Trapp.

In der 63. Minute dann die nächste gute Situation für Antwerpen.

Hier gut zu sehen das alte Problem mit den Räumen zwischen Außen- und Innenverteidigern. Hasebe sichert Hintergger nicht, auch Jakic und Sow stopfen den Raum diesmal nicht, der Antwerpener Frey hat es hier bereits gesehen und macht sich auf den Weg. Er bekommt dann auch den Ball, schließt aber völlig überhastet ab (am langen Pfosten waren zwei Mitspieler frei). Glück für die SGE.

Keine 2 Minuten später hat Antwerpen die erste echte Großchance im ganzen Spiel.

Der lange Ball kommt vom TW der Antwerpener. Jakic geht zum Kopfball und verlängert den Ball Richtung eigenes Tor. Hier sieht man, dass die SGE noch recht gut gesichert steht. Man sieht auch, dass diesen Zweikampf eigentlich Hasebe führen müsste, da er aus der Zentrale nach außen verteidigen kann und auch den kürzeren Weg zum Ball hat.

Hasebe bricht aber schlicht seinen angedeuten Laufweg ab, trabt Richtung eigenes Tor und überlässt Touré den Zweikampf, der ihn von außen kommend nicht gut führen kann und von Samatta überlaufen wird, der dann völlig frei vor Trapp nur noch einschießen muss.

Hier sieht man sehr gut, dass Samatta frei vor Trapp zum Abschluss kommt und auch, dass Hasebe den Sprint zum eigenen Tor nicht einmal aufgenommen hat.

Samatta verzieht den Ball danach zum großen Glück für die SGE völlig. Eine Führung der Antwerpener wäre zu diesem Zeitpunkt nicht unverdient gewesen.

In der 67. Minute schaffte die SGE eine gute Angriffskombination ausgehend von Hasebe über Sow, Borré, Kostic und Lammers.

Durch den Angriffsvortrag über rechts kommt der Antwerpen-Block ins Laufen, schiebt nach links, Kostic sieht den freien Raum und startet hinein.

Das ist einer der besten Angriffe der SGE im ganzen Spiel, vor allem weil einmal nicht verfrüht auf Kostic gespielt wird, sondern die Tempo-Aktion mit einer Kurzpassrunde über rechts sauber vorbereitet wird. Lammers kommt dann in der Mitte einen Schritt zu spät.

In der 72. Minute wechselt Glasner doppelt, Ilsanker kommt für den angeschlagenen Hasebe, Lindström für Lammers. Der erste Wechsel ist verletzungsbedingt, beide gut nachvollziehbar. Lindström hatte bereits gegen Köln mit einigen guten Aktionen für frischen Wind gesorgt, Lammers war erneut in vielen seiner Aktion zu langsam und entscheidungsschwach.

In den letzten 20 Minuten spielt die Eintracht dann deutlich besser als zuvor. Wie gegen Köln bringt Lindström mit vielen Ballkontakten sofort Belebung. Kostic spielt jetzt auch wieder fast ausschließlich auf seiner bisher angestammten Position links offensiv, Hinteregger spielt nun mehr oder minder einen echten linken Verteidiger zur Absicherung.

In der 76. Minute gelingt der SGE der nächste gute Angriff, diesmal durchs Zentrum über einen guten Steilpass von Jakic auf Lindström, der etwas unsauber auf Sow weiterleitet.

Hier die Angriffsdurchführung über Lindström, Sow und Chandler. Chandler macht aus dem springenden Zuspiel von Sow das Beste und spielt einen sehr starken flachen Flankenpass auf Borré, der einen Schritt zu spät kommt. Bei diesen Bällen ist Timing alles und hier hat es um wenige Zentimeter nicht gepasst, die Belgier können mit vereinten Kräften den Ball in der Mitte klären.

In der Folge lässt die SGE die Antwerpener kaum mehr über die Mittelinie kommen, ist drückend überlegen, hat in der 80. Minute zwei Eckstöße hintereinander ohne Erfolg.

Nächster interessanter Angriff für die SGE in der 82. Minute: Schnellangriff nach Ballgewinn Kostic in der eigenen Hälfte, Pass auf Borré linksaußen, der zieht in die Zentrale, passt auf Kamada, der aus 16m etwas zu lange für die Schussausführung braucht und geblockt werden kann.

Auch die darauffolgende Ecke wird gefährlich. Hinteregger bringt den Ball aber nicht aufs Tor.

In der 83. dann noch eine Riesenchance für die Antwerpener.

Das ist ziemlich spektakulär, da man solche Situationen im Profifussball selten sieht. Hier sind 3 Spieler der Antwerpener vollkommen frei in torgefährlichen Zonen bei einer Halbfeldflanke, obwohl die SGE hier in der Zentrale 4-3-Überzahl hat – das muss man erstmal hinkriegen.

Die Flanke kommt dann ganz schlecht und viel zu lang, die Situation wird danach wegen abseits abgepfiffen.

Hier die Situation von der anderen Seite in dem Moment des letzten Passes (auf den tornahen Stürmer zentral vor Trapp). Hier stehen immer noch 6 Verteidiger der SGE um 4 Antwerpener herum ohne jeden Körperkontakt. Das wird dann wegen abseits abgepfiffen, nachdem der Antwerpener Stürmer Trapp den Ball in die Hände geköpft hat. Aber so kann man wirklich nicht verteidigen und wie man hier im Standbild sieht, ist das mit dem Abseits sehr, sehr knapp.

84. Minute: Starke Kostic-Hereingabe auf Chandler, der aber wieder einen Schritt zu spät kommt. (Entstehung nach einem Einwurf, daher analytisch nicht sehr relevant. Toller Pass von Jakic vor der der Kostic-Hereingabe.)

In der 86. Minute kommt Paciencia für Borré, der zuvor ein gutes Spiel gemacht hat. Trotzdem ein nachvollziehbarer, positionsgetreuer Wechsel. Die Kopfballstärke von Paciencia dürfte das wichtigste Argument gewesen sein als zusätzliches Element im Spiel.

Nachdem die SGE in den Minuten zuvor zunehmend verzweifelter und unstrukturierter auf das Führungstor drängte (20m- Schussversuch von Jakic, Solo über den halben Platz von Hinteregger) verdankte die SGE den 1:0-Sieg letztlich einer Einzelleistung von Jesper Lindström. Gleich im Detail, aber zuvor zur Erinnerung: Noch am vergangenen Sonntag wurde dem jungen Spieler (21) trotz gutem Spiel gegen Köln von zwei Pressevertretern (fr) noch die Bundesligatauglichkeit abgesprochen. Aber zum Tor:

Ausgangspunkt ist ein von Jakic und Paciencia gemeinsam (beim Doppeln) gewonnener Zweikampf auf der Rechtsverteidigerposition. Paciencia spielt dann einen Befreiungsschlag Richtung Mittelkreis.

Hier sieht man, dass der Ball eigentlich abgefangen wurde, nur Lindströms Einsatz, Aggressivität und sein gutes Erkennen der Situation führen dazu, dass er hier den Zweikampf und den Ball gewinnt.
Die folgende Bewegung in den Zweikampf von Lindström ist überragend. Er muss diese Situation im 1 gg 1 lösen, da der Angriff in Unterzahl anders kaum zu lösen gewesen wäre. Mit seiner starken Technik und Schnelligkeit löst er das perfekt und zwingt den Gegenspieler zum Foul.
Durch die gewonnene 1 gg 1 – Aktion öffnet Lindström die Situation und macht daraus eine Großchance. Er wird gefoult, den Elfmeter verwandelt Paciencia.

Fazit und Spielerbewertung

Die Systemumstellung hatte erwartungsgemäß wenig Effekt. Hasebe macht in der ersten Halbzeit ein ordentliches, unauffälliges Spiel, gewinnt zwei wichtige Zweikämpfe hinten durch gutes Antizipieren und Herausrücken, hat aber auch zwei deutliche Stellungsfehler in seinem Spiel, bei denen er Glück hat, dass due nicht genutzt wurden. Er spielt oft den Innenverteidiger-Part einer ergänzten 4er oder 5er-Kette. Im Aufbauspiel spielt er fast ausschließlich Querpässe ohne Relevanz für die Einleitung von Angriffen, abgesehen von zwei Flugbällen aus der Zentrale auf Kostic linksaußen. Auffällig: Hasebe sucht mehrmals Kostic schon im Aufbau mit Flugbällen. Dieses eindimensionale Angriffsspiel hatte die SGE zuletzt eigentlich überwunden und war viel variabler geworden. Nun fiel die Mannschaft zu oft wieder in die alten, sehr durchschaubaren Muster zurück.

Insgesamt ergab sich ein recht ausgeglichenes Spiel gegen limitierte Belgier. Die SGE ist etwas entfernt von der Dominanz der ersten Spiele der Saison. Offenbar hat sich das Trainerteam und die Mannschaft von der Unentschiedenserie doch mehr beeindrucken lassen als sie zugibt. Einen Offensiven aus dem Spiel zu nehmen und einen rein Defensiven einzubauen scheint eher eine Schwächung der Mannschaft zu sein, insbesondere beim Angriffspressing. Kostic hatte seit der Umstellung auf die Viererkette mehr Aktionen, auch mehr Scorer als letzte Saison. Heute spielte er etwas unglücklich und nicht so stark wie zuletzt.

Wie schon gegen Köln machte Lindström ein starkes Spiel nach seiner Einwechslung und entschied das Spiel im Alleingang für die SGE. Es ist nach der kurzen Zeit schon zu erkennen, dass Lindström eines der größten SGE-Talente seit Jahren ist.

Die übrigen Spieler spielten im Rahmen ihrer Möglichkeiten gut. Neben Lindström ragte Borré mit vielen guten Aktionen etwas heraus, auch Chandler spielte für seine Verhältnisse stark. Lammers hatte nur wenige gute Aktionen, fiel etwas ab.

Insgesamt zeigte die SGE für das große Potenzial dieser sehr talentierten Mannschaft ein zu schwaches Spiel. Glasner dürfte gut beraten sein, bald wieder zu seinem mutigen, offensiven, sehr variablen Fußball zurückzukehren.

Warum spielt Hasebe nicht?

Vor allem von Seiten einiger Teile der Presse wird seit Wochen behauptet, der 37jährige Makoto Hasebe müsse unbedingt spielen, insbesondere die immer sehr meinungsstarke Frankfurter Rundschau ist sich sicher, Glasner müsse unbedingt auf Dreierkette um- und Hasebe wieder als Libero aufstellen, dann würde alles gut. Nun wiederholte auch Charly Körbel während der Trainings-Übertragung bei eintracht.tv diese Einschätzung.

Leider ist diese Forderung völlig unbelegt und es bestehen doch sehr große Zweifel an der Idee der beiden fr-Journalisten, die in der Vergangenheit bereits häufig durch haarsträubende Fehleinschätzungen aufgefallen sind und die in ihren Artikeln sehr gerne sehr viele sehr steile Thesen aufstellen, ohne sie irgendwie angemessen zu begründen. Stattdessen schreiben sie bekannt blumig: „Hasebe wäre derjenige, der den Spielaufbau vorantreibt, sicher im Passspiel, ruhig an der Kugel, auch dies könnte die hohen leichtfertigen Ballverluste minimieren.“ Das war Hasebe tatsächlich zuverlässig bis vor wenigen Jahren. Dass er das heute immernoch ist, dafür liefern die fr-Experten keinerlei Belege. Doch das sollten sie, denn Hasebe hat leider seit spätestens dem Winter stark abgebaut, es liegt nahe, dass das auch mit seinem fortgeschrittenen Alter zusammenhängt.

In dieser Saison spielte Hasebe in zwei Spielen, gegen Waldhof Mannheim und Borussia Dortmund. Gegen Mannheim kam er in der Halbzeitpause ins Spiel, beim Stand von 0:0. Nach seine Einwechslung verlor die SGE das Spiel mit 0:2, Hasebe war an dem entscheidenden 2:0 entscheidend mitbeteiligt, weil er falsch stand.

Hier die Entstehung des 0:2 gegen Waldhof Mannheim. Oben im Kasten der lange Ball des Waldhof-Torwarts. Sehr deutlich ist zu sehen, dass Hasebe hier viel zu weit aufgerückt steht. Das kann passieren, nur hätte er das schnell erkennen und korrigieren müssen, denn wie man sieht, besteht im Raum vor der SGE-Abwehr eine 1-3-Unterzahl.

Hasebes Stellungsfehler ist für das Tor ausschlaggebend.

Das ist der entscheidende Mittelfeldzweikampf direkt vor dem 0:2. Weil Hasebe falsch steht, kommt er nur „von der falschen Seite“ in den Zweikampf, den er dann übrigens noch sehr schlecht führt und im Grunde kampflos verliert. Martinovic läuft dann mit Tempo auf die stehende SGE-Innenverteidigung zu, spielt auf Boyata, der das Tor erzielt.

Auch sonst war Hasebe in dem Spiel sehr schwach. Während die Passquote mit 84% (Rode 87%) noch in Ordnung war, gewann er gegen den unterklassigen Gegner nur 50% seiner Zweikämpfe (Rode 57%), auch statistisch war seine Einwechslung für Rode also eine deutliche Schwächung der Mannschaft.

Im Spiel gegen Dortmund spielte Hasebe von Anfang an auf der Doppelsechs neben Sow. Auch in diesem Spiel zeigte Hasebe eine schwache Leistung. Hasebe verschuldet bereits nach 23 Minuten das 1:0 des BVB durch krass falsches Stellungsspiel.

N´Dicka wird außen von 2 Dortmundern bekämpft, Hasebe hätte genug Zeit gehabt, den direkten Pass auf Haaland zu verhindern, verschläft die Situationen aber völlig. So bekommt Haaland Sekunden später den Ball und bereitet den Führungstreffer der Dortmunder vor.

Hasebe sprintet dann Haaland hinterher, nimmt sich aber mit einer gruppentaktisch ganz falschen Grätsche selbst aus dem Spiel, „womit die SGE-Abwehr jetzt in 2:3 – Unterzahl ist“, wie in der Spielanalyse zum Dortmund-Spiel hier vermerkt wurde.

Auch beim zweiten Gegentor der Dortmunder ist Hasebe direkt mit falschem Verhalten beteiligt: „Die entscheidenden Fehler hier machen Hasebe, Ilsanker und N´Dicka, das Tor wäre zu verhindern gewesen, es sind strukturelle individual/gruppentaktische Fehler, die exakt so letzte Saison schon die CL-Teilnahme gekostet haben und von Hütter nie bearbeitet wurden.“ (Spielanalyse BVB-SGE)

Auch am 4:1 der Dortmunder ist Hasebe wieder beteiligt, siehe Spielanalyse.

In der 69. Spielminute hat Trainer Glasner dann ein Einsehen, bringt Hrustic für den überforderten Hasebe, danach fängt die SGE nur noch das Gegentor nach dem Da Costa – Fehler und erzielt selbst noch einen Treffer.

Hasebe hatte in dem Spiel eine Zweikampfquote von nicht bundesligatauglichen 20% (sein Nebenmann Sow im gleich Spiel: 57%) und eine Passquote von 77% (Sow 90%).

In diesen beiden Spielen war Hasebe jeweils ein Schwachpunkt der SGE und ein Sicherheitsrisiko. In den von ihm bisher bestrittenen 115 Saisonminuten kassierte die SGE 7 Gegentore, das bedeutet alle 16,4 Minuten ein Gegentreffer. Seit Hasebe nicht mehr eingesetzt wurde und Glasner auf Viererkette umgestellt hat, hat die SGE in den folgenden 6 Spielen nur noch 5 weitere Gegentreffer kassiert, also alle 108 (!) Minuten eines.

Unbestritten ist Makoto Hasebe ein verdienter Spieler und nicht so schlecht wie es die Statistiken aussagen. In seiner Form vom Beginn der Saison ist er aber nicht bundesligatauglich.

Man kann nur hoffen, dass Glasner erst dann wieder auf Hasebe setzt, wenn sich im Training klar abzeichnet, dass er den Anforderungen auf dem Profiniveau wieder gerecht wird.

SGE – 1. FC Köln

Auch gegen den FC hat es nicht für einen Sieg gereicht, erneut blieb die SGE aber auch ungeschlagen. Wie lief das Spiel aus analytischer Sicht? Entwickelt sich die Mannschaft weiter oder bleibt es bei den bekannten Fehlern? Alle Szenen bewegt wieder hier und hier zum Nachsehen.

Die Aufstellung

Glasner wechselt auf zwei Positionen, Hauge spielt für Kamada, Durm wechselt zurück nach rechts, Chandler übernimmt links hinten, Da Costa bleibt draußen. Der zweite Wechsel ist nachvollziehbar, auch wenn Da Costa zuletzt nicht so schwach gespielt hat, wie es viele gesehen haben, Kamada hingegen gehörte zuletzt regelmäßig zu den stärksten SGE-Offensivspielern, also aus Leistungsgründen ist dieser Wechsel etwas fragwürdig. Die 4 Offensiven der SGE spielen schon seit Saisonbeginn sehr variabel und nicht sehr positionsgebunden. Diesmal kommt Hauge meist über rechts, Kostic über links, Lammers hält die Spitze, während Borré sich oft nach außen fallen läßt, das ist schon in den ersten Minuten zu sehen.

Die erste Halbzeit

Die Anfangsphase des Spiels ist weitgehend zerfahren, sehr zweikampfintensiv, die Kölner sind sehr aggressiv und decken die SGE-Offensiven sehr eng.

Dennoch kommt es in der 6. Minute zu einer ersten guten Aktion von Borré, der sich im 1-1- an der Grundlinie gegen den Kölner Innenverteidiger Kilian durchsetzt, dann aber nicht in den Rückraum passen kann, weil ein Kölner blockt.

In der 11. Minute muss Durm wegen Verletzung ausgewechselt werden, Da Costa kommt und übernimmt seine angestammte Position rechts in der Viererkette.

Die Kölner versuchen von Anfang an, die Räume hinter den Frankfurter Außenverteidigern anzulaufen. Wie auch hier von mir bei den letzten Spielen analysiert, kam es bei der SGE dort immer wieder zu Stellungsfehlern (zu weites Herauslaufen, kein Nachschieben), das ist den Kölnern offenbar nicht verborgen geblieben, diese Räume steuern sie immer wieder an. Auch kommt es in der Anfangsviertelstunde zu Versuchen über Flanken über links (Hector/Kainz).

In der 14. Minute erzielt Köln das 0:1. Das Tor entsteht aus einer abgewehrten Ecke, bei der die SGE-Hintermannschaft herausrückt. Ljubicic kann den Ball kurz vor der Auslinie erlaufen und passt zurück Richtung Mittellinie.

Man sieht hier, dass nach der abgewehrten Ecke noch keine Ordnung wiederhergestellt ist und halbrechts ein großer freier Raum entstanden ist. In diesem bewegt sich Hector, macht zunächst den Weg der Eintrachtspieler mit, dreht sich dann Richtung Tor und bekommt den Ball in den Lauf gespielt.

Das ist natürlich eine häufig problematische Situation. Einerseits muss man als Team schnell herausrücken, um den Gegner vom eigenen Tor wegzubekommen, andererseits besteht eben immer die Gefahr, dass dieses Herausrücken ungeordnet verläuft, was der Gegner mit einem langen Pass wie hier ausnutzen kann. Diese Situationen werden normalerweise im Training geübt und die Aufgaben festgelegt. So ein großer freier Raum wie hier für die Kölner sollte aber auf keinen Fall entstehen.

Hier sieht man, dass die SGE-Spieler die Situation völlig verschlafen haben und nach dem langen Ball stehen bleiben, statt die Kölner zu begleiten/abzudecken. Bei der Hereingabe von Hector sind vier Kölner im 16er der SGE ungedeckt.

Insgesamt ist es nicht ganz einfach, zu sagen, wer hier was falsch macht, da man als Außenstehender nicht weiß, wer wo eingeteilt war für diese Situationen, und wie die Absprachen sind. Wenn man sich die Bewegtbilder anschaut, lässt sich zumindest sagen, dass Borré Hector nicht bzw. zu spät folgt und ihn daher nicht verteidigen kann, wie man auch im Standbild sieht.

In der 21. Minute hat Modeste einen recht gute Kopfballabschluss, Jakic hatte zuvor im Dribbling vor der Abwehr den Ball verloren. Die Kölner spielen den Konter schnell über rechtsaußen aus. Modeste köpft aber über das Tor.

Erst danach kommt die Eintracht etwas besser ins Spiel, vor allem über Da Costa rechts, der viele Aktionen hat. So auch in der 22. Minute nach gutem Dreieckspiel rechts im Mittelfeld über Jakic und Borré, Jakic spielt den Ball dann steil auf den tief laufenden Da Costa, die Flanke kann dann aber von Lammers nicht verwertet werden.

Ihre beste Aktion bis dahin hat die SGE in der 36. Minute nach einem Ballgewinn von Chandler noch in der eigenen Hälfte. Er spielt dann schnell auf Kostic.

Es ist gut zu sehen, dass Kostic hier drei gute Optionen der Spielfortsetzung hat, er entscheidet sich für den Pass in den Lauf von Lammes. Dem missglückt die Ballmitnahme völlig, aber das war natürlich eine sehr gute Chance zum 1:1.

Auffällig in der ersten Halbzeit sowohl beim spontanen EIndruck im Stadion, als auch bei der Nachbetrachtung ist, dass das Pressing der SGE nicht immer konsequent durchgeführt wird. Hier ein Beispiel aus der 37. Minute.

Man sieht hier, dass Borré das Angriffspressing einleitet, der nächste freie Kölner steht aber völlig frei, Sow verpasst hier seinen Einsatz. Erst als Ljubicic bereits den Ball hat, sprintet Sow ihn an, viel zu spät. Ljubicic spielt dann einen langen Seitenwechsel-Flugball nach rechts, Jakic macht den Passweg nach innen nicht richtig zu, der Pass von Modeste in die Spitze ist dann ganz schwach, sonst wäre das die nächste Großchance für Köln gewesen.

Zwei wichtige Punkte dazu: Wenn man Angriffspressing spielt, dann müssen alle mitmachen, weil sonst mit einem langen Ball die halbe Mannschaft aus dem Spiel genommen werden kann, so wie hier in dem Beispiel.

Hier gut zu sehen der lange Ball nach rechts nach dem verpassten Pressing von Sow. Alle fünf Pressing-Spieler (Lammers, Borré, Sow, Hauge, Kostic) sind mit diesem Pass auf Schmitz ganz rechts aus dem Spiel.

Die Kölner spielen das dann auch schnell weiter nach vorne. Schmitz passt auf Modeste und dessen Pass auf den in die Spitze durchstartenden Shkiri ist dann sehr ungenau, so dass der Angriff nicht abgeschlossen werden kann. Das war aber wieder großes Glück für die SGE.

Hier sieht man, auch besonders im Bewegtbild, wie nicht nur fünf SGE-Spieler mit zwei Pässen aus dem Spiel genommen werden, sondern auch der defensive Block ins Laufen kommt. Dieses Ins-Laufen-Kommen ist aber problematisch, weil dadurch immer, zumindest kurz, Räume aufgehen, die dann angelaufen und -gespielt werden können, so wie hier mit Modeste und Schmitz. Solche Situationen gab es auch schon gegen Wolfsburg, während es in den Spielen vorher kaum auftrat.

In der 43. Minute die nächste gute Aktion der SGE nach einer ähnlichen Situation. Diesmal funktioniert das Pressing perfekt, Sow macht mit, Borré kann den Gegenspieler im Zweikampf stellen, gewinnt den Ball und flankt auf Lammers. Der kommt nicht an den Ball, aber es gibt Ecke.

Ein weiterer Fehler, der von Glasner und der Mannschaft nicht abgestellt worden ist, ist der Raum, der oft angeboten wird, wenn der Gegner über die offensiven Außen kommt. Man hat schon im Stadion, aber auch in der Nachbetrachtung gesehen, dass Baumgart seiner Mannschaft das als Schwachpunkt der SGE gezeigt hat, denn die Kölner bespielten wiederholt diese Räume, hier zu sehen:

Hier sieht man: Ballbesitz beim Kölner Linksaußen, Da Costa rückt raus, stellt richtig den Gegner, aber zwischen ihm und Hinteregger sind ca. 12m (!) Platz. Dieser Raum ist torgefährlich, den darf man nie offen lassen. Man sieht hier auch noch einen zweiten Fehler, denn die übrige Kette hinten steht nicht auf einer Höhe. Das öffnet einen No-Abseits-Raum, in dem gleich 3 Kölner Angreifer auf die Flanke warten.

Diese Räume sind, wie gesagt, nicht nur in dieser, sondern in einigen anderen ähnlichen Szenen aufgegangen und das ist nur deshalb von den Kölnern nicht zu weiteren Toren genutzt worden, weil die Kölner Mannschaft meist technisch nicht in der Lage war, das sauber auszuspielen. In dieser Szene wurde der Ball auch Richtung Grundlinie gespielt, Kostic konnte dann mit einem Sprint den Gegner außen gerade noch stellen und zur Ecke blocken.

In der 6. Minute der 1.HZ-Nachspielzeit hat die SGE nach einem Konter nach katastrophalem Ballverlust Hinteregger im Mittelfeld und danach schlecht organisierter 3 gegen 3 – Notverteidigung viel Glück, dass erneut ein Zuspiel von Modeste zu ungenau ist und Andersson frei vor Trapp nicht erreicht.

Aus exakt dieser Situation entsteht dann gegen aufgerückte Kölner der 1:1-Ausgleich der SGE. Der Ball von Modeste wird von niemandem erreicht und trudelt Richtung Toraus.

Da Costa schaltet aber schnell genug, ersprintet den Ball bevor er die Grundlinie erreicht und leitet sehr stark den Angriff ein. Was folgt, ist wieder einer der Positionsangriffe der SGE, die die Mannschaft momentan regelmäßig zu Torerfolgen vortragen kann.

Ausgangspunkt also Da Costa rechts hinten, der dann durch einen Doppelpass mit Borré Tempo in den Angriff bekommt.

Klar ist das nur ein „einfacher“ Doppelpass, aber man sieht schon an der Körpersprache, dass sich Da Costas und Borrés Kollegen offenbar schon auf den Halbzeittee freuen, nur die beiden erkennen die gute Situation und leiten den Angriff mit dem Pass auf Borré und dem Sprint von Da Costa ein, mit dem er seinen Gegenspieler hier aus dem Spiel nimmt. Auch der Borré-Pass kommt dann gut.

Mit dieser Aktion ist Tempo im Spiel.

Entscheidend ist nun, dass Da Costa den Ball perfekt zu Hauge bringt. Man sieht, dass das nicht so einfach ist, denn ein zweiter Kölner kommt in den Zweikampf und der Passweg zu Hauge ist relativ eng. Da Costa gelingt das aber wirklich sehr gut und präzise. Auch Hauges Aktion ist wichtig und stark ausgeführt. Er dreht sofort auf und wechselt die Seite mit einem Pass in den Lauf von Kostic.

Kostic verzögert dann kurz das 1 gegen 1 außen, erkennt die Situation und legt den Ball mit seiner starken Technik auf Borré, der von ganz hinten bis ganz vorne nachgelaufen ist, um im Rückraum dann den Rückpass von Kostic zu verwandeln.

Das war wieder ein sehr starker Angriff der SGE. Ausgangspunkt ist die überragende Einleitung von Da Costa. Diese und die Aufmerksamkeit von Borré, der überhaupt in der ersten Halbzeit ein gutes Spiel gemacht hat, sind Voraussetzung für das Tor. Aber auch Kostic und Hauge führen ihre Aufgaben hier sehr gut und technisch sauber aus.

Eine weitere Minute später die nächste starke Aktion von Da Costa. Zunächst steht er hinten richtig, gewinnt den Ball und spielt ihn lang auf Lammers, der auf Hauge zurücklegt.

Hauge schafft es dann zweimal nicht, den Ball auf Kostic durchzupassen, der sonst in einer sehr guten Abschlussposition gewesen wäre, weil zwei Kölner mit viel EInsatz und Risiko diesen Pass zu verhindern wissen. Hier im Bild sieht man das seitliche Tackling von Hector gegen Hauge, schließlich braucht es dann noch Skhiri, um Hauge vom Ball zu trennen.

Den abgewehrten Ball holt sich Da Costa aber rechts sofort wieder, und übersprintet mit Ball Hector.

Da Costa spielt den Ball dann aus vollem Lauf auf Kostic am langen Pfosten, allerdings verpasst Kostic die Hereingabe knapp. Hier wäre, wie man im Standbild sieht, ein Rückpass auf Lammers wohl die bessere Option gewesen.

Die zweite Halbzeit

In der 46. Minute gleich eine gute Schusschance für Kostic aus ca. 18m nach einem starken Angrifsspressing von Jakic. Aber genau auf FC-Torwart Horn.

In der 54. Minute erzielt Köln das 1:2, das dann wegen ein paar Zentimetern abseits wieder aberkannt wurde. Vorausgegegangen war ein langer Longline-Ball links von Hinteregger, der noch vor der Mittellinie abgefangen wurde, Lammers und Hauge können den zweiten Ball nicht gewinnen (Lammers spielt einen sehr schwachen Pass, den Hauge nie kriegen kann) und die Kölner spielen sofort mit einem langen Flachpass in die Spitze.

Das ist der Moment des Abspiels in die Spitze. Die dicke schwarze Linie zeigt den Abstand zwischen den beiden Sechsern und dem hinteren Innenverteidiger. Der Abstand zwischen Kette und Mittelfeld ist deutlich zu groß, es sind fast 15m Abstand. Das ist dann in der Entwicklung des Abschlusses auch entscheidend. Da Costa kann den Steilpass auf Modeste hier noch Richtung Mittelfeld klären, nur ist Sow dann nicht schnell genug da, weil die Distanz nach hinten zu groß ist. Hier ist außerdem zu sehen, dass die Kette nicht auf einer Höhe arbeitet, sondern die Spieler auf verschiedenen Höhen stehen. Das ist aber relativ wichtig, weil nur so eine einheitliche Abseitshöhe entsteht. Das ist im übrigen ein Angriff über die Zentrale, warum da beide Außenverteidiger herausgerückt sind, ist schleierhaft. Mit diesen Räumen und Abständen kann man jedenfalls nur schwer einen Angriff verteidigen.

Der Ball landet dann bei Duda, der aus cirka 18 Metern zentral frei zum Schuss kommt. Der Abschluss ist zwar relativ ungefährlich, wird von Trapp schwach abgewehrt, erst im Nachschuss verwandelt und schließlich wegen abseits zurückgepfiffen, aber das alles war pures Glück für die SGE.

In der 62. Minute kommen Kamada und Lindström für Hauge und Lammers. Beide Wechsel sind nachvollziehbar. Lammers war kaum im Spiel und in den Zweikämpfen zu oft unterlegen. Hauge hatte einige gute Szenen, aber für die Schlussphase Kamada zu bringen, war sicher eine nachvollziehbare Entscheidung.

Die beiden neuen Spieler vorne beleben das Spiel auch sofort. Zwei Minuten nach Einwechslung produzieren sie eine Großchance. Nach einem Einwurf von Chandler und einer Kerze der Kölner fällt Lindström der Ball auf den Fuß, er leitet volley auf Kamada weiter, der den Ball aus 5 Metern nicht aufs Tor köpfen kann.

In der 68. Minute der nächste starke Angriff der SGE. Erneut nach einer starken Balleroberung von Kamada und Pass auf Kostic. Dessen Hereingabe nimmt LIndström direkt, aber Köln kann blocken. Das war ein Konter nach starker Pressingaktion von Kamada, einer tollen Aktion von Kostic außen und auch einem guten Laufweg und Abschluss von Lindström. Der Ball landet dann nochmal bei Kostic, dessen Flanke köpft der Kölner Meré dann fast noch ins eigene Tor.

In der 69. Minute hat Hinteregger nach einer Ecke eine Riesenchance, kommt frei aus 15m Torerntfernung zum Schuss, Horn hält.

In der 85. Minute kommt Ilsanker für den starken Sow, geht auf die gleiche Position im Mittelfeld.

Das hat aber kaum mehr Auswirkungen auf das Spiel. Die SGE bleibt in den letzten Minuten engagierter und gefährlicher als die Kölner, die mit dem Punkt offenbar zufrieden sind.

Fazit und Spielerbewertungen

Die erste Halbzeit war die schwächste Saisonleistung der SGE. Erst gegen Ende der Halbzeit kann sich die Mannschaft, vor allem durch einige mutige, beherzte und starke Aktionen von Da Costa erste echte Torchancen erspielen. Da Costa ermöglicht dann auch den Angriff, der zum 1:0 führt. In der 2. Halbzeit ist die SGE besser im Spiel, geht gegen die technisch limitierten Kölner hohes Risiko, um das Spiel zu gewinnen. Sehr deutlich ist, dass die SGE-Versuche zweite Bälle zu gewinnen selten erfolgreich sind. Die Kölner sind körperlich vor allem in der hinteren Reihe oft zu überlegen. Die Unterlegenheit der SGE in den Zweikämpfen schlug sich auch statistisch nieder. Eine Quote von 45% ist recht wenig.

Die Abstimmung in der Viererkette ist nach wie vor zu oft nicht gut, vor allem muss die Mannschaft eine Lösung finden für die offenen Räume in bestimmten Situationen (siehe oben) zwischen Innen- und Außenverteidigern und beim Rausrücken der Außenverteidiger in deren Rücken.

Im Spiel nach vorne wurde etwas zu oft die hohe Variante gewählt, obwohl die selten erfolgreich war. Damit gehen dann auch immer Möglichkeiten verloren, die größte Stärke der Mannschaft auszuspielen, nämlich saubere, schnelle Kombinationen über Positionsspiel und tiefe Läufe zum Abschluss zu bringen.

Neben dem wie üblich auffälligen Kostic waren diesmal Borré und Da Costa wichtig für den zumindest kleinen Erfolg der Mannschaft, weil sie das Tor initiieren. Beide machten auch sonst ein gutes Spiel, Da Costa gab seine tolle Aktion vor dem Tor sichtlich Auftrieb, danach war er deutlich sicherer in allen Aktionen. Übrigens sah das im Stadion im Spontaneindruck tatsächlich deutlich schlechter aus bei Da Costa, als dann in der Nachbetrachtung. Man vertut sich da sehr schnell mit Bewertungen, wenn man das Spiel nicht noch einmal in Ruhe betrachtet.

Mit der Einwechslung von Kamada, aber auch Lindström wurde das Offensivspiel der SGE deutlich genauer und schneller, dafür gibt es einige Beispiele, die man noch zusätzlich anführen könnte. Chandler hatte im gesamten Spiel relativ wenige Aktionen nach vorne und auch einige Stellungsfehler defensiv, aber auch verständlich nach langer Zeit ohne Spielpraxis. Er ist auch wirklich keine gute Besetzung für die linke Seite. Er hat z.B. häufig Bälle mit dem stärkeren rechten Fuß gespielt, die man eigentlich nur mit links sauber spielen kann. Es ist etwas unverständlich, warum Durm rechts begann, der einen vergleichsweise starken linken Fuß hat.

Noch ein letzter Satz zu den unsäglichen Diskussionen in einigen Medien bezüglich der Viererkette, die angeblich das falsche System sei, und daran würde es jetzt scheitern. Das ist schlicht völlig ahnungsloser Unsinn und Glasner hat jetzt schon mehrfach auf den Pressekonferenzen den betreffenden Journalisten versucht zu erklären, dass das 4-2-3-1, was die SGE momentan so ungefähr spielt (wie gesagt, die Offensiven haben da sehr viel Bewegungsfreiheit), das offensivere System ist, weil ein „reiner“ Offensiver mehr auf dem Platz steht. Glasner hat selbstverständlich vollkommen recht und die Ketten- und Abstimmungsfehler, die oben in diesem Bericht gezeigt werden, haben absolut nichts mit 3er oder 4er-Kette zu tun. Hier wurde bereits unter Hütter keine präzise Abstimmung eingeschärft, auch Glasner hat das bisher nicht entscheidend verändern können. Dafür kann man ihn kritisieren, das ist jetzt seine Verantwortung. Die Umstellung auf die Viererkette hingegen ist aus vielen Gründen sehr nachvollziehbar, insbesondere weil es tatsächlich die offensivere Variante ist und Kostic und Borré unübersehbar den Rücken freihält, weshalb beide Spieler, besonders Kostic, jetzt viel mehr Aktionen ganz vorne haben, wie auch von Glasner mehrfach betont. Es ist wirklich hanebüchen, zu behaupten, Kostic habe davon profitiert, dass er unter Hütter unentwegt Defensivarbeit bestreiten musste. Das Gegenteil ist der Fall, was sich auch in diesem Spiel wieder an vielen Szenen beweisen ließe. Borré und Kostic waren gegen Köln die auffälligsten Offensivspieler auf dem Platz.

VfL Wolfsburg – SGE

Drei Tage nach dem 1:1 gegen Fenerbahce wartete mit dem VfL Wolfsburg der aktuelle Tabellenführer und einer von vier Champions League Teilnehmer der Bundesliga auf die SGE. Der VfL hatte nach seinem 0:0 beim französischen OSC Lille zwei Tage mehr Zeit zur Regeneration als die Eintracht. Dennoch rotierte Glasner nicht, er nominierte die gleiche Startelf wie am Donnerstag, auch der an der Schulter verletzte Hinteregger lief auf. Die Spielminuten der Szenen sind angegeben und können hier und hier nachverfolgt werden.

Die erste Halbzeit

Die Anfangsphase ist von vielen Zweikämpfen geprägt, es kommen kaum gezielte Angriffsaktionen zustande.

Den ersten guten Angriffszug hat die SGE in der 7. Minute. Ausgangspunkt ist ein Kopfball von Jakic, der bei Kamada landet. Kamada leitet den Ball sehr clever und genau in den Lauf von Kostic weiter.

Kostic kommt im Laufduell mit Mbabu dann aber ins Straucheln und hat daher keine Chance auf einen Abschluss.

Die erste echte große Torchance (80plus-Chance, 80%ige Chance, hundertprozentige gibt es nicht, wie wir spätestens seit Frank Mill wissen) hat der VfL in der 12. Minute. Ausgangspunkt ist ein Ballverlust von Kostic auf linksaußen. Lukebakio startet rechts zu einem langen Sprint gegen die aufgerückte SGE Richtung Rechtsaußenposition, wird dort aber von Sow gestellt und gezwungen, einen kurzen Rückpass auf den aufgerückten Mbabu zu spielen.

Auf dem Standbild sieht man, dass die SGE-Abwehr ziemlich schnell alle gefährlichen Spieler außer Waldschmidt abdecken kann. Die beiden Zielspieler in Tornähe sind sogar in 2-4-Unterzahl, während Waldschmidt völlig freistseht. Dass sich die Kettenverteidiger an den beiden Spitzen orientieren, ist richtig, Da Costa oder Jakic hätten aber frühzeitig Waldschmidt im Blick haben müssen, in jedem Fall Jakic, der als Sechser in solchen Situationen für die zweite Verteidigungslinie zuständig ist. Hier also ein klarer Stellungsfehler von Jakic.

Mbabu zieht dann in die Mitte, spielt Doppelpass mit Waldschmidt und steht völlig frei vor Trapp. Kamada sieht da auch sehr schlecht aus, bleibt nach dem Pass von Mbabu auf Waldschmidt einfach stehen, statt den Doppelpassweg zu schließen.

So steht Mbabu dann völlig frei vor Trapp, verzieht den aber. Viel Glück für die SGE, den muss er eigentlich nur noch reinschießen.

In der 16. Minute hat die Eintracht Glück, als nach einer Ecke Weghorst an die Latte köpft. Das ist aber gegen einen Stürmer wie Weghorst sehr schwer zu verhindern, Da Costa war auch gut dabei und im Zweikampf, hatte da aber kaum eine Chance. Das war aber die zweite 80plus-Chance der Wolfsburger kurz hintereinander.

In der 24. Minute haben Lammers und im Nachschuss N´Dicka nach einem seitlichen Kostic-Freistoß die erste 80plus-Abschlusschance der SGE. Eine gute Variante, starke Bewegung von Lammers, auch gute Kopfballtechnik von ihm. N´Dicka ist zu überrascht, dass ihm der von Casteels abgewehrte Ball auf den Kopf fällt, um ihn noch koordiniert abzuschließen

Eine weitere sehr gute Abschlusschance hat Kostic in der 31. Minute.

Zuvor hatte Kamada im zentralen Mittelfeld einen Ball erobert und mit Tempodribbling und Pass den Ball auf rechtsaußen zu Borré verlagert. Er flankt dann präzise auf Kostic, dem der Ball aber frei vor dem Tor unter dem Fuß hindurchrutscht. Das ist aber ein sehr gut geplanter Multioptionsangriff, man sieht auf dem Standbild, dass auch Da Costa hinterlaufen hat und der 16er doppelt besetzt ist, Kostic sich bereits außerhalb des Sichtfelds der Verteidiger bewegt.

In der folgenden Phase bis zum 1:0 kann die SGE den Gegner zu vielen langen Bällen zwingen, das Dauerpressing zeigt durchaus Wirkung, auch einige sehr gute individuelle Zweikämpfe wie der sehr starke von Durm in der 34. Minute gegen Waldschmidt. Wolfsburg ist in dieser Phase fast nur durch Standards gefährlich.

Das 1:0 in der 38. Minute ist daher durchaus nicht unverdient, zumal es aus Positionsspiel der SGE entspringt und zeigt, wie variabel die Spieleröffnung der SGE ist.

Ausgangspunkt ist, ähnlich wie bei dem Treffer gegen Fenerbahce am Donnerstag ein von Trapp abgefangener Standard. Gegen die zurückeilende VfL-Mannschaft entscheidet er sich wieder gegen einen schnellen Konter, wartet kurz und rollt dann auf Hinteregger ab. Der Ball kommt dann auf Durm, der ihn direkt auf die Halbposition Jakic weiterspielt und sich longline als Anspielstation einschaltet.

Jakic verlagert dann nach halbrechts auf Sow und über Borré und N´Dicka landet der Ball wieder bei Hinteregger.

Durch diese kleine Kurzpassrunde kommt der Gegner ins Laufen und dabei öffnet sich der kleine Raum, in dem Kamada dann von Hinteregger tief angespielt werden kann. Die Journalisten der fr mokierten sich kürzlich in ihren Spielberichten über das angeblich ineffiziente „Ballgeschiebe“. Hier sieht man, warum das gemacht wird, und wie effizient das ist.

Dieser Ball ist entscheidend für Angriff und Tor und er kann eben nur gespielt werden, wenn zuvor die Kurzpassstafette gespielt wird, die für den Freiraum hier sorgt. Selbst im Standbild hier sieht man, dass Arnold versucht, den offenen Raum wieder zu schließen, aber er kommt zu spät.

Doch auch die folgende sehr schnelle Aktion von Kamada, der sofort aufdreht, dadurch Arnold nicht in den Zweikampf kommen lässt und einen guten schnellen Pass in den Lauf von Durm spielt, ist sehr wichtig.

Auch der Pass von Durm auf Kostic, wir sehen hier, es ist ein 15m-Flachpass, muss hart und sehr präzise gespielt werden und dass Durm immer wieder solche Bälle spielen kann, zeigt, welch großartiger Fußballer er mit beiden Füßen ist. Ihn als schlichten Fußballarbeiter zu charakterisieren, ist vollkommen unangebracht. Auch Kostic macht das sehr schnell und gut, Lammers´ Abschluss ist absolut präzise und unhaltbar.

Man sieht auf dem Standbild auch deutlich, dass die Wolfsburger Defensive komplett anwesend und geordnet ist und trotzdem ausgespielt wird. Das geht nur mit einer sehr hohen technischen Präzision aller Beteiligten. Es dürfte nur wenige Bundesligateams geben, die die VfL-Defensive auf diese Art ausspielen können. Eine ähnlich geplantes Manöver ist jedenfalls den Wolfsburgern in der der ersten Halbzeit nicht gelungen.

Hier nochmal der Ablauf zum Tor, man sieht dass die SGE eine Angriffseinleitung über rechts nur anttäuscht (5), um den Wolfsburger von der Halbposition wegzulocken. Genau über diesen Raum wird dann mit zwei tiefen Bällen (8, 9) und einem tiefen Lauf von Durm der Angriff eingeleitet. Insgesamt umfasste das Manöver 11 Pässe bis zum Abschluss, ohne dass ein Wolfsburger dazwischen am Ball war.

Solche Positionsspielangriffe sind wie gesagt vor allem hinsichtlich Technik und Handlungsschnelligkeit sehr voraussetzungsreich. Von vielen Bundesligisten wird man so einen Spielzug in einer ganzen Saison kaum zu sehen bekommen. Die SGE hat gegen zwei Topclubs wie Fenerbahce und Wolfsburg, aber auch schon davor in dieser Saison auf diese Art Tore erzielt. Wie der eintracht.tv-Kommentator danach anmerkt, war das der erste Wolfsburger Gegentreffer aus dem Spiel heraus in dieser Saison überhaupt.

Nach einem verunglückten Pressing mit weit aufgerücktem Linksverteidiger Durm hat der VfL durch Weghorst nach einem diagonalen Flugball in die Spitze in der 41. Minute seinen nächsten guten Abschluss. Weghorst verzieht.

In der 44. Minute spielt die Eintracht eine weitere sehr gefährliche Schnellkombination über Lammers und Da Costa über rechts, die gute Flanke von Da Costa kann gerade so vor Kamada von den Wolfsburgern entschärft werden.

Die Führung nach 45 Minuten für die SGE ist nicht unverdient. Selbst gegen den VfL ist sie technisch und hinsichtlich der Variabilität im Aufbauspiel leicht überlegen. Der VfL konzentriert sich auf Konter und Standards und hat auf einigen Positionen körperliche Vorteile.

Die zweite Halbzeit

Wolfsburg wechselt aus, für Steffen kommt Nmecha, relevante Veränderungen im Spielablauf entstehen dadurch zunächst nicht. Die Eintracht bleibt unverändert.

Die erste interessante Aktion hat die SGE in der 47. Minute: Angriff über Sow, Jakic, dann wieder eine tolle, schnelle Passaktion von Kamada, Tiefenpass auf Borré rechts, aber dessen flache Hereingabe kann nicht verwertet werden, Casteels holt sich den. Eine Rückraumflanke auf Kostic wäre hier erfolgversprechender gewesen.

Aus dieser Situation entsteht dann aber der erste Wolfsburg-Abschluss nach langem Ball in die Spitze auf Nmecha. Trapp hält.

Die erste große Chance der Wolfsburger in der 2. HZ entsteht aus einer extrem schlechten Zweikampfführung von Jakic. Statt den Körper zwischen Ball und Gegner zu bringen, versucht er Mbabu wegzudrücken. Das gelingt nicht, Sow muss zum Doppeln dazu, macht das auch richtig, kommt aber zu spät. Wie im Standbild zu sehen, verlässt Durm völlig unsinniger Weise seinen Gegenspieler außen, womit der Raum hinter ihm aufgeht.

Durm hat mit einem ähnlichen Stellungsfehler schon das 1:1 gegen Fenerbahce verursacht, hier hat er pures Glück, dass Weghorst die folgende Flanke von Lukabakio am langen Pfosten über das Tor schießt.

Diese Art Fehlleistungen, hier von Jakic und Durm, werden die Spieler bald abstellen müssen, denn Geschenke dieser Art werden auch die Kölner im kommenden Bundesligaspiel gerne entgegennehmen.

In der 56. Minute dann der nächste Wolfsburger Abschluss.

Nach Einwurf der SGE rechts weit in der Gegnerhälfte, wird der Ball von einem Wolfsburger geklärt, woraufhin sich im Gegenpressing gleich die halbe Eintrachtmannschaft auf den Ball stürzt.

Wie im Standbild gut zu sehen, besetzen hier 4 Spieler (N´Dicka, Sow, Da Costa, Borré) eine Position! Vor allem was N´Dicka da vorne sucht, ist vollkommen schleierhaft. Das ist ein springender, Ball, um den sich da alle bemühen, eine unkontrollierbare Situation. Dass man da als Mannschaft wegbleibt (ein Spieler hätte hier für den Zweikampf ausgereicht) und den Raum sichert, um dann den zweiten oder dritten Ball attackieren zu können, sollte im Grunde jede bessere U17-Mannschaft beherrschen und automatisch richtig machen. Dass der SGE solche Fehler unterlaufen, ist bedenklich. Hier sieht man, dass nicht nur 4 Spieler eine Position besetzen, sondern auch weitere 3 Spieler vorne aus dem Spiel sind. Hier haben sich bei einem unkontrollierbaren Zweikampf 8 (!) von 10 Feldspielern versammelt.

Ein solches Geschenk nutzt jede Mannschaft, auch der VfL:

Hier sehen wir das Ende des folgenden Konters. Lukabakio schießt, Trapp kann den halten. Hätte Lukebakio quer gelegt, wären drei Wolfsburger frei vor dem leeren Tor einschussbereit gewesen. Großes Glück für die SGE.

Das Gegentor in der 70. Minute entsteht aus einer Ecke. Direkt davor musste Trapp einen direkten Freistoß von Arnold parieren, was zu der Ecke führte. Dieser Freistoß wiederum entstand aus einer Pressingaktion der SGE und die Entstehung ist analytisch interessant, da sie einem Muster folgt, das schon zuvor und auch nach dem Tor zu beobachten war. Denn offenbar hat Van Bommel mit der Einwechslung von Nmecha seiner Mannschaft auch nahegelegt, das Angriffspressing der SGE mit langen Bällen zu überspielen, Nmecha war neben Weghorst und Lukebakio einer der Zielspieler dieser langen Bälle in der zweiten Hälfte. Das war wie gesagt schon vor dem Tor zu beobachten.

Deutlich zu sehen, dass Casteels hier noch gar nicht lang spielen muss, das Anlaufen durch Kamada ist eher hablherzig.

Das lässt darauf schließen, dass das hier eine gezielte Aktion ist. Casteels spielt dann einen sehr präzisen langen Flugball auf Weghorst.

Weghorst verlängert gegen N´Dicka den Ball Richtung Lukebakio, man sieht hier schon, dass es auf einen Zweikampf mit Hinteregger hinausläuft.

Durchaus fraglich ist, ob es eine gute Idee ist, hier überhaupt in ein Kopfballduell zu gehen. N´Dicka wäre eventuell besser beraten gewesen, seine Position in der Kette zu halten, dann wäre der verlängerte Ball gut zu verteidigen gewesen. Das ist ein häufiger Streitpunkt zwischen Fußballtrainern, ob man in einer solchen Situation überhaupt am Mann sein muss. Der zu erwartende Ertrag (ein gewonnenes Kopfballduell im Niemandsland) und dagegen das Risiko hinten offen zu stehen, lassen viele Trainer und Verteidiger der Sicherheit Vorrang einräumen. Hier geht es definitiv schief und führt zu einem Freistoß. Denn Hinteregger foult dann Lukebakio nach dessen Antritt, obwohl Da Costa eigentlich gut gedoppelt hatte. Allerdings war auch ein Wolfsburger aussichtsreich mitgelaufen, das war also eine Notaktion von Hinteregger. Er bekommt dafür als taktisches Foul auch gelb. Wäre N´Dicka in der Kette geblieben, wäre es sehr wahrscheinlich nie zu dem Freistoß gekommen.

Eine weitergehende Frage, die sich hier stellt, ist eine mannschaftstaktische. Wie wir hier sehen, steht die hinterste Linie der SGE bei Ballbesitz Casteels fast an der Mittellinie press gegen die körperlich starken, schnellen Wolfsburg-Stürmer. Nach 5 Spielen ohne Sieg, 1:0-Führung beim Tabellenführer, einer Reihe Unentschieden zuletzt und einem Europa League – Spiel drei Tage zuvor in den Beinen hätten vermutlich die meisten Bundesligatrainer spätestens nach einer Stunde von dauerhaftem Angriffspressing auf ein etwas später einsetzendes Mittelfeldpressing umgestellt, die Kette bei langen Bällen tiefer postiert, um genau solche Situationen zu verhindern. Es gibt gute Gründe für beide Herangehensweisen und Glasner hat mehrfach geäußert, dass er großer Verfechter von dauerhafter Aktivität der eigenen Mannschaft ist. Diskutabel ist das allemal.

Noch ein Blick auf die direkte Entstehung des Tors selbst. Die Ecke von Arnold verteidigt Trapp zu Kostic, gute Strafraumbesetzung der SGE hier eigentlich, der Ball von Kostic wird nicht weit geklärt und landet im Rückraum bei Lukebakio.

Das ist die Grundkonstellation, die dann zum Tor führt. Denn gegen die noch ungeordneten Frankfurter spielen die Wolfsburger mit einer guten Kurzpasskombination Mbabu am Flügel frei:

Hier sieht man die Passfolge Lukebakio-Guilavogui-Arnold, dann geht Mbabu in die Tiefe und bekommt von Arnold den Ball in den Lauf gepasst. Sow antizipiert zwar und nimmt Tempo mit Mbabu auf, verliert das 1-1 gegen Mbabu aber sehr schwach.

Mbabu verlädt dann mit einer Körpertäuschung auch noch Lammers, die SGE-Abwehr ist ausgespielt.

Mbabu kann dann auf Waldschmidt zurückpassen, der frei abschließen kann. Trapp hält dann zwar auch diesen Schuss, der Abpraller landet dann aber bei Weghorst am langen Pfosten, der mit etwas Glück einschiebt.

In der 72. Minute wechseln beide Trainer. Van Bommel bringt Baku für Waldschmidt, wechselt also tendenziell defensiv. Glasner bringt Lindström für Kostic und Hauge für Lammers. Borré geht in die Spitze, Hauge nach rechts, Lindström nach links. Die SGE-Wechsel sind also positionsgetreue Wechsel.

Dass Glasner die starke Breite des Kaders in solchen Situationen nutzt, in denen frische Spieler eine schon etwas müde Abwehr noch einmal fordern können, ist gut nachvollziehbar.

In der 74. Minute hat der VfL den nächsten Abschluss nach guter Kombination am rechten Flügel, Trapp hält den 14m-Schuss von Guilavogui. Dabei ist Jakic ein bisschen zu spät in den torgefährlichen Raum zum Sichern gelaufen, ein Kettenfehler ist das eigentlich nicht.

In der 82. Minute wechselt Glasner nochmal doppelt: Hrustic kommt für Sow auf die 6 und Ilsanker für Kamada, die Doppel-6 spielen also jetzt Jakic und Ilsanker, Hrustic auf der 10 für Kamada.

Die Schlussphase ist relativ ausgeglichen, aber auch hier ist der leichte technisch-spielerische Vorteil der SGE dauernd erkennbar. Die Eintracht hat deutlich bessere konstruktive Schnellkombinationen Richtung Angriffsdrittel als die Wolfsburger, vor allem Borré hat in der Schlussphase mehrere starke 1-1-Aktionen.

In der Nachspielzeit erzielt der VfL nach einem Konter noch ein Abseitstor, das aber analytisch aus SGE-Sicht nicht sonderlich relevant ist. Es ist ein gut vorgetragener Angriff, den die Wolfsburger technisch sehr stark ausführen und bei dem sie ihre enorme Kopfballstärke in der Spitze nutzen. Es gibt in der Innenverteidiung bei der Flanke eigentlich nur einen relativ klaren Deckungsfehler von Ilsanker, der nicht am Gegenspieler bleibt.

3. Fazit und Spielerbewertungen

Die SGE war in dem Spiel aufgrund ihrer Stärken auf Augenhöhe mit dem VfL und hat sich den Punkt verdient. Technisch-spielerisch war die SGE den Wolfsburgern leicht überlegen, es ließe sich eine Vielzahl von Situationen zeigen, die das belegen. Die Wolfsburger haben es aber geschafft, ihre Stärken, das waren in dem Spiel vor allem die Lufthohheit ganz vorne und ganz hinten, sowie ein sehr schnelles und zielstrebiges Konterspiel, sehr effektiv einzusetzen. Die SGE hatte erneut einige teils krasse Stellungsfehler in ihrem Kettenspiel und diesmal vergelichsweise wenige 80plus-Chancen. Das 1:1 ist letztlich ein leistungsgerechtes Ergebnis.

Wie gegen Fenerbahce war Trapp auch in diesem Spiel der Schlüssel zum Erfolg. Ein Fehler von ihm bei einem der Abschlüsse des VfL und das Spiel wäre wahrscheinlich verloren gewesen.

Auch Kamada (Passquote 80%) zeigte in vielen Szenen seine Klasse, insbesondere bei der Entstehung des Führungstores.

Diese beiden ragten anhand mehrere Szenen belegbar etwas heraus und waren aufgrund der spielentscheidenden Szenen besonders wichtig, die übrigen Spieler spielten im Rahmen ihrer Möglichkeiten gut, bzw. mit Licht und Schatten.

Nur Jakic hatte, wie in der Analyse gezeigt, eine etwas zu hohe Fehlerquote in den entscheidenden Szenen, aber auch insgesamt, was sich auch in den recht schwachen Werten zeigt (Passquote 70%, Zweikampfquote 45%, zum Vergleich Sow Pass 83%, Zweikampf 50%). Allerdings muss er auch ohne Bundesligaerfahrung eine sehr zentrale Position spielen. Er hat schon gezeigt, dass er ein großes Talent ist und wird sicher bald bessere Spiele zeigen.

SGE – Fenerbahçe Istanbul

Das Europa League-Spiel der SGE gegen Fenerbahçe Istanbul endete 1:1. Die meisten Beobachter sahen ein für die SGE sehr schwieriges Spiel und eine hohe Fehlerquote, auch Trainer Glasner äußerte sich in der Pressekonferenz vor dem Wolfsburg-Spiel ähnlich. Hier die Spielanalyse. Die erwähnten Szenen sind wieder hier und hier nachzuverfolgen.

1. Die Aufstellung

Aufgrund der Verletzung von Lenz baute Glasner die Viererkette etwas um, Durm spielt links und Da Costa rechts. Außerdem spielen auf den beiden 6ern Sow und Jakic (für Hrustic). Die vier Offensiven sind Kostic, Kamada, Lammers und Borré (statt Hauge). Nach den letzten Eindrücken ist das die derzeit wohl auch bestmögliche Formation.

2. Die erste Halbzeit

Mit dem Anstoss entsteht der erste gute Angriff der SGE nach einem langen Ball auf Lammers, der dann zu einer Ecke für die SGE wird.

Aus dieser von Kostic katastrophal ausgeführten Ecke entsteht dann kurz darauf der erste Konter der Gäste.

Hier sieht man, dass an dieser Ecke 9 Spieler direkt beteiligt sind, was ohnehin schon ziemlich viele sind, also hohes Risiko bei den Ecken eingegangen wird. Nun spielt Kostic den Ball dem Gegner direkt in die Füße.

Glasner erklärte später, das sei eine kurz zuvor eingeübte Variante gewesen, die man aber natürlich nicht spielen dürfe, wenn genau im Passweg ein Gegner steht. Wie wahr!

Der Verteidiger, dem Kostic den Ball in den Fuß gespielt hat, versucht dann einen langen Ball auf einen Stürmer, das misslingt aber völlig.

Stattdessen landet der Ball bei Jakic, der ihn dann aber direkt im Zweikampf wieder verliert.

Gustavo erkennt die Situation sofort, leitet den Konter mit einem Tempodribbling ein und spielt dann einen sehr gut getimten Pass auf Rossi, der alleine auf Trapp zuläuft und eigentlich nur noch einschieben muss, mit einem technischen Fehler dann aber an Trapp scheitert.

Hier sieht man auch, dass beide Innenverteidiger aufgerückt sind, nur die beiden Außenverteidiger sind als Absicherung noch da, haben aber keine Chance, den großartigen Pass auf den schnellen Rossi irgendwie zu verteidigen.

Trapp macht das dann sehr gut, verzögert und gewinnt den Zweikampf mit Rossi, der ihm den Ball aber auch völlig ungefährlich zupasst.

In der 4. Minute dann bereits die nächste Großchance von Fenerbahce. Ausgangspunkt ist ein langer Ball von Trapp, der zweite Ball landet beim Gegner. Diese Situation ist sehr interessant, denn hier sieht man, warum die SGE in den ersten 20 Minuten so konfus wirkte. Es werden schlicht zu viele grobe Stellungs- und 1-1-Fehler gemacht:

Auf dem Bild ist zu sehen, dass Da Costa knapp 10 Meter (!) zu weit aus der Kette gerückt ist. Der vordere Raum, in dem er gerade den Zweikampf verliert, ist in der 4-2-Verteidigung, also Viererkette plus 2 Sechser immer der Verteidigungsraum des rechten Sechsers, Da Costa hat da überhaupt nichts verloren. Diesen Ballführenden muss Jakic stellen, Sow oder N´Dicka müssen doppeln, also den Zweikampf Richtung eigenes Tor absichern, Da Costa muss hinten gegen Gustavo absichern, oder die Kette muss nachrücken.

Wenn Da Costa 10 Meter zu weit herausrückt, geht unweigerlich der Raum hinten auf:

Und weil Da Costa zusätzlich noch viel zu schnell in den Zweikampf läuft, wird er leicht ausgespielt, zwingt also Jakic dazu, jetzt den Zweikampf zu übernehmen, N´Dicka muss absichern, weshalb nun beide gebunden sind und keiner mehr Da Costas Gegenspieler Gustavo decken kann.

Der bekommt dann den Ball und kann völlig frei flanken:

Die Flanke kommt dann nicht besonders gut, aber auf der anderen Seite kann Durm dann ein entscheidendes 1-1 nicht gewinnen, weil er nicht in Rückwärtsbewegung bleibt und nicht die Innenbahn deckt (eintracht.tv ab 11:55). Den folgenden Abschluss kann Trapp mit seinem starken Stellungsspiel und einem Reflex gerade noch so mit dem Fuß abwehren. Wieder großes Glück für die SGE und analytisch ein deutlicher Kettenfehler plus ein wirklich sehr schwaches 1-1-Verhalten von Da Costa und Durm.

Das Tor in der 10. Minute fällt dann auch nach einem ähnlichen Kettenfehler. Hier sind wieder die Abstände zu groß. Diese Formel hört man häufig von Fußballtrainern und in dieser Situation kann man gut sehen, was damit gemeint ist. Es geht darum, dass ein Gegner nur dann effektiv verteidigt werden kann, wenn die Räume um den Ball so gut besetzt sind, dass der Ballführende keine andere Wahl hat, als in ein abgesichertes 1-1 (Doppeln) zu gehen. Darauf kommt es an, das kann man gut trainieren, es ist aber auch ziemlich voraussetzungsreich und kleine Fehler können den Gesamtablauf entscheidend stören.

Ausgangspunkt bei dem Gegentor ist Positionsspiel Fenerbahce. Von links hinten wird ein langer Ball Richtung Da Costa gespielt, den dieser klären kann. Das anschließende Kopfballduell wird von Sow nur halbherzig geführt und geht verloren. Der Ball wandert dann über mehrere Stationen auf die linke SGE-Defensivseite (Spielverlagerung), wo Fenerbahce dann den Angriff starten kann.

Hier sieht man den sehr großen Abstand zwischen Hinteregger und Durm, der eingezeichnete Raum hinten markiert den Raum, in dem sich Durm eigentlich nach vorne bewegen darf, ohne Zugriff auf den Gegner und Kontakt zur Kette zu verlieren. Wie man sieht, ist er viel zu weit herausgerückt.

Diese Situation ist eine taktische Standardsituation und dieses Problem kennt jeder Außenverteidiger: Was tun, wenn der Gegner schnell die Seite wechselt und auf meiner Seite der Ballführende nicht angegriffen wird, wie hier in dieser Situation? Es gibt mehrere Möglichkeiten: Entweder muss ein Offensiver (hier Kostic) den Zweikampf übernehmen, oder die ganze Mannschaft muss geschlossen so weit herausschieben, dass Durm den Zweikampf führen kann ohne seinen Raum verlassen zu müssen. Beides wäre in der Situation möglich gewesen. Glasner erklärte später (siehe Wolfsburg-PK), dass die geplante Gruppentatktik vorsehe, hier geschlossen herauszurücken.

Statt dieses gemeinsamen Herausschiebens rennt Durm aber auf eigene Faust und allein aus seinem Raum, womit hinter ihm der viel gefährlicher postierte Özil total freisteht. Sehr interessant ist, dass Glasner berichtet, das Verhalten sei „in Sequenzen“ im Training auch eingeübt worden und funktioniere da, er vermute, die Spieler hätten noch kein ausreichendes Vertrauen in diese gruppentaktische Verhaltensweise, weshalb sie sich nicht zutrauten, hier herauszuschieben. Oder, so Glasner, den Spielern fehle „das Erkennen dieser Situation“.

Özil bekommt dann den Pass von Samuel.

Dieser erste Pass ist das Problem. Da der Pass nicht verhindert wird, tritt die übliche Kettenreaktion mit aufgehenden Räumen ein:

Hinteregger rückt heraus, hinter ihm geht der Raum auf und genau in diesen Raum spielt Fenerbahce kurz danach per Doppelpass den Tiefenball Richtung Tor.

Hier sieht man sehr gut, dass Hintergger und Durm duch das falsche Verhalten jetzt beide aus dem Spiel sind.

Die torgefährliche Zone ist damit komplett ungedeckt und die SGE-Abwehr ist ausgespielt.

Özil spielt den Ball dann gut nach hinten, der Abschluss landet zuerst an der Latte und nach einigen weiteren Pässen im 16er wehrt Trapp den Ball zur Seite ab und Özil schießt ihn dann ins Tor.

In der 22.Minute hat die SGE den ersten eigenen guten Abschluss nach einem starken gewonnenen 2.Ball von Jakic und Kamada. Bei dem anschließenden Tiefenball von Kamada auf Kostic ist dieser zwar ein paar Zentimeter im Abseits, aber das war trotzdem ein guter erster Angriff der SGE.

Bis zur 40. Minute spielt die SGE danach konzentrierter, hält die Abstände besser, kommt ins Spiel. Auffällig: Fenerbahce ist seit Dortmund der erste Gegner, der mit dem hohen Tempo der SGE, dem intensiven Pressing und der hohen technischen Qualität der Einzelspieler nicht überfordert ist und mithalten kann, weil sie sich technisch-spielerisch befreien können. Trotzdem gelingt in der 41. Minute das 1:1, eine Mischung aus Positions- und Konterspiel.

Ausgangspunkt ist ein Fenerbahce-Eckball, der bei Trapp landet. Er entscheidet sich aber gegen eine schnelle Kontereinleitung, lässt sich etwas Zeit und rollt den Ball dann zu Sow, der sofort auf Jakic weiterleitet. Jakic erkennt sofort, dass mit diesem simplen Aufbaupass 3 Gegenspieler aus dem Spiel sind, weil die ganze Fenerbahce-Mannschaft noch in der Rückwärtsbewegung nach der Ecke ist. Jakic reagiert schnell, erkennt, dass der Raum vor ihm offen ist und geht ins Tempodribbling. Diese Entscheidung und der folgende perfekt gespielte Pass von Jakic auf Kostic sind entscheidend für den Angriff.

Hier sieht man die verschiedenen Anspielmöglichkeiten und dass das eine sehr gute Angriffsmöglichkeit ist. Er spielt dann einen sehr gut getimten Flugball in den Lauf von Kostic.

Der Rest ist dann relativ einfach. Kostic verlädt seinen Gegenspieler mit einer Verzögerungsfinte, legt quer auf Lammers, der gut mitgelaufen und postiert ist und nur noch einschieben muss.

In der 44. Minute gelingt der SGE ein weiterer guter Angriff, eingeleitet von einem starken Seitenwechsel-Flugball von Kamada links an der Mittellinie auf Da Costa ganz rechts. Da Costa leitet dann sofort auf Borré rechtsaußen weiter und schaltet sich in den Angriff ein.

Hier sieht man, wie die SGE den sehr guten Angriff durchführt. Borré dribbelt von außen nach innen an, Sow startet in die Tiefe, also in den Raum hinter den Verteidiger und gegen die Laufrichtung von Borré (gegenläufiges Freilaufen).

Jetzt kommt es extrem auf die Genauigkeit des Zuspiels von Borré an. Der Ball muss exakt gespielt und gut getimet (also nicht zu hart, nicht zu schwach) gepasst werden und vor allem im richtigen Moment, sodass Sow gerade nicht im Abseits steht. Der Pass von Borré kommt dann zwar im richtigen Moment, aber etwas zu schwach, außerdem sind die Fenerbahce-Verteidiger recht schnell und können den Ball von Sow in die Mitte blocken. Die Situation wird dann trotzdem noch gefährlich, weil Lammers gut aufpasst und abschließt. (eintracht.tv 52:20)

Bereits in der Nachspielzeit der 1. HZ hat Fenerbahce dann noch eine große Chance nach einem völlig missratenen Pressingversuch der SGE und einem Stockfehler von N´Dicka. Jakic kann Valencia schließlich zu einem überhasteten Abspiel zwingen, weshalb die Flanke dann nicht bei Rossi am langen Pfosten ankommt.

3. Die zweite Halbzeit

Beide Teams sind mit dem enormen Handlungsdruck bei eigenem Ballbesitz oft überfordert, es entstehen viel Fehler, die gute Angriffsaktionen oft zunichte machen.

Tendenziell ergibt sich zunehmend eine leichte Überlegenheit der SGE. Fenerbahce bleibt aber mit dem sehr schnellen Spiel in die Spitze gelegentlich gefährlich und dagegen findet die SGE bis zum Schluss kein adäquates Mittel, d.h. dass es nach wie vor zu Kettenfehlern, also systematisch falschen gruppentaktischen Verhaltensweisen kommt, wie oben einige im Detail gezeigt wurden.

In der 52. Minute gelingt der SGE ein guter Angriff über Da Costa, Kamada und Kostic, die Flanke kann dann aber nicht verwertet werden.

In der 60. Minute gelingt der SGE nach einem Positionsspiel und einem tollen Pass von Durm auf Kamada ein Tor durch Lammers. Kamada war aber knapp im Abseits:

Bis zur 74. Minute entstehen kaum mehr gute Angriffsaktionen. Die SGE hat nun deutlich mehr Ballbesitz und es zeigt sich, dass die SGE insgesamt die technisch etwas stärkeren Einzelspieler hat und etwas variabler im Aufbau ist. Die Istanbuler Viererkette arbeitet dafür etwas zuverlässiger als die der SGE.

In der 72. Minute wechselt Angerschmid, bringt Hauge für Borré. Ein nachvollziehbarer Wechsel. Borré war zwar sehr aktiv, hatte aber wenige Aktionen. Nicht ganz nachvollziehbar ist, dass Hauge statt Lindström kommt, letzterer ist etwas schneller auf den ersten Metern und etwas stärker und mutiger im 1-1. Hauge kommt dann auch überhaupt nicht ins Spiel (8 Ballkontakte in 20 Minuten).

Erst in der 75. Minute gibt es die nächste gute Angriffsaktion der SGE. Nach einem Einwurf von Kamada landet der Ball bei Sow, der zunächst einen Fehlpass spielt, den Ball aber wieder erhält und ihn dann diagonal sehr präzise in die Spitze auf Kostic spielt. Kostic kann danach allein auf den Fenerbahce-Torwart zulaufen, vergibt die Chance aber durch einen schwachen Abschluss.

In den letzten 20 Minuten erlangt die SGE komplett die Spielkontrolle. Fenerbahce wirkt etwas müde und ist seit dem Viererwechsel in der 77. Minute nicht mehr auf Augenhöhe mit der Eintracht. Es entstehen mehrere gute Angriffsaktionen, meist über beide Außenseiten, zum Abschluss kommt die SGE aber nicht mehr.

Der Elfmeter in der 90. Minute ist die erste gute Angriffsaktion der Gäste in der 2. HZ. Ausgangspunkt ist Positionsspiel von Fenerbahce. Ermöglicht wird die Aktion von einem erneuten Kettenfehler der SGE.

Hier sind die Abstände zwischen Abwehr- und Mittelfeldkette etwas zu groß, aber das reicht eben schon.

Wenn der Raum aufgrund zu großer Abstände so groß ist, geht der direkt Zugriff auf Spieler, die sich darin bewegen, verloren. Glasner hat auch diese Szene in der PK erwähnt und erklärt, dass der Fehler hier wieder bei der Viererkette liegt, die nicht herausrückt und den Raum hinter der Mittelfeldkette schließt. Dem ist zuzustimmen.

So hat Pelkas auf der offensiven Mittelfeldposition keinen Gegenspieler mehr (in der 90. Minute!). Sows Angriffsversuch ist zusätzlich zu halbherzig und schlecht geplant. Ein sehr cleverer Spieler wie Rode hätte hier sicher ein taktisches Foul versucht.

Pelkas spielt dann einen starken Doppelpass mit Rossi durch die komplette SGE-Abwehr und Trapp muss schließlich im 1-1 viel riskieren.

Hier sieht man, dass nicht nur der Abstand zwischen Abwehrkette und Mittelfeld zu groß ist, sondern auch der zwischen Innen- und Außenverteidiger. Genau in diesen Raum, der dadurch aufgeht, spielt Rossi dann seinen extrem gut getimeten Pass auf Pelkas, der dann von Trapp von den Beinen geholt wird.

Trapp hält den anschließenden Elfmeter und der Nachschuss-Schütze war zu früh in den 16er gelaufen.

3. Fazit, Spielerbwertungen

Zum ersten Mal in der Saison hatte die Eintracht in der ersten Halbzeit große Probleme, Spieldominanz zu erzielen. Das lag vor allem daran, dass Fenerbahce in allen Bereichen mithalten konnte und die Eintracht häufig mit den eigenen Waffen (Angriffspressing, Schnellkombinationen, hohes Spieltempo) schlagen konnte. Die erste Halbzeit war insgesamt die schwächste Saisonleistung der Mannschaft, allerdings auch gegen einen sehr starken Gegner.

Insgesamt hat man in dem Spiel gesehen, dass das Glasner-Spiel sehr anspruchsvoll ist und sehr starke Einzelspieler benötigt, die vor allem die gruppentaktischen Aufgaben sehr schnell und in sehr vielen Zweikämpfen bestreiten müssen. Die Mannschaft war mit diesen selbst produzierten, schwierigen Aufgaben in dem Spiel in mehreren Situationen überfordert. Es führt aber kein Weg daran vorbei, das bald zuverlässig zu spielen, die Alternative wäre ein sehr vorsichtiges Konterspiel wie es Mannschaften wie Bielefeld oder Augsburg praktizieren.

Die mit Abstand wichtigste Einzelspielerleistung war das enorm ruhige 1-1-Verhalten von Trapp in mehreren Situationen, mit dem er die Eintracht mehrmals im Spiel hielt. Mit einem anderen Torwart mit etwas weniger sicherem Stellungs- und 1 gegen 1 – Spiel wäre das Spiel vielleicht früh verloren gewesen. Trapp ist in dieser Disziplin ohnehin sehr stark. Zusätzlich hält er dann noch den Elfer.

Ebenfalls sehr auffällig war Jakic, der sehr aktiv war und von allen Defensivspielern das beste Stellungsspiel hat, was nicht sehr für die Arbeit von Hütter in diesem Bereich spricht.

Alle anderen SGE-Spieler spielten im Rahmen ihrer Möglichkeiten gut. Da Costa (78% Zweikampfquote, nur 62% Passquote) und Durm (74% Pass, 67% Zweikampf), waren viel gefordert, weil Fenerbahce stark über die Außen kam. Durm hatte einen krassen Zweikampf-Fehler, beide wirkten offensiv in der ersten Halbzeit mit den engen Situationen technisch etwas überfordert, Durm etwas weniger als Da Costa (zu hohe Fehlpassquote). Auch das wurde mit der besseren Spielkontrolle in der zweiten Halbzeit deutlich besser.

SGE-VfB Stuttgart

Auch des vierte Bundesligaspiel der Saison kann die SGE nicht gewinnen. Woran hat es im Detail gelegen, wie verlief das Spiel? Welche Fehler wurden gemacht? Schließlich ein Fazit, Spielerbewertungen und etwas Sportjournalismus-Watch. Alle Szenen der folgenden Analyse können wieder hier und hier nachverfolgt werden, es sind jeweils die Spielminuten im Text angegeben.

1. Kostic auf der Bank

Glasner entscheidet sich dafür, Kostic zunächst auf der Bank zu lassen. Lindström/Durm bespielen die rechte Außenposition und Lammers stürmt auf der 9 für Borré, über links kommen Hauge und Lenz. Ansonsten gibt es keine Startelfveränderung zum Bielefeld-Spiel.

2. Die erste Halbzeit

Die erste gute Abschlusssituation für die SGE gibt es bereits nach 58 Sekunden, ein langer Ball von Lenz auf Kamada wird von diesem per Kopf auf Hauge abgelegt, der frei aus 16 Metern abschließen kann. Hauge verzieht.

Bis zur 15. Minute entwickelt sich ein Spiel mit wenigen Abschlüssen. Die SGE ist in ihrem Aufbauspiel wie bekannt sehr variabel, der Schwerpunkt liegt auf Schnellkombinationen, die Mannschaft versucht aber auch im Pressing Ballgewinne mit Schnellangriffen zu ermöglichen oder arbeitet mit langen Bällen in die Spitze, die dann abgelegt werden sollen, siehe oben. Hrustic wirkt aber insgesamt in dem Spiel in vielen Situationen zu sorglos, spielt die Bälle mit hohem Risiko, was auf der 6er-Position nicht adäquat ist. Insgesamt werden Bälle oft zu früh, zu risikoreich nach vorne gespielt, daher entwickelt sich ein eher zerfahrenes Spiel.

Der VfB setzt hauptsächlich auf Konter und ein sehr intensives Pressing im Mittelfeldbereich, das vor allem Hrustic zu mehreren Fehlpässen veranlasst, die der Gegner aber nicht für einen Abschluss nutzen kann. Jeder Versuch der Gäste, zu einem konstruktiveren Spielaufbau zu kommen, wird von dem starken Eintracht-Pressing unterbunden.

In der 17. Minute kommt der VfB dennoch zu seiner ersten Chance. Ausgangspunkt ist ein Fehlpass von Lammers auf Durm, der bei Marmoush landet, dieser spielt dann schnell weiter auf die Halbposition zu Klement, womit beide 6er der SGE aus dem Spiel sind, wie man hier auf dem Standbild gut sieht:

Die Szene ist deshalb interessant, weil sie das hohe Konterrisiko des Angriffspressings zeigt. Nach dem Fehlpass orientieren sich beide 6er nicht nach hinten, sondern bleiben auf ihren zu offensiven Positionen stehen. Sow hätte den Pass leicht verhindern können, wenn er schnell defensiv reagiert hätte, ebenso hätte Hrustic zumindest den Gegenspieler abdecken können, doch auch er vertraut offenbar darauf, dass Durm diesen Ball zurückgewinnt. Der hat aber keine Chance, Marmoush ist ein schneller, geschickter Spieler und lässt Durm da gar nicht in den Zweikampf kommen. Das ist ein krasser Stellungsfehler beider 6er der SGE, wie er eigentlich nicht vorkommen sollte.

Klement spielt den Ball dann direkt wieder zurück auf den in die Tiefe startenden Marmoush, womit die SGE-4er-Kette allein agieren muss gegen den sehr schnellen Marmoush:

Marmoush kann sich dann außen gegen N´Dicka durchsetzen, der nicht mehr in eine gute 1-1-Postion auf der Innenbahn kommt (er macht da aber auch einen falschen Weg und „verfolgt“ den Stürmer, statt schnell Distanz auf der Innenbahn zu gewinnen):

Die Szene ist deswegen interessant, weil sie einen typischen Stellungsfehler von N´Dicka zeigt. Er neigt dazu, in vollem Sprint und mit Rückstand zu mannorientiert anzugreifen, das war schon vergangene Saison so und wurde bisher weder von Hütter noch von Glasner nachhaltig korrigiert.

Auch in diesem Spiel ließen sich mindestens zwei weitere dieser Situationen zeigen. Wenn N´Dicka den nächsten Schritt in seiner Entwicklung machen will, wird er dieses Verhalten ändern und differenzierter im 1-1 agieren müssen, das kann ein Spieler aber kaum ohne Input vom Trainer verbessern.

In den ersten 20 Minuten können beide Teams das Pressing des Gegners kaum offensiv auflösen, die SGE hat nach dem frühen Hauge-Abschluss kaum weitere Möglichkeiten, der VfB den einen Konter.

Das erste Mal, dass eine der gewünschten SGE-Schnellkombinationen gelingt, ist der Abschluss von Kamada in der 22. Minute nach Ballgewinn Hauge/Lenz im Gegenpressing, Pass auf Lindström, Pass auf Kamada, Abschluss:

Entscheidend bei dieser Situation ist übrigens letztlich eine überragende Finte von Kamada bei der Ballmitnahme nach dem Lindström-Pass, das kann man im Standbild aber schlecht zeigen.

In der 33. Minute gelingt dem VfB trotz SGE-Pressing ebenfalls die erste Schnellkombination, Massimo muss aus spitzem Winkel abschließen, Trapp hält.

In der 40. Minute hat Lindström seine stärkste Szene, als er nach langem Diagonalflugpass von Hinteregger rechts außen ein 1-1 gegen Klimowicz gewinnt, die Hereingabe Kamada aber nicht ganz erreicht.

Nächste Chance, 41. Minute: Der in der ersten Hälfte stärkste SGE-Spieler Kamada gewinnt einen Pressing-Zweikampf linksaußen, spielt den Ball auf Lammers zentral, der dann aus guter Abschlussposition verzieht. Er hätte auch auf Lindström ablegen können, stattdessen schießt er drei Meter am Tor vorbei:

3. Die zweite Halbzeit

Den ersten Abschluss in der 2. HZ hat Marmoush nach einem langen Ball und falscher Zweikampfentscheidung von Hinteregger, Massimo setzt sich durch. Marmoush kann mit Ball Richtung Tor sprinten, schießt aus spitzem Winkel ans Außennetz.

In der 59. Minute wechselt Glasner zwei Mal, Jakic kommt für Hrustic, ein nachvollziehbarer Wechsel, Hrustic hatte eine zu hohe Fehler- und eine niedrige Zweikampfquote (20%). Und Kostic kommt für Lindström, hier wäre eine Auswechslung von Hauge etwas verständlicher gewesen, Lindström hatte in dem Spiel bis dahin mehr gute Aktionen als Hauge, war auch besser im Spiel als Lammers.

In der 61. Minute vergibt Lammers aus spitzem Winkel, VfB-Torwart Müller hält. Die Situation ist aus Positionsspiel der SGE entstanden, war aber etwas unsauber gespielt, der Ball landete auch mehr zufällig vor Lammers Füßen. Was man hier aber sieht, ist ein typischer Abschluss-Fehler. Statt direkt abzuschließen, zögert Lammers, nimmt den Ball zweimal mit und verschlechtert damit seine Abschlussposition:

Hier hat er noch zwei Optionen, Abschluss in die lange Ecke oder einen Pass auf Kostic. Zweiteres ist sehr riskant, technisch schwierig und gefährlich, weil Kamada im Abseits steht.

Lammers Entscheidung, selbst abzuschließen, ist also richtig, nur muss er das hier mit dem ersten Kontakt machen.

Stattdessen verschlechtert er seine Position durch sein zögern bis es praktisch unmöglich wird, die Situation aufzulösen:

In der 62. geht der Ball nach Lenz-Ecke, Torwartfehler und Hintereggers Kopfball an die Latte.

In der 70. Minute kommt Borré für Lammers. Ein verständlicher Wechsel, Lammers war wenig im Spiel eingebunden.

Das 1:0 in der 79. Minute fällt nach einem Gegenpressing/ 2. Ball. Der VfB kann einen ziemlich unmotivierten Chip-Ball von Durm in den 16er nicht weit genug klären, der abgewehrte Ball landet am 16er bei Mangala, der ihn nicht kontrollieren kann und schließlich landet der Ball bei Sow am 16er, der direkt auf Kostic weiterleitet. Kostic schießt den dann mit seinem sehr präzisen linken Fuß exakt neben den Pfosten ins Tor. Eine gute Einzelleistung von Kostic mit ein bißchen Glück.

Mit dem Tor wechselt Glasner doppelt: Paciencia kommt für Hauge, Da Costa für Durm. Mit Durm wechselt Glasner seinen stärksten Zweikämpfer aus (80% Zweikampfquote, auch sonst gute Werte). Die Entscheidungen sind etwas fragwürdig, man hätte Hauge vielleicht defensiver auswechseln können, für den Ausgang des Spieles war das aber kaum erheblich.

In der 81. Minute kommt es nach einem Einwurf für den VfB, den Borré Richtung Tor ersprinten kann, zu einem taktischen Foul, es gibt Freistoß für die SGE und Rot gegen VfB-Verteidiger Anton wegen Notbremse. Diese Situation ist zweifach ärgerlich, einmal weil Borré frei vor dem VfB-TW nur noch hätte einschieben müssen und zum zweiten weil es 20 Zentimeter weiter vorne Elfmeter gegeben hätte. Beides hätte das Spiel wohl entschieden. Dennoch: Diese Situation ist zwar unglücklich aber auch ein Geschenk der Stuttgarter, analytisch also eher irrelevant.

Die Eintracht bleibt in den folgenden Minuten sehr aktiv und sehr aggressiv im Pressing, eng am Gegner.

Wie ist nun das Gegentor entstanden?

Die Situation ist eine der sehr wenigen, in denen die SGE etwas zurückgezogen agiert und tief steht. Das ist das Entscheidende. Wenige Sekunden vor dem Tor hatte der komplette Eintracht-Block die Chance zum Herausrücken. Hier:

Selbst im Standbild sieht man, dass die Mannschaft hier nur seitlich verschiebt und nicht, wie sonst eigentlich immer, herausschiebt. Daraus entsteht letztlich das Tor, ein mannschaftstaktischer Fehler also.

Aus dieser Situation kann sich die Mannschaft danach nicht mehr lösen, der VfB versucht es erst über Endo halbrechts, diesen Angriffsversuch können Sow und Lenz noch unterbinden, schaffen aber keine Balleroberung, ehe der Ball dann halblinks bei Ito landet:

Durch den kurz zuvor unterbundenen Angriff über rechts steht die SGE nun noch tiefer, aber noch gut besetzt. Lenz, man sieht es hier, kommt in die Kette zurück, er war kurz zuvor noch an der Abwehraktion gegen Endo beteiligt. Ito spielt dann einen diagonalen Flugball Richtung Hinteregger/Marmoush. Das ist zwar kein sehr gezielter Angriff, aber kurz vor Schluss natürlich so zu erwarten.

Die Abfolge danach ist sehr unglücklich, Hinteregger bekommt den Ball, köpft ihn aber nicht weit genug weg, geht dann seinem eigenen Ball hinterher und köpft ihn Coulibaly auf den Kopf, der den Ball nach vorne auf Marmoush bringt, der mit viel Glück den von N´Dicka geblockten Ball wieder vor die Füße bekommt und nur noch einschieben muss. Hier ist weder ein Kettenfehler oder ähnliches auszumachen, noch ein individueller Fehler.

Entscheidend ist, dass Hinteregger aus der Kette schieben muss, um seinen eigenen zu kurz abgewehrten Ball nochmal weiterzuköpfen. Dadurch geht der Raum hinter ihm auf. Genau in diesen Raum kommt dann der Ball von Coulibaly.

In der 94. Minute kommt es dann noch zu dem berühmten beinahe-Tor.

Das ist ein sehr gezielt und sauber gespielter Konter über Kamada rechts, der auf Jakic spielt und der mit einem technisch schwierigen, sehr präzise ausgeführten Pass auf Kostic:

Borré macht das in der Mitte übrigens sehr stark, erkennt die Situation und setzt sich nach hinten ab, leider semmelt er den Ball an die Latte, statt ihn sauber einzuschieben:

Der ist schwer zu nehmen, aber so einen Ball in der letzten Sekunde muss man natürlich ins Tor schießen. Das ist ein technischer Fehler von Borré, vielleicht hätte er auch besser auf Paciencia durchgelassen, da dieser noch etwas zentraler stand, also evtl. die bessere Abschlussposition gehabt hätte.

4. Fazit, Spielerbewertungen, SportjournalistenWatch

Der VfB konnte sich deutlich besser gegen das sehr dominante Spiel der SGE zur Wehr setzen als zuvor Augsburg oder Bielefeld. Die Mannschaft war auch technisch nicht ganz so heillos unterlegen. Trotzdem hatte die SGE eine gute Spielkontrolle und kam dabei zu einigen guten Chancen. Erneut hatte man fünf 80%-plus-Situationen, erneut hätten also 2-3 Tore herausspringen müssen. Dass die Mannschaft eine miserable Abschlussquote hat, verfestigt sich auch in diesem Spiel, daran sollte insbesondere mit Lammers, Borré und Hauge auch technisch gearbeitet werden.

Auffällig waren auf Seiten der SGE vor allem Kamada, der an vielen guten Aktionen beteiligt war, Kostic, Borré und Jakic. Aber auch Sow und Lindström hatten einige gute Aktionen. Durm war der stärkste Defensivspieler.

Hrustic hatte zu viele sorglose Aktionen im Spiel, Hauge gelang wenig, N´Dicka machte zu viele Stellungsfehler, wie oben beschrieben.

Die Berichterstattung im Frankfurter Sportjournalismus war, wie üblich, deutlich schwächer als das Spiel der SGE. Über die fr-Texte zu Fußballspielen möchte man ja mittlerweile am liebsten schweigen, es sind unbelegte Aneinanderreihungen von Behauptungen, die eher von enttäuschtem Fantum künden, als von einem objektiven, kundigen Blick auf das Spiel: „Es wurde erst besser als Filip Kostic und der erst in der Vorwoche verpflichtete Kristijan Jakic in die Partie kamen. Dann sah das, was Eintracht Frankfurt bot, auch wie Bundesligafußball, wie Männerfußball aus – und nicht wie zuvor wie Jugendfußball.“ Man möchte die Autoren ja gerne mal fragen, wann sie zuletzt ein Jugendspiel gesehen haben und woran sie denn festmachen würden, dass die Eintracht wie eine Jugendmannschaft gespielt hätte. In ihrer typisch blumigen Ausdrucksweise, die das Fußball-Unverständnis schon verrät, fantasieren sie, es sei „ein arg verschnörkeltes, viel zu kompliziert ausgerichtetes, nahezu körperloses Kurzpassspiel – bar jeglicher Effizienz“ gewesen. Exakt das Gegenteil ist richtig. Dass den beiden ein recht höhepunktarmes Spiel geboten wurde, lag gerade daran, dass beide Mannschaften sehr früh, aggressiv und konsequent pressten, es also gerade recht viele Zweikämpfe gab, von denen die SGE ausweislich der auch für fr-Spezialisten frei zugänglichen kicker-Spieldaten knapp die Hälfte gewann – kein schlechter Wert für eine Mannschaft, die zugleich 58 % Ballbesitz hatte. Und es lag daran, dass die SGE in vielen Situationen die Angriffe eben nicht mit ausreichendem Kurzpassspiel vorbereitete, sondern zu früh und unvorbereitet Tiefenbälle suchte. Das ist gut anhand der Bilder belegbar und auch der Re-live-Service bei Eintracht.tv ist für die fr vermutlich nicht gesperrt.

Besonders ärgerlich war schließlich der Artikel im kicker, der einen Affront von Hinteregger gegen Glasner/Krösche konstruiert, obwohl der Eintracht-Kapitän seine Kritik auf die falsche mediale Berichterstattung in der Sache Kostic gerichtet hatte. Dass damit vor allem Falschmeldungen über vom Mannschaftsrat geforderte Strafen bzw. eine Suspendierung durch Glasner gemeint war, ist leicht zu erraten. Daraus einen Affront zu konstruieren, ist schon ziemlich perfide.

Arminia Bielefeld – SGE

Zu diesem Spiel gab es von Seiten der Berichterstattung und der Beteiligten im Allgemeinen die Einschätzung, die Eintracht habe grob die erste Halbzeit dominiert, danach stark abgebaut und schließlich zu Recht, also dem Spielverlauf entsprechend, den Ausgleich kassiert. Diese These ist zu überprüfen und, sofern ihr zuzustimmen ist, auch wie das passieren konnte, was dafür ausschlaggebend war.

Alle Szenen können hier nachgsehen werden: https://tv.eintracht.de/video/1-hz-arminia-bielefeld-eintracht-135150/ bzw. hier: https://tv.eintracht.de/video/2-hz-arminia-bielefeld-eintracht-135151/

1. Wie verlief das Spiel wirklich?

Glasner wechselt streikbedingt einmal, Kamada spielte für Kostic. Kamada bespielt aber die 10er-Position, während Lindström nach links rückte. Die vier Offensiven Hauge, Kamada, Borré, Lindström sind aber sowieso nur vage an feste Positionen gebunden, dürfen sich sehr frei bewegen, sollen aber immer wieder Passdreiecke bilden, dazu später mehr.

Die ersten 10 Minuten verlaufen relativ ereignisarm, die SGE ist stark überlegen und dauerhaft in Ballbesitz, es sind deutlich die Unterschiede hinsichtlich der technischen Möglichkeiten der Einzelspieler beider Teams zu sehen.

Auffällig ist in dieser frühen Phase, dass die SGE stark auf Spielkontrolle und Positionsspiel setzt, also lange Ballstafetten. Das gelingt auch gut, Bielefeld presst nur selten, die Eintracht hat teilweise minutenlang den Ball. Ein sehr schönes Beispiel dafür ist die 15. Minute (Eintracht-TV ab 18:57): Nach einem Ballgewinn rechts bleibt die Eintracht über 90 Sekunden lang in Ballbesitz, das klingt wenig, ist aber recht viel. Erst nach über anderthalb Minuten wird dann der Ball lang auf Borré gespielt, landet aber bei Ortega. Der EintrachtTV-Kommentator informiert zu diesem Zeitpunkt darüber, dass die SGE in den ersten 15 Minuten über 70 Prozent Ballbesitz hatte.

Am Ende des Spiels standen übrigens immer noch 66 Prozent SGE-Ballbesitz.

Der große Ballbesitzanteil führte aber tatsächlich nur zu relativ wenigen Tormöglichkeiten, das war gegen Augsburg noch etwas besser.

2. Woran sind die SGE-Bemühungen gescheitert?

Betrachten wir uns einige Szenen genauer.

Die Lindström-Aktion in Minute 11 scheiterte an einer schlechten Letzter-Pass-Entscheidung (Lindström hatte noch recht viel Platz, hätte auch noch kurz Richtung Tor andribbeln können, um einen Flachpass zu suchen) und dann an schwacher Ausführung (schwache Flanke).

Die beschriebene Aktion in der 15. Minute (langer Ball in die Spitze) scheiterte an ähnlichen Fehlern. Hier ging Hinteregger wohl die Geduld aus, da hätte man eher länger nach einer geeigneten Angriffsoption suchen müssen, auch wenn des noch zwei Querpässe erfordert.

In der 20. Minute landet ein Longline-Aufbauball hinten links von Hinteregger bei einem Bielefelder. Hier wieder ähnliche Fehler wie oben.

3. Was klappt beim 0:1 besser?

In der 22. Minute fällt dann das 0:1 durch Hauge nach einer langen Ballstafette der Eintracht, die wirklich Lehrbuch-Qualitäten hat und wo die Spieler geduldig genug waren, auf den richtigen Einstiegsmoment für den Angriff zu warten.

Ausgangspunkt ist wieder Positionsspiel und hier sieht man, wie man auch gegen stehende Abwehrverbünde ins Tempo kommen kann.

„Ins Tempo kommen“ bedeutet letztlich immer, einen eigenen Mitspieler in eine Situation zu bringen, in der er entweder mit Ball Richtung Tor/Grundlinie laufen kann oder Richtung Tor/Grundlinie laufend angespielt werden kann. Das ist auch mit der sehr häufig benutzten Vokabel „Tiefenläufe“ gemeint. Das Problem gegen stehende Abwehrverbünde ist normalerweise, dass sie durch verschieben und herausrücken verhindern können, dass der Gegner in eine gute, kontrollierbare Abschlusssituation kommt. Die Aufgabe des Angriffsteams ist also, einen Spieler aus dem Verbund aus dem Spiel zu nehmen, um die übrigen Kettenspieler dazu zu zwingen, den jetzt offenen Raum zuzuschieben, wobei dann mindestens kurzzeitig zwangsläufig „neue Räume aufgehen“, das heißt, eigene Angreifer in Tornähe und Abschlussposition kontrolliert angespielt werden können.

Ausgangspunkt bei der Kombination zum Tor ist ein Sow-Pass aus der Zentrale nach links etwa Höhe Mittellinie und hier kann man schön sehen, dass die SGE ein Dreieck Richtung Bielefeld-Tor bildet, um ins Tempo kommen zu können.

Sow passt in den Lauf des links startenden Lenz, Hrustic ist bereits als Doppelpass-Anspielstation in Position gelaufen (Positionsspiel).

Die Dreiecksbildung hier ermöglicht eine multioptionale Angriffsführung. Lenz und Hrustic können Doppelpass spielen, Hrustic könnte aber auch Lindström steil anspielen oder einen Seitenwechsel einleiten. Hrustic entscheidet sich für den Doppelpass, da Lenz gut ins Tempo kommt, und sie so zumindest den rechten Mittelfeldspieler der Arminia aus dem Spiel bekommen. Lenz dribbelt dann auf die stehende Arminia-Innenverteidigung zu und die SGE bildet das nächste Multioptions-Dreieck: Hauge kommt als nächster Doppelpass-Partner, Lindström bleibt links anspielbar.

Hauge hat mehrere gute Anschlussmöglichkeiten (Doppelpass mit Lenz, Pass auf Lindström, Pass auf Kamada, eigener Abschluss). Er entscheidet sich richtig für den Doppelpass, weil Lenz so weiter mit Tempo auf den Abwehrverbund zulaufen kann. Lenz entscheidet sich dann für einen Direktpass auf Kamada und hier sieht man sehr deutlich, dass Durm die Situation eigentlich verschlafen hat. Er hätte längst antizipieren müssen, dass er vorne als Anspielstation gebraucht wird und er hätte im Rücken seines Gegenspielers früher starten müssen.

Damit sorgt er dann dafür, dass die Arminia das Tor fast noch verhindert hätte, denn Kamada, der den von Lenz gespielten Pass selbst schon etwas unsauber angenommen hat, muss zusätzlich warten, bis Durm in Position gelaufen ist und den Ball dabei zunächst gegen zwei Arminen behaupten. Das macht Kamada sehr stark und kann so den Ball auf Durm durchspielen.

Damit sind dann zwei weitere Bielefelder Verteidiger überspielt, die Arminia hat keine Chance mehr, das Tor zu verhindern.

Hier entsteht die gewünschte Lücke in Tornähe: Der linke Verteidiger (gegen Durm) muss versuchen zu blocken, ist aus dem Spiel, wenn Durm den Ball sauber in die Mitte spielt, und innen laufen zwei weitere Verteidiger sehr nah ans eigene Tor, so entsteht in ca. 7 Meter Torentfernung ein großer Raum, der Abwehrblock ist durch zwei Doppelpässe und ein starkes Zweikampfverhalten von Kamada, sowie einen tiefen Lauf von Durm ausgespielt, Hauge muss nur noch einschieben.

4. Wie geht das Spiel weiter?

In den gut 20 Minuten bis zum Halbzeitpfiff häufen sich die SGE- Chancen und auch diesmal waren einige 80%-plus Chancen dabei, also Abschlüsse, bei denen man mit sauberer Technik und ein bisschen Glück von zweien mindestens eine verwerten sollte:

25. Minute: Borré steht vollkommen frei vor Ortega und verzieht den von Hinteregger quer gespielten Hrustic-Freistoß total.

35. Minute: Angriff über Hauge, dann ein Lupfer von Hrustic auf Borré (auch eine, allerdings sehr seltene Möglichkeit, in die Tiefe zu spielen), der aus sehr kurzer Distanz Ortega anschießt. Borré trifft hier eine falsche individuelle Abschlussentscheidung (Außenrist rechter Fuß), er hätte den linken Fuß zum Abschluss nehmen müssen, da nur mit der Innenseite hier ein technisch sauberer Abschluss möglich ist.

In den letzten 10 Minuten der 1. HZ kommt die Arminia zu zwei Kontersituationen, die nicht genutzt werden, aber hier sieht man, dass die Mannschaft diese offensive Stärke hat und dass die SGE aus den Fehlern der ersten Spiele nur bedingt klug geworden ist. So verliert Durm in der 41. Minute rechts an der Außenlinie den Ball gegen zwei Bielefelder. Das Problem hier ist, dass alle Abspielwege zugestellt sind (Bielefelder Mittelfeldpressing):

Durm will seinen 6er Sow richtigerweise nicht in den Zweikampf anspielen, nach hinten kann er nicht spielen, nach vorne geht nur der Zweikampf (den er mit dem Rücken zum Gegner kaum gewinnen kann), eine Zwickmühle. Die Situation ist spielerisch nicht zu lösen. Ein schlauer Spieler kickt den Ball ins Seitenaus oder schießt den Gegenspieler an, um einen Einwurf zu bekommen. Die Situation und eine ähnliche kaum 1 Minute später (schwacher Pass von Lenz auf Hrustic) enden dann mit schwachen Abschlüssen der Arminen, die Trapp ohne Probleme halten kann.

5. Die zweite Halbzeit

In den ersten Minuten der 2. HZ reagiert die SGE auf das nach wie vor jetzt stärkere Mittelfeldpressing der Bielefelder vollkommen richtig damit, dass das Spiel mehr über Flugbälle von Trapp eröffnet wird, und weniger über die 6er Sow und Hrustic, auf die es die Bielefelder abgesehen haben. Das gelingt auch recht gut, die SGE gewinnt einige zweite Bälle, die Bielefelder Balbesitzsituationen werden kaum gefährlich. Wenn es dennoch über die 6er geht, dann wird schneller gespielt (meist mit einem Kontakt). Glasner hat seine Mannschaft in der Halbzeit also offenbar gewarnt und auf das veränderte Pressingverhalten des Gegners gut eingestellt.

Auch in dieser Anfangsphase der 2. HZ hat die SGE das Spiel weiter unter Kontrolle und in der 52. Minute auch die erste Großchance der zweiten Halbzeit, bei der Borré nach einem Ballgewinn von Hrustic und einer weiteren guten Schnellkombination der SGE über Hauge, Kamada und Lenz vollkommen frei im 16er nach einer guten Lenz-Flanke zum Kopfball kommt, aber rechts vorbeiköpft:

In der 56. Minute hat die nach wie vor hoch überlegene SGE die Chance, das Spiel zu entscheiden. Eine weitere Schnellkombination nach einem gewonnenen zweiten Ball über Hauge, Borré und Lindström kann weder Kamada, noch im Nachschuss Hauge vor dem leeren Tor verwerten, obwohl hier sogar der Torwart aus dem Spiel ist:

Die allererste wirklich gefährliche und gut herausgespielte Szene der Arminia in der zweiten Halbzeit ist der Lattentreffer in der 62. Minute. Bei dem langen Ball in die Spitze rutscht Durm aus, weshalb N´Dicka dann nach außen in den Zweikampf muss. Okugawa erkennt die Situation schnell und spielt den Ball noch bevor Durm die Kette wieder ergänzen kann auf Hack in den Sechzehner, der dann abschließt. Ein Abwehrfehler ist das eigentlich nicht. Wenn Durm nicht ausgerutscht wäre, hätte die Situation kaum gefährlich werden können.

Bis zur 70. Minute hat die Eintracht ein gutes Spiel gemacht, hatte Bielefeld mit Ausnahme von zwei Kontern und einer unglücklichen Situation total im Griff und hatte selbst fünf 80plus-Chancen, muss also längst 2:0 oder 3:0 führen. Hinteregger, Durm, Sow und N´Dicka gewinnen auch die hohen Bälle ziemlich zuverlässig, aber Bielefeld wird jetzt, wenig überraschend, offensiver. In der 73. Minute wechselt Glasner ohne erkennbaren Grund den eigentlich starken Kamada aus und bringt Barkok auf die 10er-Position. Der Wechsel ist etwas rätselhaft, weil er die Defensive nicht stärkt und die Offensive tendenziell schwächt.

6. War die Schlussphase wirklich so schlecht?

In der 76. Minute schafft es die Arminia zum ersten Mal überhaupt, das SGE-Angriffspressing flach zu überspielen, weil Lindström unmotiviert ein Angriffspressing einleitet, der Pressing- Block der SGE aber zu weit weg ist, weshalb Sow einen Sprint über das halbe Feld machen muss, um Lindström zu unterstützen. Er kommt zu spät und damit ist die halbe (nachrückende) Mannschaft überspielt. Das ist eine wirklich krasse taktische Fehlleistung beider Spieler und endet in der vierten Abschluss-Chance der Bielfelder, die diese aber vergeben.

In der 79. Minute entsteht eine weitere Großchance der Arminia, eine Analyse der Szene erübrigt sich aber, denn der Ball wird schlicht mehrmals nicht weit genug geklärt, hier liegt weder ein Kettenfehler, noch falsches taktisches Verhalten, noch schlechtes Zweikampfverhalten, noch ein gelungener Angriff vor. Bei dem langen Einwurf, von dem die Szene ausgeht, ist Hinteregger kurz zu unentschlossen. Wenn er den Ball wegköpft, passiert da gar nichts. Hinteregger blockt letztlich den Nachschuss auf der Linie.

In der 81. Minute wechseln beide Trainer. Kramer bringt Wimmer, den späteren Torschützen und Glasner Ache für Lindström.

Bis auf die drei Szenen der Arminia lässt die Eintracht aber nicht viel zu, versucht vollkommen richtig wieder die Spielkontrolle zurückzuerlangen, von einem Einbruch ist spielanalytisch auch bis zur 80. Minute nichts zu sehen.

Das Gegentor entsteht dann auch in der 82. Minute nach einem Freistoß für die Eintracht in Tornähe, bei dem fast die gesamte Mannschaft aufgerückt ist. Das ist in dieser Phase des Spiels und der Saison und bei diesem Gegner natürlich haarsträubend fahrlässig und im Grunde unprofessionell: Alle 10 Feldspieler sind hier aufgerückt in der gegnerischen Hälfte, Sow scheint die Mitspieler noch warnen zu wollen:

Der Freistoß fliegt Ortega in die Arme, er eröffnet den Konter sofort und während die komplette SGE-Mannschaft nach hinten rennt, spielen die Arminen einen recht sauberen Konter mit zwei langen diagonalen Flugbällen. Der erste landet linksaußen bei Okugawa, dessen Diagonalpass in die Spitze kommt unsauber und Durm kann ihn wegköpfen, der Ball landet dann aber bei Klos, und hier ist die SGE aufgrund des unkoordinierten nach hinten Laufens nach dem Freistoß beim zweiten Ball/ im Rückraum überhaupt nicht besetzt:

Klos legt den Ball dann auf den völlig freistehenden Wimmer, der ihn volley perfekt trifft und für Trapp unhaltbar links unten ins Toreck schießt. Das ist ein überaus glücklicher Treffer für eine Arminia-Mannschaft, die der SGE in fast allen Belangen heillos unterlegen und über fast die ganze Spielzeit mit der hohen technischen und spielerischen Überlegenheit der SGE überfordert war.

7. Fazit und Spielerbewertung

Weder gab es einen Einbruch der Eintracht in der 2. Halbzeit, noch eine relevante körperliche Unterlegenheit, die hier den Unterschied gemacht hätte.

Die Eintracht lädt die Arminia kurz vor Schluss durch absurdes Aufrücken der ganzen Mannschaft bei einem seitlichen Freistoß zum Kontern ein, die Arminia nimmt das Geschenk an und nimmt so einen überaus glücklichen Punkt mit.

Die Eintracht bleibt auch in der Verlängerung überlegen und erarbeitet sich auch weiterhin Tormöglichkeiten. Etwa in der 92. Minute ein Kopfball des eingewechselten Paciencia. Die Arminia kommt dann auch noch zu einem Abschluss und einem Nachschuss nach einer Ecke, solche Situationen können aber passieren, strukturelle Fehler oder ähnliches sind hier nicht auszumachen.

Hauge und Kamada waren sehr aktiv, Borré hatte viele gute Situationen, aber erneut gelingt ihm kein technisch sauberer Abschluss, er wirkt da auch etwas unsicher. Sow mscht zwar wieder ein gutes Spiel, läuft aber bei der größten Bielfelder Chance und beim Gegentor falsch mit nach vorne, verliert den Überblick.

Die Defensive hatte mit den Bielefeldern kaum Probleme, Ausnahmen waren 4 bis 5 Kontersituationen und einige Standards, systematische Kettenfehler waren diesmal keine festzustellen.

Borussia Dortmund – SGE

Nachdem auch zum Dortmund-Spiel ja jetzt sehr viel geschrieben wurde, was für eine Katastrophe das gewesen sei, Debakel usw. hier eine kurze taktische Analyse:

(alle Szenen können hier (https://tv.eintracht.de/video/1-hz-borussia-dortmund-eintracht-134824/) nachgesehen werden, die Video-Minuten sind wieder angegeben)

1. Die ersten 20 Minuten (4:02 bis 24:00)

Wenn man sich das Spiel noch einmal genau anschaut, wird man etwas erstaunt feststellen, dass die SGE das in den ersten 20 Minuten gar nicht so schlecht gemacht hat, die Dortmunder Anfangsoffensive längst überstanden hatte und sich gerade daran machte, mehr Spielanteile zu gewinnen. So fiel auch das 1:0 in eine der häufiger werdenden Ballbesitzphasen der Eintracht.

2. Das 1:0 (ab 26:20)

Dem 1:0 ging wie gesagt eine Passage in der Dortmunder Hälfte voraus. Nach einem Barkok-Ballverlust am BVB-16er geht die SGE sehr weit vorne ins Gegenpressing – erfolgreich: Die Dortmunder werden zu einem Fehlpass gezwungen, den Hasebe mitten in der BVB-Hälfte bekommt und direkt auf den aufgerückten N´Dicka auf links weiterleitet. Nun gehen die Dortmunder ins Gegenpressing und bedrängen N´Dicka, der verliert den Ball, dann geht es schnell über Haaland zu Reus, Tor. Welche Fehler werden hier gemacht?

Hasebe muss den Ball direkt auf N´Dicka weiterleiten, weil er bereits wieder bedrängt wird, aber dann bleibt er stehen, anstatt sich nach hinten N´Dicka anzubieten, was der entscheidende Fehler aus gleich zwei Gründen ist. Zum einen kann Hasebe so einen möglichen Ballverlust von N´Dicka nicht absichern, zum anderen hat dieser nach hinten keine Anspielstation. Und die wäre nötig gewesen, da die SGE sich nicht aus dem BVB-Gegenpressing befreien konnte. Aber auch N´Dickas Entscheidung, gegen zwei Gegner ins Dribbling zu gehen, ist natürlich katastrophal, er muss den Ball zurück zu Hinteregger spielen oder einen Seitenwechsel versuchen. Stattdessen verliert er ihn, der Ball springt zu Haaland, der sofort Tempo aufnimmt.

Zunächst machen nun Ilsanker/Hinteregger alles richtig, versuchen Haaland zu verzögern, indem sie „rückwärts“ laufen, Hasebe sprintet Haaland auch hinterher, macht dann aber eine vollkommen katastrophale Grätsche und nimmt sich selbst damit aus dem Spiel, womit die SGE-Abwehr jetzt in 2:3 – Unterzahl ist. Haaland macht alles richtig, dribbelt den äußeren Innenverteidiger an, womit er aus dem 3:2 ein 2:1 macht, Ilsanker hätte vielleicht weiter verzögern müssen, statt entgegenzugehen, aber das ist wirklich schwer zu verteidigen. Indem er auf Haaland zugeht, riskiert er aber, sich komplett aus dem Spiel zu nehmen, was dann auch passiert. Die entscheidenden Fehler machen in dieser Situation aber Hasebe und N´Dicka, man kann vielleicht noch darüber reden, dass beide Sechser viel zu weit aufgerückt sind und Sow daher auch nicht mehr eingreifen kann, aber das scheint wohl so taktisch gewollt zu sein, um möglichst hohen Pressing-Druck ausüben zu können.

3. Das 1:1 (ab 30:27)

Das Tor war durchaus nicht, wie überall zu lesen, pures Glück oder Gastfreundschaft der Dortmunder, sondern in dieser Spielphase ziemlich folgerichtig, denn die Eintracht setzte den Dortmundern trotz 0:1 ziemlich zu und das SGE-Pressing war nicht nur in der Situation ziemlich wirkungsvoll. Hier gewinnt Sow den Ball in der BVB-Hälfte durch sein sehr starkes Zweikampfverhalten, spielt den Ball nach vorne auf Barkok, der legt gut und schnell quer auf Borré, der mit einer Abkappbewegung nach links an Paßlack vorbeizukommen versucht und das wäre auch gelungen, hätte Paßlack den Ball nicht mit einer Notaktion ins eigene Tor geschossen. Bekommt er den nämlich nicht, steht Borré vollkommen alleine vor dem BVB-Tor. Das war eine tolle Pressingaktion und ein verdientes Tor. Zu diesem Zeitpunkt war auch das 1:1 durchaus nicht unverdient. Die ersten 25 Minuten dieses Spiels waren definitiv kein Debakel, sondern von der SGE ein ganz ordentliches Spiel.

4. Die Phase nach dem 1:1 (31:00 bis 35:30)

Nach diesem 1:1 wird die SGE noch stärker. Ich empfehle, sich diese Phase im Relive einmal anzusehen, da schießt die Eintracht nämlich zweimal fast das 2:1 nach der dritten oder vierten sehr starken Pressingsituation hintereinander. Zu diesem Zeitpunkt spielen die Dortmunder fast ausschließlich auf Konter und werden von der SGE dauernd erfolgreich gepresst. Wäre die Eintracht hier in Führung gegangen, was durchaus möglich war, wäre das Spiel sehr sicher anders ausgegangen. Ich verstehe nicht, wie man diese erste Halbzeit der Eintracht als vollkommenes Debakel gesehen haben kann. Das ist schlicht ahnungslos, und noch mehr wundere ich mich darüber, dass selbst der eigene Trainer nach dem Spiel meinte, sie seien chancenlos gewesen, das ist Quatsch.

5. Das 2:1 (ab 35:16)

Das Tor ist ein Konter direkt nach der erneuten Führungs-Chance der Eintracht und ist zu diesem Zeitpunkt für die Dortmunder eher glücklich. Witsel kann im eigenen 5er gerade noch so verhindern, dass hinter ihm Barkok den Sow-Querpass ins Tor schiebt, und von Witsel springt der Ball dann zu Dahoud, mit zwei schnellen Bällen kommt der BVB dann ins Tempo und hier funktioniert die Absicherung der Eintracht schlecht. Zunächst nimmt sich Hasebe erneut selbst aus dem Spiel, indem er zu früh auf den Ball geht statt zu verzögern, dann sprintet er Hazard nicht hinterher, sondern läuft Richtung Mitte. Aber auch Ilsanker rückt unmotiviert und viel zu früh raus, so kann man natürlich einen Konter nicht verzögern, dann macht N´Dicka den gleichen Fehler und geht auf den Ball, den er nie bekommen kann, statt im Abwehrverbund zu bleiben. Nachdem sich Hasebe, Ilsanker und N´Dicka durch zu frühes auf den Ball rennen freiwillig aus dem Spiel verabschiedet haben, sprintet Kostic noch auf die Innenverteidigerposition und versucht zumindest ein 1:2 herzustellen, kommt aber zu spät, den muss Hazard dann nur noch einschieben. Das fehlende Antizipations- und Differenzierungsvermögen (wann muss ich auf den Ball, wann muss ich verzögern?) haben bereits gegen Mannheim zu den Gegentoren geführt, das muss dringend im Training geklärt und eingeschliffen werden, sonst hagelt es Kontergegentore wie letzte Saison.

Die entscheidenden Fehler hier machen Hasebe, Ilsanker und N´Dicka, das Tor wäre zu verhindern gewesen, es sind strukturelle individual/gruppentaktische Fehler, die exakt so letzte Saison schon die CL-Teilnahme gekostet haben und von Hütter nie bearbeitet wurden.

6. Das 3:1

Das Tor ist ein Witz und fällt aus heiterem Himmel, da können die Dortmunder kaum etwas für. Genaugenommen sind sie ganz hinten schon wieder von der Eintracht festgesetzt worden und Kobel hat keine Chance mehr, außer mit einem Befreiungsschlag den Ball nach vorne zu dreschen. Das ist im Grunde ein gewonnenes SGE-Pressing, das dürfte exakt so der Matchplan von Glasner gewesen sein und der ging auch hier auf. Der Ball wird dann mehr oder minder blind von Reus nochmal per Kopf verlängert und landet dann eigentlich bei Ilsanker, nur geht der nicht einfach mit dem Kopf zum Ball, sondern läuft erst weg und geht dann mit einem hohen Bein in den Zweikampf mit Haaland. Das ist ein haarsträubender individueller Fehler von Ilsanker, Haaland bekommt den geschenkt.

Bis dahin muss man sagen, dass der BVB die SGE zweimal ausgekontert hat und ein Tor von Ilsanker geschenkt bekommen hat. Ansonsten waren die bis dahin mit dem Eintracht-Pressing ziemlich gefordert und hatten in der ganzen ersten Halbzeit keine einzige Chance aus eigenem Aufbau- und Ballbesitzspiel heraus. Sehr beeindruckend war das bis dahin eigentlich nicht.

6. Phase nach dem 3:1

Das 3:1 ist ein Wirkungstreffer, in den 15 Minuten danach traut sich die SGE-Mannschaft das Pressing nicht mehr ganz so konsequent zu, die Eintracht wird etwas schwächer und ist verunsichert, aber selbst das können die Dortmunder kaum nutzen, bis zur Halbzeit passiert praktisch nichts mehr.

In der Halbzeit wechselt Glasner mehrmals. Er stellt auf 4er-Kette um, damit bekommt er Platz für einen weiteren Offensiven. Daher kommt Lenz als Linksverteidiger, der sehr fehleranfällige Ilsanker geht raus, der Wechsel ist nachvollziehbar. Dass Lindström, der gegen Mannheim der stärkste Offensivspieler war, nicht von Anfang an gespielt hat, war etwas unverständlich, jetzt kommt er für Barkok, der etwas unauffällig, aber nicht schlecht gespielt hat, trotzdem nachvollziehbar. Kamada herauszunehmen war hingegen keine gute Entscheidung, denn er war in der ersten Halbzeit an fast allen Offensivaktionen der SGE beteiligt, mit Sow und Hinteregger der auffälligste Feldspieler. Ein weiteres Problem ist, dass Lindström sehr linkslastig spielt, während Kamada eher die Zentrale hält. Jetzt also in HZ 2 ein 4-2-1-3 mit Kostic und Hauge als Links- und Rechtsaußen. Den erneut mit Abstand schwächsten Spieler (Hasebe, wie schon gegen Mannheim) lässt Glasner auf dem Platz.

Die nächsten Szenen in diesem Stream: https://tv.eintracht.de/video/2-hz-borussia-dortmund-eintracht-134826/

7. Das 4:1 (ab 14:27)

Mit den Umstellungen wird das Pressing der SGE zunächst eher schwächer als besser, vor allem Hauge ist oft zu spät und offenbar noch kaum informiert, wann und wie angelaufen werden soll. Lindström hingegen hat in der ersten Viertelstunde bereits zwei starke Aktionen über links, Borré vergibt jeweils aus ziemlich guter Position. Mit ein bisschen Glück hätte da auch der Anschluss gelingen können. Dann aber das 4:1. Das Tor resultiert aus einer inkonsequenten Pressingsituation rechts/halbrechts. Lindström schiebt nicht mit nach halbrechts, auch Sow rückt nicht nach, so kann sich Dortmund befreien und über Tempodribbling Dahoud den Angriff einleiten. Dahoud spielt nun aus dem Mittelkreis einen Steilpass auf Haaland, den Hinteregger per Grätsche zunächst abfangen, aber nicht kontrollieren kann. Daher landet er bei Reus, womit der BVB 3:1 am 16er steht. Sie spielen es dann nicht einmal besonders gut aus und Lenz kommt sogar nochmal an den Ball, aber das ist dann kaum noch zu verteidigen. Die Fehler liegen hier in dem nicht mehr konsequenten Pressing, dann in dem fehlenden Eingreifen beider 6er, die mit dem Tempolauf von Dahoud beide überspielt werden, Hasebe steht hier hinter Sow, was sicher so nicht gedacht ist und schließlich der Grätsche von Hinteregger. Er muss hier versuchen, auf den Beinen zu bleiben, den Ball klären oder ablaufen. Auch bei diesem Tor nimmt sich also ein SGE-Verteidiger selbst aus dem Spiel. Das ist aber das einzige der 5 Tore, das sich der BVB selbst herausgespielt hat.

Bis zur 70. Minute tut sich wenig, die Eintracht bleibt ziemlich aggressiv und stark im Pressing, steht aber etwas tiefer, Dortmund kommt in dieser Phase drei mal ins Tempo mit gefährlichen Aktionen, die Eintracht ebenfalls drei mal, das Spiel an sich bleibt ausgeglichen, einen haushoch überlegenen BVB sieht man hier genauso wenig wie in der ersten Halbzeit.

Hrustic kommt jetzt für Hasebe.

8. Das 5:1 (ab 27:06)

Das Tor geht natürlich auf Da Costa, aber um ihn mal in Schutz zu nehmen sei gesagt, dass das sein erster größerer Fehler in dem Spiel war und er ansonsten recht solide gespielt hat. Beim Stand von 1:4 ist das sicher auch nicht mehr entscheidend. Das Problem ist hier, dass er auf halbrechts/rechts keine Anspielstation nach vorne oder rechtsaußen findet. Sicher hätte da rechtsaußen besetzt sein müssen, aber der Ball darf natürlich niemals so Reus in die Füße gespielt werden. Man könnte vielleicht auch noch einen kleinen Stellungsfehler bei N´Dicka ausmachen, der nicht richtig auf Abseits spielt, aber da kann man ihm kaum einen Vorwurf machen, das ist dann auch hinterher nicht mehr zu verteidigen und stark von Haaland gemacht. In der 80. Minute verhindert Da Costa übrigens mit einem tollen Zweikampf das 6:1

9. Die Endphase und das 5:2

In der zweiten Halbzeit hatte die SGE sogar ein Chancenplus, Borré kann allein 3 Tore schießen, Lindström eins, dazu das 5:2 von Hauge. Dieses fällt nach einer Ecke, die aus der letzten von Borrés Großchancen entstanden ist. Kostic hatte geflankt, Borré geköpft und Kobel gehalten. Die Ecke verlängert Ache perfekt auf Hauge, der dann volley trifft. In der Schlussphase muss dann Trapp nochmal stark gegen Haaland halten

10. Fazit und Spielerbewertungen

Dortmund gewinnt das Spiel verdient, aber nicht weil sie haushoch überlegen waren oder taktisch besser – selbst in Sachen Großchancen war die Sache lange nicht so eindeutig, wie es das Ergebnis vermuten lässt – sondern hauptsächlich deswegen, weil sie deutlich weniger krasse individuelle Fehler gemacht haben und die Fehler der SGE sehr konsequent ausgenutzt haben. Das Spiel insgesamt war ziemlich ausgeglichen, die Eintracht bei weitem nicht so schwach wie sie hinterher bewertet wurde. Zieht man die beiden Gratisgeschenke von Ilsanker und Da Costa ab, geht das Spiel 3:2 aus und das hätte auch etwa dem Spielverlauf entsprochen.

Bester Frankfurter war Lindström mit fünf sehr starken Offensivaktionen in der zweiten Halbzeit, auch Sow war auffällig gut und mit wenigen Fehlern. Er hat sich keineswegs versteckt, da müsste man wirklich mal die Leute, die das immer behaupten, fragen, woran sie das festmachen. Der ist an fast jeder Aktion der SGE beteiligt und spielt auch in diesem Spiel wieder einen starken Pass nach dem anderen. Man kann das ja nicht übersehen, wenn man das Spiel nochmal anschaut. Auch Kamada, Kostic und Sow waren fast immer auf der Höhe und haben gut gespielt, Borré war sehr aktiv, aber auch sehr unglücklich im Abschluss. Sehr schwach waren nur Hasebe und Ilsanker. Da Costa macht den einen krassen Fehler, ist sonst zwar solide, aber auf Dauer sind das natürlich zu viele Aussetzer.

SGE – FC Augsburg

Auch zum Augsburg-Spiel wieder ein wenig Analytisches, nachzusehen hier: https://tv.eintracht.de/video/1-hz-eintracht-fc-augsburg-134976/ bzw. hier: https://tv.eintracht.de/video/2-hz-eintracht-fc-augsburg-134975/ Und in diesem Spiel ist die entscheidende Frage, warum der SGE kein Tor gelungen ist, da Augsburg nur wenige offensive oder Konteraktionen hatte, die Eintracht total überlegen war. Warum also trotzdem nur 0:0?

1. Glasner stellt auf 4er-Kette um, bringt mit Durm und Lenz zwei echte Außenverteidiger, setzt mit Hauge und Kostic auf zwei echte Außen und mit Lindström auf nur einen echten Zehner. Wie ich bereits in den Berichten zu den Spielen gegen SVW und BVB erwähnte und lustigerweise auf eine Nachfrage eines Journalisten auch Glasner nach dem Spiel in der PK erklärte, ist die 4er-Kette (im 4-2-3-1 bzw. 4-2-1-3) eher die offensivere Aufstellung als die 3er-Kette, da man nun mit 4 statt 3 rein offensiven Spielern spielt.

2. Die erste Viertelstunde der SGE war noch nervös, gerade in eigenem Ballbesitz waren die gewünschten Abläufe im Aufbau noch teilweise unklar oder konnten nicht umgesetzt werden. So kam es zu einigen leichten Ballverlusten und unsicheren Zweikämpfen, aber in der 6. Minute (ab E-TV 17:45) auch bereits zu einem ersten sehr guten Angriff von hinten links über N´Dicka, Lenz, Hrustic und Sow, der die Situation sofort erkennt, mit einem Tempolauf Richtung halbrechts den Angriff eröffnet, dann einen extrem gut getimten Steilpass auf Borré spielt, der den Ball aus der Zentrale rechts dem mitgelaufenen Durm perfekt in den Lauf spielt, Durms Flanke erreicht dann niemanden, aber wenn die ein bisschen kürzer und flacher gekommen wäre, hätte Kostic hier das 1:0 erzielen können. Die Szene zeigt die technische Stärke der SGE-Mannschaft. Alle beteiligten Spieler können in sehr hoher Geschwindigkeit nicht nur richtige Entscheidungen treffen, sondern diese auch technisch umsetzen. Das ist beeindruckend und noch vor 4 Jahren hat man solche zielstrebigen, technisch/taktisch sauberen Kombinationen bei Eintracht-Mannschaften alle Jubeljahre mal gesehen. Dennoch verhindert hier ein kleiner technischer Fehler von Durm das mögliche Tor (präzise Flanke aus vollem Lauf zu ungenau). Dazu so viel: Je näher am gegnerischen Tor eine Offensivaktion ausgeführt wird, desto mehr Gegenspieler versuchen diese zu verhindern, wodurch der Raum, der zur Ausführung der Offensivaktion zur Verfügung steht, dementsprechend immer kleiner wird. Außerdem: Je defensiver ein Gegner aufgestellt ist, desto (noch) enger wird der zur Verfügung stehende Raum, die Offensivaktionen müssen also immer präziser und schneller ausgeführt werden, je mehr sich ein Angriff dem Abschluss nähert. So sieht man bei dieser Aktion, dass Hrustic, Sow und Borré die technischen Aufgaben sehr gut lösen können, sie haben noch genug Raum, während Durm die technisch schwierigste Aufgabe von allen hat und diese dann nicht mehr präzise genug ausführen kann.

3. Sehr interessant auch die 11. Minute (ab 23:18 E-TV): Trapp spielt den Ball lang, der Spielaufbau der SGE beginnt also mit dem Versuch, den Rebound/2. Ball zu gewinnen. Das ist ein häufiger Ablauf, also kein Spielaufbau über Kurzpass- und Positionsspiel, sondern über einen gewonnenen 2. Ball. Dieser „Spielaufbau“ hat Vor- und Nachteile: Der Vorteil ist, dass man nicht am eigenen Sechzehner gepresst werden kann (Risikominderung), der Nachteil, dass man jedes Mal erst den unkontrollierten hohen Ball unter Kontrolle und in eigenen Besitz bringen muss (fehlende Spielkontrolle). Das ist überhaupt ein Trend seit einigen Jahren, also seit sich dauerhaftes Angriffspressing zur Normalität entwickelt hat. Ein sehr interessanter Trend, denn ab Mitte der 90er und insbesondere ab ca. 2005 setzte sich mehr und mehr das kontrollierte Positions- und Aufbauspiel durch, der lange Pass, lange Abschläge, etc. waren verpönt. Heute wird das wieder ganz regelmäßig als Mittel im Aufbauspiel genutzt, auch bei den Topclubs.

Hier funktioniert es bei der SGE perfekt, den vom FCA abgewehrten 2. Ball gewinnt Lenz, es geht wieder schnell über Lindström, der das sehr schnell und mit viel Übersicht löst, Kostic schickt, der direkt auf Borré am 5er, der aber knapp neben das Tor schießt. Hier gibt es wieder kleine technisch/gruppentaktische Ungenauigkeiten. Technisch: Kostics Ball und Borrés Lauf passen nicht perfekt, letztlich ist der Abschluss nicht genau genug, also eine technischer Ungenauigkeit von Borré. Gruppentaktisch: Borré hätte stärker verzögern können/müssen, Kostic hätte evtl. besser auf Hauge, also eine Position weiter zurück legen sollen.

4. 29. Minute: Nächster guter Angriff der SGE über Hrustic, Hauge, Durm und Borré ganz rechts außen, dessen Flanke erreicht niemanden. Hier ist wieder die enorme Kombinationsstärke der SGE zu sehen, aber auch wieder die großen Abstimmungsprobleme, diesmal in der Strafraumbesetzung. (Szene bei EintrachtTV ab ca. 41:00) Denn Borré, der die Situation mit seinem Ausweichen auf die Flügel überhaupt erst öffnet, fehlt dann in der Zentrale als Abnehmer für seine eigene Flanke. Die zieht er auf den langen Pfosten, wo aber niemand lang nachgerückt ist. Man sieht in der Szene sehr schön, dass Lindström und Hauge beide Richtung kurzer Pfosten gehen und Kostic den Rückraum besetzt. In dem Moment, als Borré flankt, sieht es noch so aus, als ob Hauge evtl. auf den langen Pfosten geht, daher kommt die Flanke dann dorthin. Wäre entweder Hauge oder Kostic auf den langen Pfosten gelaufen, wäre das eine große Chance geworden. Hier haben wir als ein schlichtes Abstimmungsproblem zwischen den drei Strafraumbesetzern und dem Flankengeber.

5. Die spielentscheidende Szene scheint mir die 32. Minute zu sein. Hier wieder so eine blitzschnelle, technisch saubere Kombination nach Ballgewinn über Durm und den sehr starken Borré, der wieder den Raum auf Rechtsaußen besetzt. Statt auf Lindström zu flanken, kappt er diesmal ab, verlädt so seinen Gegenspieler, Pass auf Hauge im 16er, der kurz quer auf den völlig freien Hrustic. Hrustic legt sich den Ball auf seinen starken Linken, geht an Oxford vorbei und hat freie Schussbahn, wird dann aber von Oxford einfach zurückgezogen und umgeworfen, so dass er nicht schießen kann. Das war ein klares Foul, Elfmeter und Gelb für Oxford, Schiri Osmers lässt stattdessen weiterlaufen, kein VAR-Eingreifen. Die anschließende Ecke ist übrigens die nächste gute Chance für die SGE (Hauge).

6. In der zweiten Halbzeit geht es so weiter wie in der ersten, schnelle, gezielte Kombinationen der SGE-Offensive, Torchancen, die dadurch entstehen, viel Glück für Augsburg, so in der 55., 62., 65. 66., 78. Minute.

7. In der 70. Minute bringt Glasner Kamada für Hauge und auf Augsburger Seite kommt Gregoritsch (1,93m), was nicht ganz unwichtig ist, da sich durch ihn das FCA-Spiel etwas ändert und die SGE defensiv etwas mehr gefordert ist, weil Gregoritsch jetzt Zielspieler wird und die Eintracht die langen Bälle nun nicht mehr geschenkt bekommt. Auch der eingewechselte Caligiuri mit seiner Ballsicherheit trägt dazu bei, dass der FCA jetzt etwas weniger schnell die Bälle verliert.

8. Wie wacklig die Defensive der SGE ist, zeigte sich in mehreren Großchancen des FCA. Dass es die nicht gegeben habe, wie man nach dem Spiel von vielen Seiten lesen und hören konnte, ist falsch. Beispiel 74. Minute (E-TV 2.HZ ab etw 29:50): Wieder dient Gregoritsch als Anspielpunkt und in der Folge zeigen sich die Schwächen der SGE in der Defensive. Die beiden Sechser werden hier ohne Absicherung aus dem Spiel genommen, weil Hrustic den Zweikampf mit dem ballführenden Caligiuri einfach verlässt und an Sow übergibt, der seine absichernde Position halbrechts verlässt, womit der FCA über den aufgerückten Pedersen (also über die Sow-Position) den Angriff verlagern kann. Und damit ist auch die 4er-Kette der SGE gesprengt, Durm muss den Abstand zum herausgelaufenen N´Dicka halten, macht damit die Außenbahn (Vargas) auf (richtig, was soll er sonst machen?) und genau da wird der Ball dann auch hineingespielt, die Hereingabe bekommt dann kein Augsburger, aber das ist pures Glück. Mit ein bisschen Pech steht es hier 0:1 und diese Szene ist wirklich problematisch, denn solche 6er/Ketten-Fehler (beide Sechser auf einer Höhe und auf der gleichen Seite, Kette gesprengt) dürfen eigentlich nicht passieren und wenn, dann müsste einer der Offensiven schnell mit nach hinten und diesen Raum abdecken (hier am ehesten Kamada, der das auch tatsächlich macht, aber etwas zu spät).

10. Durch die Einwechslungen wird der FCA offensiver, was für die Eintracht Kontermöglichkeiten bringt. Interessant hier: Auch das lösen die Frankfurter stark, in der 70. Minute spielen sie einen Konter aus dem Lehrbuch: Abwurf Trapp auf Kostic, der sofort erkennt, dass er das Spiel schnell halten muss und mit einem überragenden Diagonalpass über das halbe Spielfeld Kamada rechtsaußen einsetzt. Kamada löst das mit seiner starken Technik auch perfekt, nimmt den Ball in vollem Lauf an und mit und geht dann auch vollkommen richtig ins Dribbling gegen den FCA-Innenverteidiger. Nun erkennt er aber die Situation nicht richtig, versucht selber abzuschließen, statt auf Borré zu passen. Das Problem hier: In dem Moment, als Kamada ins Dribbling geht, ist Borré noch gedeckt und es ist nicht ganz klar, ob der 2. FCA-Innenverteidiger zum Doppeln kommt oder nicht. Er tut es dann und Kamada müsste quer auf Borré passen , der dann frei vor dem leeren Tor gestanden hätte. Hier verhindert das Tor der fehlende Blick und damit die falsche Abschlussentscheidung von Kamada. (Wäre aber auch evtl. abseits gewesen)

11. Fazit und Spielerbewertungen

Das Augsburg-Spiel steht durchaus in Kontinuität zu den anderen beiden Pflichtspielen. Auch hier hat sich gezeigt, dass das neue SGE-Team eine spielerische Weiterentwicklung ist, die Mannschaft ist auf engem Raum in ihrem Kombinationsspiel extrem stark, es wird in der BL kaum eine Mannschaft geben, die das nachmachen kann, mit Ausnahme der Bayern, Dortmund, Leipzig und vielleicht Leverkusen.

Die vielen guten Angriffe und Chancen wurden fast immer durch falsche individuelle Entscheidungen (schießen statt querlegen), Abstimmungsprobleme in der Strafraumbesetzung (fehlendes Anlaufen von Abschlussräumen) oder kleinere technische Unzulänglichkeiten zunichte gemacht, was aber alles nicht besonders besorgniserregend ist. Bei Lindström, Borré und insbesondere bei Hauge hatten die falschen Entscheidungen viel mit unübersehbarer Nervosität zu tun. Neben diesen Fehlern in den Entscheidungen beim letzten/vorletzten Pass war eine falsche Schiedsrichetrentscheidung bzw. ein Foul an Hrustic eine spielentscheidende Szene zu Ungunsten der SGE.

Der stärkste SGE-Feldspieler war wieder Sow, der praktisch an allen Aktionen der Mannschaft irgendwie beteiligt ist und mittlerweile auch so etwas wie der Aggressiv-Leader ist. Aber auch die komplette Offensive mit Lindström, Hauge, Hrustic, Kamada und den sehr starken Kostic und Borré hat unübersehbar ein gutes Spiel gemacht.