SGE – Sporting Lissabon 0:3 (0:0)

Das erste Champions League-Spiel der SGE endete mit einer deutlichen Niederlage. Entscheidend war ein gruppentaktischer bzw. mehrere individuelle Fehler beim 0:1 und 0:2.

Die Aufstellung

SGE: Trapp – Jakic (84. Knauff), Tuta, Ndicka, Lenz (46. Pellegrini) – Ebimbe (66. Borré), Sow – Lindström (74. Alario), Götze, Kamada (84. Hasebe) – Kolo Muani

SPO: Adan – Inacio, Coates, St. Juste (52. Neto) – Reis, Morita, Ugarte, Porro – Goncalves (79. Nuno Santos), Edwards (73. Rochinha), Trincao (79. Paulinho)

Die Statistik

gibt es hier, hier und hier

Die Highlights

können in der CL nicht eingebettet werden, hier aber der Link.

Die Spielanalyse

Grundsätzlich kann man sich den Einschätzungen der Beteiligten nach dem, Spiel anschließen: Die Eintracht hat sich in dem Spiel eine Stunde lang gut und auf Augenhöhe präsentiert.

Analytisch war bereits nach der Anfangsphase relativ offensichtlich, dass sich ein First-Goal-Spiel entwickelte, also eine Partie, in der eine Führung als starker Game-Changer wirken würde. Insbesondere die sehr gute defensive Organisation der Portugiesen wies darauf hin, dass sie sich ein 1:0 nicht mehr nehmen lassen würden. Die SGE versuchte alles, um das Führungstor zu erzielen und in der ersten Halbzeit schaffte es die SGE auch tatsächlich, die Portugiesen zu Aufbaufehlern zu zwingen.

Das anlässlich des Leipzig-Spiels schon ausführlich beleuchtete Pressing in der vorderen Reihe wirkte auch gegen die Portugiesen und führte zu zwei großen SGE-Chancen.

Der größten Chance der Eintracht bereits in der 2. Minute ging allerdings ein Ballgewinn von Ndicka in der hinteren Reihe voraus. Ndicka spielt dann zwar einen Fehlpass, aber die SGE geht sofort ins Gegenpressing:

Die Situation ist eine klassische Gegenpressingsituation, Lenz zwingt Ugarte zu einem Rückpass. St. Juste war die letzte verbliebene Anspielstation, doch Ugarte entscheidet sich für einen Rückpass zum TW. Er verliert hier schlicht den Überblick.

Starkes SGE-Pressing, Kolo Muani scheitert dann im 1 gg. 1 an dem stark reagierenden Sporting-Keeper Adan. Das kann passieren, mit dem Pressing kamen die Portugiesen währen der gesamten ersten Halbzeit nur schwer zurecht.

Allerdings ist das in der Intensität der ersten Minuten nicht über 90 Minuten zu spielen und naturgemäß wird es für eine vor allem auf Pressing und Spiel-vom-eigenen-Tor-Fernhalten spielende Mannschaft wie die SGE schwer, wenn in der Drangphase das Tor nicht fällt.

Die zweite sehr große Chance der Anfangsphse entspringt wieder dem sehr weit vorn angesetzten Pressing. Die SGE attackiert mit Kamada den Sporting-TW Adan, der ebenfalls den Überblick verliert und den Ball Lindström in die Füße spielt.

Die Idee, die technisch nicht überragende letzte Linie der Portugiesen zu attackieren, ging in der Anfangsphase voll auf.

Mit fortschreitender Spielzeit musste die SGE das Pressing allerdings zurückschrauben, situativer pressen, Sporting konnte sich ohne Spielstand-Druck mehr und mehr befreien, die hinteren Reihen der SGE bekamen zunehmend mehr Arbeit. Dennoch war die erste Halbzeit der SGE stark. Konzentriert und mit gutem Matchplan war die Eintracht die bessere Mannschaft und hätte gut und gerne in Führung liegen können.

Sporting ließ zwar außer den beiden Großchancen in der Anfangsphase nicht mehr viel zu, hatte dabei aber auch in einigen weiteren Szenen Glück, dass letzte Bälle der SGE nicht immer präzise genug gespielt werden konnten.

Das spielentscheidende 0:1 fiel nach einem der immer wieder auftretenden Abstimmungs- und Stellungsfehler der SGE in der hinteren Reihe.

Der entscheidende Pass in der Torentstehung und wer hier im letzten Jahr mitgelesen hat, dürfte keine weiteren Erklärungen benötigen: Das übliche Problem der Abstände bei Angriffen über außen. Jakic ist sehr weit aus der Kette gerückt, weswegen Tuta auf die Außenverteidigerposition herausrückt, Ebimbe entscheidet sich dafür, den Kurzpass auf Reis zuzustellen, Ndicka steht damit in der Zentrale allein und rückt nicht nach außen nach.

Damit geht das Scheunentor (dunkel eingefärbt) mal wieder auf und natürlich spielen Kicker wie Goncalves und Morita das gnadenlos aus. Morita sieht den offenen Raum, Goncalves passt ihm den Ball zu. Ndicka macht erst jetzt den Weg nach außen, da ist es aber schon zu spät, Moritas Hereingabe verwandelt Edwards in der Mitte zum 0:1.

Nie im Leben darf in einem Spiel auf diesem Niveau ein solcher Raum geöffnet werden, das ist schlicht eine Einladung zum Torschießen und das hat mit Viererkettenorganisation auch wirklich wenig zu tun. Jakic rennt viel zu weit aus der Kette, Tuta läuft viel zu weit nach außen, Ebimbe schließt den torgefährlichen Passweg nicht und Ndicka wartet zu lange in der Zentrale. Das ist einfaches Fehlverhalten, das zum wiederholten Mal zu Gegentreffern geführt hat und das wurde hier immer und immer wieder gezeigt: Solange die SGE solche strukturellen krassen Fehler in der hinteren Reihe macht, wird sie immer wieder die gleichen Gegentore kassieren und Spiele verlieren. Egal ob Bayern, Sporting oder der 1. FC Köln – solche Einladungen wird kein Gegner auf hohem Profiniveau ausschlagen.

Man kann sich nicht nur auf das Pressing vorne verlassen, weil das unmöglich durchgängig 90 Minuten gespielt werden kann und es stellt sich nach wie vor die Frage, ob und wann Glasner eine Antwort darauf finden will und kann.

Die Mannschaft reagiert auf den Rückstand mit dem Versuch, wieder ganz vorne zu pressen und nun nutzen die Portugiesen mit dem nächsten Angriff den ebenfalls hier bereits thematisierten Schwachpunkt des Angriffspressings, nämlich die sich dahinter öffnenden Räume, die hoch angespielt werden können.

Der Initialpass hier kommt von Torwart Adan. Entscheidend ist der Raum hinter der Pressing-Abteilung (5 SGE-Spieler), die mit diesem langen Ball allesamt aus dem Spiel sind. Trincao und Morita haben im 2 gg. 1 keine Probleme damit, Sow mit zwei Pässen auszuspielen und Goncalves zum Tor in den Lauf anzuspielen. Jakic deckt hier die Außenlinie statt den Gegenspieler, das Stellungsspiel von ihm ist hier auch hanebüchen. Damit ist die SGE komplett ausgespielt mit 3 Pässen.

Goncalves verdaddelt den Angriff dann noch, schafft es aber, rechts Edwards ins Spiel zu nehmen und Edwards spielt den Angriff im SGE-Sechzehner stark zu Ende. Das ist dann sehr schwer zu verteidigen. Auch da kann man als Restverteidigung noch einmal zugreifen, aber das ist wie gesagt schwierig.

Viel problematischer ist das Harakiri-Pressing in dieser Situation und so ähnlich hat die Mannschaft das schon im Bayern-Spiel nach dem Rückstand versucht, mit dem gleichen Ergebnis.

Hier ist durchaus zu bezweifeln, dass dieses Verhalten im Sinne des Trainers war.

Mit dem Abwehrfehler hinten und dem zweiten Scheunentor in der Pressingabsicherung und dem Stellungsfehler von Jakic ist das Spiel entschieden. Die defensiv extrem stark organisierten Lissaboner ließen danach nicht mehr viel zu, erzielten schließlich nach einem Konter noch das 3:0.

Diesem Tor geht ein schwacher Aufbaupass von Sow nach links vorne voraus:

Hier der Ablauf: Pedro Porro ersprintet den Sow-Pass, Borré hat zwar direkt Zugriff, geht den Zweikampf aber weder voll mit, noch zieht er ein taktisches Foul, Pellegrini sprintet zwar richtig in den torgefährlichen Laufweg von Pedro Porro und bekommt so kurz hinter der Mittellinie auch noch einmal Zugriff, vergibt diesen dann aber durch eine unnötige Grätsche. Den langen Querpass hinter Ndicka und Tuta kann Nuno Santos ohne große Probleme gegen Trapp verwerten.

Fazit

Das Ergebnis von 0:3 spiegelt zwar nicht den Spielverlauf wieder, die SGE war über 60 Minuten gut im Spiel und auch gefährlich, ist aber durchaus verdient, da Sporting insgesamt taktisch weniger Fehler gemacht hat als die Eintracht. Insbesondere der einfache taktische Fehler in der hinteren Reihe vor dem 0:1, der das Spiel enorm zugunsten Sportings bewegt hat, ist auf diesem Niveau indiskutabel. Aus Zeitgründen ist das jetzt nicht möglich, aber demnächst werden wir hier einmal einen Blick in die Trainingslehre zum Thema Viererkettenschulung werfen, um zu zeigen, wie eine Viererkette (3er-/5er-Kette ist im Grunde der gleiche Ablauf) richtig agiert, welche Räume unbedingt gesichert sein müssen, wie da Prioritäten festgelegt sind, welche unterschiedlichen „Schulen“ es gibt und wie weit von gut und böse das Verhalten der Eintracht-Kette in manchen Situationen entfernt ist von sinnvollem Stellungsspiel.

Denn auch wenn es für Clickbaiting-Journalisten undenkbar ist: Hier muss Trainer Glasner entschieden widersprochen werden, wenn er etwa sagt, in dem Spiel seien nur Kleinigkeiten falsch gemacht worden. Glasner ist nun seit über einem Jahr Trainer der SGE. Dass er die krassen Verhaltens- und Ablauffehler in der hinteren Reihe nicht nachhaltig bearbeiten konnte, ist inzwischen nicht mehr als Hütter-Altlast zu entschuldigen und diese Fehler haben inzwischen vielen Gegentoren geführt. Glasners Aussagen der letzten Wochen, wonach er mit den Defensivleistungen zufrieden sei, er das Problem lieber nicht mehr in den Fokus rücken wolle, es sich um Kleinigkeiten handele oder das dauernde Verweisen darauf, dass man ja nur wenige Abschlüsse zulasse, sind eher bedenklich – das Spiel gegen Sporting hat erneut gezeigt, dass die reine Anzahl der Abschlüsse ganz irrelevant ist, stattdessen die Qualität der Abschlüsse entscheidet.

Das erste, spielentscheidende Tor hätte durch halbwegs korrektes Verhalten bei den Abläufen in der hinteren Reihe ohne große Probleme verhindert werden können und das sichere Erarbeiten dieser Abläufe ist und bleibt Trainerarbeit.

So bleibt es weiterhin dabei: Glasner hat komplizierte Abläufe im vorderen Bereich auf ein enormes Niveau weiterentwickelt, etwa das Pressing, insbesondere das Kombinationsspiel, aber auch das Positionsspiel. Das sind deutlich kompliziertere, schwerer zu erarbeitende Abläufe als richtige Abstände und Stellungsverhalten im Kettenspiel und dieses Reüssieren bei den schwierigen und Scheitern an den einfachen Aufgaben ist und bleibt aus analytischer Sicht mindestens rätselhaft.

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