Borussia Dortmund – SGE

Nachdem auch zum Dortmund-Spiel ja jetzt sehr viel geschrieben wurde, was für eine Katastrophe das gewesen sei, Debakel usw. hier eine kurze taktische Analyse:

(alle Szenen können hier (https://tv.eintracht.de/video/1-hz-borussia-dortmund-eintracht-134824/) nachgesehen werden, die Video-Minuten sind wieder angegeben)

1. Die ersten 20 Minuten (4:02 bis 24:00)

Wenn man sich das Spiel noch einmal genau anschaut, wird man etwas erstaunt feststellen, dass die SGE das in den ersten 20 Minuten gar nicht so schlecht gemacht hat, die Dortmunder Anfangsoffensive längst überstanden hatte und sich gerade daran machte, mehr Spielanteile zu gewinnen. So fiel auch das 1:0 in eine der häufiger werdenden Ballbesitzphasen der Eintracht.

2. Das 1:0 (ab 26:20)

Dem 1:0 ging wie gesagt eine Passage in der Dortmunder Hälfte voraus. Nach einem Barkok-Ballverlust am BVB-16er geht die SGE sehr weit vorne ins Gegenpressing – erfolgreich: Die Dortmunder werden zu einem Fehlpass gezwungen, den Hasebe mitten in der BVB-Hälfte bekommt und direkt auf den aufgerückten N´Dicka auf links weiterleitet. Nun gehen die Dortmunder ins Gegenpressing und bedrängen N´Dicka, der verliert den Ball, dann geht es schnell über Haaland zu Reus, Tor. Welche Fehler werden hier gemacht?

Hasebe muss den Ball direkt auf N´Dicka weiterleiten, weil er bereits wieder bedrängt wird, aber dann bleibt er stehen, anstatt sich nach hinten N´Dicka anzubieten, was der entscheidende Fehler aus gleich zwei Gründen ist. Zum einen kann Hasebe so einen möglichen Ballverlust von N´Dicka nicht absichern, zum anderen hat dieser nach hinten keine Anspielstation. Und die wäre nötig gewesen, da die SGE sich nicht aus dem BVB-Gegenpressing befreien konnte. Aber auch N´Dickas Entscheidung, gegen zwei Gegner ins Dribbling zu gehen, ist natürlich katastrophal, er muss den Ball zurück zu Hinteregger spielen oder einen Seitenwechsel versuchen. Stattdessen verliert er ihn, der Ball springt zu Haaland, der sofort Tempo aufnimmt.

Zunächst machen nun Ilsanker/Hinteregger alles richtig, versuchen Haaland zu verzögern, indem sie „rückwärts“ laufen, Hasebe sprintet Haaland auch hinterher, macht dann aber eine vollkommen katastrophale Grätsche und nimmt sich selbst damit aus dem Spiel, womit die SGE-Abwehr jetzt in 2:3 – Unterzahl ist. Haaland macht alles richtig, dribbelt den äußeren Innenverteidiger an, womit er aus dem 3:2 ein 2:1 macht, Ilsanker hätte vielleicht weiter verzögern müssen, statt entgegenzugehen, aber das ist wirklich schwer zu verteidigen. Indem er auf Haaland zugeht, riskiert er aber, sich komplett aus dem Spiel zu nehmen, was dann auch passiert. Die entscheidenden Fehler machen in dieser Situation aber Hasebe und N´Dicka, man kann vielleicht noch darüber reden, dass beide Sechser viel zu weit aufgerückt sind und Sow daher auch nicht mehr eingreifen kann, aber das scheint wohl so taktisch gewollt zu sein, um möglichst hohen Pressing-Druck ausüben zu können.

3. Das 1:1 (ab 30:27)

Das Tor war durchaus nicht, wie überall zu lesen, pures Glück oder Gastfreundschaft der Dortmunder, sondern in dieser Spielphase ziemlich folgerichtig, denn die Eintracht setzte den Dortmundern trotz 0:1 ziemlich zu und das SGE-Pressing war nicht nur in der Situation ziemlich wirkungsvoll. Hier gewinnt Sow den Ball in der BVB-Hälfte durch sein sehr starkes Zweikampfverhalten, spielt den Ball nach vorne auf Barkok, der legt gut und schnell quer auf Borré, der mit einer Abkappbewegung nach links an Paßlack vorbeizukommen versucht und das wäre auch gelungen, hätte Paßlack den Ball nicht mit einer Notaktion ins eigene Tor geschossen. Bekommt er den nämlich nicht, steht Borré vollkommen alleine vor dem BVB-Tor. Das war eine tolle Pressingaktion und ein verdientes Tor. Zu diesem Zeitpunkt war auch das 1:1 durchaus nicht unverdient. Die ersten 25 Minuten dieses Spiels waren definitiv kein Debakel, sondern von der SGE ein ganz ordentliches Spiel.

4. Die Phase nach dem 1:1 (31:00 bis 35:30)

Nach diesem 1:1 wird die SGE noch stärker. Ich empfehle, sich diese Phase im Relive einmal anzusehen, da schießt die Eintracht nämlich zweimal fast das 2:1 nach der dritten oder vierten sehr starken Pressingsituation hintereinander. Zu diesem Zeitpunkt spielen die Dortmunder fast ausschließlich auf Konter und werden von der SGE dauernd erfolgreich gepresst. Wäre die Eintracht hier in Führung gegangen, was durchaus möglich war, wäre das Spiel sehr sicher anders ausgegangen. Ich verstehe nicht, wie man diese erste Halbzeit der Eintracht als vollkommenes Debakel gesehen haben kann. Das ist schlicht ahnungslos, und noch mehr wundere ich mich darüber, dass selbst der eigene Trainer nach dem Spiel meinte, sie seien chancenlos gewesen, das ist Quatsch.

5. Das 2:1 (ab 35:16)

Das Tor ist ein Konter direkt nach der erneuten Führungs-Chance der Eintracht und ist zu diesem Zeitpunkt für die Dortmunder eher glücklich. Witsel kann im eigenen 5er gerade noch so verhindern, dass hinter ihm Barkok den Sow-Querpass ins Tor schiebt, und von Witsel springt der Ball dann zu Dahoud, mit zwei schnellen Bällen kommt der BVB dann ins Tempo und hier funktioniert die Absicherung der Eintracht schlecht. Zunächst nimmt sich Hasebe erneut selbst aus dem Spiel, indem er zu früh auf den Ball geht statt zu verzögern, dann sprintet er Hazard nicht hinterher, sondern läuft Richtung Mitte. Aber auch Ilsanker rückt unmotiviert und viel zu früh raus, so kann man natürlich einen Konter nicht verzögern, dann macht N´Dicka den gleichen Fehler und geht auf den Ball, den er nie bekommen kann, statt im Abwehrverbund zu bleiben. Nachdem sich Hasebe, Ilsanker und N´Dicka durch zu frühes auf den Ball rennen freiwillig aus dem Spiel verabschiedet haben, sprintet Kostic noch auf die Innenverteidigerposition und versucht zumindest ein 1:2 herzustellen, kommt aber zu spät, den muss Hazard dann nur noch einschieben. Das fehlende Antizipations- und Differenzierungsvermögen (wann muss ich auf den Ball, wann muss ich verzögern?) haben bereits gegen Mannheim zu den Gegentoren geführt, das muss dringend im Training geklärt und eingeschliffen werden, sonst hagelt es Kontergegentore wie letzte Saison.

Die entscheidenden Fehler hier machen Hasebe, Ilsanker und N´Dicka, das Tor wäre zu verhindern gewesen, es sind strukturelle individual/gruppentaktische Fehler, die exakt so letzte Saison schon die CL-Teilnahme gekostet haben und von Hütter nie bearbeitet wurden.

6. Das 3:1

Das Tor ist ein Witz und fällt aus heiterem Himmel, da können die Dortmunder kaum etwas für. Genaugenommen sind sie ganz hinten schon wieder von der Eintracht festgesetzt worden und Kobel hat keine Chance mehr, außer mit einem Befreiungsschlag den Ball nach vorne zu dreschen. Das ist im Grunde ein gewonnenes SGE-Pressing, das dürfte exakt so der Matchplan von Glasner gewesen sein und der ging auch hier auf. Der Ball wird dann mehr oder minder blind von Reus nochmal per Kopf verlängert und landet dann eigentlich bei Ilsanker, nur geht der nicht einfach mit dem Kopf zum Ball, sondern läuft erst weg und geht dann mit einem hohen Bein in den Zweikampf mit Haaland. Das ist ein haarsträubender individueller Fehler von Ilsanker, Haaland bekommt den geschenkt.

Bis dahin muss man sagen, dass der BVB die SGE zweimal ausgekontert hat und ein Tor von Ilsanker geschenkt bekommen hat. Ansonsten waren die bis dahin mit dem Eintracht-Pressing ziemlich gefordert und hatten in der ganzen ersten Halbzeit keine einzige Chance aus eigenem Aufbau- und Ballbesitzspiel heraus. Sehr beeindruckend war das bis dahin eigentlich nicht.

6. Phase nach dem 3:1

Das 3:1 ist ein Wirkungstreffer, in den 15 Minuten danach traut sich die SGE-Mannschaft das Pressing nicht mehr ganz so konsequent zu, die Eintracht wird etwas schwächer und ist verunsichert, aber selbst das können die Dortmunder kaum nutzen, bis zur Halbzeit passiert praktisch nichts mehr.

In der Halbzeit wechselt Glasner mehrmals. Er stellt auf 4er-Kette um, damit bekommt er Platz für einen weiteren Offensiven. Daher kommt Lenz als Linksverteidiger, der sehr fehleranfällige Ilsanker geht raus, der Wechsel ist nachvollziehbar. Dass Lindström, der gegen Mannheim der stärkste Offensivspieler war, nicht von Anfang an gespielt hat, war etwas unverständlich, jetzt kommt er für Barkok, der etwas unauffällig, aber nicht schlecht gespielt hat, trotzdem nachvollziehbar. Kamada herauszunehmen war hingegen keine gute Entscheidung, denn er war in der ersten Halbzeit an fast allen Offensivaktionen der SGE beteiligt, mit Sow und Hinteregger der auffälligste Feldspieler. Ein weiteres Problem ist, dass Lindström sehr linkslastig spielt, während Kamada eher die Zentrale hält. Jetzt also in HZ 2 ein 4-2-1-3 mit Kostic und Hauge als Links- und Rechtsaußen. Den erneut mit Abstand schwächsten Spieler (Hasebe, wie schon gegen Mannheim) lässt Glasner auf dem Platz.

Die nächsten Szenen in diesem Stream: https://tv.eintracht.de/video/2-hz-borussia-dortmund-eintracht-134826/

7. Das 4:1 (ab 14:27)

Mit den Umstellungen wird das Pressing der SGE zunächst eher schwächer als besser, vor allem Hauge ist oft zu spät und offenbar noch kaum informiert, wann und wie angelaufen werden soll. Lindström hingegen hat in der ersten Viertelstunde bereits zwei starke Aktionen über links, Borré vergibt jeweils aus ziemlich guter Position. Mit ein bisschen Glück hätte da auch der Anschluss gelingen können. Dann aber das 4:1. Das Tor resultiert aus einer inkonsequenten Pressingsituation rechts/halbrechts. Lindström schiebt nicht mit nach halbrechts, auch Sow rückt nicht nach, so kann sich Dortmund befreien und über Tempodribbling Dahoud den Angriff einleiten. Dahoud spielt nun aus dem Mittelkreis einen Steilpass auf Haaland, den Hinteregger per Grätsche zunächst abfangen, aber nicht kontrollieren kann. Daher landet er bei Reus, womit der BVB 3:1 am 16er steht. Sie spielen es dann nicht einmal besonders gut aus und Lenz kommt sogar nochmal an den Ball, aber das ist dann kaum noch zu verteidigen. Die Fehler liegen hier in dem nicht mehr konsequenten Pressing, dann in dem fehlenden Eingreifen beider 6er, die mit dem Tempolauf von Dahoud beide überspielt werden, Hasebe steht hier hinter Sow, was sicher so nicht gedacht ist und schließlich der Grätsche von Hinteregger. Er muss hier versuchen, auf den Beinen zu bleiben, den Ball klären oder ablaufen. Auch bei diesem Tor nimmt sich also ein SGE-Verteidiger selbst aus dem Spiel. Das ist aber das einzige der 5 Tore, das sich der BVB selbst herausgespielt hat.

Bis zur 70. Minute tut sich wenig, die Eintracht bleibt ziemlich aggressiv und stark im Pressing, steht aber etwas tiefer, Dortmund kommt in dieser Phase drei mal ins Tempo mit gefährlichen Aktionen, die Eintracht ebenfalls drei mal, das Spiel an sich bleibt ausgeglichen, einen haushoch überlegenen BVB sieht man hier genauso wenig wie in der ersten Halbzeit.

Hrustic kommt jetzt für Hasebe.

8. Das 5:1 (ab 27:06)

Das Tor geht natürlich auf Da Costa, aber um ihn mal in Schutz zu nehmen sei gesagt, dass das sein erster größerer Fehler in dem Spiel war und er ansonsten recht solide gespielt hat. Beim Stand von 1:4 ist das sicher auch nicht mehr entscheidend. Das Problem ist hier, dass er auf halbrechts/rechts keine Anspielstation nach vorne oder rechtsaußen findet. Sicher hätte da rechtsaußen besetzt sein müssen, aber der Ball darf natürlich niemals so Reus in die Füße gespielt werden. Man könnte vielleicht auch noch einen kleinen Stellungsfehler bei N´Dicka ausmachen, der nicht richtig auf Abseits spielt, aber da kann man ihm kaum einen Vorwurf machen, das ist dann auch hinterher nicht mehr zu verteidigen und stark von Haaland gemacht. In der 80. Minute verhindert Da Costa übrigens mit einem tollen Zweikampf das 6:1

9. Die Endphase und das 5:2

In der zweiten Halbzeit hatte die SGE sogar ein Chancenplus, Borré kann allein 3 Tore schießen, Lindström eins, dazu das 5:2 von Hauge. Dieses fällt nach einer Ecke, die aus der letzten von Borrés Großchancen entstanden ist. Kostic hatte geflankt, Borré geköpft und Kobel gehalten. Die Ecke verlängert Ache perfekt auf Hauge, der dann volley trifft. In der Schlussphase muss dann Trapp nochmal stark gegen Haaland halten

10. Fazit und Spielerbewertungen

Dortmund gewinnt das Spiel verdient, aber nicht weil sie haushoch überlegen waren oder taktisch besser – selbst in Sachen Großchancen war die Sache lange nicht so eindeutig, wie es das Ergebnis vermuten lässt – sondern hauptsächlich deswegen, weil sie deutlich weniger krasse individuelle Fehler gemacht haben und die Fehler der SGE sehr konsequent ausgenutzt haben. Das Spiel insgesamt war ziemlich ausgeglichen, die Eintracht bei weitem nicht so schwach wie sie hinterher bewertet wurde. Zieht man die beiden Gratisgeschenke von Ilsanker und Da Costa ab, geht das Spiel 3:2 aus und das hätte auch etwa dem Spielverlauf entsprochen.

Bester Frankfurter war Lindström mit fünf sehr starken Offensivaktionen in der zweiten Halbzeit, auch Sow war auffällig gut und mit wenigen Fehlern. Er hat sich keineswegs versteckt, da müsste man wirklich mal die Leute, die das immer behaupten, fragen, woran sie das festmachen. Der ist an fast jeder Aktion der SGE beteiligt und spielt auch in diesem Spiel wieder einen starken Pass nach dem anderen. Man kann das ja nicht übersehen, wenn man das Spiel nochmal anschaut. Auch Kamada, Kostic und Sow waren fast immer auf der Höhe und haben gut gespielt, Borré war sehr aktiv, aber auch sehr unglücklich im Abschluss. Sehr schwach waren nur Hasebe und Ilsanker. Da Costa macht den einen krassen Fehler, ist sonst zwar solide, aber auf Dauer sind das natürlich zu viele Aussetzer.

SGE – FC Augsburg

Auch zum Augsburg-Spiel wieder ein wenig Analytisches, nachzusehen hier: https://tv.eintracht.de/video/1-hz-eintracht-fc-augsburg-134976/ bzw. hier: https://tv.eintracht.de/video/2-hz-eintracht-fc-augsburg-134975/ Und in diesem Spiel ist die entscheidende Frage, warum der SGE kein Tor gelungen ist, da Augsburg nur wenige offensive oder Konteraktionen hatte, die Eintracht total überlegen war. Warum also trotzdem nur 0:0?

1. Glasner stellt auf 4er-Kette um, bringt mit Durm und Lenz zwei echte Außenverteidiger, setzt mit Hauge und Kostic auf zwei echte Außen und mit Lindström auf nur einen echten Zehner. Wie ich bereits in den Berichten zu den Spielen gegen SVW und BVB erwähnte und lustigerweise auf eine Nachfrage eines Journalisten auch Glasner nach dem Spiel in der PK erklärte, ist die 4er-Kette (im 4-2-3-1 bzw. 4-2-1-3) eher die offensivere Aufstellung als die 3er-Kette, da man nun mit 4 statt 3 rein offensiven Spielern spielt.

2. Die erste Viertelstunde der SGE war noch nervös, gerade in eigenem Ballbesitz waren die gewünschten Abläufe im Aufbau noch teilweise unklar oder konnten nicht umgesetzt werden. So kam es zu einigen leichten Ballverlusten und unsicheren Zweikämpfen, aber in der 6. Minute (ab E-TV 17:45) auch bereits zu einem ersten sehr guten Angriff von hinten links über N´Dicka, Lenz, Hrustic und Sow, der die Situation sofort erkennt, mit einem Tempolauf Richtung halbrechts den Angriff eröffnet, dann einen extrem gut getimten Steilpass auf Borré spielt, der den Ball aus der Zentrale rechts dem mitgelaufenen Durm perfekt in den Lauf spielt, Durms Flanke erreicht dann niemanden, aber wenn die ein bisschen kürzer und flacher gekommen wäre, hätte Kostic hier das 1:0 erzielen können. Die Szene zeigt die technische Stärke der SGE-Mannschaft. Alle beteiligten Spieler können in sehr hoher Geschwindigkeit nicht nur richtige Entscheidungen treffen, sondern diese auch technisch umsetzen. Das ist beeindruckend und noch vor 4 Jahren hat man solche zielstrebigen, technisch/taktisch sauberen Kombinationen bei Eintracht-Mannschaften alle Jubeljahre mal gesehen. Dennoch verhindert hier ein kleiner technischer Fehler von Durm das mögliche Tor (präzise Flanke aus vollem Lauf zu ungenau). Dazu so viel: Je näher am gegnerischen Tor eine Offensivaktion ausgeführt wird, desto mehr Gegenspieler versuchen diese zu verhindern, wodurch der Raum, der zur Ausführung der Offensivaktion zur Verfügung steht, dementsprechend immer kleiner wird. Außerdem: Je defensiver ein Gegner aufgestellt ist, desto (noch) enger wird der zur Verfügung stehende Raum, die Offensivaktionen müssen also immer präziser und schneller ausgeführt werden, je mehr sich ein Angriff dem Abschluss nähert. So sieht man bei dieser Aktion, dass Hrustic, Sow und Borré die technischen Aufgaben sehr gut lösen können, sie haben noch genug Raum, während Durm die technisch schwierigste Aufgabe von allen hat und diese dann nicht mehr präzise genug ausführen kann.

3. Sehr interessant auch die 11. Minute (ab 23:18 E-TV): Trapp spielt den Ball lang, der Spielaufbau der SGE beginnt also mit dem Versuch, den Rebound/2. Ball zu gewinnen. Das ist ein häufiger Ablauf, also kein Spielaufbau über Kurzpass- und Positionsspiel, sondern über einen gewonnenen 2. Ball. Dieser „Spielaufbau“ hat Vor- und Nachteile: Der Vorteil ist, dass man nicht am eigenen Sechzehner gepresst werden kann (Risikominderung), der Nachteil, dass man jedes Mal erst den unkontrollierten hohen Ball unter Kontrolle und in eigenen Besitz bringen muss (fehlende Spielkontrolle). Das ist überhaupt ein Trend seit einigen Jahren, also seit sich dauerhaftes Angriffspressing zur Normalität entwickelt hat. Ein sehr interessanter Trend, denn ab Mitte der 90er und insbesondere ab ca. 2005 setzte sich mehr und mehr das kontrollierte Positions- und Aufbauspiel durch, der lange Pass, lange Abschläge, etc. waren verpönt. Heute wird das wieder ganz regelmäßig als Mittel im Aufbauspiel genutzt, auch bei den Topclubs.

Hier funktioniert es bei der SGE perfekt, den vom FCA abgewehrten 2. Ball gewinnt Lenz, es geht wieder schnell über Lindström, der das sehr schnell und mit viel Übersicht löst, Kostic schickt, der direkt auf Borré am 5er, der aber knapp neben das Tor schießt. Hier gibt es wieder kleine technisch/gruppentaktische Ungenauigkeiten. Technisch: Kostics Ball und Borrés Lauf passen nicht perfekt, letztlich ist der Abschluss nicht genau genug, also eine technischer Ungenauigkeit von Borré. Gruppentaktisch: Borré hätte stärker verzögern können/müssen, Kostic hätte evtl. besser auf Hauge, also eine Position weiter zurück legen sollen.

4. 29. Minute: Nächster guter Angriff der SGE über Hrustic, Hauge, Durm und Borré ganz rechts außen, dessen Flanke erreicht niemanden. Hier ist wieder die enorme Kombinationsstärke der SGE zu sehen, aber auch wieder die großen Abstimmungsprobleme, diesmal in der Strafraumbesetzung. (Szene bei EintrachtTV ab ca. 41:00) Denn Borré, der die Situation mit seinem Ausweichen auf die Flügel überhaupt erst öffnet, fehlt dann in der Zentrale als Abnehmer für seine eigene Flanke. Die zieht er auf den langen Pfosten, wo aber niemand lang nachgerückt ist. Man sieht in der Szene sehr schön, dass Lindström und Hauge beide Richtung kurzer Pfosten gehen und Kostic den Rückraum besetzt. In dem Moment, als Borré flankt, sieht es noch so aus, als ob Hauge evtl. auf den langen Pfosten geht, daher kommt die Flanke dann dorthin. Wäre entweder Hauge oder Kostic auf den langen Pfosten gelaufen, wäre das eine große Chance geworden. Hier haben wir als ein schlichtes Abstimmungsproblem zwischen den drei Strafraumbesetzern und dem Flankengeber.

5. Die spielentscheidende Szene scheint mir die 32. Minute zu sein. Hier wieder so eine blitzschnelle, technisch saubere Kombination nach Ballgewinn über Durm und den sehr starken Borré, der wieder den Raum auf Rechtsaußen besetzt. Statt auf Lindström zu flanken, kappt er diesmal ab, verlädt so seinen Gegenspieler, Pass auf Hauge im 16er, der kurz quer auf den völlig freien Hrustic. Hrustic legt sich den Ball auf seinen starken Linken, geht an Oxford vorbei und hat freie Schussbahn, wird dann aber von Oxford einfach zurückgezogen und umgeworfen, so dass er nicht schießen kann. Das war ein klares Foul, Elfmeter und Gelb für Oxford, Schiri Osmers lässt stattdessen weiterlaufen, kein VAR-Eingreifen. Die anschließende Ecke ist übrigens die nächste gute Chance für die SGE (Hauge).

6. In der zweiten Halbzeit geht es so weiter wie in der ersten, schnelle, gezielte Kombinationen der SGE-Offensive, Torchancen, die dadurch entstehen, viel Glück für Augsburg, so in der 55., 62., 65. 66., 78. Minute.

7. In der 70. Minute bringt Glasner Kamada für Hauge und auf Augsburger Seite kommt Gregoritsch (1,93m), was nicht ganz unwichtig ist, da sich durch ihn das FCA-Spiel etwas ändert und die SGE defensiv etwas mehr gefordert ist, weil Gregoritsch jetzt Zielspieler wird und die Eintracht die langen Bälle nun nicht mehr geschenkt bekommt. Auch der eingewechselte Caligiuri mit seiner Ballsicherheit trägt dazu bei, dass der FCA jetzt etwas weniger schnell die Bälle verliert.

8. Wie wacklig die Defensive der SGE ist, zeigte sich in mehreren Großchancen des FCA. Dass es die nicht gegeben habe, wie man nach dem Spiel von vielen Seiten lesen und hören konnte, ist falsch. Beispiel 74. Minute (E-TV 2.HZ ab etw 29:50): Wieder dient Gregoritsch als Anspielpunkt und in der Folge zeigen sich die Schwächen der SGE in der Defensive. Die beiden Sechser werden hier ohne Absicherung aus dem Spiel genommen, weil Hrustic den Zweikampf mit dem ballführenden Caligiuri einfach verlässt und an Sow übergibt, der seine absichernde Position halbrechts verlässt, womit der FCA über den aufgerückten Pedersen (also über die Sow-Position) den Angriff verlagern kann. Und damit ist auch die 4er-Kette der SGE gesprengt, Durm muss den Abstand zum herausgelaufenen N´Dicka halten, macht damit die Außenbahn (Vargas) auf (richtig, was soll er sonst machen?) und genau da wird der Ball dann auch hineingespielt, die Hereingabe bekommt dann kein Augsburger, aber das ist pures Glück. Mit ein bisschen Pech steht es hier 0:1 und diese Szene ist wirklich problematisch, denn solche 6er/Ketten-Fehler (beide Sechser auf einer Höhe und auf der gleichen Seite, Kette gesprengt) dürfen eigentlich nicht passieren und wenn, dann müsste einer der Offensiven schnell mit nach hinten und diesen Raum abdecken (hier am ehesten Kamada, der das auch tatsächlich macht, aber etwas zu spät).

10. Durch die Einwechslungen wird der FCA offensiver, was für die Eintracht Kontermöglichkeiten bringt. Interessant hier: Auch das lösen die Frankfurter stark, in der 70. Minute spielen sie einen Konter aus dem Lehrbuch: Abwurf Trapp auf Kostic, der sofort erkennt, dass er das Spiel schnell halten muss und mit einem überragenden Diagonalpass über das halbe Spielfeld Kamada rechtsaußen einsetzt. Kamada löst das mit seiner starken Technik auch perfekt, nimmt den Ball in vollem Lauf an und mit und geht dann auch vollkommen richtig ins Dribbling gegen den FCA-Innenverteidiger. Nun erkennt er aber die Situation nicht richtig, versucht selber abzuschließen, statt auf Borré zu passen. Das Problem hier: In dem Moment, als Kamada ins Dribbling geht, ist Borré noch gedeckt und es ist nicht ganz klar, ob der 2. FCA-Innenverteidiger zum Doppeln kommt oder nicht. Er tut es dann und Kamada müsste quer auf Borré passen , der dann frei vor dem leeren Tor gestanden hätte. Hier verhindert das Tor der fehlende Blick und damit die falsche Abschlussentscheidung von Kamada. (Wäre aber auch evtl. abseits gewesen)

11. Fazit und Spielerbewertungen

Das Augsburg-Spiel steht durchaus in Kontinuität zu den anderen beiden Pflichtspielen. Auch hier hat sich gezeigt, dass das neue SGE-Team eine spielerische Weiterentwicklung ist, die Mannschaft ist auf engem Raum in ihrem Kombinationsspiel extrem stark, es wird in der BL kaum eine Mannschaft geben, die das nachmachen kann, mit Ausnahme der Bayern, Dortmund, Leipzig und vielleicht Leverkusen.

Die vielen guten Angriffe und Chancen wurden fast immer durch falsche individuelle Entscheidungen (schießen statt querlegen), Abstimmungsprobleme in der Strafraumbesetzung (fehlendes Anlaufen von Abschlussräumen) oder kleinere technische Unzulänglichkeiten zunichte gemacht, was aber alles nicht besonders besorgniserregend ist. Bei Lindström, Borré und insbesondere bei Hauge hatten die falschen Entscheidungen viel mit unübersehbarer Nervosität zu tun. Neben diesen Fehlern in den Entscheidungen beim letzten/vorletzten Pass war eine falsche Schiedsrichetrentscheidung bzw. ein Foul an Hrustic eine spielentscheidende Szene zu Ungunsten der SGE.

Der stärkste SGE-Feldspieler war wieder Sow, der praktisch an allen Aktionen der Mannschaft irgendwie beteiligt ist und mittlerweile auch so etwas wie der Aggressiv-Leader ist. Aber auch die komplette Offensive mit Lindström, Hauge, Hrustic, Kamada und den sehr starken Kostic und Borré hat unübersehbar ein gutes Spiel gemacht.