SGE – VfL Bochum 2:1 (0:1)

Gegen sehr aggressive und gut organisierte Bochumer gewinnt die SGE ihr Heimspiel und bleibt im Rennen um die europäischen Plätze. Die Analyse zum Spiel.

Die Aufstellung

Bochum: Riemann – Stafylidis, Bella-Kotchap, Masovic, Bockhorn – Osterhage (60. Pantovic), Losilla, Rexhbecaj (77. Löwen) – Holtmann (61. Locadia), Asasno (60. Antwi-Adjei) – Polter

Oben: Die Aufstellung mit Toren, Vorlagen und algorithmisch generierten Noten.

Die Realaufstellung der SGE, also die Orte, wo die jeweiligen Spieler sich im Durchschnitt aufgehalten haben.

Die Noten in Klammern oben sind Übersetzungen der Bewertungen der Seite sofascore.com. Sie werden automatisch generiert anhand der individuellen Spieldaten jedes einzelnen Spielers. Nur bei der Torwartposition muss die Note etwas angepasst werden, da die algorithmischen Bewertungen systematisch negativer ausfallen als die der Feldspieler. Auch die Informationen zur Realaufstellung sind Zitate nach sofascore.com.

Die Statistik

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die erste Halbzeit

Ähnlich wie im Hinspiel hatte die SGE große Probleme mit der extrem aggressiven Zweikampfführung der Bochumer und deren sehr intensiven Pressing auf dem ganzen Platz. Allerdings gelang es der SGE diesmal sehr gut, die Schwächen des VfL zu nutzen und die technische Überlegenheit in ein erfolgreiches Spiel umzusetzen.

Trotz der technischen und spielerischen Überlegenheit waren die Gäste 90 Minuten sehr gut im Spiel und setzten der Eintracht stark zu. Überhaupt stehen die Bochumer mit einem eher unterdurchschnittlich besetzten Kader im gesicherten Mittelfeld. Wie hat VfL-Trainer Reis das geschafft?

Man kann das anhand des Spiels gut beobachten. Das VfL-Spiel besteht aus drei entscheidenden Elementen:

  1. Möglichst Risikofreies Aufbauspiel, oft mit langen Bällen ins Mittelfeld oder die Spitze. Die Bälle werden oft von Torwart Riemann lang gespielt.
  2. Pressing auf dem ganzen Platz. Der VfL bringt ganz bewusst den Gegner in Ballbesitz, presst dann extrem ballorientiert und geht auf Ballgewinne im Mittelfeld, um dann sehr schnell den Abschluss zu suchen
  3. Sehr starke defensive Zweikampfführung, hartes Einsteigen, taktische Fouls.
Hier eine Szene aus der 4. Minute. Gut zu sehen, dass der VfL in dieser Szene mit 9 Spielern im Bildausschnitte in der Eintracht-Hälfte presst. Der Abstand zur letzten Reihe wird auf Teufel komm raus eng gehalten, selbst wenn die letzte Reihe bis in die gegnerische Hälfte nachpressen muss wie in diesem Beispiel, in dem sich die SGE mit ihrer Passgenauigkeit und Kombinationsstärke zwar befreien kann.

Kamada macht dann einen kleinen Passfehler, weshalb der Ball dann bei der Bochumer Letzte-Reihe-Absicherung landet.

Das ist der Trick: Die Räume werden so eng gehalten, dass die kleinste Ungenauigkeit dazu führt, dass die Bochumer den Ball gewinnen. Für einen Abstiegskandidat eine enorm mutige, aufwendige, aber auch überaus effektive Strategie.

Das Spiel der SGE ist durchaus ähnlich angelegt, wenn auch mit größerem Schwerpunkt auf eigenen Ballbesitz und Spiel aus der und in die Tiefe.

Eine erste gute Chance hatte die SGE nach einem Ballverlust des VfL und der großen Stärke der SGE, den tiefen Schnellkombinationen, in diesem Fall über Hinteregger (Ballgewinn), Kamada, Knauff, Borré (Flanke von rechts), Abschluss Kamada. (eintracht.tv ab 6:47). In dieser Szene sieht man schon gut, wie die Bochumer zu bespielen und zu überwinden sind. Denn das sehr hohe Anlaufen und stetige Pressen der Bochumer ist durchaus riskant, da die Mannschaft auch im vorderen Bereich keine sehr hohe technische Qualität hat. So gehen viele Bälle an den Gegner und ob dieser das sofortige Gegenpressing überwinden kann oder nicht, hängt mit der Genauigkeit der Angriffsbemühungen und eben den technischen Fertigkeiten der Einzelspieler zusammen.

So zeichnen sich nach 10 Minuten die Punchlines deutlich ab: Beide Teams setzen auf sehr schnelles und direktes Spiel in die Spitze, der VfL verzichtet noch deutlicher auf Positionsspielversuche als die SGE und will jeden Ball in die SGE-Hälfte bringen, um die Bälle dort gewinnen zu können. Entweder VfL-Keeper Riemann oder einer der Abwehrspieler spielt fast alle Bälle als Flugbälle Richtung Mittelstürmer Holter oder auf einen der beiden schnellen Außen Holtmann und Asano. Die Eintracht, die unter Glasner einen ähnlichen Schwerpunkt hat, ist nur ein wenig variabler, hat aber mit der Zweikampfhärte und dem sehr engen Pressing der Bochumer zu kämpfen. Aber die SGE ist gut sichtbar praktisch auf jeder Position technisch-spielerisch besser besetzt als der VfL, auch das ist gut zu sehen und so gelingen der Eintracht zunächst die interessanteren Offensivszenen. Statistisch schlagen sich die Vorteile, die die SGE im vorderen Drittel hat, in einem sagenhaften Eckenverhältnis von 8:0 nieder.

Eckenverhältnisse sind deshalb besonders interessante statistische Werte, weil Ecken normalerweise von Abwehrspielern und Torhütern zu verhindern versucht werden. Einer Ecke geht also fast immer eine „Rettungsaktion“, also eine interessante Situation des Gegners voraus.

Trotzdem erzielt der VfL in der 19. Minute den Führungstreffer. Vorausgegangen war ein Konter nach einer sehr starken Balleroberung von Bella Kotchap fast an der eigenen Auslinie gegen Lindström und die Zweikampfführung des Bochumers ist in dieser Situation wirklich lehrbuchhaft, man sehe sich das gerne noch einmal an (eintracht.tv ab 22:48). Lindström hatte durch eine kurze Verzögerung allerdings sein Sprinttempo verloren und es dadurch dem Gegner ermöglicht, den Ball zu gewinnen.

Entscheidend ist nun, dass die SGE danach nicht ins Gegenpressing kommt.

Hier die Situation nach dem verlorenen Zweikampf von Lindström. Bella Kotchap spielt sofort auf Stafylidis. Hier der (kurze) Ballbesitzmoment von Stafylidis. Gut zu sehen, dass Sow und Jakic, die hier das Gegenpressing organisieren müssen, keinen Zugriff auf Stafylidis und Rexhbecaj haben und so der VfL unbehelligt Kontern kann.

Auf dem Standbild sieht man sehr gut, dass die 6er nicht press stehen und daher mit zwei Bällen die SGE mit Ausnahme der 3er-Absicherung in der letzten Reihe überspielt ist. Das ist allerdings auch eine sehr schwierige Situation, weil Lindström den Ball sehr weit vorne verliert.

Rexhbecaj spielt dann, vorbei an dem weit herausgerückten Ndicka einen Longline-Ball auf Asano, der mit der Ballannahme von Hinteregger umgegrätscht wird. Darüber, ob man das besser verteidigen kann, darf gestritten werden, dass Hinteregger so eine Kontersituation zur Not mit einem (taktischen) Foul stoppen muss, ist unstrittig. Er hat das offenbar als solche Notsituation aufgefasst, weshalb er zu diesem Mittel gegriffen hat (nachvollziehbar, da auch Ndicka zu diesem Zeitpunkt aus dem Spiel war und Tuta in der Zentrale demnach 1 gg 2 stand, jedenfalls musste Hinteregger das befürchten).

Der Standard selbst ist dann gut ausgeführt, kaum eine Chance für Hinteregger und Trapp, das Tor zu verhindern.

Die folgenden 10 bis 15 Minuten sind die stärksten des VfL in dem Spiel. Warum? Die Antwort ist sehr simpel: Die Fehlerquote der SGE erhöht sich brachial und typisch für Mannschaften in der Entwicklung, fällt auch die SGE in dieser extremen Stresssituation in Fehlverhalten zurück, die eigentlich bearbeitet waren.

Hier eine Szene aus der 23. Minute mit komplettem Kettenchaos seitens der SGE. Kurz zuvor hatte der zentral herausgerückte Hinteregger ein Kopfballduell geführt und verloren, was aber für Tuta und Ndicka erst Recht Grund sein sollte, eine (Abseits-)höhe zu halten. Stattdessen läuft Tuta hinten rein und öffnet damit einen No-Abseits-Raum. Viel Glück in dieser Szene, dass Asanos Ball exakt bei Tuta landet statt im Lauf des schnellen Holtmann.

Kurz danach, in der 24. Minute hat die SGE noch mehr Glück. Die vermutlich spielentscheidende Parade von Trapp (siehe Highlights oben) hält die SGE im Spiel. Vorausgegangen war einer der Ketten-Abstimmungsfehler, die hier regelmäßig als Einfallstore und Schwachpunkt der SGE gezeigt werden, so auch diesmal.

Tuta rückt, ohne Not, sehr weit aus der Dreierkette ohne von Knauff oder Kostic hinten vertreten zu werden. So steht die SGE hier, gut zu sehen im eingefärbten Bereich 2 gg. 3 direkt zum eigenen Tor. Eine Situation, die nie entstehen darf. Den entscheidenden Fehler hier macht Knauff, der nicht mit dem kurz zuvor außen eingelaufenen Losilla mitgeht, sondern im Halbraum stehen bleibt, sich mithin aus dem Spiel nimmt. Er muss hier einfach die 4 Meter nach hinten einrücken, dann passiert in der Situation nichts.

Denn der folgende Angriff über Holtmann, der hier den Ball gegen zwei Frankfurter behauptet und ihn dann kurz danach im Vollsprint Richtung Tor wiedererhält, läuft über genau diesen freien Losilla, den Knauff hier vollkommen freistehen lässt. Holtmann und Asano stehen kurz danach im Sechzehner der SGE 2 gg. 1 und Trapp rettet mit einer Weltklasseparade gegen Asano.

Hier also wieder das übliche Chaos auf den Schienenpositionen. Auch Kostic steht viel zu weit vorne. Gerade als erfahrener Spieler hätte er hier die Gefahr erkennen müssen und so schnell wie möglich die Kette hinten ergänzen, stattdessen verschläft er – wie so oft – die Szene vollkommen.

Das Zurückfallen in falsche Verhaltensmuster wird begleitet von einer auch im spielerischen Bereich erhöhte Fehlerquote, selbst der sonst sehr passsichere Sow lässt sich von der Aufregung anstecken und produziert teils haarsträubende Fehlpässe.

Doch die Mannschaft kämpft sich bald ins Spiel zurück. Ausschlaggebend dafür waren einige hart und erfolgreich geführte Zweikämpfe von Hinteregger (Bsp. gegen Asano in der 34. Minute, eintracht.tv ab 38:31), einige mutige Aktionen von Jakic und eine relativ schnell wiedergewonnene Pass- und Aktionssicherheit von Sow. Auch auffällig, dass in der ca. 10- bis 15-minütigen Stressphase Kostic wieder sehr häufig gesucht wurde. Auch die Ball- und Aktionssicherheit von Tuta und Ndicka hilft.

So kann die SGE bald die Kräfteverhältnisse wieder herstellen und hat in der 40. Minute mit einem Fasteigentor von Bella Kotchap eine Riesenchance zum Ausgleich. Dazu kommt eine Minute später ein elfmeterreifes Foul von Bockhorn an Kostic.

Damit ist die VfL-Druckphase abgewehrt, auch die jungen Knauff und Lindström haben wieder Aktionen und bis zur Halbzeit hat die SGE das Spiel wieder im Griff und auch wieder die besseren Offensivaktionen, u.a. eine gute Chance von Borré und ein Kopfballabschluss von Hinteregger nach Freistoßflanke Kostic. Es deutete sich schon an, dass der VfL Schwierigkeiten haben würde, das Spiel zu null zu beenden.

Die zweite Halbzeit

Mit Beginn der zweiten Hälfte macht die Eintracht da weiter, wo sie in der ersten Hälfte aufgehört hatte, übernimmt das Spielkommando. Der VfL wird mit den ersten Aktionen in eine tiefere Position am eigenen Strafraum gezwungen und im Grunde mit dem ersten Angriff erzielt die SGE den Ausgleich.

Ausgangspunkt ist ein gewonnener Zweikampf von Hinteregger gegen Polter ganz hinten. Pass auf Knauff rechts und Angriffseinleitung mit einem Pass auf Lindström ganz rechts.

Die Passwege vor dem Tor. Lindström und Knauff stehen außen 2 gg. 3, daher muss Lindström den Angriff abblasen, spielt zurück auf Sow, der den Angriff zunächst in die Zentrale verlagert (Kamada und Jakic kommen entgegen). Darauf folgt eine der typischen Schnellkombinationen der SGE, hier über Kamada und Jakic. Damit wird der Gegner „in Bewegung gebracht“, alle Bochumer orientieren sich wie von Geisterhand Richtung Zentrale.

Meistens entstehen dabei Freiräume außen, so auch hier.

Hier sehr schön zu sehen: Mit dem kurzen Doppelpass in der Zentrale ziehen Kamada und Jakic beide Innenverteidiger der Bochumer auf sich, so dass Stafylidis einrücken muss, um Borré nicht freistehen zu haben. Rexhbecaj hätte außen bleiben können (müssen), macht hier also einen Stellungsfehler. Durch diese Bewegungen stehen nun Knauff und Lindström rechts frei, bzw. 2 gg. 1 gegen Stafylidis. Kamada erkennt die Situation perfekt und spielt einen überragenden Chippass in den Lauf von Knauff außen.

Damit ist der Defensivblock des VfL ausgespielt.

…und Lindström kann aus rund 12 Meter völlig frei abschließen, hätte auch noch Abspielmöglichkeiten in der Box.

Lindströms (schwachen) Schuss lenkt Bochums Innenverteidiger Masovic dann ins eigene Tor.

Die SGE hat sich inzwischen gut auf die sehr durchschaubaren Angriffsbemühungen der Bochumer eingestellt, Hinteregger bekämpft Polter wirksam, die Außen Holtmann und Asano sind im 1 gg. 1 letztlich zu schwach, um die Eintracht dauerhaft zu gefährden und die auf sie gespielten Bälle zu einfach zu verteidigen. Außerdem kann sich die SGE besser aus den Pressingsituationen lösen, notfalls mit längeren Bällen. Das ist die Vorgehensweise in der zweiten Hälfte und damit ist Bochum weitgehend entzaubert, die spielerische Stärke der SGE kann sich durchsetzen.

In der 52. Minute fällt folgerichtig das 2:1-Führungstor. Leider zeigte die DAZN-Regie lieber jubelnde Kinder statt auf dem Spiel zu bleiben, sodass wir den Angriff hier erst ab der Station Kostic ansehen können.

Hier die entscheidende Angriffseinleitung. Borré mit einem extrem starken Pass auf Kostic, der Bockhorn überrennt.

Hier sehr gut sichtbar: Dass aus dieser Situation, in der Bochum noch ganz gut besetzt ist und verschoben hat, ein Tor werden kann, ist den speziellen Einzelfähigkeiten von Borré (Spielverständnis, Laufeinsatz, Borré hier wie oft als Spielmacher) und dem extremen Tempo und der trotzdem noch technischen Genauigkeit Kostics geschuldet.

Hier die Situation nach der Kostic-Hereingabe, die Knauff mit einem kleinen technischen Fehler zuerst fast verdaddelt den Ball dann aber noch auf Lindström bringt, der ihn dann auf den völlig freien Kamada spielt, Tor.

Durch den VfL-Rückstand verändert sich natürlich die Statik des Spiels etwas, der VfL kann sein „reines“ Programm jetzt nicht mehr abspulen, muss mehr eigenen Ball und Positionsspiel versuchen und wird damit anfällig für Pressingsituationen der SGE. Viel mehr als die immer gleichen langen Bälle von Riemann in die Spitze fällt den Bochumern aber nicht ein, das Spiel über eigenen Ballbesitz ist sehr offensichtlich ihre Sache nicht. Die Gäste sind, obwohl sie in der zweiten Hälfte sogar einen Überschuss an Ballbesitz haben, fast ausschließlich nach Standards gefährlich.

Die Eintracht hat noch einige gute Kontermöglichkeiten, so etwa Knauff in der 69. Minute, und Hauge/Borré in der 84. Minute.

In der 72. Minute bringt Glasner Lenz für Lindström, Kostic rückt weiter vor; lenz spielt fortan die linke Schiene, wie üblich etwas defensiver als Kostic.

Auch Bochum-Trainer Reis nimmt einige Wechsel vor, die allerdings an den Abläufen im Spiel wenig ändern und daher hier nicht weiter relevant sind. Ähnliches gilt für die Wechsel auf SGE-Seite.

Fazit

Die SGE schafft gegen Bochum einen standesgemäßen Heimsieg.

Der größte Unterschied zwischen beiden Teams bestand in der Palette der Fähigkeiten. Während die Bochumer in ihrem sehr zweikampfintensiven Pressing plus schnellem Spiel in die Spitze ihre einzige echte Stärke haben, dieses aber eine mächtige Waffe darstellt, beherrscht auch die SGE ein wirksames Pressing, verfügt aber aufgrund der großen technischen Stärke des Kaders über weitere gute Skills im Bereich Kombinationsspiel, Schnelligkeit und Tiefenspiel. Auch im Positionsspiel ist die SGE stärker, auch wenn die Mannschaft dieses Element erneut kaum genutzt hat.

Bis zum 2:1 der SGE war das Spiel demgemäß umkämpft, insbesondere in der oben beschriebenen Druckphase der Bochumer in der ersten Halbzeit. In dieser Phase stachen vor allem Sow, Hinteregger und Kostic mit sehr großem Engagement und besonders konzentriertem Spiel heraus. Dadurch konnte die Mannschaft insgesamt die Fehlerquote wieder senken und das Spiel in den Griff bekommen. Danach fehlten den Bochumern die technischen und spielerischen Mittel, um eine erneute Druckphase wie in der ersten Halbzeit zu organisieren.

So bleibt ein verdienter Erfolg der Eintracht, die das Spiel in allen Bereichen als weiteren Schritt in der Entwicklung verbuchen.

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Betis Sevilla – SGE 1:2 (1:2)

Beim aktuellen Tabellenfünften von LaLiga gewann die Eintracht verdient. Wie kam der Sieg zustande? Ein analytischer Blick auf das Spiel.

Die Aufstellung

Betis: Bravo – Sabaly, Pezzela, Gonzalez, Ruibal (77. Tello) – Rodriguez, Carvalho (61. Miranda) – Canales, Fekir, Juanmi (61. Joaquin) – José (77. Iglesias)

Oben: Die Aufstellung mit Toren, Vorlagen und algorithmisch generierten Noten.

Die Realaufstellung der SGE, also die Orte, wo die jeweiligen Spieler sich im Durchschnitt aufgehalten haben.

Die Noten in Klammern oben sind Übersetzungen der Bewertungen der Seite sofascore.com. Sie werden automatisch generiert anhand der individuellen Spieldaten jedes einzelnen Spielers. Nur bei der Torwartposition muss die Note etwas angepasst werden, da die algorithmischen Bewertungen systematisch negativer ausfallen als die der Feldspieler. Auch die Informationen zur Realaufstellung sind Zitate nach sofascore.com.

Die Statistik

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die erste Halbzeit

Im Interview nach dem Spiel verwies Trainer Glasner darauf, dass Betis die SGE in der Anfangsphase damit etwas überrascht habe, dass sie es häufig mit langen Bällen versuchten, was die Mannschaft normalerweise selten mache. Stimmt:

Hier eine Szene aus der 2. Minute. Diesem Abschluss von Canales geht ein langer Flugball von Torwart Bravo voraus, den Canales hier direkt abnimmt, nachdem der Ball einmal aufgesprungen war. Trapp hält.

Betis bleibt bei diesem Stilmittel auch im weiteren Verlauf des Spiels und setzt es gelegentlich ein.

Sehr auffällig war in der Anfangsphase, dass Glasner nicht nur aufstellungsseitig, sondern auch von der Ausrichtung her bei dem sehr offensiven Pressing blieb. Auch sonst schaltete die Eintracht nicht, wie noch gegen die Bayern, auf eine dauerhafte 5er-Kette um, sondern blieb bei dem sehr hohen, frühen Pressing mit vielen Spielern, auch in der vordersten Reihe, also gegen die Aufbauspieler der Spanier.

Hier ein sehr schönes, typisches Beispiel. Die SGE organisiert das Pressing in zwei Zonen, lässt dazwischen den zentralen Spieler frei stehen, allerdings mit Zugriff der 6er (hier Sow). Kommt der Pass in die Zentrale, wird der Gegner sofort attackiert. Hier auch gut zu sehen, wie weit beide Sechser nachrücken. Kostic und Knauff stehen beide deutlich tiefer als Sow und Jakic. Das ist auch richtig so. Auf diese Weise haben beide Schienenspieler Zugriff nach vorne, können aber, wenn nötig auch relativ schnell die Dreierkette hinten ergänzen. Ganz vorne attackiert Borré den Ballbesitzer.

Dieses sehr effektive Pressing der SGE schmeckte den Spaniern überhaupt nicht und war wohl der wichtigste Schlüssel zum Erfolg. Die SGE gewinnt dabei immer wieder die Bälle und spielt dann schnell zum Abschluss. So etwa in der 5. Minute (eintracht.tv ab 9:50). Hier Ballgewinn Sow/ Kostic – Flugball auf Lindström, Abschluss.

In der ersten Viertelstunde werden große Unterschiede in der Spielanlage der beiden Teams deutlich. Das auf klar vorbereitete Aktionen ausgelegte Spiel der Spanier kommt der SGE entgegen. Die größte defensive Schwachstelle der Eintracht, die offensiv besetzten Schienen, die beim Angriffspressing hoch und spekulativ stehen, konnten so fast nie überspielt werden und schafften es fast immer, rechtzeitig die 3er-Kette zu einer 5er-Kette zu ergänzen. Wohlgemerkt: fast.

In der 14. Minute erzielt Kostic das 0:1 für die SGE. Ausgangspunkt für das Tor ist ein gewonnener Zweikampf von Borré tief in der eigenen Hälfte.

Hier die entscheidende Szene. Borré doppelt Jakic, gewinnt den Zweikampf und Sow kann sich den freien Ball abholen.

Sow leitet mit einem Tempodribbling sofort den Angriff ein, über Borré und Lindström landet er dann rechts bei Knauff. Knauff leitet dann mit einem Pass auf Sow den Seitenwechsel ein.

Gut zu sehen: Betis ist noch nicht sortiert, obwohl eigentlich genug Zeit war. Die Viererkette der Spanier ist noch nicht hergestellt, Sabaly steht zu weit innen, Gonzalez hinten zu tief gegen Borré. Insgesamt, man sieht es hier, ist der Betis-Defensivblock komplett in die linke Spielfeldhälfte gerückt. Dennoch hätte Sow hier auch noch Lindström ganz rechts, Kamada zentral oder Knauff nach hinten anspielen können, entscheidet sich dann aber richtig für den völlig freien Kostic.

Der hebt den Ball dann über Betis-TW Bravo ins Tor. Ein Kunstschuss sicher, aber mit so etwas muss man bei Kostic immer rechnen und auch eine Flanke hätte in dieser Situation leicht sehr gefährlich werden können für Betis.

Insgesamt zeigt der Angriff mehrere typische Elemente des Eintracht-Spiels unter Glasner: Große mannschaftstaktische Geschlossenheit (Stürmer Borré gewinnt den Zweikampf tief in der eigenen Hälfte), schnelle Angriffseinleitung (über Sow), schnelle Herstellung von Überzahl-Situationen auf den Seiten, variables Spiel in der vorderen Reihe (viele Anschlussmöglichkeiten für Sow). Dazu kommt die technisch-spielerische Stärke der Einzelspieler, hier das gute Erkennen von Knauff/Sow, dass der Seitenwechsel die beste Option in der Szene ist.

Gefährlich wird es für die SGE fast immer, wenn sich Betis durch das (Gegen-)Pressing spielen kann, während die SGE-Außen offensiv stehen.

Das war schon in einigen Situationen zuvor sichtbar und exakt aus so einer Situation entsteht dann das 1:1 in der 30. Minute.

Ausgangspunkt ist ein langer Ball von Trapp Richtung Borré, den Betis abwehren kann. Eigentlich funktioniert die Zweite-Ball-Attacke der SGE, doch Knauff gerät bei der Ballannahme im Mittelfeld etwas ins Straucheln und gibt den Ball daher ab. Und so:

Hier gut zu sehen: Knauff und Kostic sind weit aufgerückt, können die Kette nicht mehr ergänzen, die SGE steht in der hinteren Reihe 3 gg. 4. Betis muss das schnell ausspielen und das machen sie sehr stark. Der Ball geht sofort auf Fekir.

Fekir geht dann ins 1 gg 1 gegen Ndicka, zieht mit einer schnellen Bewegung und seinem starkem Antritt auf die Innenbahn, bekommt so seinen starken linken Fuß freigelaufen und muss gegen Trapp nur noch einschießen. Ndicka hätte hier klarer die Innenbahn schließen müssen, indem er einen Schritte weiter vorne steht.

Bei dieser Notaktion unterläuft Hinteregger dann noch ein Stellungsfehler (eintracht.tv ab 34:49), weil er Ndicka nicht nach innen sichert, sondern sich Richtung eines einlaufenden Gegners orientiert, aber das kann in solchen unübersichtlichen Situationen immer passieren.

Überhaupt ist das eine etwas unglückliche Situation. Mit der sehr offensiven, aggressiven Herangehensweise nimmt Glasner das Risiko solcher Situationen natürlich in Kauf. Das ist eine bewusste Entscheidung und angesichts der Offensivstärke des Kaders auch aus analytischer Sicht im Grunde vollkommen richtig.

Auch in diesem Spiel wieder sehr auffällig: Die SGE ist auch diesem Gegner technisch keineswegs unterlegen, was durchaus bemerkenswert ist, da Betis eine der stärksten Teams in der spanischen Liga ist. Der einzige Spieler auf SGE-Seite, der in der ersten Halbzeit eine (zu) hohe Fehlerquote bei eigenem Ballbesitz hat und (zu) viele Situationen nicht richtig löst (meist überhastet), ist, wie schon in den Spielen zuvor, Jakic.

Hier ein Beispiel aus der aus der 29. Minute. Nach einem Seitenwechsel spielt Kostic den Ball auf die Halbposition auf Jakic und man sieht hier, dass das eine Drucksituation ist, Kostic und Jakic müssen 2 gg. 2 spielen. Jakic hat drei Optionen: Doppelpass mit Kostic, Rückpass auf Sow, Aufdrehen und Spielfortsetzung über Kamada.

Stattdessen hält er den Ball, wartet zu lange (bis Kostic von Sabaly zugelaufen ist) und versucht dann (etwas unmotiviert) den Ball zu Kostic zu bringen. Rodriguez geht dazwischen und blockt den Pass. Das gibt dann Einwurf für Frankfurt, aber es ist eine von vielen kleinen Situationen, in denen Jakic falsche Anschluss-Entscheidungen trifft. Kollege Sow ist da viel stärker und sicherer. Bei Jakic wird es darauf ankommen, dass er sich in diesen Situationen (hoher Gegnerdruck, wenig Entscheidungszeit) entwickelt und eine höherere Quote richtiger Entscheidungen erreicht, wenn er den nächsten Entwicklungsschritt gehen will.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Jakic hat durchaus kein schlechtes Spiel gemacht, viele Bälle gewonnen, sehr fleißig und konzentriert verschoben, hatte auch einige sehr gute Anschlussaktionen. Wie gesagt, allein die Positivquote in den ganz engen Situationen ist im Vergleich zu den Mitspielern zu niedrig.

Noch ein kurzer Blick auf das 1:2 der SGE in der 32. Minute. In den Highlights (oben) kann man gut sehen, dass dem Tor ein krasser Fehlpass von Gonzalez auf Sow vorausgeht, es folgt eine überragende Einzelleistung von Lindström und ein Abstaubertor von Kamada. Das Tor ist analytisch nicht sehr relevant, auf die großen Qualitäten von Lindström wurde hier schon hingewiesen als andere ihn noch für nicht bundesligatauglich hielten. Inzwischen und insbesondere bei solchen Aktionen auf der internationalen Bühne dürfte sich inzwischen eher die Frage stellen, wie lange die SGE den Spieler halten kann. So kann´s gehen – aber die betreffenden Kollegen sind vermutlich momentan auch sowieso noch damit beschäftigt, zu verstehen, wie die Mannschaft so gut spielen kann, ganz ohne ihren Lieblingsspieler Hasebe, ohne den doch die Mannschaft angeblich nur die Hälfte wert ist.

Die zweite Halbzeit

In der 51. Minute gibt es Elfmeter für die SGE und die Situation, die dazu führt, ist interessant, da sie die wichtigsten Elemente des Spiels repräsentiert: SGE-Schwachstelle „überspieltes Pressing“, etwas unsauber gespielte Betis-Angriffe, starke SGE-Konter (nicht zu haltender Lindström). Vorausgegangen ist nämlich ein Angriff der Spanier, bei dem sie einmal das SGE-Pressing überspielen konnten – mit den oben genannten Folgen:

Hier wieder gut zu sehen: Weil Kostic und Knauff und hier zusätzlich noch Tuta zum Pressing aufgerückt sind, das Pressing aber überspielt wird, steht die SGE jetzt 2 gg. 3 – Unterzahl in der letzten Reihe. Der Pass von Fekir ist dann auch gut.

Trapp muss weit aus dem Tor laufen und den Ball außerhalb des 16ers nach vorne klären. Dieser Trapp-Pass landet dann bei Lindström, aus dessen Zweikampf mit Ruibal, bei dem diesem der Ball an den Arm springt, entspringt dann der Elfmeter. Den Borré bekanntlich ziemlich schwach verschießt.

Das alles zeigt sich auch in der zweiten Halbzeit, die SGE braucht in einigen Szenen etwas Glück und zum Teil überragende Notaktionen wie das extrem gut getimte Tackling von Ndicka in der 54. Minute, mit dem er den Ball vor dem einschussbereiten Canales zur Ecke lenkt. (eintracht.tv ab 11:24).

Die SGE produziert allerdings – meist über Konter – eine Reihe guter bis sehr guter Abschlussmöglichkeiten. Einige Beispiele:

  • 55. Minute: Konter über Lindström und Kamada – Abschluss Kostic von links (eintracht.tv ab 12:12)
  • 64. Minute: Borré-Abschluss nach Tuta-Ballgewinn in der gegnerischen Hälfte im Gegenpressing
  • 67. Minute: Borré-Abschluss nach durch SGE-Pressing erzwungenem Rück-Fehlpass von Gonzalez (der mit dem von der SGE erzeugten hohen Dauer-Pressingdruck oft überfordert war) und Hackenablage Kamada

In dieser Phase von der 50. bis zur 70. Minute hätte die SGE das Duell schon vor dem Rückspiel gut und gerne für sich entscheiden können. Aber auch danach blieb die Eintracht immer gefährlich.

Auffällig auch: Die Kettenfehlerproblematik scheint inzwischen wirklich bearbeitet worden zu sein. Wenn die Kette hinten ergänzt wird, funktioniert sie meist. Auch hier zeigt sich inzwischen eine gewisser Variabilität, sogar Kamada fand sich in der Kette wieder:

Hier eine Szene aus der 76. Minute: Die Kette wird hinten von Kamada zur Viererkette ergänzt, Jakic und Hauge organisieren sofort den Gegnerdruck, auch die Abstände der Mannschaftsteile ist perfekt.

Kurz darauf wechselt Glasner Kamada allerdings aus und bringt mit Lenz einen defensiv stärkeren Außenverteidiger.

In der Schlussphase konzentrierte sich die SGE dann auf die defensive Absicherung, spielte etwas konsequenter 4er- bzw. 5er – Kette in der letzten Reihe.

Hier die Organisation der letzten Reihe in der Schlussphase. Der herausgerückte Ndicka (dessen Deckungsschatten den Halbraum schließt), wird von einer Viererkette gesichert, Kostic organisiert den Gegnerdruck, kein Durchkommen für Betis.

Auch in der Nachspielzeit hat die SGE nach Kontern und Abschlüssen von Lammers und Kostic die besseren Abschlüsse.

Fazit

Auch Betis war nie in der Lage, die SGE-Offensive mit Kostic, Lindström, Kamada, Borré und Knauff wirksam in den Griff zu bekommen. Wie hier schon in den letzten Wochen gezeigt ist diese Offensivabteilung auch auf sehr hohem Niveau kaum zu halten. Dazu kommt das immer besser eingespielte Pressing, das unter Glasner inzwischen deutlich intensiver, aggressiver und besser abgestimmt durchgeführt wird als noch unter Hütter. Diese Spielanlage schlug sich auch in der Statistik nieder: Trotz 65% Ballbesitz pro Betis spielte sich 30% des Spiels im Defensivdrittel von Sevilla ab, nur 26% in dem hinteren Eintracht-Drittel. Zudem macht die Mannschaft langsam aber sicher auch Fortschritte in der letzten Reihe.

Letzteres sind ziemlich sicher hauptsächlich trainingsseitige Verbesserung, aber auch die Tatsache, dass Glasner zuletzt auf echte Innenverteidiger gesetzt hat und nicht mehr mit Hasebe einen Mittelfeldspieler in der hinteren Reihe aufbietet, der immer ein Sicherheitsrisiko war, (warum wurde hier in den vorangegangenen Analysen episch dargestellt), sowie die Tatsache, dass die drei hinten sich in den letzten Wochen etwas einspielen konnten, trägt sichtlich dazu bei, dass die Mannschaft in der letzten Reihe Sicherheit gewonnen hat.

In der Offensive haperte es ohnehin zumeist nur an Kleinigkeiten in der Abstimmung, mit Knauff wurde der spielerisch-technische rechts-links-Gap geschlossen, das nun noch höhere Pressing birgt zwar auch noch größere Risiken, durch die bessere Abstimmung hinten werden diese aber gleichzeitig auch etwas reduziert und sowohl Hertha als auch Betis fanden selten ein Mittel dagegen.

Es gibt aus analytischer Sicht nach wie vor Hoffnung, dass sich die SGE rechtzeitig vor dem Saisonfinale soweit gefunden und das vom Trainer geforderte Spiel so verinnerlicht hat, dass sie aus eigener Kraft die wichtigen anstehenden Spiele so erfolgreich bestreiten kann, wie es der qualitativ hochwertige Kader eigentlich nahelegt.

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Hertha BSC Berlin – SGE 1:4 (0:1)

Nach dem Mainz-Spiel gelang der SGE zum zweiten Mal in der Saison ein durchweg überzeugendes Spiel. Ein Blick auf die 5 Tore und die neue besetzte Seite mit Ansgar Knauff.

Die Aufstellung

Hertha: Lotka – Pekarik, Boyata, Kempf, Mittelstädt – Serdar, Tousart, Darida (56. Selke) – Lee (56. Boateng), Jovetic, Richter (56. Bellfodil)

Oben: Die Aufstellung mit Toren, Vorlagen und algorithmisch generierten Noten.

Die Realaufstellung der SGE, also die Orte, wo die jeweiligen Spieler sich im Durchschnitt aufgehalten haben.

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Die Statistik

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die erste Halbzeit

Das Spiel lässt sich aus SGE-Sicht kurz zusammenfassen: Hertha hatte fast über 90 Minuten kaum eine Chance. Anhand der 5 Tore lässt sich das Spiel gut analysieren, die Treffer waren logische Folge des Spielgeschehens insgesamt.

Zunächst ließ schon die Startaufstellung hoffen, dass die SGE an die stärkeren Spiele gegen Vorrundenende würde anknüpfen können:

Die stärkste Waffe der SGE, die Vierer-Offensive mit Kostic, Kamada, Borré und Lindström durfte/konnte wieder gemeinsam beginnen, dazu traute sich Glasner erstmals, auch die rechte Seite sehr offensiv zu besetzen, indem mit Knauff ein weiterer Offensivspieler die rechte Schienenseite besetzte.

Bereits in den letzten Spielen hatte sich angedeutet, dass Kostic seine defensiven Aufgaben ernster nimmt, auch in diesem Spiel war das zu beobachten. Ebenso Knauff auf der anderen Seite, der auch fleißig nach hinten arbeitete. Das klappte aber nicht immer, später mehr dazu.

Mit einer 4er- /5er – Kette verteidigte die SGE insgesamt aber nur solche Situationen, in denen die Hertha über klaren eigenen Ballbesitz gezielte Angriffe über Positionsspiel startete (was nicht sehr oft vorkam), die übrigen, unklareren Situationen bekämpfte die SGE wie üblich durch aggressives Gegen bzw. Angriffspressing plus Dreierkette als Absicherung.

Sehr auffällig war, dass mit dem technisch starken, schnellen Knauff die Linkslastigkeit des SGE – Spiels nicht mehr stattfindet, was die Mannschaft deutlich schwerer ausrechenbar macht. Zu Knauff später mehr.

Besonders mit der Schnelligkeit der Eintracht-Offensive hatten die Berliner große Probleme, bereits in den ersten 20 Minuten hatte die SGE mehrere Chancen, die aus dem Tempovorteil im Angriffsdrittel resultierten, die größte vielleicht durch Lindström in der 15. Minute, als er nach starkem Ballgewinn von Borré allein auf Hertha-Torwart Lotka zulief, sich aber den Ball zu weit vorlegte (eintracht.tv ab 19:24).

Nur zwei Minuten später, in der 17. Minute fällt das 1:0 für die SGE.

Hier die Ausgangssituation vor der Angriffseinleitung. Gut zu sehen, dass die Hertha Lindström und Borré frei stehen lässt, keinerlei Zugriff insbesondere auf Lindström hat. Der bekommt den Pass von Kostic und leitet mit einem Tempodribbling sofort den Angriff ein.

Auch in dieser Szene zeigt die SGE ihr übliches Angriffsverhalten: Alle Bälle werden so schnell wie möglich offensiv und tief verarbeitet.

Hier die Szene nach Lindströms Antritt mit Ball: Das komplette Hertha-Mittelfeld ist mit dieser einfachen Aktion überspielt, Lindström kann dem freien Kostic den Ball Richtung Grundlinie in den Lauf passen.

Der Pass ist dann nicht ganz optimal, so dass Kostic ihn zunächst gegen zwei Berliner behaupten muss. Das macht er stark, flankt auf Knauff, der den Ball über Lotka ins Tor köpft. Auch Mittelstädt macht im Kopfballduell mit Knauff keine gute Figur, den entscheidenden Freiraum erarbeitet aber Lindström, wobei gesagt werden muss, dass die Hertha es den Frankfurtern hier mit schwachem Stellungsspiel im Mittelfeld (wie gesehen) auch sehr leicht macht.

In der 23. Minute hat die SGE eine längere Phase Ballbesitz mit Positionsspiel. (eintracht.tv ab 27:36) Das ist erwähnenswert, da dieses Angriffsmittel seit der frühen Phase der Saison kaum noch zur Anwendung kommt, was bei der hohen technischen Qualität des SGE-Kaders sehr fragwürdig ist/ war. In dieser Szene sucht die Mannschaft mit insgesamt 12 Pässen hintereinander ohne dass ein Berliner dazwischen gekommen wäre, einem abgebrochenen Tiefenversuch über links schließlich den Weg über die rechte Seite. Der letzte Ball von Lindström in die Spitze kommt dann zu schwach, aber das war ein starker Angriff. Es bleibt zu beobachten, ob die Mannschaft sich solches Positionsspiel auch wieder gegen Mannschaften zutraut, die im Pressing besser koordiniert und aggressiver in den Zweikämpfen sind als die Hertha (also ungefähr alle).

Bis zur Halbzeitpause produziert die Eintracht-Offensive eine Torchance nach der anderen, meist wie üblich über Schnellkombinationen nach gewonnenen zweiten Bällen im Mittelfeldbereich. Es wird aber auch weiterhin wieder variabler versucht, etwa durch einen diagonalen Seitenwechsel aus der letzten Reihe in die Spitze (eintracht.tv ab 34:34, hier auf Lindström/Knauff. Knauffs Flanke ist dann schwach, dennoch: sehr verwunderlich, warum das nicht sowieso öfter versucht wird. Kostic spielt diese sehr langen Flugbälle sehr präzise und zuverlässig).

Die Hertha kommt weder mit den schnellen Angriffen und den schnellen Offensivspielern der SGE zurecht, noch mit dem sehr frühen, aufwendigen und dauerhaften Angriffspressing der Eintracht. Das neue Team von Fredi Bobic lieferte fast alle Bälle brav bei der SGE ab. Nach vorne gelang den Berlinern praktisch nichts, obwohl die SGE durchaus mit den verbliebenen 3 Defensiven manches anbot und auch wieder mehrmals Kettenchaos produzierte. Das einzige Mal, dass das von den Berlinern genutzt werden konnte, war die Situation in der 32. Minute, in der Lee von Ndicka vermeintlich im Strafraum gefoult wurde.

Hier gut zu sehen, dass bei Kempfs Pass die SGE mit einer sage und schreibe 2er-Kette hinten steht. Weder Knauff noch Kostic denken an ihre defensiven Aufgaben, Hinteregger orientiert sich ins Mittefeld.

Das ist hier ein mannschaftstaktisches Missverständnis, jedenfalls kann man das nur hoffen, denn so wird man auf die Dauer nicht solche langen Flugbälle verteidigen können. Hier muss entweder Kempf von den Offensiven sofort mit Angriffspressing angelaufen werden, damit er den Ball nicht frei spielen kann, oder die Kette muss hinten zur Viererkette ergänzt werden. In der letzten Linie zweimal außen 1-1 zu stehen und vorne trotzdem kein Pressing spielen, ist Harakiri. Viel Glück hier für die SGE, dass Lee die Chance vertändelt und Schiri Osmers keinen Elfmeter verhängt.

In der Schlussphase der 1. HZ kommt die Hertha etwas besser ins Spiel, außer einigen Standards kommt dabei aber wenig herum.

Die zweite Halbzeit

Bereits in der 48. Minute erzielt die SGE das 2:0. Vorausgegangen war ein Eckball der SGE, den die Hertha zunächst abwehren kann. Entscheidend für die Entstehung des Tores ist zunächst die starke Ecken-Absicherung der SGE hier.

Das ist die Situation nach der abgewehrten Ecke. Der Ball landet bei Sow und man sieht hier, dass die Eintracht in dem Raum am Sechzehner mit 4-2-Überzahl steht. Man sieht auch, dass die Hertha etwas unkoordiniert herausläuft, immerhin läuft Jovetic Richtung Knauff, der den Ball von Sow bekommt.

Danach lässt Knauff mit einer starken Bewegung Jovetic stehen (das ist gut gemacht von Knauff, das Zweikampfverhalten von Jovetic in dieser Szene ist allerdings auch vollkommen lächerlich, siehe eintracht.tv ab 4:36.)

Die wichtigste Erkenntnis dieser wie vieler anderer Szenen ist jedoch, dass mit Knauff tatsächlich die Probleme auf der rechten Seite gelöst werden könnten. Er erkennt hier nicht nur, dass er die Szene mit einem 1 gg. 1 lösen muss, er ist auch schnell genug, das dann umzusetzen. Insbesondere seine Flankentechnik ist ungefähr 2 Klassen besser als die von Chandler und Da Costa, man möge sich das in dieser Szene noch einmal in aller Ruhe ansehen.

Hier der Moment der Flanke. Knauff spielt den Ball mit der Innenseite, dreht den Fuß sehr weit nach außen beim Flanken. Dadurch ist die Kontrolle besonders hoch.

Wer möchte, kann mal darauf achten: Knauff versucht seine Hereingaben fast immer mit dieser Technik zu spielen.

Die Flanke ist präzise, gut getimt und sehr sauber mit der vorderen Innenseite gespielt, lehrbuchmäßig.

Auch die Übersicht von Ndicka, der den Ball in der Mitte auf den völlig freien Tuta ablegt, ist natürlich stark.

Das 2:0 ist zu diesem Zeitpunkt hochverdient.

Bereits in der 55. Minute fällt das 3:0 für die SGE. Vorausgegangen war ein einfacher Ballverlust der Hertha im Mittelfeld und ein langer Flugball von Hinteregger auf Borré.

Hier die Situation nach dem langen Ball von Hinteregger. Borré ist zwar auf dem Weg Richtung Hertha-Tor, Boyata ist aber recht gut in dem Zweikampf. Lotka stürmt dennoch heraus und versucht den Ball zu klären.

Entgegen den allseitigen Einschätzungen ist diese Torwartverhalten nicht falsch (obwohl Boyata den Zweikampf wohl gewonnen hätte). Der Torwart kann in solchen Situationen den Verteidiger doppeln und so wie hier auch die Bälle klären. Lotkas Fehler hier besteht durchaus nicht darin, dass er „zu weit“ aus seinem Tor herauskommt, sondern nur darin, dass er den, Ball, statt ihn sauber zu klären, Lindström in den Fuß spielt. Lindström chippt den Ball dann aus gut 25 Metern über Lotka ins leere Tor.

In der 56. Minute nimmt Korkut Darida und Lee heraus. Etwas seltsam, da Darida zu den stärkeren Berlinern zählte. Für ihn spielt dann Boateng im Mittelfeld, allerdings ein bisschen so, als würde er lieber wieder für die SGE spielen.

In der 61. Minute erzielt der kurz zuvor eingewechselte Berliner Selke den Anschlusstreffer. Vorausgegangen war ein Ballverlust der SGE im Aufbau auf der linken Seite, bzw. ein verunglückter Seitenwechselversuch von Tuta.

Hier der lange, seitenwechselnde Tuta-Flugball, den Kostic so gerade eben noch vor der Auslinie erwischt hat und nun davon ausgeht, dass Ndicka ihn bekommt. Ndicka will aber Kostic sichern und geht davon aus, dass dieser den Ball noch erreichen kann. Ein klassisches nimm-du-ihn-ich-hab-ihn-sicher, Tousart geht dazwischen und leitet den Angriff ein, den Selke schließlich vollendet.

Beim Selke-Abschluss fehlt bei der SGE die Rückraumsicherung, das kann bei einer solchen „unkontrollierten“ Abwehraktion aber passieren, kein struktureller Fehler seitens der SGE in dieser Szene.

Mehr oder minder im Gegenzug stellt Borré auf 4:1. Der Ursprung des Angriffs ist ein extrem starker Zweikampf von Sow gegen Selke, hier:

Gut zu sehen, wie Sow seinen Körper zwischen Selke und Ball schiebt. Selke hat keine Chance, den Zweikampf zu gewinnen und Sow leitet dann mit einem kurzen Rückpass auf Ndicka den nächsten SGE-Angriff ein.

Ndicka spielt den Ball direkt auf Kamada an der Mittellinie.

Hier die Situation kurz nach dem Pass auf Kamada, der Boateng mit einer Ballmitnahmefinte bereits zwei Meter abgenommen hat, im Laufe des Sprintduells kommen zwei weitere dazu. Das sind allerdings auch Reihenabstände aus der Hölle seitens Hertha, hier beträgt der Abstand Boyata-Boateng rund 15 Meter, das macht es der SGE auch recht einfach.

Kamada und Borré machen das dann auch gut, Kamada dribbelt schnell und aggressiv die Berliner Innenverteidiung an, Borré hält die linke Außenbahn, aber mit direktem Kontakt zum Gegenspieler.

Hier gut zu sehen, dass die Hertha-Restverteidigung es eigentlich ganz gut macht, zurückweicht, beide Sicherungspositionen hält und Kamada daher ziemlich lange warten muss. Borré bietet auch nicht den einfacheren Pass zum Tor an, sondern fordert den Ball in den Fuß, was Kamada offenbar etwas irritiert, auch deshalb wartet er wohl sehr lange mit dem Pass auf Borré.

Doch Borrés Idee ist gut, er bekommt den Ball in den Fuß, gewinnt das 1 gg. 1 gegen Boyata und schießt dann ein.

Damit ist das Spiel entschieden, auch in den letzten 30 Minuten ändert sich nichts an den Verhältnissen, die SGE bleibt bis zum Abpfiff die in praktisch allen Belangen bessere Mannschaft, beide Teams fahren den Aufwand nach der Entscheidung etwas zurück.

Fazit

Zum zweiten Mal (nach dem Mainz-Spiel) in dieser Saison ist die SGE in einem Spiel durchgängig die bessere Mannschaft und überlässt dem Gegner im Grunde keine einzige längere Spielphase. Das gelingt fast ausschließlich den Top-Mannschaften in der Bundesliga, sollte allerdings nicht überbewertet werden, ist die Hertha-Mannschaft doch in dieser Verfassung kaum bundesligatauglich.

Was hier mantraartig wiederholt wird, zeigte sich auch in diesem Spiel: Erneut war die SGE die technisch deutlich stärkere Mannschaft, die Viereroffensive Kostic-Kamada-Lindstöm-Börré ist von praktisch keinem Bundesliga-Gegner auszuschalten, mit Knauff kommt nun ein weiterer technisch sehr starker Spieler dazu. Die Offensive gehört personell ziemlich sicher zu den Top-4 bis 6 in der Bundesliga.

Die größte Frage in den kommenden Spielen wird sein, ob Glasner bei der super-offensiven Doppelbesetzung außen bleibt. Das ist aus analytischer Sicht durchaus sinnvoll. Eine äußere Schienenbahn mit einem echten Außenverteidiger zu besetzen, also mit Chandler, Touré, Durm oder Da Costa, ist hingegen, wie in den letzten Wochen gezeigt, auf die Dauer nicht sonderlich zielführend, da diese 3-4-3 Formation nur dann einen Vorteil bringt, wenn der Außenspieler die dauernd auf ihn wartenden technischen Aufgaben in der vorderen Reihe gut lösen kann. Knauff und Kostic können das, müssen wiederum ihre defensiven Aufgaben adäquat erledigen. Ob und wie das gegen stärkere Gegner funktioniert, wird abzuwarten sein.

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SGE – FC Bayern München 0:1 (0:0)

Trotz guten Spiels verliert die SGE gegen die Bayern. Hier der Versuch, das Spiel zu erklären und zu beantworten, woran es diesmal gelegen hat.

Die Aufstellung

Oben: Die Aufstellung mit Toren, Vorlagen und algorithmisch generierten Noten.

Die Realaufstellung der SGE, also die Orte, wo die jeweiligen Spieler sich im Durchschnitt aufgehalten haben.

Die Noten in Klammern oben sind Übersetzungen der Bewertungen der Seite sofascore.com. Sie werden automatisch generiert anhand der individuellen Spieldaten jedes einzelnen Spielers. Nur bei der Torwartposition muss die Note etwas angepasst werden, da die algorithmischen Bewertungen systematisch negativer ausfallen als die der Feldspieler. Auch die Informationen zur Realaufstellung sind Zitate nach sofascore.com.

Die Statistik

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die erste Halbzeit

Die Veränderungen in der Startaufstellung der SGE deuteten die Marschroute schon an, mit Lindström, Kostic und Knauff starteten die drei schnellsten Spieler, die im Offensivbereich zur Verfügung stehen und diese wurden auch häufig schnell und direkt gesucht. Dieses schnelle Spiel in die Spitze (noch schneller als ohnehin schon) war das häufigste Mittel, mit dem versucht wurde, eigene Offensivaktionen zu generieren, das zweite bestand in dem Versuch, vor allem durch Pressingmaßnahmen Spielanteile zu erlangen. Auch das gelang durchaus gelegentlich, insgesamt waren die Bayern aber extrem überlegen, die SGE konnte letztlich nur etwas mehr als 30 Prozent Ballbesitz erzielen.

Trotz des Bayern-Dauerdrucks ließ die SGE nur relativ wenige klare Tormöglichkeiten der Münchner zu, hauptsächlich weil mit Lenz und Da Costa als defensivstärkere Außen(verteidiger) auch die Kettenfehlerhäufigkeit etwas reduziert werden konnte.

Hier einige Belege für

  • Konteraktionen
  • Spielanteile durch Pressing
  • besseres Kettenverhalten

Die große Schwäche der Bayern, nämlich ihre fehlende defensive Geschlossenheit bei eigenem Ballbesitz (Nagelsmann nimmt das offenbar zugunsten der krassen offensiven Überzahl, die seine Mannschaft dadurch herstellen kann, in Kauf) führt bereits in der 6. Minute zur ersten Großchance der SGE nach einem Konter. Ausgangspunkt war genau eine solche Situation, wie oben beschrieben (die übrigens inzwischen von einem Großteil der Bayern-Gegner z.T. sehr erfolgreich bespielt wird).

Hier der von den Bayern häufig praktizierte Wahnsinn gut zu sehen: Die Mannschaft ist völlig sorglos derartig weit aufgerückt, dass jeder Ballverlust zu einer massiven Unterzahlsituation führen kann. Hrustic gewinnt hier im Mittelfeld einen unklaren Ball, bringt ihn auf Kostic und der kann mit Lindström und Knauff 3 gg. 2 auf das Bayern-Tor laufen.

Genau das tut Kostic. In der Folge (eintracht.tv ab 13:28) versucht er Lindström direkt ins Sprint – 1 gg. 1 gegen Süle zu schicken. Das gelingt dann nicht ganz, weil Süle einfach zu gut in der Zweikampfantizipation ist, aber Lindström zeigt in dieser Szene sein ganzes Potenzial, erkennt, dass er sich schnell für eine offensive Anschlussaktion entscheiden muss, kappt in die Mitte ab und spielt einen Steckpass auf Kostic, der die Situation ebenfalls perfekt verstanden und den Weg in die Spitze gemacht hat.

Hier die Situation nach dem überragenden Steckpass von Lindström auf Kostic. Ulreich macht das gut, zwingt Kostic zu einer spontanen Aktion. Kostic legt den Ball mit dem rechten Fuß am Tor vorbei. Hier gut zu sehen, dass er zwei gute Abspielmöglichkeiten hatte.

Das war die bis dahin größte Chance des Spiels in der 7. Minute.

Die Bayern versuchten in der gesamten ersten Halbzeit über sehr hohes Aufbau- und Positionsspiel gefährliche Situationen zu erzeugen, das gelang aber nur selten.

Die SGE empfing die Bayern meist in einem 5-3- Defensivblock, der zunächst die Zentrale in Überzahl halten sollte und dann je nach Seite verschob, um die jeweilige Angriffsseite der Bayern mit Überzahl zu besetzen.

Hier eine Situation aus der 31. Minute. Gut zu sehen der 5-3- Block der SGE, hier auch alles korrekt, in dem von den Bayern von hinten angespielten Halbraum sind Sow und Tuta herausgerückt gute Abstände in der Kette, auf alle Gegner, sowohl außen als auch zwischen den Linien voller Passzugriff (sollte ein Pass auf diese Spieler gespielt werden, ist ein SGE-Defensiver direkt im Zweikampf).

Obwohl die Mannschaft aus guten Gründen gegen die Bayern deutlich seltener ihr Angriffspressing anwendete, lauerten Lindström, Kostic und Knauff durchaus regelmäßig auf entsprechende Möglichkeiten, wie in der 37. Minute, als sich Kimmich in den tiefen Aufbau der Bayern einschaltete und direkt mit Süle ein Missverständnis produzierte (eintracht.tv ab 43:32).

Hier der Pass von Kimmich auf Upamecano. Kimmich war schon von Lindström attackiert worden, hier zieht Kostic Richtung Upamecano. Das Pressing ist erfolgreich, Upamecano sieht sich genötigt, den Ball lang zu spielen, er landet bei Hinteregger.

Die Eintracht macht ihre Sache defensiv gut, die beste Chance der Bayern ist eine Einzelaktion von Kimmich in der 39. Minute, ein Schuss aus der zweiten Reihe, den Trapp zwar halten kann, danach aber den Nachschuss von Coman nur mit vollem Risiko abwehren kann. Bei dieser Aktion zieht sich Trapp eine Verletzung im Gesicht zu. (eintracht.tv ab 46:45).

Die zweite Halbzeit

Auch nach der Pause ändert sich am Spielgeschehen wenig, die Bayern sind dauerhaft überlegen, die SGE versucht es mit Kontern und in der Anfangsphase der zweiten Hälfte auch häufiger mit dem Pressing in der vordersten Linie.

Die größte Chance der Bayern haben sie nach Standardsituationen, insbesondere nach zwei Ecken in der 53. Minute.

Die nächste Top-Chance der Bayern erspielen diese sich in der 60. Minute und diese Situation ist interessant, da sie die spielerische Qualität der Bayern zeigt, aber auch, dass die SGE-Viererkette in dem Spiel häufig sehr gut und konzentriert gearbeitet hat.

Hier gut zu sehen: Die SGE-5er-Kette steht gut, hält die Abseitshöhe, Hinteregger ist auch richtig herausgerückt, Hrustic hat Zugriff auf Gnabry. Der chippt den Ball trotzdem so stark auf Lewandoski, dass der frei vor Trapp zum Abschluss kommt.

Diese Bayern-Chance kann kaum verhindert werden und die Situation zeigt auch, dass nicht jedem Abschluss unbedingt ein Abwehrfehler vorausgehen muss. Diese Situation ist von Gnabry und Lewandowski einfach extrem stark gelöst worden. Trapp kommt dann schnell und heraus, macht sich groß und verhindert so den Rückstand.

Den stärksten eigenen Angriff in der zweiten Halbzeit spielt die SGE in der 64. Minute, interessanter Weise ist das kein klassischer Konter.

Hier der Angriff in der Übersicht. N´Dicka leitet ein, Lenz spielt einen Longline-Flugball auf Kostic, der Hrustic den Ball in den Lauf legt.

Hrustic ist mit der Ballannahme im Sprinttempo in Richtung Bayern-Tor, allerdings noch mit Zugriff von Kimmich. Doch Hrustic spielt Kimmich mit einer Finte aus und ist dann mit vollem Tempo allein Richtung Bayern-Tor von Kimmich nur noch mit einem taktischen Foul zu stoppen.

Hier die Situation beim Kimmich-Foul. Gut zu sehen, dass die SGE hier eine 3 gg. 2 – Überzahl direkt am Bayern-Tor hat. Das ist aber auch der Moment des Fouls von Kimmich, der dafür die Gelbe Karte sieht.

Der Freistoß bringt dann nichts ein.

In der 67. Minute bringt Nagelsmann Sané für Sabitzer und das ist ein sehr riskanter und offensiver Wechsel. Sané spielt meist von der 10er-Position, soll offenbar Lewandowski dabei unterstützen, die Schnittstellen der SGE-Kette anzulaufen. Und genau das funktioniert kaum 3 Minuten später perfekt.

Das Tor der Bayern in der 70. Minute war eine starke Aktion von Kimmich und Sané, die SGE macht hier ausdrücklich keinen krassen Kettenfehler. Ein kurzer Blick noch darauf.

Das entscheidende Problem ist ein Stellungsfehler von Hrustic.

Das ist der erste Tiefenpass von Upamecano auf Musiala, der den Ball dann kurz hält, auf Kimmich weiterleitet, dessen Pass dann Sané zum Tor abschließt. Bei diesem Upamecano-Pass hat die SGE den Zugriff auf Musiala komplett verloren, weil Hrustic 10 Meter zu weit vorne steht und sein Position verlassen hat.

Danach nimmt das Unheil seinen Lauf, Lenz muss Musiala von außen angreifen.

Hier gut zu sehen: Lenz und Sow verlassen ihre Positionen, versuchen Musiala zu doppeln, wodurch der Raum hinter Sow aufgeht, Kimmich läuft ihn an, bekommt den Ball und die SGE ist ausgespielt. Hält Hrustic hier seine Position, kann das Tor nicht fallen.

Anders als der Sky-„Experte“ Lothar Matthäus (übrigens unter Zustimmung von SGE-Coach Glasner) nach dem Spiel meinte, macht Tuta in der Situation keinen Fehler.

Das ist die Situation beim Pass von Kimmich. Die Bayern spielen hier 3 gg. 2 direkt zum SGE-Tor. Sané kann Kimmich zeigen, wo er den Ball hinhaben will, das ist nicht mehr zu verteidigen. Einzig Da Costa hätte, wenn er das früh erkannt hätte, den Zweikampf mit Sané noch ansprinten können.

Fazit

Wie in den vergangenen Duellen mit den Bayern hat die SGE es dem großen Gegner sehr schwer gemacht, Nagelsmann musste mit der Sané-Einwechslung voll ins Risiko gehen, um die eine entscheidende Situation zum Tor heraufzubeschwören, er hatte den richtige Riecher dahingehend, dass er die Zentrale mit Tempo verstärkt hat.

Auf Seiten der SGE machte Hrustic den entscheidenden Stellungsfehler, ziemlich unnötig und ärgerlich. Allerdings ist Hrustic kein 6er, hatte auch viele gute Aktionen und dass er mit dem richtigen Stellungsspiel oft Probleme hat, ist keine Neuigkeit. Ein überragendes Torwartspiel zeigte Kevin Trapp und hielt die SGE bis zum Ende im Spiel.

So verlief das Spiel letztlich ähnlich wie die vorangegangenen: Die SGE hat in zwei Situationen (mit Kostic ganz am Anfang des Spiels und mit Hrustic beim Kimmich-Foul) zwei große Möglichkeiten in Führung zu gehen. Die eine vergibt sie selbst, die andere verhindert Kimmich mit einem taktischen Foul.

Positiv ist, dass die Mannschaft wenige Fehler in der Kette hinten gemacht hat und nach wie vor sehr motiviert und konzentriert wirkt.

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1.FC Köln – SGE 1:0 (0:0)

Auch in Köln konnte die SGE keine Punkte mitnehmen, erneut gelang kein Tor und den Kölnern reichte daher ein Treffer durch Torjäger Modeste. Ein analytischer Blick auf die Auswärtsniederlage.

Die Aufstellung

Oben: Die Aufstellung mit Toren, Vorlagen und algorithmisch generierten Noten.

Die Realaufstellung der SGE, also die Orte, wo die jeweiligen Spieler sich im Durchschnitt aufgehalten haben.

Die Noten in Klammern oben sind Übersetzungen der Bewertungen der Seite sofascore.com. Sie werden automatisch generiert anhand der individuellen Spieldaten jedes einzelnen Spielers. Nur bei der Torwartposition muss die Note etwas angepasst werden, da die algorithmischen Bewertungen systematisch negativer ausfallen als die der Feldspieler. Auch die Informationen zur Realaufstellung sind Zitate nach sofascore.com.

Die Statistik

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die erste Halbzeit

Analytisch natürlich irrelevant, aber kleine Randnotiz: Der Platzwart der Kölner hat offenbar bereits ordentlich Karneval gefeiert:

Da davon auszugehen ist, dass das Thema System nach dem punktemäßig schwachen Start in die Rückwunde wieder diskutiert werden dürfte, und hier ja auch bereits mehrfach die Frage nach der Sinnhaftigkeit der 3er/5er-Kette gestellt wurde, hier nochmal ein Beispiel für die Problematik, die im SGE-Spiel häufig entsteht:

Hier eine Szene aus der 7. Minute. Gut sichtbar, dass zwischen N´Dicka, Sow und Kostic ein sehr großer freier Raum direkt vor der letzten Linie der SGE entsteht, in den Ljubicic auch sofort startet. Uth schafft dann kein gutes Abspiel und spielt Ljubicic in den Rücken an, aber das ist eine sehr typische Situation.

Vorangegangen war eine unklare Aktion im Mittelfeld mit wechselnden Ballbesitzen. Kostic spekuliert auf den Ballgewinn und steht daher sehr weit außen und offensiv. Dadurch entsteht der zu große Freiraum. Nun werden sich solche Freiräume in jeder Formation einmal ergeben, aber das kommt  bei der SGE einfach zu oft vor und die Räume sind auch einfach zu groß. So bringt man dann auch Gegner, die technisch eigentlich unterlegen sind, ins Spiel und genau das ist in der Anfangsphase des Spiels passiert. Die Kölner konnten ihre letzten Bälle praktisch nie gefährlich hereingeben, aber für dieses Problem muss eine Lösung gefunden werden, nach wie vor.

Wie gesagt schaffen es die Kölner im Anschluss bei zwei Hereingaben nicht, den Ball zu einem eigenen Mann zu spielen, stattdessen landen beide Flanken bei Hinteregger und auch die folgende Aktion ist sehr interessant, denn sie zeigt das enorme spielerische Potenzial der SGE.

Gut zu sehen, dass die Kölner nach der zweiten abgewehrten Hereingabe sofort ins Gegenpressing gehen. Das ist nicht besonders gut gestellt, sie lassen den SGE-Spielern jeweils etwas zu viel Platz. Dennoch braucht es eine sehr gute Passtechnik und Übersicht bei allen Beteiligten, um sich mit einem Tiefenpass aus so einer Pressingsituation zu lösen und Jakic, Borré, Sow und Kostic lösen das hier perfekt, Sow schickt mit dem dritten Pass Kostic Richtung Kölner Tor.

Besonders die enorme Passstärke von Sow ist hier entscheidend, der Spieler schafft es inzwischen regelmäßig, solche Szenen mit tollen Pässen zu lösen, aber auch Kostics antizipierendes Ansprinten war wichtig. Der Ball geht dann über Jakic auf Lindström rechts, der Hector aussteigen lässt und wieder auf Kostic am langen Pfosten flankt.

Das ist die Situation, die die SGE mit 5 Pässen ohne Gegnerkontakt vom eigenen Sechzehner aus herausgespielt hat. Lindström gibt den Ball dann präzise auf Kostic herein, der aus 5 Metern frei am langen Pfosten den Ball nicht trifft. Viel Glück für Köln in dieser Szene.

Das ist eine der Schnellkombinationen, die die SGE inzwischen praktisch gegen jeden Gegner durchführen kann, hier ist eine gute Entwicklung nicht zu übersehen.

Zwei Minuten später hat Rode nach einem gewonnen Pressing-Zweikampf von Lindström linksaußen und einem perfekten Querpass im Kölner Strafraum die zweite Riesenchance zur Führung. Die Szene ist analytisch nicht sehr relevant, weil das im Grunde eine Einzelleistung von Lindström war und die Qualitäten dieses Spielers hier oft genug betont wurden. Rode macht beim Abschluss einen technischen Fehler. Das kann zwar immer passieren, aber das war dann die zweite Szene, in der die SGE eigentlich treffen muss. Das war viel Glück für Köln, das in der Anfangsphase die SGE-Offensive und insbesondere Lindström nicht wirksam bekämpfen konnte. Erst in der 17. Minute haben die Kölner nach Stellungsfehlern von Chandler und vor allem Hinteregger ihre erste gute Toraktion, bei der Trapp halten muss.

Die Spielanlagen beider Teams sind gut sichtbar unterschiedlich. Während die Kölner viel über tiefen Aufbau, schnelles Pass- und Positionsspiel, also längere eigene Ballbesitzpassagen spielen, ist das Spiel der SGE wie schon in den Spielen zuvor fast ausschließlich auf schnelles Spiel ins vordere Drittel ausgelegt. Beinahe jeder Ball soll sofort schnell gemacht werden, egal von wo auf dem Platz versucht die SGE vertikale Angriffe zu starten. Wie schon in den Spielen zuvor ist das für die Gegner zwar schwer zu bespielen, aber wie schon gegen Wolfsburg gehen dabei auch viel zu viele Bälle verloren, wodurch die SGE viel hinterherläuft, was trotz großer Laufbereitschaft regelmäßig dazu führt, dass sich der Gegnerdruck irgendwann erhöht. So auch gegen Köln. Mit ihren langen, geplanten Ballbesitzphasen spielen sie immer häufiger auch gute Torsituationen heraus, die größte ist eine Doppelchance von Andersson und Özcan in der 26. Minute.

Dennoch: Die SGE ist recht gut im Spiel, produziert zwar etwas zu viele Ballverluste aufgrund technischer Fehler, bleibt aber gefährlich. Das aggressive und direkte Passspiel bringt auch die Kölner gelegentlich in die Bredouille, meist dann, wenn Lindström seine Füße im Spiel hat, etwa in der 35. Minute vor dem Abschluss von Borré (eintracht.tv ab 36:44), ebenfalls in der 38. Minute nach einer Kombination links über Rode-Lindström-Chandler-Borré-Lindström, dessen Querpass im 16er von den Kölner zur Ecke gelenkt wird.

Auffällig auch, dass die defensive Organisation etwas besser ist als in vielen Spielen der bisherigen Saison. Das war auch gegen Wolfsburg schon zu sehen, Glasner und das Team konnten die Fehlerhäufigkeit etwas reduzieren, Abläufe klären. Hier eine Szene aus der 45. Minute.

Hier funktioniert die variable 3er-5er-Kette: Kostic, N´Dicka, Hinteregger und Chandler bilden hinter dem herausgerückten Tuta eine Viererkette, haben überall Zugriff und können Uth hier ins abseits stellen, weil sie eine Höhe halten.

Die zweite Halbzeit

In der 46. Minute bringt Glasner Kamada für Rode, ein positionsgetreuer Wechsel, Rode hat meistens etwas vor Sow und Jakic gespielt.

Die ersten Minuten der zweiten Halbzeit sind ereignisarm. Beide Mannschaften schaffen es gegen die Pressingreihen kaum einmal, gezielte Angriffe zu spielen. Das Spiel bleibt auch ziemlich zweikampfintensiv mit vielen Unterbrechungen.

Auffällig: Wie schon in der ersten Halbzeit hat die SGE etwas häufiger interessante Strafraumszenen als die Kölner. Während bei diesen häufig schon vorletzte Bälle zu ungenau gespielt werden, hapert es bei der SGE erneut an den letzten Aktionen zum Abschluss. Beispiele wären ein gut geführter Angriff nach Ballgewinn im eigenen Abwehrdrittel über Tuta und Borré, Flanke Kostic, schlechte Boxbesetzung (ähnliches Problem gegen Wolfsburg, siehe die Analyse dazu).

Bei der Boxbesetzung gibt es drei Linien, die besetzt/angelaufen werden müssen: Eine direkt vor dem Tor, also direkt an den hintersten Verteidigern, kurz und lang, dann ungefähr Höhe Elfmeterpunkt, ebenfalls kurz und lang und die dritte Line im Rückraum, etwa Höhe 16er-Linie, ebenfalls möglichst kurz und lang.

In dieser Szene aus der 63. Minute gut zu sehen: die vordere Besetzungslinie ist nur einfach besetzt, Lindström hat seinen Laufweg verschlafen, bzw. ihn aus irgendeinem Grund abgebrochen, obwohl die zweite Reihe mit Borré und Chandler eigentlich gut besetzt ist. Der Ball, man sieht es im Bild, landet dann bei dem zweiten Kölner Verteidiger auf der hinteren Linie.

Solche Boxbesetzungsprobleme passieren der SGE zu oft. Hätte Lindström hier den richtigen Weg gemacht, hätte er eine Topchance gehabt.

Neben den Problemen in der Box und bei den letzten Aktionen bleibt das zweite Hauptproblem die eigene aggressive offensive Spielweise. Jeden Ball sofort auf dem direktest möglichen Weg zum Tor verarbeiten zu wollen, ist oft nicht die beste Lösung und führt zu einer großen Zahl völlig überhasteter Angriffsversuche. Das war schon gegen Wolfsburg Thema, jetzt wieder.

Die Kölner reduzieren mit zunehmender Spieldauer etwas das Risiko im eigenen Spiel, spielen jetzt viel häufiger lange Bälle, deutlich weniger über Positionsspiel von hinten. Gleichzeitig konzentrieren sie sich stark darauf, die Stärken der SGE auszuschalten, stehen also tiefer und bemühen sich, die offensiven Überzahlsituationen, die die SGE häufig zu stellen versucht, mit viel eigenem Personal zu vermeiden.

Die Eintracht spielt die eigenen Angriffe jetzt noch hektischer und ebenfalls mit weniger Risiko als in anderen Spielphasen. Trotzdem bleibt sie das Team, das die etwas interessanten Szenen vorne hat, während den Kölnern bis zur 70. Minute außer einem Abschluss von Ljubicic wenig gelingt. Allerdings sind das auf Eintracht-Seite auch maximal Halbchancen, das Spiel insgesamt zerfahren.

In der 76. Minute kommt Hauge für Lindström, womit Glasner seinen stärksten Offensivspieler vom Feld nimmt.

Hier ein typisches Beispiel für das Abkippen von aggressivem Spiel nach vorne in überhastete Aktionen. Man sieht, dass die Kölner mit zwei Linien und sehr guten Abständen den hohen langen Ball in die Spitze eigentlich verunmöglichen. Jakic hat aber gute Anspielmöglichkeiten für einen Seitenwechsel, Tuta wäre eine Möglichkeit, aber auch ein langer Ball auf Chandler, auch über Sow ließe sich das Spiel wohl verlagern, aber Jakic spielt einen sehr ungenauen Flugball irgendwie Richtung Kölner Tor, der wohl bei Hauge landen sollte.

Das ist inzwischen ein echtes Problem: Einen sichernden Ball oder Seitenwechsel initiieren die SGE-Spieler nur sehr selten, sodass man davon ausgehen muss, dass dieses Immer-direkt-nach-vorne so gefordert wird. Das ist, wie hier im Beispiel aber viel zu oft keine adäquate Herangehensweise. Der Ball von Jakic landet bei FC-Torwart Horn.

Den interessantesten Angriff der gesamten zweiten Hälfte hat die SGE in der 79. Minute nach einer abgefangenen Ecke der Kölner und einem Konter über Jakic-Kostic-Hauge-Jakic-Kamada.

Hier die Szene beim letzten Pass. Kamada hat das vorher sehr gut gemacht, den entscheidenden Zweikampf gewonnen, behält auch hier die Übersicht, sieht den mitgelaufenen Borré und versucht den Pass. Er öffnet aber etwas zu früh, zeigt zu deutlich, was er vorhat, sodass Ljubicic den Pass antizipieren kann und den Passweg rechtzeitig zustellt.

Der Ball landet dann wieder bei Kamada, der ihn auch richtig direkt noch einmal nach innen spielt, aber auch da kommt ein Kölner noch dazwischen.

Noch ein Blick auf das Gegentor. Es ist ein krasser Stellungsfehler von N´Dicka.

Hier der Kettenfehler der SGE. Während Da Costa, Tuta und Hinteregger gut stehen, eine Höhe halten, öffnet N´Dicka mit seinem katastrophalen Stellungsspiel eine 2 Meter breite No-Abseits-Zone. Damit ist Modeste nicht abseits, kann alleine auf Trapp zulaufen und das Tor erzielen. Das Standbild zeigt einen Fehler wie aus dem Lehrbuch, Kapitel „So darf eine Viererkette nie aussehen.“ N´Dicka holt mit seinen Fehler gleich zwei Kölner aus dem Abseits.

Fazit

Das Spiel war durchaus im Rahmen der derzeitigen Möglichkeiten des Teams. Die Mannschaft kommt seit einigen Wochen nicht dazu, die wiederkehrenden Fehler zu beseitigen. Das sind aber eher keine systematischen Fehler, bzw. mannschaftstaktische Fragen oder ähnliches.

Wie oben gezeigt, wiederholen sich auch in diesem Spiel Probleme bei der Boxbesetzung (gruppentaktisch/individualtaktisch, Bsp. Lindström), den Enstcheidungen bei letzten Pässen (ebenfalls gruppen- und individuaktaktisch, Bsp. Jakic, Kamada), der zu sehr auf schnelles Erreichen der torgefährlichen bzw. Angriffszonen fixierte Spielaufbau (gruppen-/ mannschaftstaktische Probleme) und nach wie vor die Kettenfehler (gruppentaktisch), wenn auch hier mit etwas geringerer Fehlerhäufigkeit, das Gegentor entsteht aber wieder aus genau so einer Situation.

Um es einmal deutlich zu sagen: Wenn Fußballspieler nicht lernen können, wie man eine Kettenhöhe in der letzten Reihe stellt und hält, sind sie für die Anforderungen des gehobenen Profibereichs letztlich nicht geeignet, ebenso wenig ein Trainer, der nicht in der Lage ist, eine weitgehend zuverlässige Kettenverteidigung einzuführen.

Und viel mehr Möglichkeiten gibt es nicht: Entweder der Spieler N´Dicka ist vollständig unbelehrbar, oder Glasner ist methodisch nicht in der Lage, das richtige Verhalten mit den Spielern so einzuschleifen, dass zumindest solche krassen Fehler nicht passieren. (Falls der Ball zu Modeste von Kamada kam, ändert das ja nichts daran, dass N´Dicka hinten falsch steht.)

Insgesamt war der Spielverlauf erneut unglücklich, die SGE war im Grunde 90 Minuten lang das latent etwas gefährlichere Team, die Kölner kamen außer in zwei kürzeren Spielphasen in der ersten und zweiten Halbzeit kaum zu gefährlichen selbst initiierten Angriffen, der Sieg war für die Gastgeber dementsprechend eher glücklich. (Der oben verlinkte Zusammenschnitt von Bela Rethy ist amüsant, hat aber mit dem wirklichen Verlauf des Spiels wenig zu tun. Besonders dass er suggeriert, Kamada habe den Ball vor dem Tor da irgendwie kontrolliert hingespielt, ist Rethy-typisch etwas wunderlich.) Dazu hatten die Kölner zweimal Glück, dass sie keinen Elfmeter gegen sich verhängt bekamen, jeweils nach Fouls an Borré (der erste vor der Chance von Rode in der ersten Halbzeit, der zweite in der zweiten Halbzeit, eintracht.tv ab 37:15).

Das Spiel der SGE war insgesamt gar nicht so sehr schlecht, es bleibt eine Frage der Zeit, wann sich das Spiel über Schnellkombinationen auch wieder in Toren auszahlt, die aufgeführten (zu) vielen Probleme im eigenen Spiel müssen aber dringend bearbeitet werden.

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SGE – VfL Wolfsburg 0:2 (0:1)

Es bleibt dabei: Die SGE ist trotz großem technischen und spielerischen Potential nicht in der Lage, zuverlässig Bundesligaspiele zu gewinnen. Ein Blick auf die Gründe und den Entwicklungsstand der Mannschaft.

Die Aufstellung

VfL: Casteels – Brooks, Bornauw, Lacroix – Roussilon (72. Steffen), Vranckx (62. Gerhardt), Arnold, Baku – Philipp (62. Lukebakio), Wind (90. Bialek), Kruse

Oben: Die Aufstellung mit Toren, Vorlagen und algorithmisch generierten Noten.

Die Realaufstellung der SGE, also die Orte, wo die jeweiligen Spieler sich im Durchschnitt aufgehalten haben.

Die Noten in Klammern oben sind Übersetzungen der Bewertungen der Seite sofascore.com. Sie werden automatisch generiert anhand der individuellen Spieldaten jedes einzelnen Spielers. Nur bei der Torwartposition muss die Note etwas angepasst werden, da die algorithmischen Bewertungen systematisch negativer ausfallen als die der Feldspieler. Auch die Informationen zur Realaufstellung sind Zitate nach sofascore.com.

Die Statistik

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die erste Halbzeit

Gleich in den ersten Minuten wieder das gewohnte Bild aus den vergangenen Spielen: Die SGE verlagert das Spiel so schnell und präzise wie möglich in das Angriffsdrittel und versucht dort mit aggressivem Pressing und Schnellkombinationen zum Tor zu kommen. Ähnlich wie der VfB Stuttgart vor einer Woche haben auch die Wolfsburger insbesondere mit dem SGE-Pressing große Probleme und kommen in der Anfangsphase kaum einmal aus der eigenen Hälfte. Die SGE bestimmt das Spiel und kommt auch zu einigen interessanten abschlussnahen Situationen. Nur ein Beispiel aus der 7. Minute, an dem man gut sehen kann, wie die SGE ihre Angriffe plant und durchführt, wie der VfL das bekämpft und woran auch viele andere Situationen gescheitert sind:

Gut zu sehen: Sow, Jakic und Tuta schalten sich am Flügel ein, mit Da Costa stellt die SGE ein Pass-Dreieck bzw. -Viereck. Tuta hat mehrere Anspielstationen, entscheidet sich für einen Steilpass auf Da Costa außen.

Wie schon im VfB-Spiel hier gezeigt: Dieses Stellen von gruppentaktischen Ausspielmöglichkeiten funktioniert inzwischen sehr gut und automatisch, hier ist die Entwicklung des Teams sehr gut sichtbar:

Das ist der Moment der Da Costa – Flanke. Man sieht, dass die Wolfsburger mit 5 Spielern im 16er besetzt sind, die direkt torgefährlichen Borré und Lenz sind eng gedeckt. Lindström steht im Deckungsschatten, der einzige freie Spieler ist Kamada an der 16er-Linie. Die Flanke von Da Costa kommt dann nicht optimal, fliegt nur ungefähr in die Richtung von Borré, ist also etwas zu kurz, zu weit vom Tor weg und in Borrés Rücken.

Borré muss dann vom Tor weg laufen, verlängert per Kopf Richtung Lenz, was schon eine spontane Notaktion ist, und Lenz kommt auch nicht an den Ball, TW Casteels kann ihn aufnehmen.

Diese Situation ist einerseits gut herausgespielt, aber hier passieren mehrere auch strukturelle Fehler, also solche, die man auch in vielen anderen Situationen, nicht nur in diesem Spiel sehen kann:

  • Mangelnde technische Qualität bei Flanken

Die Flanken von Da Costa, aber auch die von Chandler sind zu oft nicht präzise genug. Bei Flanken ist aber die absolute Präzision entscheidend, diese Flugbälle müssen im besten Fall knapp über den vorderen tornahen Innenverteidiger des Gegners gespielt werden, so dass dieser den Ball gerade nicht erreichen kann. Dahinter ist der torgefährliche Raum.

Hier ist das der Raum direkt hinter Bornauw. Auf diesen spekuliert Borré auch. Die zweite gute Option wäre eine Flanke in den freien Raum vor Kamada.

Beide Räume sind, man sieht es hier, sehr klein und müssen zudem hoch angespielt werden, also technisch maximal anspruchsvoll. Da Costas Hereingabe kommt dann wie gesagt viel zu ungenau.

  • Schwaches Anlaufen der Flankenabnehmer

Auf dem Bild ist gut zu sehen, dass Lenz dafür, dass er auf die lange Flanke (langer Pfosten) spekuliert, beim Zeitpunkt der Flanke zu nah am Tor (am Gegenspieler) steht und so kaum anspielbar ist. Borré steht besser, aber auch er ist etwas zu nah am Tor, hätte auch dann kaum mit Anlauf in die Flanke starten können, wenn sie perfekt gekommen wäre. Kamada steht zu zentral und Lindström verschläft seinen Laufweg Richtung Grundlinie.

Es gäbe in diesem wie in vielen anderen Spielen viele Szenen, in denen diese Probleme bei Flanken zu sehen sind. Aber nicht nur Flanken sind ein wichtiges Thema, überhaupt sind sowohl Da Costa als auch Chandler im Grunde keine Schienenspieler, sondern klassische rechte Verteidiger mit Stärken auf dieser Position. In dem praktizierten 3-4-3 spielen sie aber dauerhaft halbe Rechtsaußen, sind also regelmäßig diejenigen, die die letzte Passentscheidung vor dem Abschluss treffen müssen. Das sind extrem schwierige Situationen, die präzise und mit dem exakt richtigen Timing entschieden und durchgeführt werden müssen. Genau dieses Fähigkeiten sind aber ausgewiesene Schwächen der beiden. Ein weiteres Beispiel ist die 34. Minute, in der die SGE eine ihrer starken Schnellkombinationen spielt und Jakic mit einem guten Tiefenpass Da Costa im 16er freispielt der dann aber wieder viel zu lange für die Anschlussentscheidung braucht und Sow im Rückraum übersieht.

Da Costa ist, um nicht missverstanden zu werden, ein starker RV, vielleicht einer der stärksten der Liga – ein Rechtsaußen ist er definitiv nicht, weil ihm die dazu nötigen Skills fehlen. Diese Position muss er aber in dieser Formation und bei dem Dauerdruck, den die SGE regelmäßig macht, spielen und das ist ein Problem und ein Grund dafür, dass in dem Spiel gegen Wolfsburg so wenige klare Torchancen für die SGE erspielt werden konnten.

Bis zur 20. Minute spielt die SGE dominant, lässt wenige Abschlüsse der Wolfsburger zu, kommt aber selbst nur zu sehr wenigen guten Chancen. In der 26. Minute kommt es dann zu der bzw. einer spielentscheidenden Szene, dem Foul von Hinteregger an Kruse.

Bei der Entstehung kommt es erneut zu Verkettungen falschen Abwehrverhaltens, allerdings war die Situation durchaus unglücklich, der Situation ging nämlich ein Foul der Wolfsburger voraus. Ein Blick auf die Entstehung.

Das ist die Ausgangssituation vor dem Tor. Die SGE hatte einen Angriff rechts geplant und durchgeführt, daher sind Jakic und Sow rechts auf- und eingerückt. Der Befreiungsschlag der Wolfsburger landet zunächst in dem Zweikampf Baku-Lenz. Baku schiebt Lenz weg, sodass dieser nicht köpfen kann. Man sieht auch, dass sich hinten die 3er-Kette formiert, hier aber noch nicht die Positionen gefunden hat.

In dem Standbild kann man auch schon erahnen, dass der Kettenabstand zwischen Abwehr- und Mittelfeldkette zu groß ist bzw. die Dreierkette hier press an die Viererkette nachrücken muss.

Hier der lange Ball von Baku nach vorne. Gut zu sehen, dass die Abwehrkette viel zu tief steht, gleich drei Wolfsburger ohne direkten Zugriff der SGE-Verteidiger zwischen den Linien stehen. Philipp lässt den herunterkommenden Ball auf Wind tropfen, der dann den Tiefenpass auf Kruse spielen kann.

Dieser herunterkommende Ball hätte natürlich von einem SGE-Verteidiger attackiert werden müssen, am ehesten von Hintergger, der aber viel zu weit hinten steht und keine Chance hat, hier zum Kopfball zu gehen. Dieses zu tiefe Stehen ist letztlich entscheidend, denn durch den komplett fehlenden Zugriff kann Hinteregger weder den Ball gewinnen, noch mit einem taktischen Foul den Konter unterbrechen.

Stattdessen landet der Ball dann bei Kruse am Strafraumeck, die SGE ist komplett überspielt. Aber auch hier wäre das noch zu verteidigen gewesen, allerdings läuft Tuta nicht sehr gut und zu schnell in den Zweikampf. (Dass Kruse eher nicht das Sprintduell suchen würde, kann man wissen, wenn man den Spieler kennt. Daher blieb nur noch das Abkappen, Tuta hätte also unbedingt die Innenbahn halten müssen, nachdem er nicht seitlich in den Zweikampf kommt. Dann hätte Hinteregger nicht so in den Zweikampf mit Kruse rauschen müssen. eintracht.tv ab 31:35).

Hier die Situation direkt vor dem Hinteregger-Foul. Gut zu sehen: Aufgrund des schnellen Zurücklaufens von Jakic und der Angriffsverzögerung der Wolfsburger (wegen der Philipp inzwischen abseits steht), ist das hier eine 4:2-Überzahl der SGE.

Die Situation ist nicht optimal, aber noch zu verteidigen, Kruse hat mit seiner Abkappbewegung eine neue Situation geschaffen, die eigentlich wieder günstiger für die SGE ist. Hinteregger rennt Kruse dann einfach um, statt die Innenbahn zu halten, den direkten Torschussweg zuzustellen und damit den Mitspielern (insbesondere Tuta) die Möglichkeit zu geben, wieder ins Spiel zu kommen.

Wie hier immer und immer wieder dokumentiert, gibt der Eintracht-Kader eigentlich keine Dreierkette her, insbesondere da weder Hasebe noch Hinteregger die dafür notwendigen defensiven Stärken mitbringen (Hinteregger zu schwach in der Antizipation und in den Sicherungs- bzw. Attacke-Entscheidungen, Hasebe viel zu kopfballschwach und mit schwacher Sicherungsorientierung). Ilsanker ist seltsamer Weise völlig raus und damit als einziger, der zumindest annähernd einen zentralen IV einer Dreierkette darstellt, kein Thema.

Der entscheidende Fehler ist zudem hier, wie gesehen, der zu große Abstand der beiden Ketten, also ein recht einfacher Kettenfehler. Davon produziert die SGE übrigens auch weitere, den krassesten in der 36. Minute, in der Wind eine Riesenchance vergibt, Glück für die SGE. (Wer sich das Abwehrchaos mit einem unmotiviert aus der Ketten rennenden Tuta und Da Costa, der rechts einen 10 Meter tiefen No-Abseits-Raum eröffnet, einmal in Ruhe ansehen will: eintracht.tv ab 40:48) Insgesamt lässt die SGE in dem Spiel aber wenig zu, dazu mehr im Fazit.

Dennoch bleibt die Eintracht das druckvollere Team und erspielt sich weiterhin Chancen. Die größte wohl in der 41. Minute nach einem gewonnen Ball von Hinteregger und einer weiteren starken Kombination über Lindström-Borré-Lindström, der dann das Laufduell mit Brooks gewinnt, frei vor Casteels abzieht und dabei den freien Jakic in der Mitte übersieht. Hier also eine falsche Abschlussentscheidung von Lindström.

Das zieht sich dann auch weiter durch das Spiel: Viele SGE-Ballgewinne, viele sehr gute Angriffssituationen, meist provoziert durch Lindström, den auch die Wolfsburger nie halten können, der aber in den letzter-Pass-Entscheidungen sehr unsicher ist und oft krasse Fehlentscheidungen trifft. Neben den hier dokumentierten gibt es weitere solche Szenen, bspw. in der 51. Minute, wo er nach Ballgewinn und Klassepass von Lenz ebenfalls viel zu lange für seine Anschlussentscheidung braucht und so eine weitere gute Chance verdaddelt. (eintracht.tv ab 7:26)

Durch das druckvolle Spiel werden auch wieder insgesamt 6 Ecken allein in der ersten Hälfte provoziert.

Die Eintracht schafft es trotz klarer Überlegenheit und einer Offensive, die auch dieser Gegner eigentlich nie dauerhaft kontrollieren kann, mit 0:1 in die Pause zu gehen.

Die zweite Halbzeit

An dem Bild der ersten Halbzeit ändert sich auch im Spielverlauf der zweiten Hälfte kaum etwas, die SGE bleibt dominant, aber zu ungefährlich. Die SGE hat über das gesamte Spiel ein 35% zu 18% – Angriffsdrittel-Übergewicht, das ist sehr deutlich. Vorteile haben die Wolfsburger nach wie vor in stehenden Zweikämpfen. Sie versuchen solche körperintensiven Zweikämpfe zu provozieren, auch durch ihr mannschaftstaktisches Verhalten, also etwas tieferes, personalintensives Aufnehmen der SGE-Angriffe.

Häufig ergibt sich dadurch dieses Bild. Die Wolfsburger stehen eng zusammen, mit recht guten Kettenabständen und ohne Angriffspressing, was das Zusammenstehen erleichtert. In der letzten Reihe stehen sie mit einer breiten 5er-Kette, was es der SGE erschweren soll, die gefährlichen Überzahlsituationen zu stellen.

Das ist ein einfaches, aber gutes mannschaftstaktisches Mittel, das für die Wolfsburger auch recht gut funktioniert.

Die Eintracht versucht diesen Block fast nie durch Positionsspiel von hinten zu überwinden, sondern spielt die Bälle sehr schnell und früh in die Spitze (oft auch einfach mit gezielten Flugbällen), um von dort aus die Schnellkombinationen zu starten. Sowohl Lindström als auch Borré schaffen es mit ihrer Schnelligkeit und guten Laufwegen auch regelmäßig trotz der breiten Kette des Gegners in Freiräumen anspielbar zu sein. Vor allem Tuta spielt viele starke Pässe in die Spitze, so auch in dieser Szene aus der 60. Minute.

In der 62. Minute kommt es dann zu mehreren Wechseln. Auf Seiten der SGE kommt Kostic für Lenz, ein positionsgetreuer Wechsel, der aber die Statik des Eintracht-Spiels durchaus Richtung Offensive verschiebt.

Bei Wolfsburg kommen Lukebakio und Gerhardt für Philipp und Vranckx, positionsgetreue Wechsel, der schnelle Lukebakio ist natürlich als Konterstürmer eine gute Waffe für die letzte halbe Stunde.

In der 70. Minute bringt Glasner Knauff für Da Costa und Paciencia für Borré – eine ganz gut nachvollziehbare Reaktion auf das tiefe Verteidigen des Gegners. Mit Knauff kommt ein Spieler mit besseren Qualitäten im Bereich Abschlussentscheidungen und technische Präzision, mit Paciencia die Option, auch hohe Flanken zu verwerten.

Und man sieht den Unterschied auch sofort. Die erste Flanke von Knauff landet direkt auf dem Kopf von Jakic, der den Ball aber etwas über das Tor zieht. (73. Minute, eintracht.tv ab 29:19).

Gegen die dann immer tiefer stehenden Wolfsburger tut sich die SGE zunehmend schwer. Das liegt vor allem daran, dass die wichtigsten Waffen der SGE von den Wolfsburgern recht gut ausgeschaltet werden, indem sie die Schnelligkeit von Kostic und Lindström durch tiefes Stehen entschärfen und durch die engeren Abstände und das personalintensive Schieben die Überzahl/Gleichzahl-Situationen mit Schnellkombinationen erschweren. Dazu kommt, dass die SGE auch hektisch wird und die Bälle zunehmend überhastet zum Tor zu spielen versucht, was für das anspruchsvolle Flachpassspiel zusätzliches Gift ist.

In der 94. Minute erzielt Lukebakio nach einem langen Schlag von Casteels und einer schwachen Kopfballrückgabe von Hinteregger das entscheidende 2:0. Das ist kein großer Abwehrfehler, sondern eher ein individueller, analytisch also kaum interessant.

Das Fazit

Analytisch war das ein etwas seltsames Spiel, denn obwohl dem entscheidenden 0:1 ein mehrfach fehlerhaftes Verhalten der SGE-Defensivspieler vorausging, kann man konstatieren, dass das Spiel was die Defensive (letzte Reihe) betrifft, eher ein Schritt nach vorne war. Die SGE produzierte nur sehr wenige Kettenfehler und insbesondere Sow gewann viele wichtige Zweikämpfe und machte ein starkes Spiel.

Da hier immer wieder die vielen Fehler der SGE-Abwehrkette gezeigt wurden, mal ein kurzer Blick auf eine Situation, in der alles gut funktioniert.

Hier gut zu sehen, Tuta und Hinteregger haben ein Höhe, ebenso außen N´Dicka, der den ballführenden Lukebakio stellt, Sow kommt zum seitlichen Doppeln, Kostic sprintet ebenfalls in den Zweikampf und in der Zentrale sichern Hinteregger und Tuta die beiden VfL-Stürmer. Der Abstand Hinteregger-N´Dicka ist hier vielleicht noch etwas zu groß, die Schnittstelle wird aber dann von Sow gesichert.

Hier wie in einigen anderen Szenen sieht man, dass sich die defensive Organisation durchaus verbessert, allerdings sind immer noch einige krasse Fehler im Kettenspiel, einer davon hat auch diesmal wieder das entscheidende Gegentor begünstigt.

Ansonsten ist interessant, dass in diesem wie auch in den vorangegangen Spielen sich ein Problem wiederholt, das schon in der Vorrunde lange dafür gesorgt hat, dass Spiele nicht gewonnen wurden: Die letzten Bälle, bzw. falsche Abschlussentscheidungen bzw. falsche Anschlussentscheidungen und Fehler beim Timing bei den letzten oder vorletzten Pässen. Das war zwischenzeitlich deutlich besser, mit der Verunsicherung kommen nun auch diese Fehler wieder. Die Spieler reproduzieren wieder falsche Verhaltensweisen, die sie bereits überwunden hatten, auch das ist aber letztlich ein sehr üblicher Entwicklungsverlauf.

Das SGE-Spiel läuft aktuell viel über sehr junge Spieler wie Lindström oder Jakic, die deutlich sichtbar noch nicht sehr gefestigt sind in ihrer Spielanlage und mit den Anforderungen der Bundesliga und denen des eigenen Trainers noch stark gefordert sind.

Daher sind solche Rückschritte, das Zurückfallen in alte, falsche Verhaltensmuster nicht überraschend oder außergewöhnlich. Sobald diese letzten Aktionen wieder erfolgreicher durchgeführt werden, wird die SGE auch wieder Tore erzielen und Spiele gewinnen.

Was bleibt, ist die Frage, ob es einem solchen Team nicht guttäte, wenn mehr Spieler auf ihren jeweils besten Positionen spielen könnten, statt positionsfremd viele Aufgaben übernehmen zu müssen, die ihrem Stärkenprofil unzureichend entsprechen, was die Abläufe zusätzlich verkompliziert. Das Abrücken von der Viererkette und der komplette Verzicht auf Positionsspielangriffe aus der letzten Reihe bleiben ebenso Fragwürdigkeiten wie die nach wie vor häufigen individuellen Zweikampffehler der Kettenspieler.

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VfB Stuttgart – SGE 2:3 (1:1)

Den ersten Sieg des Jahres holt die SGE trotz der Ausfälle von Kostic und Kamada gegen schwache Stuttgarter. Hier wieder ein genauerer Blick auf das Spiel, die Highlights, die taktischen Vorgänge und darauf, wie die beiden Stammspieler ersetzt wurden.

Die Aufstellung

VfB: Müller – Anton (85. Massimo), Mavropanos, Ito, Sosa – Mvumpa (80. Klimowicz), Endo, Mangala (59. Ahamada), Führich (81. Tomas) – Förster (59. Tibidi), Kalajdzic -Trainer: Matarazzo

Oben: Die Aufstellung mit Toren, Vorlagen und algorithmisch generierten Noten.

Die Realaufstellung der SGE, also die Orte, wo die jeweiligen Spieler sich im Durchschnitt aufgehalten haben.

Die Noten in Klammern oben sind Übersetzungen der Bewertungen der Seite sofascore.com. Sie werden automatisch generiert anhand der individuellen Spieldaten jedes einzelnen Spielers. Nur bei der Torwartposition muss die Note etwas angepasst werden, da die algorithmischen Bewertungen systematisch negativer ausfallen als die der Feldspieler. Auch die Informationen zur Realaufstellung sind Zitate nach sofascore.com.

Die Statistik

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die erste Halbzeit

Aufgrund der notwendigen Wechsel (Kamada und Kostic nicht einsatzfähig) wechselte Glasner zwei Mal, brachte Lenz für Kostic und Jakic für Kamada. Außerdem begann Hasebe für Hintergger.

In den ersten Minuten hat die SGE bereits einige Ecken, die fast alle gefährlich werden. Hier lässt sich gut beobachten, dass an den Lauf- und Passwegen insbesondere bei Ecken offenbar stark gearbeitet wurde, was einige Spieler in den Interviews nach dem Spiel auch bestätigten.

Insgesamt hat die SGE in dem Spiel 14 Ecken, was hauptsächlich der erneut unübersehbaren technischen Überlegenheit der SGE geschuldet ist, und in zweiter Linie dem sehr aggressiven Passspiel der Eintracht. Viele Bälle werden wie üblich mit hohem Risiko sehr schnell in die Spitze oder in die torgefährlichen Räume gespielt, diese risikoreichen Offensivpässe sind meist ziemlich präzise (also technisch stark und sauber) und können von den SGE-Offensiven gut (also technisch präzise und sauber) verarbeitet werden.

Eine Abwehrreihe ist fast immer auf Fehler der gegnerischen Offensivaktionen angewiesen, das bedeutet im Umkehrschluss: Je präziser und technisch sauberer man spielt und spielen kann, desto schwieriger wird es für die Abwehrreihen, den Ball zu gewinnen. Je präziser Zuspiele und Verarbeitung sind, umso mehr sind die Defensivspieler auf Fouls oder Rettungsaktionen angewiesen, müssen also Freistöße, Einwürfe und Ecken produzieren.

Das Offensivspiel der SGE unter Glasner ist darauf angelegt,

erstens sehr direkt und technisch präzise in die Spitze zu spielen, den Gegner also dauernd herauszufordern, dazu zu zwingen, Standards zu produzieren

zweitens dann, wenn es dem Gegner einmal gelingt, einen Ball sauber zu gewinnen, diesen sofort mit sehr hohem Gegenpressing zu attackieren.

drittens die Offensivaktionen mit Überzahl in Ballnähe zu besetzen und die Bälle dann über Kurzpass- und Laufspielkombinationen in die torgefährlichen Zonen (Tiefenpässe, Sechzehnerpässe) zu Abschlüssen zu bringen.

viertens Standardsituationen zu Torszenen zu machen.

Vor dem 1:0 nur durch N´Dicka funktioniert das planmäßig.

Die ganze Sequenz beginnt nämlich genau mit einem solchen direkten Offensivpass in die Spitze von Tuta.

Das ist der lange Flugball von Tuta in die Spitze auf Borré. Der Pass ist sehr stark, genau in den Lauf des schnellen Borré.

Borré kann den Ball dann annehmen, Mavropanos läuft ihn an und klärt zur Ecke. Schon dieser Ecken-Abschluss ist dann gefählich, Jakic köpft knapp vorbei. Abstoß VfB. Die Mannschaft von Mattarazzo versucht den Ballbesitz über Flachpass/ Positionsspiel auszuspielen, was der Eintracht die Chance gibt, den Ball ganz vorne zu attackieren. Man kann es im Standbild nicht sehr gut zeigen, empfehlenswert wäre, die ganze Sequenz einmal anzusehen, ab dem Pass von Tuta in der 4. Minute (eintracht.tv ab 8:36) bis zum Tor. Denn hier zeigt sich das Glasner-Spiel in Reinkultur.

Die Stuttgarter spielen den Abstoß direkt in die Pressingfalle der SGE. Hier im Standbild zu sehen, dass Sow Anton sehr aggressiv angelaufen hat und dass mit Borré, Rode und Lenz drei Spieler alle Anspielstationen eng zustellen, Lindström sichert gegen Seitenwechsel. Anton versucht dann einen longline-Flugpass, den Sow aber blockt.

Dieses ultra-aggressive SGE-Pressing zwingt den Gegner zu unkontrollierten Offensivaktionen, alternativ zu Offensiv-1 gg. 1-Aktionen in der eigenen Hälfte. In dieser Szene landet der geblockte Ball dann bei Mavropanos, dessen Befreiungsschlag dann bei Chandler auf der anderen Seite.

Hier die Überzahl-Bildung der SGE. In dem eingefärbten Bereich vor Tuta hat die SGE ein 5 gg. 4 gestellt, also eine Überzahlsituation am Flügel. Dafür müssen sich Jakic, Rode und Sow natürlich in die Situation einschalten, ebenso wie Tuta von hinten.

Aus dieser Situation entsteht dann der nächste Eckball, den N´Dicka zum 1:0 verwandelt. Auch die Eckenausführung ist inzwischen stark verbessert, die Bälle fliegen jetzt meist hart auf den kurzen Pfosten, wo die SGE dann mehrfach besetzt ist, gelegentlich wird variiert, wie beim zweiten Tor nach Ecke durch Hrustic.

In dieser wie in einigen anderen Szenen in der ersten Hälfte ist gut zu sehen, dass die Verhaltensweisen, die der Trainer von den Spielern fordert, zunehmend besser umgesetzt werden können, allerdings verleitet das auch in eigenem Ballbesitz schnelle, aggressive Passspiel die Spieler in vielen Szenen zu hektischem bzw. überhasteten Abspielen. Auffällig, dass vor allem Spieler, die erst kurz auf Bundesliganiveau spielen, damit Probleme haben. Auch in der oben beschriebenen Situation geht der Ball zwischenzeitlich zweimal verloren, wird aber von den Stuttgartern wieder bei der SGE abgeliefert.

Während der gesamten ersten Hälfte tut sich der VfB mit der SGE-Spielanlage äußerst schwer. Die Mannschaft versucht es oft erfolglos über Positionsspiel wie oben, ansonsten wird oft Silas rechts gesucht.

Die SGE versucht es nur sehr selten über Aufbauspiel, aber auch dann geht meist schon der zweite oder dritte Ball Richtung Spitze oder vorderes Drittel mit schnellem Überzahl-Nachrücken.

Der VfB wird aus dem Spiel zweimal gefährlich, jeweils nach Stellungs- bzw. Zweikampffehlern von Hasebe, der als Innenverteidiger unverändert ein Sicherheitsrisiko darstellt. Die verschiedenen wiederkehrenden Fehler in der Einschätzung von Kopfbällen, aber auch im direkten 1 gg. 1 und am Boden sind hier seit Saisonbeginn hinreichend dokumentiert, auf weitere Beispielsammlungen wird hier daher verzichtet, im Stuttgart-Spiel wären erneut einige zu zeigen.

Die Stuttgarter kommen gegen Ende der ersten Halbzeit besser ins Spiel, kassieren dadurch allerdings auch SGE-Konter. Nach einem Ballgewinn von Sow ganz links gelingt der SGE über Rode und Chandler in der 38. Minute der stärkste dieser Konter in der Phase. Lindström schließt den auch gut ab, aber Müller kann halten. (eintracht.tv ab 41:57)

Hier, weil er so schön war, der Klassepass von Chandler auf Lindström vor der Großchance. Gut zu sehen der starke Weg von Lindström, allerdings auch der krasse Kettenfehler der VfB-Abwehr, die zwei Kettenhöhen hat und daher den No-Abseits-Raum für Lindström erst öffnen.

Dem Gegentor in der 42. Minute ging ein zu einfacher Passverlust von Lindström in der eigenen Hälfte voraus und schließlich ein schwaches 1 gg. 1 von Lenz gegen Silas. Lenz hat keine Distanz, bekommt keinen seitlichen, sondern frontalen Körperkontakt, weshalb ihm nur noch ein Foul bleibt. (eintracht.tv ab 45:00) Die Freistoßflanke verwandelt dann Anton zum 1:1, das ist schwer zu analysieren, da die genaue Zuteilung bei solchen Situationen nicht bekannt ist. Im übrigen kann so ein Freistoß nicht immer verteidigt werden. An der Situation hat sich aber gezeigt, dass Spieler wie Lindström noch zu große Schwächen in der Differenzierung haben (Wann muss ich schnell/kurz spielen, wann mit 1/2/mehr Kontakten, wann mit vollem Risiko, wann auf Sicherheit.)

Die zweite Halbzeit

Auch das 2:1 der SGE fällt aus einer der typischen Aktionen. Wie die meisten Anstöße wird auch dieser direkt lang nach vorne außen gespielt. Das macht auch Sinn, denn Glasner setzt ohnehin nicht sehr auf Positionsspiel über die hintere Linie und mit dem direkten Ball in die Spitze ist die SGE sofort wieder da, wo sie mit Überzahl-Schnellkombinationen, Pressing, aggressivem Angreifen zweiter Bälle ihr Spiel haben will. Hier funktioniert das wieder genau wie beim 1:0 nach Plan.

Das hier ist die Situation direkt nach dem langen Flugball direkt nach dem Anstoß. Man sieht, dass die SGE sofort wieder ganz vorne mit sechs Spielern in der Situation ist, die Passabstände sind gut. Hier ist der VfB eigentlich aufmerksam, steht in Gleichzahl, 6 gg.6, aber auch das ist gegen passtechnisch und laufintelligente Spieler wie Hrustic, Sow, Borré etc. zu wenig.
Das ist dann die Schnellkombination, die sie spielen. Es gab zuvor noch einige Stationen und diese schnellen Kombinationen auf engem Raum in die Spitze sind inzwischen neben dem Pressing die wichtigste Waffe der SGE. Borré steckt den Ball auf Hrustic durch, der etwas weit außen zum Abschluss kommt.

Es ließen sich in der zweiten Halbzeit ein halbes Dutzend weiterer Beispiele für derartige Kombinationen, oft wie hier mit 5, 6 Stationen one touch zeigen. Das ist wirklich beeindruckend und das hat man lange nicht in dieser Frequenz und Sicherheit von einer Eintracht-Mannschaft gesehen.

Die folgende Ecke verwandelt Hrustic nach einem abgesprochenen Flugball von Lenz in den Rückraum direkt.

An dem Geschehen ändert sich insgesamt auch in der zweiten Halbzeit wenig, der VfB hat trotz Rückstand gut damit zu tun, die SGE vom eigenen Tor fernzuhalten, bzw, sich aus dem Pressing zu befreien.

Noch ein Blick auf die übrigen beiden Tore, zunächst das Gegentor.

Hier die Vorbereitung zum Gegentor. Es ist beim Stand von 2:1 wieder das klassische SGE-Chaos ausgebrochen. Lenz, N´Dicka, Hasebe stehen richtig, die rechte Verteidigerposition ist unbesetzt, Tuta steht im Mittelfeld, Chandler genauso, die linke Stuttgarter Halbspitze ist offen wie ein Scheunentor.

Neben den Stellungsfehlern ist auch das Zwekiampfverhalten von Chandler katastrophal, man kann das nicht anders sagen. Er macht in dieser Szene alles falsch, was man falsch machen kann. Zunächst steht er falsch, erkennt die Gefahr zu spät. Dann versucht er den ballführenden Gegenspieler von außen anzugreifen statt so schnell wie möglich das Scheunentor hinten zuzulaufen.

Selbstverständlich spielen Fußballprofis ein solches Angebot zum Tor aus, da können Hasebe, und N´Dicka nicht mehr viel retten. Dieses Mal konnte die SGE dann noch das dritte Tor machen, schon im nächsten Spiel, egal wie der Gegner heißen wird, können diese dilettantischen Fehler wieder Punkte kosten, wie ja in dieser Saison ungefähr in jedem zweiten Spiel.

Das entscheidende 3:2 ist Ergebnis eines der typischen Verhaltensweisen der Mannschaft. Ein gewonnener zweiter Ball wird über Jakic, Chandler und Hrustic sofort offensiv und schnell gemacht.

Das ist die Kombination, mit der sich die SGE Tempo und Tiefe ins Spiel holt. Der Pass von Jakic auf Chandler ist entscheidend, weil er damit Ahamada aus dem Spiel nimmt. Chandler macht das auch stark, spielt sofort direkt weiter auf Hrustic, der wieder auf Jakic durchsteckt. Das geht zu schnell für die Stuttgarter.

Das ist stark gemacht und führt dazu, dass Jakic mit dem Ball im Tempodribbling und die ganze Mannschaft im 4 gg. 3 auf die VfB-Abwehr läuft.

Hier gut zu sehen: Jakic hat zwei gute Pass-Optionen, besonders Lindström macht einen sehr guten Laufweg zum Tor und muss den Ball eigentlich bekommen.

Aber Jakic versteht die Situation nicht, macht auch einen technischen Fehler und verdaddelt diese Topchance eigentlich.

Hier: Jakic immer noch am Ball, alle Stuttgarter wieder hinten, Lindström und Borré stehen, die Situation ist eigentlich nicht mehr gefährlich. Jakic spielt dann einen Notball auf Hauge. Hauge erkennt die Situation dann richtig, wartet kurz und passt den Ball Hrustic auf den starken linken Fuß.

Hrustic schießt dann Mavropanos an, von dessen Rücken der Ball ins Tor fliegt. Etwas Glück für die SGE und man hat in dieser Situation einige typische Abläufe sehen können. Das schnelle Spiel nach vorne, aber auch die spielerisch-technische Schwäche von Jakic beim Spiel in die Spitze. Schließlich das gute Verständnis von Hauge. Jakic ist in diesen und ähnlichen Situationen noch nicht sicher genug, er entscheidet, wie hier, noch zu oft falsch, traut sich schwierige Zuspiele (wie hier auf Lindström) nicht zu oder missversteht die Situation.

Fazit

Das Spiel reiht sich gut ein in die Leistungen der letzten Spiele. Das Offensivspiel ist und bleibt kaum zu stoppen, selbst wenn mit Kostic und Kamada zwei sehr wichtige Offensive fehlen.

Das liegt daran, dass das Spiel nicht mehr so stark auf Einzelspieler angewiesen ist, auch Positionen/ Systemfragen sind in dem Spiel, das Glasner spielen lässt, nicht so sehr entscheidend. Vielmehr geht es darum, in eigenem Ballbesitz Tempo und Überzahl zu schaffen, vor allem im vorderen Drittel. Dazu ist zunächst vor allem Laufarbeit nötig, und die können Spieler wie Rode, Sow und Hrustic ebenfalls leisten, gute Passspieler sind alle drei auch, ebenso Lenz und so lassen sich dadurch, dass vergleichsweise nominell viele defensivere Spieler auf dem Platz stehen, keine Rückschlüsse auf die Ausrichtung des Teams ziehen.

So war es dann auch. Trotz der Ausfälle spielte die SGE genauso dominant und offensiv wie in den vergangenen Wochen.

Dennoch sind Spieler wie Kostic oder Kamada dauerhaft nicht zu ersetzen. Man konnte ganz gut sehen, dass Lenz viel eher ein echter Schienenspieler ist als Kostic, auf seiner Seite entstanden kaum Kettenfehler und trotzdem war die linke Seite mit Lenz offensiv präsent. Das unterstreicht, wie wichtig eine taktische Lösung dafür wäre, Kostic von seinen Linksverteidigeraufgaben zu befreien.

Der Ausfall der Spieler konnte gegen Stuttgart gut aufgefangen werden da gegen diesen Gegner die technische Überlegenheit und die gruppentaktischen Abläufe ausreichten, um das Spiel zu gewinnen. Gegen stärkere Gegner werden auch individuelle Stärken wieder wichtiger.

Ein letztes Wort zu Hrustic: Der Spieler hat, das war bekannt, einen sehr starken linken Abschlussfuß. Dieser ist eine starke Waffe und Hrustic konnte sie zweimal mit Erfolg einbringen. Für seine Entwicklung wäre es wichtig, sein Passspiel, insbesondere das in die Spitze, zu verbessern, das gleiche gilt für Handlungsschnelligkeit und defensives Zweikampfverhalten. Hier muss er sich steigern, dann kann er ein sehr guter Bundesligaspieler werden. Andernfalls wird er sich trotz seiner besonderen Stärke im linken Fuß nicht gegen Spieler wie Sow oder Rode durchsetzen können.

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SGE – Arminia Bielefeld 0:2 (0:2)

Guter Fußball, gute Angriffe, es fehlt nur die Chancenverwertung oder Katastrophenspiel – wie ist das Spiel zu deuten? Ein Blick auf die beiden Gegentore und die Angriffsbemühungen der SGE in der Spielanalyse.

Die Aufstellung

Oben: Die Aufstellung mit Toren, Vorlagen und algorithmisch generierten Noten.

Die Realaufstellung der SGE, also die Orte, wo die jeweiligen Spieler sich im Durchschnitt aufgehalten haben.

Die Noten in Klammern oben sind Übersetzungen der Bewertungen der Seite sofascore.com. Sie werden automatisch generiert anhand der individuellen Spieldaten jedes einzelnen Spielers. Nur bei der Torwartposition muss die Note etwas angepasst werden, da die algorithmischen Bewertungen systematisch negativer ausfallen als die der Feldspieler. Auch die Informationen zur Realaufstellung sind Zitate nach sofascore.com.

Die Statistik

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die erste Halbzeit (Re-Live)

Mit dem Anpfiff übernimmt die SGE das Kommando, trägt einige Angriffe vor, hat in der 3. Minute den ersten Kopfballabschluss durch N´Dicka nach Kostic-Ecke, einen ersten Torschuss von Chandler in der 4. Minute und fängt sich mit der ersten Aktion der Arminia in der 5. Minute das 0:1 ein.

Das Gegentor entsteht nach einem Kettenfehler auf der linken Abwehrseite.

Gut zu sehen: Kostic und N´Dicka stehen auf der gleichen Position, hinter den beiden öffnet sich ein breiter unbesetzter Raum, sodass Schöpf den Ball vor dem SGE-Sechzehner querlegen kann. Auf der Halbposition steht Hinteregger 1:2 gegen Okugawa und Serra.

Wenn schon N´Dicka und Kostic sich aus dem Spiel nehmen, statt, sich gegenseitig sichernd, den Gegner anzugreifen, müsste zumindest Sow den torgefährlichen Passweg hinter den beiden schließen, bzw. Hinteregger den Pass dann attackieren. Nichts davon findet statt, das bekannte SGE-Kettenchaos ist perfekt, es entsteht eine 3-4-Unterzahl im eigenen Sechzehner, Rode verschläft noch den Laufweg von Wimmer, der frei vor Trapp nur noch einschießen muss und das auch tut.

Der entscheidende Fehler liegt letztlich bei N´Dicka, der als linker Dreierkettenverteidiger niemals so weit auf die Außen rücken darf, solange der linke Schienenspieler Kostic in dem Zweikampf ist. N´Dicka hätte nach innen sichern müssen, Sow den Passweg von der anderen Seite verengen, Kostic den Zweikampf außen führen müssen.

Wie hier schon vom ersten Saisonspiel regelmäßig in mehr oder minder jedem Spiel dokumentiert, führt auch hier wieder ein krasser Kettenfehler zum 0:1. Das sind Abläufe, bei denen auch einmal etwas falsch und schief laufen kann, aber wenn diese Fehler in jedem Spiel auftreten, dann liegt hier ein strukturelles Problem vor und das Beheben solcher gruppentaktischer Strukturfehler ist Trainerarbeit.

Im weiteren Spielverlauf ist die Eintracht dauernd feldüberlegen, Bielefeld konzentriert sich verständlicherweise auf die Defensive und auf Konter. DSC-Trainer Kramer genügten wenige Maßnahmen, um das SGE-Offensivspiel zu behindern: Zum einen stellte er mit Cedric Brunner einen antrittsstarken, wendigen Gegenspieler Kostic auf die Füße und ließ seine Mannschaft bis zum 2:0 früh und hoch pressen und offensiv die Außenbahnen in der vorderen Reihe anspielen, besonders die linke letzte Reihe der SGE, nach dem 0:2 stand die Arminia tief und konzentrierte sich aufs Verteidigen und Kontern.

In der 15. Minute hat die SGE ihren ersten Abschluss, die erste ernste Torgelegenheit.

Hier der Pass von Sow auf Lindström. Lindström startet und ist dann mit seiner Schnelligkeit nicht mehr einzuholen.

Lindström läuft dann allein auf das Bielefelder Tor zu, vergibt die große Chance aber, weil er einen Abschlusstechnikfehler macht. Man kann das im Standbild nicht sehr gut zeigen, aber das Problem ist, dass er bei dem Abschluss etwas aus dem Tritt kommt, sich den Ball mit dem Kopf etwas zu weit vorlegt, dann wieder kurz zögert, an den herunterkommenden Ball deswegen nicht herankommt und den hochspringenden Ball Richtung Tor drücken muss, was sehr schwierig ist und schiefgeht. (eintracht.tv ab 18:53).

Das Spiel bleibt im Grunde bis zum Abpfiff einseitig, die Eintracht versucht es wie üblich über Schnellangriffe nach gewonnenen zweiten Bällen und Flugbälle aus der letzten Reihe oder der 6er-Reihe direkt in die Spitze, nach dem Rückstand auch gezwungenermaßen häufig über Positionsspiel aus der letzten Reihe, dazu unten mehr. Die sehr offensive Ausrichtung der SGE ist – insbesondere bei Rückstand – stark auf Breite in der vorderen Reihe angewiesen, also auf die beiden Außen Kostic und Chandler. Kostic wirkte gegen Bielefeld noch nicht topfit, Chandler ist in seinen offensiven Möglichkeiten zu beschränkt, als dass man sich von Einzelaktionen von ihm abhängig machen sollte. Er produziert häufig technische Fehler und falsche Anschlussentscheidungen in der vordersten Reihe. Ein Beispiel findet sich in der 26. Minute, als die SGE nach einem Ballgewinn in der hinteren Reihe einen Schnellangriff über Borré spielt und einen Durchbruch über außen schafft.

Hier die Situation nach dem Borré-Pass aus dem Mittelfeld in den Lauf von Chandler. Hier hat er noch 2 Meter Abstand zum nächsten Gegenspieler, die Box- und Rückraumbesetzung ist interessant. Hier hat Chandler drei gute Anschlussoptionen, die Flanke auf den freien Kamada, den Querpass durch den freien Passweg auf den ebenfalls freien Borré oder ein Tempodribbling auf die Grundlinie, um Winkel und Passwege für einen Rückpass zu schaffen.

Chandler ist mit der Situation überfordert, kappt ab, legt sich den Ball unergründlicher Weise auf den schwachen linken Fuß und flankt dann, nachdem die Bielefelder in aller Ruhe sämtliche Gegenspieler zugestellt haben, auf den inzwischen eng gedeckten Kamada.

Kurz danach fällt das Tor zum 0:2. Nach einer unübersichtlichen Situation im Mittelfeld und einigen verlorenen zweiten Bällen entsteht diese Situation:

Mit dem Ball auf Schöpf muss Hinteregger aus der Dreierkette hinten herausrücken, macht das auch, Tuta und N´Dicka sichern. Nicht ganz auf einer Höhe und auch seitlich etwas zu nah an Hinteregger, aber das ist grundsätzlich hier kein Kettenfehler. Links neben N´Dicka ist ein freier Raum entstanden, weil Kostic die Kette nicht ergänzt hat und die Notsituation auch etwas zu spät bemerkt.

Hier haben wir also eigentlich keinen Kettenfehler. Das Problem hier ist ein systematisches, gewissermaßen einkalkuliertes. Denn der Situation ist ja eine unübersichtliche Szene mit unklaren Ballbesitzwechseln vorausgegangen und Kostic spekuliert in solchen Szenen fast immer auf den eigenen Angriff, verlässt also die defensive Außenposition. Wenn es dumm läuft, passiert dabei genau so etwas hier: Der Ball landet irgendwie zentral bei einem Gegner, die Dreikette muss die Zentrale (gegen zwei Stürmer) absichern, dadurch entsteht ein Passweg direkt zum Tor.

Jeder Trainer, der mit Dreierkette spielt, muss solche Situationen einkalkulieren und ist sich des Risikos bewusst, dass daraus gelegentlich Großchancen bzw. Gegentore entstehen.

Dazu ist zu sagen, dass es naturgemäß kein System geben kann, das alle Gegentore verhindert, daher muss man als Trainer in jedem System gewisse Schwachpunkte in Kauf nehmen. Genau das tritt hier ein. Mit defensiv sehr aufmerksamen Schienenspielern (was Kostic bekanntlich nicht ist) lassen sich diese Risiken minimieren und man sieht auch, dass Kostic nur ein paar Meter zum Zugriff auf Wimmer fehlen, aber bei einem so schnellen und handlungsschnellen Spieler wie Wimmer reicht das dicke, um daraus eine gefährliche Abschlusssituation zu machen. Wie man dann gesehen hat.

Nach dem Tor stellt sich die Feldüberlegenheit der SGE direkt wieder ein und die vier Offensiven produzieren auch regelmäßig Abschlüsse. So etwa in der 32. Minute nach Zweikampfgewinn Lindström und starkem Grundlinien-Steckpass auf Borré, in der 35. Minute nach einem toll gespielten Angriff nach einem Freistoß im Mittelfeld und Positionsspiel über den aufgerückten Tuta, Abschluss Borré, der aus 10 Metern Bielefeld-TW Ortega abschießt.

Die zweite Halbzeit (Re-Live)

In der zweiten Halbzeit das gleiche Bild, die SGE ist noch überlegener als in HZ1, Bielefeld verteidigt den Vorsprung. Mit der Einwechslung von Hasebe konzentriert sich das Aufbauspiel aus der letzten Linie wieder stark auf ihn, das heißt, dass er wie üblich versucht, aus der hinteren Reihe mit seinen Pässen eine Abwehrlinie des Gegners zu überspielen. Das gelingt auch gelegentlich.

Eine typische Szene aus der 46. Minute:

Kamada bewegt sich „zwischen den Linien“, Hasebe passt zu Kamada, der sofort offen, also aufgedreht (mit dem Gesicht zum Gegnertor) den Ball an- und mitnehmen und den Angriff einleiten kann. Pieper rückt dann aus der Kette, Kamada lässt ihn kurz aussteigen und passt dann tief zu Kostic, der flankt.

Die starke Kostic-Flanke landet bei Chandler, der damit aber nichts anzufangen weiß und sie über das Tor schießt. (eintracht.tv ab 5:10)

Das sind die Situationen, die Glasner von den Spielern fordert, das geht natürlich besonders gut, wenn ein sehr starker Passgeber wie Hasebe auf dem Feld ist. Diese Szenen zu provozieren dürfte der Hintergrund der Hasebe-Einwechslung gewesen sein.

Überhaupt kommt die SGE regelmäßig zu recht guten Tiefenpässen, etwa in der 53. Minute nach einem Pass Sow-Kostic (Hereingabe landet bei den Bielefeldern, eintracht.tv ab 12:26), in der 62. Minute nach einem Positionsaubauspiel über Hasebe und Borré auf Kostic (Kostic-Hereingabe landet bei Bielefeld) oder einem tollen Hasebe-Pass auf Ache Richtung Grundlinie in der der 86. Minute nach Positionsaufbauspiel über Kostic (eintracht.tv ab 45:27), Aches Hereingabe ist zu ungenau, die Box-Besetzung aber auch zu unklar und unpräzise. Es gäbe einige weitere Beispiele.

Die Bielefelder haben also trotz großem personellen Aufwand und sehr tief stehendem Defensivblock große Mühe, die SGE-Offensive vom Tor fernzuhalten, insbesondere Lindström ist im 1 gg. 1 kaum zu halten. In der 55. Minute tanzt er Vasiliadis am rechten Flügel aus, tempodribbelt kurz an und legt dann im Sechzehner quer auf Kamada, der aber nicht zu einem guten Abschluss kommt. In der 57. Minute ist er nach Positionsaufbauspiel und Rode-Pass im Grunde durch, legt sich den Ball dann aber etwas zu weit vor, Ortega hält. Weitere gute Torsituationen erspielt die SGE in der 64. Minute nach einer guten Kurpasskombination Lindstöm-Paciencia-Kamada-Borré, in der 65. Minute nach einem Positionsaufbauspiel aus der letzten Reihe über Tuta-Kamada-Borré-Kamada-Kostic, der schließlich ans Außennetz schießt (ein Querpass auf Paciencia wäre da auch möglich gewesen). In der 93. Minute hat Borré nach einem Pass vom Gegner noch die Riesenchance zum 1:2 frei vor Ortega, doch der hält auch diesen Ball.

Auch nach Ecken hat die SGE einige Abschlüsse, fabriziert ein Halbchancenfestival, das geht phasenweise wirklich im Minutentakt und die Bielefelder haben in vielen dieser Situationen auch viel Spielglück.

Mit dem Wechsel Paciencia-Rode in der 61. Minute ändert sich die Statik der SGE ein wenig, Kamada spielt jetzt so eine Art 8, bedient gelegentlich die 6er-Position neben Sow, bespielt aber hauptsächlich weiterhin seine linke offensive Halbposition bzw. die 10. Die Dreierkette hinten bleibt als Aufbau- und Restverteidigungslinie bestehen.

Die Bielefelder kommen in der 2. HZ nur noch sehr selten zu Konterabschlüssen, den interessantesten hat Wimmer in der 71. Minute.

Hier der Moment, in dem Schöpf den Pass in die Spitze spielt. Tuta steht fünf Meter zu tief, holt damit gleich 3 Gegenspieler aus dem Abseits. Der Ghost-Tuta zeigt die richtige Positionierung des Spielers an. Auch N´Dicka und Chandler sind weit von ihren korrekten Kettenpositionen entfernt.

Nun ist es 20 Minuten vor Spielende und 0:2-Rückstand nicht sehr verwunderlich, dass hinten auch einmal die Ordnung verloren gehen kann, aber die Stellungsfehler und das erneute Chaos hier sind schon extrem, Tuta muss ja nur rechtzeitig auf eine Höhe mit Hasebe kommen, der als zentraler Verteidiger die Kettenhöhe vorgibt. Die Bielefelder spielen die Situation dann über links aus, Wimmer vergibt dann in der Zentrale frei vor Trapp und schießt über das Tor. Viel Glück für die SGE. Wie auch in der 81. Minute, als Okugawa frei vor Trapp den Ball ans Außennetz drischt.

Das Fazit

Wie das Spiel gegen Augsburg bringt das Bielefeld-Spiel wenig neue Erkenntnisse. Die Eintracht war auch den Arminen technisch hoch überlegen, spielte auch taktisch den ambitionierteren Fußball und verlor dennoch letztlich nicht ganz unverdient.

DSC-Trainer Kramer hat seine Mannschaft so gut es ging auf die Eintracht eingestellt, hat sie zunächst ganz vorn pressen lassen, blieb so im Spiel und hat bei eigenem Ballbesitz stark die vordersten Außen angesteuert. Außerdem hat er mit Brunner als direkten Gegenspieler gegen Kostic diesen oft recht gut bekämpfen können. Die SGE hat mit einem Kettenfehler und einem weiteren systematischen Fehler den Gästen das Toreschießen ermöglicht.

Das zweite Tor war der Knackpunkt des Spiels, denn damit haben die Bielefelder ihre Angriffspressingambitionen fast vollständig fahren lassen und fortan tiefstehend die Führung verteidigt. Das ist eine passende manschaftstaktische Reaktion gewesen und dennoch konnte die SGE, meist über Kamada, Sow, Lindström und Borré viele gute Angriffe einleiten und kam auch zu einigen interessanten Abschlüssen, der Raum zum Spielen wurde dann aber schon sehr eng.

Das Spiel ist aus analytischer Sicht keineswegs ein dramatischer Rückschritt. Die Eintracht hat 90 Minuten nach vorne gespielt, allerdings manifestieren sich nach nun 20 Spieltagen immer deutlicher zwei Baustellen.

1 – Die Kettenfehler in der hinteren Reihe

Diese relativ einfachen, krassen Fehler sind eigentlich recht gut trainingsseitig zu bearbeiten, das bestätigte auch Glasner vor der Winterpause, indem er sagte, er verlange da auch mehr von sich selbst. Man hat von außen naturgemäß keinen Einblick, warum sie hier partout nicht entscheidend weiterkommen, daher können wir nur konstatieren, dass es so ist. So lange sich daran nichts ändert, hat die Mannschaft aber keine Chance, aus eigener Kraft regelmäßig und zuverlässig Spiele in der Bundesliga zu gewinnen. Es stellt sich nach wie vor die Frage, ob eine Viererkette, in der die Abläufe deutlich einfacher und klarer sind, dieser defensiv unsicheren Mannschaft nicht besser auf die Sprünge helfen würde als die oft asymetrisch ergänzte Dreierkette. Diese Unklarheit („muss ich jetzt nach außen rücken oder nicht und wenn ja, wie weit?“) führte zum 0:1.

2 – Die Außenbahnen

Der Eintracht-Kader verfügt mit Chandler, Da Costa, Durm und Touré über vier Spieler, die von den Anlagen her rechte Verteidiger einer Viererkette mit guten bis befriedigenden Offensivqualitäten sind. Ein echter Schienenspieler – stark im offensiven 1 gg. 1, stark in der offensiven Handlungsschnelligkeit, gleichzeitig stark im Erkennen defensiver Notwendigkeiten, souverän stark in den Kettenabläufen in der letzten Reihe – ist keiner von ihnen. Das gleiche Problem zeigt sich im übrigen auf der anderen Seite. Da ist ein echter Linksaußen (Kostic) fortwährend mit den defensiven Abläufen und Handlungsentscheidungen überfordert. In den Realaufstellungen und auch in vielen Einzelsituationen zeigt sich, dass die Mannschaft oft zu einem 4-2-4 tendiert mit Außenstürmer Kostic links plus Chandler als Rechtsverteidiger. Warum man dem nicht Rechnung trägt, die Abläufe klärt und der Mannschaft durch Absicherungen auf den Außen Sicherheit gibt, bleibt etwas rätselhaft. Durm und Chandler können durchaus auch als linke Verteidiger eingesetzt werden, der Ausfall von Lenz ist also nicht unbedingt ein schlagendes Gegenargument.

Einige der Fehler waren zwischenzeitlich auch sichtbar angegangen worden, etwa das Durchsichern bei weit herausrückenden Außenverteidigern, inzwischen sind die Spieler aber zum Teil wieder in die alten, falschen Verhaltensweisen zurückgefallen. Auch das ist nicht sehr außergewöhnlich und trainingsseitig wieder korrigierbar.

Um also die Eingangsfrage analytisch zu beantworten: Nein, das war durchaus kein Katastrophenspiel der SGE, es reiht sich konsistent in die (nicht-lineare) Entwicklung des Teams. Einige Fehler in den defensiven Abläufen, die schon besser funktionierten, waren wieder ein spielentscheidendes Problem, das muss besser automatisiert oder systemseitig vereinfacht werden. Hier zeigt sich zwar tatsächlich ein kleiner Rückschritt, aber das gehört dazu.

Trainer Glasner, so viel ist sicher, wird die Arbeit bis auf weiteres nicht ausgehen.

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FC Augsburg – SGE

Die Eintracht konnte zwar das Spiel gegen die Augsburger fast über die ganze Spielzeit dominieren, trotzdem gelang kein zweiter Treffer. Warum das so war und wie die SGE den Kostic-Ausfall zu kompensieren versuchte, hier in der Analyse.

Die Aufstellungen

Die Statistik

Oben: Die Aufstellung mit Toren, Vorlagen und algorithmisch generierten Noten.

Die Realaufstellung der SGE, also die Orte, wo die jeweiligen Spieler sich im Durchschnitt aufgehalten haben.

Die Noten in Klammern oben sind Übersetzungen der Bewertungen der Seite sofascore.com. Sie werden automatisch generiert anhand der individuellen Spieldaten jedes einzelnen Spielers. Nur bei der Torwartposition muss die Note etwas angepasst werden, da die algorithmischen Bewertungen systematisch negativer ausfallen als die der Feldspieler. Auch die Informationen zur Realaufstellung sind Zitate nach sofascore.com.

Die Highlights

Quelle:: Youtube

Die erste Halbzeit (Re-Live)

Glasner blieb bei seinem Kurs, möglichst wenig an der Statik des Spiels zu ändern, was ihn gegen Augsburg dazu zwang, auf einen echten Offensiven zu verzichten. Kostic, der wegen einer Covid-Erkrankung fehlte, spielt, wie hier und auch statistisch immer gut zu sehen, im Grunde einen nur gelegentlich bis in die letzte Reihe mitarbeitenden Linksaußen, also eine vorwiegend offensive Position. Mit der Besetzung mit zwei Außenverteidigern Chandler und Touré auf den Außenbahnen plus Dreierkette dahinter ergab sich also eine vergleichsweise defensive Aufstellung. Der offensive Qualitätsverlust war der Mannschaft über die 90 Minuten anzumerken, so viel vorab.

Die Augsburger begannen mit einem recht klassischen 4-4-2, also doppelter Besetzung auf den Außen.

Erwartungsgemäß ergab sich recht schnell eine leichte Feldüberlegenheit der SGE, die bis zum Abpfiff währte (siehe oben Statistik Feldaufenthalt) und die hauptsächlich mit der klaren technischen Überlegenheit der SGE zu erklären ist, der Präzisionsunterschied zwischen den Teams war unübersehbar.

Taktisch setzte Glasner wieder auf das übliche sehr frühe und aggressive Pressing, Konzentration auf zweite Bälle im Mittelfeld und eine von Chandler und Touré situativ zur Vierer- oder gar Fünferkette ergänzte Dreierkette hinten.

Das frühe Anlaufen brachte bereits in der 5. Minute die erste Chance. Nach einem katastrophalen Rückpass von Dorsch, den Lindström ergattert.

Hier die Situation nach Dorschs Fehlpass, Ballbesitz Lindström. Gut zu sehen, dass Kamada im Rückraum und auch Borré am Fünfer frei stehen. Hier spielt Lindström den Ball Richtung Borré, aber Dorsch kann ihn blocken und Gouweleeuw dann klären.

In dieser Szene zeigt sich, was später während des gesamten Spiels häufig zu beobachten ist. Die Augsburger haben, ähnlich wie der BVB vergangene Woche, große Probleme mit der enormen Schnelligkeit von Lindström, der aber in den letzten Aktionen technische bzw. bezüglich der Handlungsschnellig- und -richtigkeit (kleine) Fehler macht. Hier hätte er einen Pass auf Kamada versuchen müssen, entscheidet sich also für den falschen Pass.

Ebenfalls gut zu sehen ist in den ersten 10 Minuten, dass die Augsburger trotz ihrer technischen Unterlegenheit taktisch durchaus ambitioniert spielen, mit großem Personalaufwand ebenfalls früh pressen, auch über eigenen Ballbesitz und Positionsspiel nach vorne spielen. Weinzierl lässt seine Mannschaft keineswegs nur auf Zerstören spielen und in der 11. Minute kommt Pepi nach einem Stolperer von Kamada und schnellem Konter der Augsburger zu einem ersten gefährlichen Abschluss. Der Schuss von Pepi geht weit daneben und er stand wohl auch im Abseits, aber da konnte man schon gut sehen, dass die Gastgeber gewonnene Bälle sehr schnell und auch gezielt in die Spitze spielen können. Kurz darauf haben die Augsburger einen weiteren Abschluss mit einem Fernschuss von Dorsch. Den Gastgebern gelingt es auch im weiteren Spielverlauf mehrfach, solche (kurzen) Druckphasen herzustellen.

Der Führungstreffer in der 22. Minute ist im Grunde der erste gefährliche Abschluss der SGE. Vorausgegangen war eigentlich ein Angriffsversuch der Augsburger über Gregoritsch (der mit der Nr. 8 spielte, obwohl seine Nr. eigentlich die 11 ist) nach einem verlorenen Einwurf der SGE.

Das ist der entscheidende Moment des Rückpasses von Gregoritsch auf Dorsch im Mittelfeld. Gut zu sehen, dass Gregoritsch zwar nach hinten von Tuta zugestellt wird, den Ball aber frei passen kann. Man sieht auch, dass Dorsch hier einen langen Ausfallschritt machen muss, um ihn überhaupt noch zu bekommen. Man sieht auch, dass Rode auf dem Weg ist, diesen schwachen Pass sofort zu attackieren.

Das macht er dann auch.

Hier gut zu sehen: Dorsch muss, um den schlecht gespielten Ball überhaupt sichern zu können, sich RIchtung eigenes Tor drehen und hat hier nur noch die Möglichkeit ins Dribbling gegen Rode zu gehen oder den Ball „irgendwohin“ zu passen. Er spielt den Ball dann auf Lindström, da steht wirklich weit und breit kein Augsburger.

Lindström macht das dann sehr stark, nimmt den Ball an, und sucht sofort eine Anspielstation, um das Spiel so schnell wie möglich zu machen.

Es entsteht ein 3 gg. 2 zum Tor mit zwei zurückeilenden Augsburg-Verteidigern (Gregoritsch und Gummy, letzterer nicht im Bildausschnitt). Hier der SGE-Move. Das X ist ungefähr der Beginn der Aktion, Lindströms Pass auf Borré. Danach läuft Lindström in die Spitze nach rechts, während Borré sofort den diagonalen Lauf in die andere Richtung startet und Kamada den Sprint in die Spitze anzieht.

Mit diesen Lauf- und Passwegen erzielt die SGE notwendiger Weise eine freie Anspielstation. Entscheidend ist der Dribblingweg von Borré, der damit den Innenverteidiger Gouweleeuw bindet (auf sich zieht), der daher auch nicht mehr den Passweg auf Kamada zustellen kann. Der Pass Borré-Kamada ist nicht ganz optimal, aber Kamada erreicht ihn, umkurvt FCA-Torwart Gikiewicz und macht das 0:1 für die SGE. Solche 3 gg. 2 – Kombinationen, insbesondere mit zurückeilenden Gegenspielern, werden im Training in Standardspielformen sehr häufig geübt. Warum, sieht man hier. Ein toller, spontaner Schnellangriff der SGE mit einem überragenden Abschluss durch Kamada.

In der 29. Minute hat Lindström die große Chance zum 0:2. Vorausgegangen war Aufbauspiel der SGE über Ramaj und Tuta und hier sieht man wieder einen auch diesmal häufigen Aufbauweg der SGE, nämlich das Attackieren zweiter Bälle. Die Szene ist sehr interessant, da sie uns viel über das Spiel und die Entwicklung der Mannschaft verrät.

Zunächst einmal sehen wir hier, dass die Augsburger ebenfalls mit Angriffspressing spielen und das auch konsequent durchführen.

Hier die Situation vor der Riesenchance für Lindström. Augsburg presst alle flachen Anspielstationen zu, dafür müssen auch die 6er Dorsch und Maier teils sehr weit in den Offensivbereich nachrücken, was sie tun, wie man hier sieht. Tuta wird dann zu dem langen Ball gezwungen.

Diese „Notbälle“ sind aber durchaus Teil des Spielkonzeptes der SGE, denn dass beide 6er des Gegners so weit aufgerückt sind, kann man sich natürlich auch zunutze machen. Zum Beispiel indem man den langen Ball mit einem großen Festmach- und Wandstürmer vorne gewinnt (wie etwa Leverkusen mit Schick), oder aber indem man den zweiten Ball erst provoziert und ihn dann koordiniert attackiert. Genau das macht die SGE hier und in vielen anderen Szenen nicht nur in diesem Spiel. Dieses Element ist während der Saison immer wichtiger geworden.

Das ist der Moment, in dem der Tuta-Ball bei Gumny ankommt. Man sieht hier, dass Borré hinter ihn gelaufen ist. Das ist wichtig, denn somit wird Gumny dazu gezwungen, den Ball nach vorne abzuwehren, er kann ihn nicht einfach zu Gouweleeuw durchlassen. Auch gut zu sehen, dass Sow und Kamada hier 2 gg. 1 gegen Maier stehen, also egal wo der zweite Ball herunterkommt, sie ihn attackieren können. Der Ball landet bei Sow, Lindström startet in die Spitze.

Sow zeigt dann eine absolute Weltklasseaktion (bitte unbedingt noch einmal ansehen, eintracht.tv ab 33:36), nimmt den Ball kurz an und mit und passt ihn Lindström in den Lauf, der mit etwas Vorsprung, aber verfolgt von Oxford auf Gikiewicz zusprintet. Lindström macht das danach übrigens ebenfalls überragend, nimmt mit einer kurzen Bewegung Oxford aus dem Spiel, schießt den Ball dann etwas unglücklich an den Außenpfosten, vielleicht wäre da die lange Ecke eine bessere Option gewesen, aber die Chance selbst kann sich nur ein so schneller und technisch starker Spieler wie Lindström überhaupt erspielen.

In der 38. Minute erzielen die Gastgeber den Ausgleich. Gregoritsch schießt den Ball dem jungen EIntracht-Ersatzkeeper Ramaj in die kurze Ecke, weshalb sich bald alle einig waren, dass das sein Fehler war. Diese Ansicht ist diskutabel, denn natürlich sollte der Ball nicht in der Torwartecke einschlagen, der Ball ist Gregoritsch wohl über den Fuß gerutscht, er wollte flanken, Ramaj war also im Grunde schon auf dem richtigen Weg. Analytisch ist auch viel interessanter, dass dem Tor ein Kettenfehler vorausging, was auch Glasner nach dem Spiel monierte.

Hier gut zu sehen, dass bei dem Flugball auf Gregoritsch die SGE eigentlich hinten Gleichzahl hat, die Situation also kontrollierbar ist. Allerdings stehen Chandler und N´Dicka hier weder am Mann, noch auf einer Höhe mit Hasebe. Somit ist Gregoritsch weder gedeckt noch steht er im Abseits.

Das ist ein Stellungsfehler von N´Dicka. Hier wurde schon mehrfach darauf hingewiesen, dass es beim Detailtraining Kettenverteidigung durchaus unterschiedliche Schulen gibt. So kann der Trainer hier entweder „Durchschieben“ fordern, also ein mannorientiertes seitliches Verschieben. Dann müssten Chandler und N´Dicka hier längst an den Gegenspielern stehen, oder er fordert, die naheliegende Variante, dass alle drei Kettenverteidiger hier eine Höhe halten, also die von Hasebe, womit sowohl Gregoritsch als auch Pepi im Abseits stünden.

Der wiederholte Verzicht der SGE-Ketten in solchen Situationen darauf, auf Abseits zu spielen, lässt vermuten, dass Glasner hier mannorientiertes, sicherndes Schieben fordert, dahingehend äußerte er sich auch nach dem Spiel im Interview mit DAZN, aber auch das funktioniert hier nicht. So oder so ein Kettenfehler.

Nach dem Ausgleich gelingt Augsburg bis zur Halbzeit ihre zweite wirksame Druckphase des Spiels mit drei nicht ungefährlichen Abschlüssen bzw. Hereingaben, Ramaj kann alle drei entschärfen.

Die zweite Halbzeit (Re-Live)

Weinzierl wechselt in der Halbzeit doppelt, Pedersen kommt für den unauffälligen Zeqiri links offensiv positionsgetreu und Uduokhai für Iago defensiv. Damit ist die linke Seite der Augsburger komplett neu besetzt.

Direkt mit der ersten Aktion in der 46. Minute haben die Gastgeber auch die erste Großchance der zweiten Halbzeit. Nach einem verschlafenen Pressingeinsatz von Touré rechts und einem longline-Pass der Augsburger überläuft Pedersen linksaußen Tuta, passt auf Pepi am ersten Pfosten, der aus 7 Metern Torentfernung zum Glück für die SGE schwach abschließt, Ramaj kann halten. (eintracht.tv ab 2:31). Kurz darauf holt Pedersen mit seiner Schnelligkeit eine Ecke heraus, Weinzierls Plan, Tutas fehlende Schnelligkeit besser auszunutzen, gelingt also gleich mit zwei Aktionen.

Obwohl es die SGE nicht einmal besonders darauf anlegt und weiterhin versucht, eigenen Ballbesitz zügig zum Abschluss zu bringen, übernimmt sie jetzt zunehmend die Spielkontrolle. Das liegt in erster Linie an der technischen Überlegenheit der SGE, da gibt es wenig taktisch hineinzugeheimnissen. Die Spielanlage der beiden Teams ist durchaus ähnlich, nur landen auf Seiten der Augsburger viel mehr Pässe beim Gegner oder im Nirgendwo.

Aus der Feldüberlegenheit entstehen auch regelmäßig interessante Abschlüsse, etwa von Touré am langen Pfosten nach Chandler-Flanke von links in der 59. Minute nach Positionsspiel über die Zentrale Hasebe-Rode-Chandler und in der 61. Minute nach exakt dem gleichen Muster, diesmal ging ein Aufbauflugball Sow-Chandler voraus. Touré macht in der ersten Situation einen technischen Abschlussfehler (aber sehr schwierig), beim zweiten traut er sich den Abschluss gar nicht erst zu und vertändelt die Situation. In dieser Druckphase wird immer wieder Chandler links gesucht, der rechte Offensive der Augsburger, Vargas, zeigt hier das Kostic-Syndrom, arbeitet zu selten konsequent nach hinten. Ähnlich auch wieder in der 64. Minute: Ballgewinn Touré im MIttelfeld, Pass nach außen auf Chandler, dessen gute Flanke köpft Kamada und wird dann selbst von Oxford am Kopf getroffen.

In dieser Phase sieht man, warum Chandler in den letzten Wochen regelmäßig spielt. Bei all seinen bekannten Schwächen sind seine Hereingaben recht präzise und auch obwohl er sich als Linksaußen jeden Ball auf den rechten Fuß legen muss, provoziert er hier innerhalb von fünf Minuten drei gute Abschlüsse für die SGE. Chandler macht in dieser Phase ein sehr gutes Spiel.

In der 68. Minute wechselt Weinzierl doppelt, nimmt Gregoritsch und Vargas vom Feld, bringt mit Niederlechner und Hahn zwei konterstarke Stürmer. Damit ändert sich etwas die Ausrichtung der Gastgeber, die jetzt stärker auf Konter aus sind. Weitere Elemente des Augsburger Spiels in der letzten Spielphase sind direkte Flugbälle aus der letzten Reihe in die Spitze und – man sieht jetzt deutlich, dass die Augsburger auf den einen Punkt spielen – sie sind bemüht, das Spiel häufig anzuhalten, Zeit von der Uhr zu nehmen. Sie begehen viele kleine und größere taktische Fouls und haben es bei eigenen Standardsituationen nicht eilig mit der Ausführung.

In der 78. Minute kommt Jakic für Rode aus den bekannten Gründen. Ein positionsgetreuer Wechsel. In der 81. Minute kommen Paciencia und Hinteregger für Borré und Chandler. Der Hinteregger-Chandler-Wechsel ist etwas unverständlich, denn in der 2. HZ liefen fast alle Abschlusssituationen über ihn. N´Dicka übernimmt die linke Außenbahn.

Danach entsteht die erste längere Druckphase der Augsburger in der zweiten Halbzeit. Wie im ersten Abschnitt setzen die Augsburger vieles auf diese Schlussphase, das ist sehr gut sichtbar ein wichtiger Teil des Matchplans.

Durch das erhöhte Risiko der Augsburger entstehen allerdings auch Freiräume für die SGE. Besonders in der 88. Minute. Ausgangspunkt zu der Situation, die allgemein als (vergebener) Matchball für die SGE bewertet wurde, war ein von der SGE abgefangener Angriff der Augsburger und schnelles Umschalten. Nachdem Hasebe die Hereingabe von Hahn zu Sow entschärft hat, passt dieser nach links zu N´Dicka.

Das ist der Moment des Abspiels von N´Dicka, der einen starken, harten longline-Pass auf den nach außen sprintenden Paciencia (nicht im Bild) spielt. Hier gut zu sehen, dass mit dem Ball gleich sieben Augsburger vorläufig überspielt sind. Maier kommt hier viel zu spät ins Gegenpressing, hat die Situation auch nicht gut antizipiert (im Bewegtbild sieht man, dass er in den Zweikampf trabt statt zu sprinten und N´Dicka auch nicht aggressiv anläuft). Kamada und Dorsch hingegen haben den Braten gerochen und ziehen die Sprints in die gefährliche Zone an.
Hier der Moment, in dem Paciencia den N´Dicka-Pass annimmt. Paciencia macht das dann überragend gegen Dorsch, dreht sich um den Gegenspieler und schafft es, Kamada den Ball gut in den Lauf zu passen.
Das ist der Pass von Kamada auf Lindström. Der Ball kommt perfekt, Lindström bekommt ihn so in den Lauf gespielt, dass Pedersen keine Chance hat, in den Zweikampf zu kommen. Lindström muss eigentlich nur einschieben, vergibt aber gegen den auch stark herauskommenden Gikiewicz.

Der 4-Stationen-Konter der SGE war großartig gespielt, besonders die überragende Aktion von Paciencia und der Weltklasse-Pass von Kamada auf Lindström.

Lindström hätte mit diesem und zwei weiteren Abschlüssen zuvor das Spiel entscheiden können. Dass er im Abschluss nach wie vor etwas unsicher ist, ihm da noch das Herz in die Hose rutscht, ist kaum zu übersehen. In dieser Situation vielleicht am deutlichsten. Er fordert den Ball sehr entschlossen, zieht den Sprint im richtigen Moment an und in dem Moment, in dem er dann frei vor dem Tor steht, zögert er einen Sekundenbruchteil zu lange, man sieht das in den Bewegtbildern sehr gut und mit diesem kurzen Zögern gibt er Gikiewicz die Chance dazu, einen halben Schritt zu nahe heranzukommen und den möglichen Einschusswinkel entscheidend zu verkürzen (die ganze Aktion bei eintracht.tv ab 43:16).

In der Nachspielzeit haben die Augsburger nach dem zweiten krassen Kettenfehler der SGE (Touré steht zu tief, hebt das Abseits auf) noch die Chance auf den Siegtreffer, doch Ramaj ist sehr aufmerksam und hält gegen Niederlechner. Diese Abseits-Aufhebungs-Kettenfehler (wie beim 1:1) werden zunehmend zum größten Schwachpunkt der SGE.

Fazit

Wie schon im Hinspiel war die SGE die bessere Mannschaft und muss das Spiel eigentlich gewinnen. Das sind insgesamt 4 Punkte zu wenig aus den beiden Spielen und das ist natürlich sehr ärgerlich.

Trotz der SGE-Überlegenheit in fast allen Bereichen haben die Augsburger durchaus ein gutes, auch taktisch ambitioniertes Spiel und der Eintracht das Leben – wie üblich – ziemlich schwer gemacht, vor allem mit ihrem frühen Pressing in einigen Spielphasen, der defensiven Stärke und dem Matchplan, der sich gezielt auf eigene Druckphasen in den Anfangs- und Schlussphasen der Halbzeiten konzentrierte.

Das Spiel war trotz des etwas unbefriedigenden Ergebnisses durchaus kein Rückschritt in der Entwicklung der Mannschaft (was auch kein Drama wäre, Entwicklungen inkludieren immer auch Rückschritte und Krisen). Auffällig ist, dass – wie von Glasner angekündigt – tatsächlich die Menge krasserer Kettenfehler im Vergleich zur Vorrunde etwas reduziert werden konnte, auch wenn das 1:1 wieder aus einem solchen resultierte und die Augsburger in der Nachspielzeit nach einem fast identischen Kettenfehler (Touré) um ein Haar noch den Siegtreffer hätten erzielen können.

Das Offensivspiel der SGE hingegen ist auch in diesem Spiel stark, präzise und ambitioniert gewesen, Chandler konnte Kostic zwar nicht ersetzen, war aber in der 2. HZ stark ins Spiel eingebunden und an vielen guten Aktionen beteiligt (einige Beispiele siehe oben) und machte ein für seine Verhältnisse sehr gutes Spiel.

Glasner und die Mannschaft entwickeln gut sichtbar die Elemente, auf die Glasner besonderen Wert legt, fortlaufend weiter. Die zentralen Stilmittel sind inzwischen ein sehr direktes Aufbauspiel über wenige Stationen bis zum Abschluss, schnelle Konter und Schnellangriffe nach gezielten Ballgewinnen im Mittelfeld (zweite Bälle) und ein dauerhaftes Schaffen von Pressingsituationen praktisch auf dem ganzen Platz.

Die wichtigste Waffe der SGE ist die extrem starke und schnelle 4er-Offensive mit Kostic, Borré, Kamada und Lindström. Hier ist allerdings auch der Qualitätsverlust und damit die Auswirkungen auf das SGE-Spiel am größten, wenn einer der vier ausfällt. Nur Hauge und Paciencia sind in der Lage, das Niveau einigermaßen zu halten, daher ist es etwas fragwürdig, warum Glasner statt auf eine etwas anders strukturierte 4er-Reihe (etwa in einem 4-2-3-1) auf die defensivere Variante mit Chandler und Touré setzte, aber solche Einschätzungen von außen sollten grundsätzlich nur mit großer Vorsicht geäußert werden, es fehlt schlicht der Einblick in Trainingsleistungen und taktische Gesamtplanung.

Insgesamt zeichnet sich auch in dieser Saison ab, dass die Eintracht zu den besten 4-8 Teams der Liga zählt, auf entscheidenden Positionen aber Spieler hat, die noch in der Entwicklung sind und daher größere Unsicherheiten in den großen Stresssitautionen haben, wie zum Beispiel Lindström im Abschluss.

Mittelfristig wird es darauf ankommen, diese Kategorie von Spielern länger zu halten als zuletzt bei Haller, Silva, Wolf oder Jovic möglich, denn mit zunehmender Erfahrung werden diese Spieler naturgemäß ruhiger und stärker in den entscheidenden Momenten. Bei der derzeitigen Entwicklung dürften Spieler wie Kamada, Lindström, aber auch N´Dicka und Sow sehr bald für die Clubs auf dem ganz hohen Niveau interessant werden und dann sind sie nur noch mit einer Champions-League-Perspektive zu halten.

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SGE – Borussia Dortmund 2:3 (2:0)

Im ersten Spiel des Jahres verspielt die SGE eine 2:0-Führung und geht ohne Punkte aus dem Spiel. Verdient oder nicht? Was waren die Ursachen? Und war Lammers schuld? Alles Wichtige zum Spiel.

Oben: Die Aufstellung mit Toren, Vorlagen und algorithmisch generierten Noten.

Die Realaufstellung, also die Orte, wo die jeweiligen Spieler sich im Durchschnitt aufgehalten haben. Man sieht gut, dass Chandler im Grunde einen rechten Verteidiger spielte, während Kostic fast ausschließlich offensiv agierte.

Die Noten in Klammern oben sind Übersetzungen der Bewertungen der Seite sofascore.com. Sie werden automatisch generiert anhand der individuellen Spieldaten jedes einzelnen Spielers. Nur bei der Torwartposition muss die Note etwas angepasst werden, da die algorithmischen Bewertungen systematisch negativer ausfallen als die der Feldspieler. Auch die Informationen zur Realaufstellung sind Zitate nach sofascore.com.

Die Statistik

Die Highlights

Quelle: Youtube

Die erste Halbzeit (Re-Live)

In den ersten Sequenzen zeigen sich schon einige Muster, bei denen es dann im ganzen Spiel bleiben wird, vor allem die unterschiedliche Spielanlage der beiden Teams. Der BVB spielt sehr viel über eigenen Ballbesitz und Aufbau-/Positionsspiel, die Eintracht setzt auf Pressing, Konter und Schnellangriffe.

Die erste Großchance hat der BVB und dabei kann man gut sehen, wie die Dortmunder aufbauen.

Gut zu sehen, dass hier die Option „langer Ball“ gesucht wird mit einer breiten 4er-Spitze, also vier Spielern in der vorderen Reihe. Die SGE-Viererkette steht hier beim Pass von Hummels nicht optimal, N´Dicka zwei Meter zu tief, Kostic drei zu hoch. Dadurch öffnet sich hinter Kostic der Raum für Meunier. Um möglichst viel Abstand zu Kostic zu haben, geht Meunier fast bis an die Seitenauslinie und fast bis an die Abseitslinie, die N´Dicka noch zwei Meter nach hinten verschiebt.

Den folgenden langen Ball kann nur der Außenverteidiger, also Kostic, direkt bekämpfen.

Hier der Moment als der Flugball von Hummels bei Meunier ankommt. N´Dicka muss die Innenbahn halten, ist auch viel zu weit weg, um da selbst eingreifen zu können, Kostic muss den Zweikampf führen. Man sieht aber hier, dass die zwei Meter, die er zuvor zu weit vorne gestanden hat, ihm jetzt fehlen. So muss er gegen die Laufrichtung von Meunier in den Zweikampf sprinten und hat daher keine Chance, den zu gewinnen.

Auf diesem Niveau geht es, wie hier, oft um Kleinigkeiten, also zum Beispiel vier Meter, die man zu weit vorne steht. In dieser Situation hier nimmt Meunier den Ball dann an und mit, knallt ihn aufs Tor, Trapp lenkt ihn mit einer spektakulären Parade an den Pfosten. Viel Glück für die SGE. (eintracht.tv ab 5:28)

In der Anfangsphase ist der BVB insgesamt stark, versucht die SGE mit den eigenen Waffen, also intensivem (Gegen-)pressing, zu schlagen und hat weitere Abschlüsse.

Erst in der 10. Minute kommt die SGE mit ihrer ersten längeren Ballbesitz-Sequenz ins Spiel.

Dem Freistoß, der in der 15. Minute zum Tor führt, geht eine unübersichtliche Situation im Mittelfeld voraus, entscheidend ist ein gutes Gegenpressing mit Ballgewinn von Hrustic nach einem schwachen Pass von Brandt. Erwähnenswert ist, dass der Angriff zuvor von Hinteregger eingeleitet worden war, der sich dann auch bis in die Spitze mitbewegt, wo er dann von Can gefoult wird, was zu dem Freistoß führt. Gutes situatives Einschalten von Hinteregger in dieser Szene. Die Ausführung Kostic-Borré ist eine einfache, einstudierte Standardvariante, analytisch nicht sehr relevant. Das 1:0 ist zu diesem Zeitpunkt glücklich, im Grunde der erste Abschluss der SGE.

Mit der Führung wird die SGE deutlich stärker. Die Abläufe verändern sich aber kaum, Dortmund versucht über Ballbesitz und Aufbau das Spiel zu dominieren, die SGE baut immer wieder Pressing-Fallen auf und versucht mit Schnellangriffen zum Abschluss zu kommen.

Aus genau so einer Situation entsteht dann auch das 2:0.

Hier das Pressing-Manöver der SGE. Borré und Kamada stellen die nächsten Anspielpositionen zu, Rode hat Zugriff auf Brandt, Hrustic bewegt sich in den Passweg Meunier-Brandt. Meunier kann eigentlich nur zu Hummels spielen (gefährlich, weil er sofort von Lindström wieder angelaufen werden kann), oder zu Bellingham oder Guerreiro mit Flugbällen. Der auf Bellingham müsste schon sehr genau kommen, außerdem hat Rode da noch Zugriff, also bleibt Meunier nur der Seitenwechsel auf Guerreiro, der in einer solch engen Situation mit Abstand technisch anspruchsvollste Ball. Meunier entscheidet sich schließlich dafür, einen Druckpass auf Brandt zu versuchen, der aber bei Hrustic landet.

Von Hrustic springt der Ball zu Borré und dann spult die SGE ihr Schnellangriff-Programm ab. Kurzer Rückpass auf Rode, der sofort mit dem Tiefenpass nach links auf Kostic.

Neben dem Ballgewinn von Hrustic entscheidend ist hier eine starke Aktion von Borré. Denn nach dem Rode-Anspiel auf Kostic geht dieser nicht ins 1 gg. 1 außen, sondern versucht einen Querpass vor dem 16er, der dann in der Zentrale bei Borré landet.

Das „X“ ist ungefähr der Startpunkt nach dem Kostic-Zuspiel. Borré hält den Ball und dribbelt die BVB-Viererkette nach außen an bis Kostic ganz frei steht.

Das ist ein kluger Dribblingweg von Borré. Man sieht, dass Meunier verzögern und die Innenbahn halten will, Borré also nicht attackiert, Can sich ebenfalls nicht zuständig fühlt und ebenfalls nicht herausrückt. So ist Dahoud allein in dem Zweikampf gegen Borré und Kostic steht außen frei. Die kleine Abstimmungsunsicherheit in der BVB-Kette wird hier von Borré provoziert. Kostic bringt den Ball dann in die Zentrale auf Kamada, etwas glücklich landet er dann wieder bei Borré, der einschießen kann.

Diese Dribblingwege aus der Zentrale sind ein schwieriger Fall für jede Viererkette, weil sie eine „nicht intuitive“ Bewegung der beiden beteiligten Verteidiger (Innen- und Außenverteidiger) erfordern. Entscheidend ist dabei der Raum. In dem Standbild oben ist gut zu sehen, dass Borré sich hier im Halbraum bewegt, also Can zuständig ist und herausrücken muss. Das tut er aber nicht, weil Borré sich mit dem seitlichen Weg Richtung Außenbahn aus Cans Raum und Zuständigkeitsbereich herausbewegt, aber Meunier kann das Herausrücken nicht übernehmen. Der Fehler liegt also hier hauptsächlich bei Can, der weder nach rechts schiebt, noch herausrückt und bei Meunier, der zu weit innen steht. Deswegen bekommen die Dortmunder keinen Druck auf Borré. Eine starke Aktion von Borré, die die Dortmunder Abwehr verunsichert und zu einem Stellungsfehler zwingt.

Nach dem 2:0 wird die SGE deutlich stärker, trotzdem bleiben die Dortmunder mit ihrem konsequenten Spiel über die Außen, vor allem über die Freiräume hinter Kostic eigentlich immer gefährlich. (Bsp. 27. Minute, „Spiel über den Dritten„, Meunier-Brandt-Malen rechts, eintracht.tv ab 31:03)

Nach einer von den Dortmundern abgewehrten Ecke hat der (noch) aufgerückte N´Dicka in der 29. Minute die Chance zum 3:0. Die Szene ist analytisch nicht sehr relevant, es ist eine „Standardsituation aus dem Spiel“, nämlich Spielfortsetzung nach einer abgewehrten Ecke. Es ist dann ein Zusammenspiel Chandler-Lindström-N´Dicka, das zu dem Pfostenschuss führt. In Standbildern lässt sich da wenig zeigen, aber wer sich das nochmal anschaut (eintracht.tv ab 33:03), der achte auf den Laufweg und das feine Füßchen von Lindström, der die Situation erkennt und den Ball nicht einfach nur vors Tor knallt, sondern N´Dicka gezielt anspielt. Pures Glück für den BVB in dieser Szene, das Spiel wäre mit einem 3:0 wohl entschieden gewesen.

Überhaupt Lindström. Er war von den Dortmundern kaum zu verteidigen. Der Spieler ist so schnell und technisch stark, dass er sehr häufig einfach nur „geschickt“ werden muss. Bei einem solchen Speed ist es dann auch gar nicht mehr so wichtig, ob die Bälle in seinen Lauf sehr genau gespielt werden, er ersprintet sie sowieso. Er hatte in dem Spiel etwas Pech im Abschluss, bzw. technische Abschlussfehler im Spiel, sonst hätte er das Spiel mit zwei Aktionen entscheiden können.

Aber er ist natürlich auch im Anlaufen beim Pressing so schnell, weshalb er dabei auch viele Bälle gewinnt, die ein etwas weniger schneller Spieler nicht bekommen oder es auch gar nicht erst versuchen würde. So etwa in der 34. Minute. Lindström ergattert einen krassen Fehlpass von Dahoud in der hinteren Reihe und sprintet auf Kobel zu, kommt auch frei zum Abschluss, trifft aber den Ball nicht richtig und daher nur das Außennetz. (eintracht.tv ab 37:52). Mit seiner Schnelligkeit auch im Anlaufen sorgt er darüber hinaus fortwährend für Unsicherheit beim Gegner. Allein der auf ihn zusprintende Lindström veranlasste einen erfahrenen Spieler wie Hummels zuweilen zu hektischen technischen Fehlern (Bsp. eintracht.tv ab 39:15).

Dennoch: Auch die Dortmunder bleiben immer gefährlich, Flanken und letzte Zuspiele sind aber oft so ungenau, dass die Eintracht-Verteidiger klären können. Das führt allerdings zu einigen Standards, u.a. insgesamt 5 Ecken allein in der ersten Halbzeit für den BVB. Eine davon führt in der 46. Minute zu einem Pfostentreffer.

Das 2:0 für die SGE entsprach bis dahin kaum dem Spielverlauf, war schmeichelhaft für die Eintracht. Kurioser Weise hätten sich die Dortmunder dennoch auch nicht über ein 0:3 beschweren dürfen, insbesondere da sie Lindström kaum in den Griff bekamen.

Die zweite Halbzeit (Re-Live)

Beide Trainer wechseln nicht und zunächst bleibt auch alles beim Alten. Die Dortmunder versuchen es weiterhin mit ihrem aufbaulastigen Ballbesitzspiel, mit dem sie gezielt die Dreier-Offensive mit vielen nachrückenden MIttelfeldspielern und Außenverteidigern ins Spiel bringen wollen, die Eintracht geht auf Konter, Schnellkombinationen und zweite Bälle.

Und wieder ist es Lindström, der in der 47. Minute die Riesenchance zum 3:0 hat. Die Entstehung ist ein klassisches Attackieren des zweiten Balles.

Langer Abschlag Trapp, ungenauer Pass Guerreiro auf Bellingham, der von Rode attackiert wird und von Bellingham springt der Ball in den Lauf von Lindström.

Lindström startet dann sofort mit vollem Tempo Richtung Can (der das aber auch völlig falsch verteidigt, Lindström den Gefallen tut und ihm mitten im Tempodribbling entgegen geht statt zu verzögern, und sich so praktisch selbst aus dem Spiel nimmt), tunnelt ihn und steht vollkommen frei vor Kobel, trifft den Ball aber nicht richtig, so dass Kobel halten kann. (eintracht.tv ab 3:08) Sehr viel Glück für den BVB.

Die SGE spielt mit der 2:0-Führung im Rücken passiver als in der ersten HZ. „Passiv“ bedeutet in diesem Zusammenhang hauptsächlich: selteneres Angriffspressing, bei eigenem Ballbesitz auch längere Stafetten ohne Schnellangriffsversuch, selteneres Nachrücken der 6er, und Außenverteidiger. Der jetzt tiefer stehende Defensivblock ist aber für die Borussen ebenfalls schwer zu bespielen. Mit Ausnahme eines Abschlusses von Haaland nach Flanke Guerreiro und schwacher Tuta-Abwehr in der 62. Minute und einem völlig verzogenen Schuss von Brandt in der 63. Minute nach einem gewonnenen 1 gg. 1 von Meunier gegen Hrustic und Kostic kommen sie kaum zum Abschluss.

In der 66. Minute wird dann auf beiden Seiten gewechselt. Bei den Dortmundern kommt Hazard für Brandt, der tatsächlich schwach gespielt hatte. Auf Seiten der SGE kommen Lammers für Lindström und Jakic für Rode. Beide Eintracht-Wechsel sind nicht nachvollziehbar, außer durch Verletzungen kaum zu begründen. Mit Rode verließ der letzte echte, erfahrene Sechser das Feld, der zuvor stark gespielt hatte und mit Lindström der stärkste Offensivspieler, den die Dortmunder nie kontrollieren konnten und der sie bis dahin immer wieder daran gehindert hatte, richtig aufzumachen.

Glasner erklärte nach dem Spiel, beide Spieler seien müde bzw. angeschlagen gewesen.

Bei der Borussia ändert sich mit dem Wechsel etwas die Statik. Hazard spielt fortan Linksaußen, Malen weiter Rechtsaußen, Haaland und Reus besetzen die Spitze, Reus eher als hängende Spitze. Dahoud und Bellingham spielen ein 2er-Mittelfeld, der BVB spielt jetzt ein sehr offensives, flügellastiges 4-2-4.

Neben der bereits erwähnten Passivität ist eine weitere Ursache des nun schwächer werdenden SGE-Spiels, dass die Mannschaft die eigenen Ballgewinne nicht mehr in Ruhe und sauber ausspielt, sondern jeden Ball sofort schnell und tief spielen will, auch wenn noch gar keine Anspielmöglichkeit besteht. (Beispiel 70. Minute Ballgewinn N´Dicka, Kostic mit einfachem Fehlpass ins nirgendwo, eintracht.tv ab 25:56)

In der Aktion danach entsteht der 2:1-Anschlusstreffer, der die Dortmunder endgültig zurück ins Spiel bringt. Langer Abstoß Trapp direkt auf den Kopf von Hummels, dessen Kopfball direkt bei Hinteregger landet. Der macht nun zunächst einen krassen technischen Fehler und „veredelt“ diesen dann noch indem er aus der Kette stürmt. Entscheidend für das Gegentor ist aber nicht nur Hintereggers Fehler.

Hinteregger stürzt aus der Kette, hinter ihm öffnet sich der Raum, Reus spielt ihn dann auch direkt auf Haaland. Unten ist Chandler gegen den schnellen Hazard auf der Außenbahn, hat da keine Chance mehr ranzukommen. So entsteht nun ein 2 gg. 1 (Haaland, Hazard gg. Tuta), keine Chance für Tuta, das alleine zu verteidigen.

Haaland spielt den Ball dann in den Lauf von Hazard, der allein vor Trapp stark vollendet. Das Gegentor hatte also insgesamt mehrere Gründe. Auf dem Standbild sind neben dem Fehler von Hinteregger zwei weitere (strukturelle) Fehler zu sehen. Zum einen die zu großen Abstände zwischen Viererkette und 6ern in diesen Situationen (großes Thema schon die ganze Saison), hier mit der Besetzung Hrustic, Jakic. Hinteregger macht zu viele dieser Fehler, auch in dieser Saison ist es nicht sein erster, das gleiche bei Hasebe. In einer echten Viererkette ist das nicht so problematisch, da sie eine cirka 10 Meter größere Breite hat.

Links und rechts beide Systeme, gleiche Situation, Hinteregger aus dem Spiel. Links die tatsächliche Situation, rechts das Spiel mit Viererkette. Links gut zu sehen Chandler auf der Außenbahn kann nicht eingreifen, Hintereggers Fehler und Chandlers fehlende Antizipation führen zum 2 gg. 1 direkt zum Torabschluss. Rechts die Ordnung mit einer echten Viererkette. Der rechte Außenverteidiger (Chandler) ist auf der Innenbahn, die Situation bleibt trotz Hintereggers Fehler ein gut zu verteidigendes 2 gg. 2.

Gut zu sehen: Der Hinteregger-Fehler darf in einer Viererkette passieren, in der Dreierkette nicht.

Nach dem Spiel machte Glasner vor allem das fehlende Offensivspiel in dieser Phase für das Kippen des Spieles verantwortlich, insbesondere zu viele Rückpässe auf Trapp. Das ist korrekt und es ließen sich einige Szenen zeigen, in denen die SGE sich selbst in Bedrängnis bringt, indem sie Angriffe einfach abbläst. Das vielleicht krasseste Beispiel aus der 74. Minute:

Das ist eine abgewehrte Ecke. Hinteregger hat vier mehr oder minder riskante Anspieloptionen in Breite und Tiefe, entscheidet sich dann aber für einen 30-Meter-Rückpass auf Trapp.

Da der Pass von Hinteregger auch noch zu schwach gespielt ist, attackieren ihn die Dortmunder, Trapp bleibt nichts übrig, als den Ball ins Seitenaus zu schießen.

Allerdings versucht die SGE durchaus auch weiter nach vorne zu spielen, hat auch gelegentlich noch Angriffe mit Abschlüssen, meist über Kostic und Borré.

In der 79. Minute bringt Glasner Hasebe für Kamada, also ein defensiver Wechsel, Hasebe geht ins Mittelfeld. Damit ändert sich die Statik des Spiels, die SGE spielt jetzt ein 3-5-2, so zeigt es auch Glasner von der Seite an.

In der 86. Minute erzielen die Dortmunder das 2:2. Bei dem Tor liegt weder ein gravierender Kettenfehler vor, noch überhaupt ein großer Abwehrfehler. Solche Tore können fallen, das haben die Dortmunder gut gespielt, ihre Qualität in den 1 gg. 1 – Situationen ausgespielt und bei der Flanke das Glück, dass die so perfekt kommt und die SGE hinten Bellingham nicht zugeordnet bekommt. Den einzigen gravierenden Stellungsfehler macht in der Entstehung Hrustic, der viel zu weit aus dem Mittelfeldverband herausrückt und so den entscheidenden Passweg Meunier-Malen öffnet.

Hrustic steht viel zu weit aufgerückt, verteidigt die Außenlinie. Kostic trabt wie üblich nach hinten, auch Jakic steht viel zu weit aufgerückt.

Auch bei der Spielfortsetzung und dem Pass von Malen auf Reus fehlt Hrustic dann natürlich, während die Kette und Hasebe das Fehlen von Kostic mit richtigen Laufwegen kompensieren können. Danach ist die Situation nicht mehr strukturell zu kontrollieren. Der viel gescholtene Lammers sieht in der Situation auch nicht besonders glücklich aus, aber er versucht hier als Mittelstürmer die Position von Hrustic (die dieser sinnlos verlassen hat) zu stopfen, da steht er dann beim Malen-Reus-Pass nicht richtig, aber ihm das vorzuwerfen ist natürlich unsinnig.

Beim 2:3-Siegtreffer der Dortmunder schließlich ist es dann Jakic, der die Situation ermöglicht.

Den von Hazard zuvor sehr schwach gespielten Chipball köpft Hasebe Richtung Jakic. Doch der macht keinen Schritt zum Ball, sondern bleibt stehen. Deshalb kann sich Hazard den Ball dann wieder holen und ihn in die Zentrale spielen, wo er dann bei Dahoud landet.

Klarer Fehler von Jakic in dieser Situation, aber auch schon zuvor stand er fast in jeder Situation zuverlässig falsch, spielte viel zu undiszipliniert, übermotiviert (mit voller Leidenschaft, was im Fußball, wie bereits erwähnt eher störend ist als hilfreich) und zu aggressiv. Aber auch Jakic ist ein junger Spieler, der Entwicklungszeit braucht, gerade auf einer solch zentralen Position. Zwischen ihm und Rode liegen aktuell noch Welten, das hat man heute gesehen.

Fazit

Der knappe Sieg der Dortmunder ist etwas zu viel des Schlechten, ein Unentschieden wäre ebenfalls ein angemessenes Ergebnis für das Spiel gewesen, vor allem weil die Dortmunder bis zu den Auswechslungen von Lindström und später auch Kamada die Vierer-Eintrachtoffensive nicht zuverlässig verteidigen konnte.

Der Knackpunkt war die Auswechslung von Rode. Jakic und Hrustic sind (noch) keine 6er, die alleine die sehr komplexen vor allem antizipatorischen Aufgaben in der Mittelfeldzentrale lösen können, wie man in der Entstehung der beiden Gegentore sehen kann. Die beiden Spieler waren gegen diesen Gegner damit schlicht überfordert, was der Hauptgrund dafür war, dass die Dortmunder in der 2. Halbzeit den Druck auf das Tor der SGE erhöhen konnten.

Der viel gescholtene Lammers war kaum im Spiel eingebunden, machte aber außer dem kleinen Stellungsfehler, der ihm unterlief, als er versuchte die von Hrustic hinterlassene Lücke zu stopfen, auch nichts falsch. Es ist etwas rätselhaft, warum sich nun alle auf ihn einschießen.

Wenn Lindström und Rode in der 66. Minute wirklich so müde waren, dass sie ausgewechselt werden mussten und Glasner die Statik des Spiels so wenig wie möglich ändern wollte, dann war der Lammers-Wechsel einfach das naheliegendste, da er Lindström von allen Alternativen in der Spielweise noch am ehesten ähnelt. Man hätte sicher darüber nachdenken können, Borré nach außen oder hinter die Spitze zu ziehen und den etwas aggressiveren Paciencia zu bringen, aber Glasner erklärte nach dem Spiel, dass Paciencia nicht richtig fit war und Lammers gut trainiert hatte.

Alles in allem waren die Dortmunder der SGE in praktisch jeder statistischen Hinsicht überlegen (siehe oben), fast das ganze Spiel über das dominante Team und auch technisch stärker als die SGE. Das ist aber auch nicht sehr überraschend. Für den Saisonerfolg werden eher nicht die beiden Top-Spiele gegen Dortmund und Bayern ausschlaggebend sein, sondern die Frage, ob die SGE an die souveräne Leistung vom Mainz-Spiel auch gegen die kommenden Gegner (Augsburg, Bielefeld, Stuttgart) anschließen kann und es schafft, in diesen Spielen zuverlässig zu punkten.

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