Barca-Check

Am Donnerstag steht das wohl aufsehenerregendste Spiel der letzten Jahre an. Mit dem FC Barcelona stellt sich eines der europäischen Top-Teams im Waldstadion vor, das in der aktuellen Verfassung auch aktuell zu den besten Teams Europas gehören dürfte. Ein kurzer analytischer Blick auf Barca anhand des Spiels vom Sonntag gegen Sevilla und ein Ausblick auf die Aussichten der SGE.

Die Gegner-Analyse

Barcelona hat viele Stärken, sowohl im taktischen, als auch insbesondere im individuellen Bereich. Die wichtigsten Merkmale im Barca-Spiel sind:

Erstens

Die Mannschaft hat mit Dembélé einen sehr präsenten Spielmacher, der allerdings nicht in der Zentrale spielt, sondern fast immer von der Rechtsaußenposition. Kaum ein Angriff, bei dem Dembélé nicht einbezogen wäre, das ist sehr auffällig. Dabei wird er meist als Vorbereiter gesucht, also nicht direkt zum Tor angespielt. So entstand auch das einzige Tor gegen Sevilla.

Hier der lange Flugball von Piqué auf de Jong, der den Ball per Kopf auf Dembélé verlängert. De Jong hatte zuvor einen Tiefensprint angesetzt, wollte eigentlich zum Tor angespielt werden, kann den Pass dann aber nur verlängern.
Hier der Rückpass von Dembélé auf Pedri. Sevilla vergisst hier völlig die Rückraumsicherung, steht sehr tief.

Pedri macht dann das Tor aus der zweiten Reihe mit einer überragenden Einzelleistung und einem extrem präzisen Abschluss.

In dieser Szene, bei dem langen Pass auf de Jong sieht man aber auch ein weiteres Strukturmerkmal des Barca-Spiels:

Zweitens

Mit viel Ballbesitzaufwand und hoher Passgenauigkeit versucht Barca, wenn sie nicht über Dembele spielen oder durch Dribblings Räume für Flachpassspiel zu eröffnen (was gegen Sevilla selten gelang, weil der Gegner sich sehr darauf konzentrierte, tief und breit zu stehen), auffällig häufig entweder diagonale Flug- oder Chippässe in die Spitze (wie hier auf De Jong), oder auch Longline-Flugbälle auf den schnellen Linksaußen Ferran.

Drittens

Barca baut, wie viele europäische Top-Teams, mit viel Personal in der Spitze auf. Es ergibt sich im eigenen Aufbau dann eine sehr breite 4er-Spitze:

Barca steht hier mit 4 Spielern in der vorderen Spitze. Auffällig ist, wie weit außen die Außenstürmer stehen, sowohl Dembélé als auch Ferran stehen direkt an der Auslinie, verschaffen sich so Räume und provozieren gleichzeitig, dass die zentralen Verteidiger des Gegners zu weit auseinanderrücken, weil sie Breite herstellen müssen. Man sieht hier, dass das gelingt, die Abstände der Sevilla-4er-Kette zwischen Innen- und Außenverteidger sind zu groß, beide Außenstürmer sind trotzdem anspielbar.

Viertens

Ähnlich wie Nagelsmann bei bei Bayern setzt Barca-Trainer Xavi zur Absicherung der oft sehr offensiven Formation, die oft nur mit einem 2er-Aufbau, also bei eigenem Ballbesitz hinten in 2-4-4-Formation steht, in erster Linie auf schnelles Gegenpressing. Das hat gegen Sevilla in fast allen Situationen sehr gut funktioniert. Trotzdem ist das, wie bei fast allen Spitzenteams, die auf Ballbesitz-Gegenpressing setzen, ein Einfalltor für Konter, so wurde auch Sevilla fast nur dann gefährlich, wenn nach Balleroberungen das Gegenpressing von Barcelona einmal überspielt werden konnte.

Fünftens

Bei Ballbesitz/Aufbau des Gegners zieht sich Barca je nach Ballort in eine 4er- bzw. 6er-Kette zurück, wobei Dembélé und Ferran, also Rechts- und Linksaußen – ähnlich wie bei der SGE Knauff und Kostic – als „Schienenspieler“ agieren und die Viererkette hinten rechts und links ergänzen. Da Sevilla nur sehr selten in eigene Aufbau-/Positionsspielsituationen kam, war das nur selten der Fall, wie hier in der 24. Minute:

Man sieht Barcas 6er-Kette mit den äußeren Gliedern Dembélé und Ferran rechts und links. Man sieht aber auch, dass die Barca-Kette vergleichsweise eng steht, daher ganz außen etwas zu große Räume ermöglicht. Sevilla besetzt hier auch beide Außenräume, muss um diese Situation provozieren zu können, mit 6 Spielern in der vorderen Reihe plus Ballbesitzer Jordan agieren, also mit 7 Spielern im vorderen Drittel arbeiten – was natürlich ein enormes Konterrisiko birgt.

Ändert sich der Ballort des Gegners Richtung eigene Hälfte bzw. eigenes Tor, schieben Dembélé und Ferran schnell wieder nach vorn, Barca steht dann mit 4er-Kette hinten:

Bei solchen Manövern entstehen hinter den herausrückenden Schienen Freiräume, die angelaufen und angespielt werden könnten, was Sevilla auch versucht (am unteren Bildrand).

Sechstens

Eine weitere Stärke von Barca sind Standards. Meist getreten von Dembélé wurden sowohl Ecken als auch insbesondere seitliche Freistöße mehrfach sehr gefährlich und sind nur schwer zu verteidigen

Fazit und Ausblick

Die große Frage „Hat die SGE eine Chance“ kann so pauschal natürlich kaum beantwortet werden.

Das erste Problem wird darin bestehen, dass die SGE technisch stark unterlegen sein wird, was in der Bundesliga im Grunde nur gegen 4 Gegner der Fall ist, also ungewohnt.

Das zweite große Problem dürfte sein, dass die SGE-Kette nach wie vor nicht immer schnell genug und richtig antizipiert bzw. immer noch gelegentlich Stellungsfehler produziert und Barcelona mit seinem stark auf Ballbesitz und Positionsspiel angelegten Spiel sehr auf das Provozieren solcher Kettenfehler aus ist. Dabei nutzt Barca häufig wiederkehrende Muster:

  • Longline-Flugbälle in den Lauf der Außenstürmer Ferran und Dembélé.
  • diagonale Chip- oder Flugbälle in die Spitze
  • Tiefenbälle nach Schnellkombinationen in der Zentrale (über de Jong und Pedri), allerdings versuchten sie das gegen Sevilla selten

Das Hauptmerkmal des Barca-Angriffsspiel ist also ein variables Positionsspiel mit „Spiel aus der Spitze“, also einem Vierer-Sturm, deren Mitglieder entweder (oft aus dem Abseits) entgegen kommen, um in den Fuß angespielt werden zu können oder Tiefenläufe mit einigen Metern Anlauf anbieten (oft außen links Ferran) bzw. (sehr oft) Spiel über Dembélé.

Es wird darauf ankommen, wie die defensive 5er-Kette der SGE das verteidigen kann. Große Tempoprobleme dürfte Tuta mit Ferran haben, die immer etwas wacklige defensive linke Seite mit Ndicka/Kostic wird mit dem in fast jedem Angriff einbezogenen Dembélé viel zu tun haben. Insbesondere die enorme individuelle Stärke Barcas wird die SGE vor große Herausforderungen stellen, Dembélé dürfte derzeit einer der weltweit besten Rechtsaußen sein, mit Pedri und Ferran verfügt Barca über zwei weitere Spieler an der Schwelle zur Weltklasse.

Dennoch: Das Team ist nicht unverwundbar und mit Trapp hat die SGE sogar auf einer Position die Nase ziemlich vorn (ter Stegen wirkte gegen Sevilla nicht sehr sicher und hätte mit einem Fehler kurz vor Schluss fast noch einen Gegentreffer verursacht). Besonders interessant wird sein, inwiefern die SGE ihre eigenen Offensivwaffen einsetzen kann. Insbesondere die Stärke bei Schnellkombinationen nach Ballgewinn dürfte Barca wehtun, denn das ist ihr größtes Einfallstor für Gegenangriffe. Zudem könnte die Barca-Kette mit dem enormen Tempo von Kostic und Lindström Probleme bekommen, Piqué ist nicht der antrittsstärkste und der junge Araujo produziert regelmäßig kleinere Stellungsfehler und ist, ähnlich wie Tuta, in manchen Zweikampfsituationen (noch) zu ungestüm.

Auch das von der SGE meist durchgeführte frühe Dauerpressing dürfte Barca nicht gefallen, zumal wenn sie hinten nur mit 2-2-Aufbau agieren.

Von den Feldspielern war gegen Sevilla eigentlich nur der inzwischen 38jährige Dani Alves, der allerdings in der EL nicht spielberechtigt ist, sehr fehleranfällig und so etwas wie ein Schwachpunkt. Ihn dürfte der junge Sergino Dest ersetzen. Auch das Duell Dest-Kostic könnte eines sein, indem die SGE einen Vorteil hat.

Barca ist qualitativ grob auf einem Niveau mit den Bayern einzuordnen, legt auch das Spiel ähnlich an und gegen derart ambitioniert auf Ballbesitz-Gegenpressing spielende Gegner sah die SGE – wie ja auch in den beiden Spielen gegen die Bayern in dieser Saison – so fürchterlich schlecht nicht aus. Sofern frühe Gegentore verhindert werden können, dürften die beiden Spiele also durchaus – mindestens taktisch – interessant werden.

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