SGE – FC Augsburg

Auch zum Augsburg-Spiel wieder ein wenig Analytisches, nachzusehen hier: https://tv.eintracht.de/video/1-hz-eintracht-fc-augsburg-134976/ bzw. hier: https://tv.eintracht.de/video/2-hz-eintracht-fc-augsburg-134975/ Und in diesem Spiel ist die entscheidende Frage, warum der SGE kein Tor gelungen ist, da Augsburg nur wenige offensive oder Konteraktionen hatte, die Eintracht total überlegen war. Warum also trotzdem nur 0:0?

1. Glasner stellt auf 4er-Kette um, bringt mit Durm und Lenz zwei echte Außenverteidiger, setzt mit Hauge und Kostic auf zwei echte Außen und mit Lindström auf nur einen echten Zehner. Wie ich bereits in den Berichten zu den Spielen gegen SVW und BVB erwähnte und lustigerweise auf eine Nachfrage eines Journalisten auch Glasner nach dem Spiel in der PK erklärte, ist die 4er-Kette (im 4-2-3-1 bzw. 4-2-1-3) eher die offensivere Aufstellung als die 3er-Kette, da man nun mit 4 statt 3 rein offensiven Spielern spielt.

2. Die erste Viertelstunde der SGE war noch nervös, gerade in eigenem Ballbesitz waren die gewünschten Abläufe im Aufbau noch teilweise unklar oder konnten nicht umgesetzt werden. So kam es zu einigen leichten Ballverlusten und unsicheren Zweikämpfen, aber in der 6. Minute (ab E-TV 17:45) auch bereits zu einem ersten sehr guten Angriff von hinten links über N´Dicka, Lenz, Hrustic und Sow, der die Situation sofort erkennt, mit einem Tempolauf Richtung halbrechts den Angriff eröffnet, dann einen extrem gut getimten Steilpass auf Borré spielt, der den Ball aus der Zentrale rechts dem mitgelaufenen Durm perfekt in den Lauf spielt, Durms Flanke erreicht dann niemanden, aber wenn die ein bisschen kürzer und flacher gekommen wäre, hätte Kostic hier das 1:0 erzielen können. Die Szene zeigt die technische Stärke der SGE-Mannschaft. Alle beteiligten Spieler können in sehr hoher Geschwindigkeit nicht nur richtige Entscheidungen treffen, sondern diese auch technisch umsetzen. Das ist beeindruckend und noch vor 4 Jahren hat man solche zielstrebigen, technisch/taktisch sauberen Kombinationen bei Eintracht-Mannschaften alle Jubeljahre mal gesehen. Dennoch verhindert hier ein kleiner technischer Fehler von Durm das mögliche Tor (präzise Flanke aus vollem Lauf zu ungenau). Dazu so viel: Je näher am gegnerischen Tor eine Offensivaktion ausgeführt wird, desto mehr Gegenspieler versuchen diese zu verhindern, wodurch der Raum, der zur Ausführung der Offensivaktion zur Verfügung steht, dementsprechend immer kleiner wird. Außerdem: Je defensiver ein Gegner aufgestellt ist, desto (noch) enger wird der zur Verfügung stehende Raum, die Offensivaktionen müssen also immer präziser und schneller ausgeführt werden, je mehr sich ein Angriff dem Abschluss nähert. So sieht man bei dieser Aktion, dass Hrustic, Sow und Borré die technischen Aufgaben sehr gut lösen können, sie haben noch genug Raum, während Durm die technisch schwierigste Aufgabe von allen hat und diese dann nicht mehr präzise genug ausführen kann.

3. Sehr interessant auch die 11. Minute (ab 23:18 E-TV): Trapp spielt den Ball lang, der Spielaufbau der SGE beginnt also mit dem Versuch, den Rebound/2. Ball zu gewinnen. Das ist ein häufiger Ablauf, also kein Spielaufbau über Kurzpass- und Positionsspiel, sondern über einen gewonnenen 2. Ball. Dieser „Spielaufbau“ hat Vor- und Nachteile: Der Vorteil ist, dass man nicht am eigenen Sechzehner gepresst werden kann (Risikominderung), der Nachteil, dass man jedes Mal erst den unkontrollierten hohen Ball unter Kontrolle und in eigenen Besitz bringen muss (fehlende Spielkontrolle). Das ist überhaupt ein Trend seit einigen Jahren, also seit sich dauerhaftes Angriffspressing zur Normalität entwickelt hat. Ein sehr interessanter Trend, denn ab Mitte der 90er und insbesondere ab ca. 2005 setzte sich mehr und mehr das kontrollierte Positions- und Aufbauspiel durch, der lange Pass, lange Abschläge, etc. waren verpönt. Heute wird das wieder ganz regelmäßig als Mittel im Aufbauspiel genutzt, auch bei den Topclubs.

Hier funktioniert es bei der SGE perfekt, den vom FCA abgewehrten 2. Ball gewinnt Lenz, es geht wieder schnell über Lindström, der das sehr schnell und mit viel Übersicht löst, Kostic schickt, der direkt auf Borré am 5er, der aber knapp neben das Tor schießt. Hier gibt es wieder kleine technisch/gruppentaktische Ungenauigkeiten. Technisch: Kostics Ball und Borrés Lauf passen nicht perfekt, letztlich ist der Abschluss nicht genau genug, also eine technischer Ungenauigkeit von Borré. Gruppentaktisch: Borré hätte stärker verzögern können/müssen, Kostic hätte evtl. besser auf Hauge, also eine Position weiter zurück legen sollen.

4. 29. Minute: Nächster guter Angriff der SGE über Hrustic, Hauge, Durm und Borré ganz rechts außen, dessen Flanke erreicht niemanden. Hier ist wieder die enorme Kombinationsstärke der SGE zu sehen, aber auch wieder die großen Abstimmungsprobleme, diesmal in der Strafraumbesetzung. (Szene bei EintrachtTV ab ca. 41:00) Denn Borré, der die Situation mit seinem Ausweichen auf die Flügel überhaupt erst öffnet, fehlt dann in der Zentrale als Abnehmer für seine eigene Flanke. Die zieht er auf den langen Pfosten, wo aber niemand lang nachgerückt ist. Man sieht in der Szene sehr schön, dass Lindström und Hauge beide Richtung kurzer Pfosten gehen und Kostic den Rückraum besetzt. In dem Moment, als Borré flankt, sieht es noch so aus, als ob Hauge evtl. auf den langen Pfosten geht, daher kommt die Flanke dann dorthin. Wäre entweder Hauge oder Kostic auf den langen Pfosten gelaufen, wäre das eine große Chance geworden. Hier haben wir als ein schlichtes Abstimmungsproblem zwischen den drei Strafraumbesetzern und dem Flankengeber.

5. Die spielentscheidende Szene scheint mir die 32. Minute zu sein. Hier wieder so eine blitzschnelle, technisch saubere Kombination nach Ballgewinn über Durm und den sehr starken Borré, der wieder den Raum auf Rechtsaußen besetzt. Statt auf Lindström zu flanken, kappt er diesmal ab, verlädt so seinen Gegenspieler, Pass auf Hauge im 16er, der kurz quer auf den völlig freien Hrustic. Hrustic legt sich den Ball auf seinen starken Linken, geht an Oxford vorbei und hat freie Schussbahn, wird dann aber von Oxford einfach zurückgezogen und umgeworfen, so dass er nicht schießen kann. Das war ein klares Foul, Elfmeter und Gelb für Oxford, Schiri Osmers lässt stattdessen weiterlaufen, kein VAR-Eingreifen. Die anschließende Ecke ist übrigens die nächste gute Chance für die SGE (Hauge).

6. In der zweiten Halbzeit geht es so weiter wie in der ersten, schnelle, gezielte Kombinationen der SGE-Offensive, Torchancen, die dadurch entstehen, viel Glück für Augsburg, so in der 55., 62., 65. 66., 78. Minute.

7. In der 70. Minute bringt Glasner Kamada für Hauge und auf Augsburger Seite kommt Gregoritsch (1,93m), was nicht ganz unwichtig ist, da sich durch ihn das FCA-Spiel etwas ändert und die SGE defensiv etwas mehr gefordert ist, weil Gregoritsch jetzt Zielspieler wird und die Eintracht die langen Bälle nun nicht mehr geschenkt bekommt. Auch der eingewechselte Caligiuri mit seiner Ballsicherheit trägt dazu bei, dass der FCA jetzt etwas weniger schnell die Bälle verliert.

8. Wie wacklig die Defensive der SGE ist, zeigte sich in mehreren Großchancen des FCA. Dass es die nicht gegeben habe, wie man nach dem Spiel von vielen Seiten lesen und hören konnte, ist falsch. Beispiel 74. Minute (E-TV 2.HZ ab etw 29:50): Wieder dient Gregoritsch als Anspielpunkt und in der Folge zeigen sich die Schwächen der SGE in der Defensive. Die beiden Sechser werden hier ohne Absicherung aus dem Spiel genommen, weil Hrustic den Zweikampf mit dem ballführenden Caligiuri einfach verlässt und an Sow übergibt, der seine absichernde Position halbrechts verlässt, womit der FCA über den aufgerückten Pedersen (also über die Sow-Position) den Angriff verlagern kann. Und damit ist auch die 4er-Kette der SGE gesprengt, Durm muss den Abstand zum herausgelaufenen N´Dicka halten, macht damit die Außenbahn (Vargas) auf (richtig, was soll er sonst machen?) und genau da wird der Ball dann auch hineingespielt, die Hereingabe bekommt dann kein Augsburger, aber das ist pures Glück. Mit ein bisschen Pech steht es hier 0:1 und diese Szene ist wirklich problematisch, denn solche 6er/Ketten-Fehler (beide Sechser auf einer Höhe und auf der gleichen Seite, Kette gesprengt) dürfen eigentlich nicht passieren und wenn, dann müsste einer der Offensiven schnell mit nach hinten und diesen Raum abdecken (hier am ehesten Kamada, der das auch tatsächlich macht, aber etwas zu spät).

10. Durch die Einwechslungen wird der FCA offensiver, was für die Eintracht Kontermöglichkeiten bringt. Interessant hier: Auch das lösen die Frankfurter stark, in der 70. Minute spielen sie einen Konter aus dem Lehrbuch: Abwurf Trapp auf Kostic, der sofort erkennt, dass er das Spiel schnell halten muss und mit einem überragenden Diagonalpass über das halbe Spielfeld Kamada rechtsaußen einsetzt. Kamada löst das mit seiner starken Technik auch perfekt, nimmt den Ball in vollem Lauf an und mit und geht dann auch vollkommen richtig ins Dribbling gegen den FCA-Innenverteidiger. Nun erkennt er aber die Situation nicht richtig, versucht selber abzuschließen, statt auf Borré zu passen. Das Problem hier: In dem Moment, als Kamada ins Dribbling geht, ist Borré noch gedeckt und es ist nicht ganz klar, ob der 2. FCA-Innenverteidiger zum Doppeln kommt oder nicht. Er tut es dann und Kamada müsste quer auf Borré passen , der dann frei vor dem leeren Tor gestanden hätte. Hier verhindert das Tor der fehlende Blick und damit die falsche Abschlussentscheidung von Kamada. (Wäre aber auch evtl. abseits gewesen)

11. Fazit und Spielerbewertungen

Das Augsburg-Spiel steht durchaus in Kontinuität zu den anderen beiden Pflichtspielen. Auch hier hat sich gezeigt, dass das neue SGE-Team eine spielerische Weiterentwicklung ist, die Mannschaft ist auf engem Raum in ihrem Kombinationsspiel extrem stark, es wird in der BL kaum eine Mannschaft geben, die das nachmachen kann, mit Ausnahme der Bayern, Dortmund, Leipzig und vielleicht Leverkusen.

Die vielen guten Angriffe und Chancen wurden fast immer durch falsche individuelle Entscheidungen (schießen statt querlegen), Abstimmungsprobleme in der Strafraumbesetzung (fehlendes Anlaufen von Abschlussräumen) oder kleinere technische Unzulänglichkeiten zunichte gemacht, was aber alles nicht besonders besorgniserregend ist. Bei Lindström, Borré und insbesondere bei Hauge hatten die falschen Entscheidungen viel mit unübersehbarer Nervosität zu tun. Neben diesen Fehlern in den Entscheidungen beim letzten/vorletzten Pass war eine falsche Schiedsrichetrentscheidung bzw. ein Foul an Hrustic eine spielentscheidende Szene zu Ungunsten der SGE.

Der stärkste SGE-Feldspieler war wieder Sow, der praktisch an allen Aktionen der Mannschaft irgendwie beteiligt ist und mittlerweile auch so etwas wie der Aggressiv-Leader ist. Aber auch die komplette Offensive mit Lindström, Hauge, Hrustic, Kamada und den sehr starken Kostic und Borré hat unübersehbar ein gutes Spiel gemacht.